Ich gebs auf.

Ich hatte nicht mal mehr daran gedacht. Erst, als ich zum Briefkasten ging und die bayerischen Löwen, die das blau-weiße Wappen stützen, sah, fiel es mir wieder ein: „Mensch, die Antwort vom Staatskanzleichef“. Anfang September. Auf unser geführtes Gespräch Ende März. Für die Verzögerung bei der Beantwortung bäte er ums Verständnis, unterstütze mein Projekt und das verfolgte Ziel dafür ausdrücklich. Las ich. Auch, dass er die Minister für Wirtschaft und Finanzen, Zeil und Fahrenschon, bereits informiert habe und jene ausdrücklich dafür gebeten habe, sich für eine Förderung meines Projektes einzusetzen.

Ich war baff. Es klang so nach Schritt nach vorn, so „jetzt pack mas!“. Die eine Hälfte meiner Anfrage, nämlich mich in Sachen Räumen zu unterstützen, war bereits hinfällig. Ist schließlich schon ein halbes Jahr vergangen. Deshalb war die andere Hälfte, Wirtschaftsförderung umso interessanter für mich. Was ich besaß, habe ich in manomama investiert. Seit eineinhalb Jahren arbeite ich Tag und Nacht – für die Sache und ohne Salär. Meine Werbeagentur hilft, wo sie kann. Um uns herum zahlreiche Rentner und Ehrenamtliche, um unser soziales Projekt auf sichere Beine zu stellen. Ja, es geht um Geld. Weil meines einfach irgendwann endlich ist und ich auch bei allem Engagement meiner Ehrenamtlichen endlich etwas angemessen zurückgeben möchte. Zudem sind wir an einem Punkt, wo wir den nächsten großen Schritt machen könnten. Hätten können. Unser Umzug steht an. Wir brauchen neue Maschinen. Die Anfrage nach 100.000 Weihnachtsmützen war ein Segen. Die nämlich schlitterte vor Tagen bei uns ein. Weil China keine Liefergarantie geben würde bis Dezember. „Nicht der Grund, warum man manomama konsultieren sollte“, dachte ich mir. Aber meine Lieben in der Produktion sahen das ganz anders: „Sina, du spinnst. Sowas können wir nicht ablehnen. Komm, wir helfen alle zusammen, und ernähen uns weiteres Kapital für den Umzug, für neue Maschinen und neue Kollegen!“, war die einfache Erklärung meiner Näher.

Ich kann nicht noch gut an den Banker der Deutschen Bank erinnern, den ich damals in München in der Staatskanzlei im Rahmen der Land der Ideen Veranstaltung traf. „Ganz wunderbar, was Sie da machen“, sagte er zu mir, lächelte als „Schrimherr“ stolz und posierte mit mir fürs Pressefoto. „Ja, aber Geld würdet ihr uns trotzdem nicht geben“, erwiderte ich. „Stimmt“, sagte er. Nein, ich schreibe nicht, was ich mir dann dachte.

Und so dachte ich darüber nach und war überzeugt: Wir könnten sechs Wochen alle zusammenhelfen und nähen, bis die Nadeln glühen – und wir hätten Kapital für Menschen und Maschinen. Prototyp gemacht, toll fotographiert. Wir waren 40 Cent teurer als das Chinamützchen. Dafür 100% öko und regional. Wir waren, ehrlich gesagt, richtig stolz darauf, in so kurzer Zeit die richtigen Materialien zu finden und eine echt schicke Nikolausmütze auf die Beine zu stellen. Die 40 Cent haben uns nicht beunruhigt. Schließlich ist das Unternehmen ein großer Milchkonzern, gibt allein für eine Anzeige schwuppdiwupp 100.000 Euro aus. Hätten wir die Absage bekommen, dass es ihnen zu teuer ist, hätte ich das verbucht unter „die Zeit wird kommen, irgendwann werden sie merken, dass sie es teuer bezahlen werden“. Nein, die Absage war, man hätte keine guten Erfahrungen mit sozialen Unternehmen gemacht. Alles klar.

Und so saß ich heute, ehrlich zugegeben, grundpositiv gestimmt in der Regierung von Schwaben. Auf Empfehlung der bayerischen Staatskanzlei. Vorab: die beiden waren wirklich freundlich. Irgendwie auch bemüht. Glaube ich. Ich erfuhr, dass man es wirklich löblich finde, mein soziales Engagement, dass das aber mein Privatvergnügen sei. Dass es nicht vorgesehen sei, ein Unternehmen zu fördern. Die EU-Ricktlinien seien da ja auch so streng. Und: Dass unter 500.000 Euro Investition seitens des Unternehmens so überhaupt keine Förderung greife. Wunderbar, die Großen kriegen es in den Arsch geschoben, und die Kleinen fallen durch alle Raster. Wie im richtigen Leben, dachte ich mir. Und so habe ich heute beschlossen, meine Odysee an Fördermittelrecherche zu beenden. Ich habe keine Lust mehr, mich mit Politikern und deren staatsdienenden Armverlängerungen auseinanderzusetzen. Ja, und ich habe auch keine Lust mehr, schicke Prototypen zu bauen, die dann nach China als Nahtmuster gehen, und gleichzeitig der Brief an uns eingeschmissen wird, dass man mit Sozialem so schlechte Erfahrungen gemacht habe. Ich geb‘s auf.

Und kämpfe so weiter.

Liebe Grüße
Sina



Nicht nur von, sondern mit Tieren leben!

16. September 2011 2 Kommentare »
Abgelegt unter Hinter den Kulissen, Kleine Warenkunde

“Schafbock Nr. 52…”
Ganz normal. Tiere durchnummerieren. Heutzutage in Zeiten der Massentierhaltung und optimierten Viehhaltung selbstverständlich. Aber es geht auch wie früher: Menschen, die ihre (Nutz)tiere anders behandeln. Nicht nur von ihnen, sondern auch mit ihnen Leben. Herrn Hartl zum Beispiel, den ihr im obigen Filmteil der BR-Reportage über uns (Minute 6:10) schon kennengelernt habt. Ein weiteres Beispiel habe ich kennengelernt: Charly. Auch er ist Schäfer in unserer Region und hat ebenso eine Merino-Herde mit über 1000 Tieren.

Am vergangenen Wochenende lud er mit seiner Frau zum „Schafpatenfest“ nach Steinheim ein. Und da waren wir: Mein Mann, Filius und ich. Was soll ich sagen? Es war einfach klasse. Ein Tag raus aus der städtischen Hektik, rein in die Heidelandschaft, abtauchen in die Natur und sich dauernd wundern, wie vielfältig doch unsere heimische Flora ist.

„Hier, Thymian, do Oregano – ond dazwischa denne herrnocht dia Schälfa“, erzählt der Steinheimer Förster, als er uns über die Heide führt. Wer ans essen denkt, liegt nicht falsch, wurde am Abend glatt (ich konnte das ja nicht essen) Lammgulasch serviert ;)

Am Ende der Wanderung standen wir dann inmitten von 5000 wunderschönen Strickpullovern, also 1000 Merino-Landschafen. Aus der feinen Merinowolle wird nämlich wunderschöne Strickwolle gesponnen. Günther und Michael schwören auf die Wolle: „Einfach wunderbar weich – und lässt sich perfekt tragen!“ Die beiden charmanten Powerstricker, wie sie sich selbst nennen, müssen es wissen. Und bei solch einer Empfehlung war mir klar: daraus müssen wir auch etwas machen. Werden wir auch, der Grundstein ist schon gelegt.

Aber: um einen steigenden Bedarf auch heimisch zu decken, braucht es Wollwachstum *grins* – und dafür ist Schafbock Nr. 52 nun zuständig. „Dr Ferrari onr dene Böck!“, erzählt Charly stolz. Er weise sehr feine Wolle auf und soll diese guten Gene nun an möglichst viele Lämmchen weitergeben. Aber, wie eingangs erzählt, ist Charly einer dieser Viehhalter, nicht nur von, sondern auch mit ihren Tieren leben, im Winter sogar 5 Monate auf Wanderschaft mit ihnen gehen. Und wer will schon mit Nummern reisen? Deshalb wurde Schafbock Nr. 52, „so wiases gheard“, getauft – auf den Namen Henry. Aber seht selbst:

Henry wird nun seinen Spass haben und im Mai wird geschoren. Anschließend helfen wir alle mit, das Beste daraus zu machen und Charly wie Herrn Hartl einen ordentlichen Wollpreis ermöglichen zu können. Schafe sind nämlich für manche von euch nicht nur lecker, sondern unverzichtbar für die Landschaftspflege. Und wer dennoch aus Tierschutzgründen mit sich hadert, einen Wollpulli zu tragen, dem darf Charlys Satz nahegelegt werden: “D Vieher meassmä schära, sonst wärs Tierquälerei. Do nissa sich Fliega ond Drägg ohne Änd nei, des bloagd d’Schof oendlich!”

Liebe Grüße

Sina



Ein schöner Tag!

15. September 2011 7 Kommentare »
Abgelegt unter Ich will manomama

In den letzten acht Wochen ist soviel passiert: Wir dürfen nun ausbilden, wir haben unseren Umzug in die Wege geleitet, eine reaktivierte Webmaschine steht da und freut sich auf ihre Arbeit, und, und, und. Bei all den Anfragen, Treffen etc. sind mir glatt zwei Dinge eiskalt durchgerutscht: einmal ein Geburtstag eines engen Freundes und das Zweite, dass ich meinen Terminkalender nicht im Griff hatte. Es war eine Charity-Anfrage, ob wir etwas spenden möchten, und ich sagte ausnahmsweise mal “Ja”. Was ich nicht bedachte: ich war an dem Abend im Urlaub. Deshalb bat ich den Veranstalter, mir die gewünschte Farbe zu nennen und dann würden wir sie nach der Veranstaltung direkt verschicken. Leider hatte ich nichts mehr von ihm gehört, bis heute. Und das nur kurz: Vehement beschimpfte er mich und entfreundete sich. Soziale Medien sind was Schönes. Eine erneute Frage nach der Farbe blieb unbeantwortet. Früher hätte ich es persönlich genommen, heute denke ich mir: “Jeder, wie er möchte”. Aber da liegen nun drei Taschen, die auf neue Besitzer warten. Und ich stehe zu meinem Wort – deshalb mal Charity anders:

Wer Lust hat, eine von 3 Tote-Bags in beige oder schwarz zu gewinnen

http://www.manomama.de/content/stoff-tote-bag-karla

möge einfach auf http://www.facebook.com/manomama diesen Beitrag “liken”. Anmeldeschluss ist heute abend, 17 Uhr. Gewinner verlosen wir dann bis 18 Uhr. Heute abend gegen 21 Uhr veröffentlichen wir dann die Gewinner – hier und auf Facebook. Habt Spass dabei ;) Und Rechtsweg und so ist ausgeschlossen.

Liebe Grüße

Sina



Ausgebrannte Kinder der Gesellschaft.

09. September 2011 17 Kommentare »
Abgelegt unter Chancengesellschaft

Liebe HRler, Consulter und Firmenchefs,
liebe Abteilungsleiter und Controller,

ich möchte euch ein paar Zeilen widmen:

„Magst Du es nicht versuchen?“, fragt mich Bobo, der Sozialarbeiter. „48, Burnout, einigermaßen stabilisiert, muss aber ganz langsam an Büroarbeit gebracht werden. Wir können die Begleitung therapeutischer Natur organisieren, und Du die betriebliche Wiedereingliederung und Eignung?“

In den letzten Tagen unterhalte ich mich oft mit Bobo. Er betreut in seiner Firma Menschen, die, wenn ich es in meinen eigenen Worten sagen darf, einfach mal die Arschlochkarte gezogen haben. Immer wieder höre ich von „Burnout“, immer wieder von „hat dem Druck nicht standgehalten“. Da gibt es die Geschichte des jungen Marketingmanagers eines namhaften Sportartikelherstellers, der „dem Druck“ nicht mehr stand hielt und mit einem ausgewachsenen Burnout bei ihm landete. Da ist die ältere Dame, die nach Scheidung und einhergehendem Arbeitsverlust ihr Leben nicht in den Griff bekam. Da ist eine junge Frau, die dem Bürostress alleine beim Pensum von zwei Vollzeitstellen nicht Herr wird. Und da ist eine ebenso junge Pflegekraft, die manchmal zu freundlich und aufgeweckt ist und vom Gutachter „ausgemustert“ und für arbeitsunfähig erklärt wird. Zwei von ihnen sind unten und schneiden eure Bekleidung zu. Und das machen sie toll.

„Was passiert eigentlich mit dem Mann, wenn er die Maßnahme beendet hat und keine Aussicht auf eine Beschäftigung hat?“, frage ich neugierig. „Dann fallen sie zurück in die Arbeitsagentur. Wahrscheinlich medizinischer Dienst anschließen mit therapeutischer Eingliederung, Du kannst es auch Ein-Euro-Jobber nennen. Und irgendwann sitzen sie wieder bei mir.“, sagt er.

Ein-Euro-Jobber, mein Reizwort schlechthin. Bobo hat mir gelehrt, dass, wie ich ursprünglich und fälschlicherweise annahm, nicht nur unqualifizierte Langzeitarbeitslose in diesen Teufelskreis der sinnlosen Maßnahmen stecken. Nein, auch sogenannte High Potentials, die „nur ihre Erwartungen an sie erfüllen“ und sich dem enormen Risiko, ihre Kraft, die ein Arbeitsleben lang reichen soll, in den ersten zwei Trainee-Jahren verpulvern, hängen drin.

„Burnout, Burnout, vor 30 Jahren kannte kein Schwein ein Burnout“. Und heute? Heute macht uns die Arbeit krank. Da läuft doch etwas falsch. Nach den Ursachen muss man meiner Meinung nach nicht lange suchen: Der immense Leistungsdruck und eine immer schneller lebender Gesellschaft leisten ihren Beitrag. Wenn einem Menschen dieses Zwangskorsett nicht passt, wird er ausgemustert. Ab in die Maßnahmen. Von wegen Work-Life-Balance, Work-Life-Burnout ist mittlerweile die Regel.

Während ich diese Zeilen schreibe, erhalte ich von einem lieben Freund via Mail folgende Zeilen:

„Plane meinen aktuellen Job aufzugeben, weil ich keinen Bock mehr habe mit so furchtbar unehrlichen und raffgierigen Menschen arbeiten zu müssen.“

Einerseits unheimlich traurig, andererseits sehr positiv: selbst zu sehen, wann es einem selbst persönlich reicht und für sich und sein Wohl entscheidet, zu gehen.

„Gute Arbeit ist solche, die nicht schadet, sondern nützt.“ (Marianne Gronemeyer)

Und zwar beiden Seiten – dem Unternehmen ebenso wie dem Menschen, der sie ausführt. Das müssen wir Unternehmer wieder entdecken. Und ihr, liebe Consulter und Controller, müsst es zulassen. Mal einen Prozess stehen lassen, obwohl er ressourcenintensiver ist. Mal einen Cent mehr zulassen und diesen auf die Kostenstelle „Menschenfreundlichkeit“ buchen.

„Ja, versuchen wir!“, sage ich zu Bobo und überlege mir schon imaginär, mit welchen ersten Aufgaben ich unseren wiedereinzugliedernden Kaufmann betrauen kann. Es ist für beide Seiten ein mühevoller Weg. Für ihn – und das mit Ende Vierzig -, langsam wieder in ein Arbeitsumfeld hineinzuwachsen, ebenso wie für uns, um seine Fähigkeiten zu erkennen und ihn in seinem Tempo ein Arbeitsumfeld zu schaffen.

Wir, viele kleine Familienunternehmer, kümmern sich um eure ausgebrannten Kinder, liebe Konzernchefs und Controller, Consulter und HRler. Dieses Erbe müssten wir nicht antreten, würdet ihr anders auftreten: mit weniger Druck und mehr Menschlichkeit. Versucht es einfach mal. Bitte.

Eure Sina,
die jetzt wieder zum Telefonhörer greift, um die Umschulungsgenehmigung zur Modeschneiderin für die beiden jungen Damen zu erhalten.



Wir sind eine Chancengesellschaft.

02. September 2011 5 Kommentare »
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Abgelegt unter Chancengesellschaft

Ich will nicht mehr warten. Darauf, dass die äußeren Rahmenbedingungen sich ändern und wir es vielleicht etwas einfacher haben. Ich habe in den vergangenen sechs Monaten mit unzähligen „Verantwortlichen“ über mein geplantes Engagement gesprochen. Ihnen sehr konkret meine Ideen auf den Tisch gelegt. Und da scheinen sie noch heute zu liegen. Immerhin hat der bayerische Staatskanzleichef Huber nach fünf Monaten einen netten Antwortbrief geschrieben mit dem Verweis, mich an neue Stellen zu wenden. Das mache ich auch gerne. Aber, wer mich langsam kennt, weiß, dass Geduld nicht meine Stärke ist. Deshalb fangen wir jetzt einfach an. Einer muss es ja tun, heißt es so schön. In unserem Fall würde ich sagen: wir hier wollen es tun. Aber was eigentlich?

Unsere Bundeskanzlerin, Frau Angela Merkel, stellte 2007 (was immerhin fast fünf Jahre sind) ihr neues Ziel vor. Sie sagte: „Frei und sicher leben in der Chancengesellschaft“. Würde man sie heute fragen, käme wohl der Verweis auf niedrigste Arbeitslosenzahlen und enormer Fachkräftemangel. Ziel erreicht. Für Frau Merkel. Für mich nicht. Richtig ist, dass wir einen enormen Fachkräftemangel haben. Was dabei aber komplett vergessen wird, ist die Tatsache, dass wir viel zu viele „einfache, normale“ Menschen haben, ohne Doktortitel und Auslandserfahrung. Diese Menschen sind am Rande unserer Gesellschaft (wenn überhaupt noch), weil sie keine Arbeit haben. Diese Menschen werden vergessen. Oder in völlig sinnlose, menschenunwürdige Maßnahmen gesteckt (http://www.sueddeutsche.de/kultur/die-armutsindustrie-kein-ding-machen-1.108620), damit sie aus der Statistik sind.

Dass in diesen Maßnahmen mehr kaputt geht als gefördert wird, wollen Arbeitsagentur und betreuender Qualifizierungsbildungsträger nicht sehen. Provokant formuliert: das Amt hat sie los, und der Maßnahmenanbieter verdient eine Menge Geld damit. Uns selbst ist es passiert, als man uns eine Praktikantin schickte: „40 Wochenstunden, 2 Pausen am Tag und bitte binden Sie sich von Anfang an gleich ein. Schließlich muss die Dame wieder arbeiten lernen“, waren ungefähr die Worte der Vermittlerin. Die Praktikantin kam, ich sah sie und mir war klar: „Das wird nichts“. Eine Frau, Mitte 50, das halbe Leben bei den Kindern zu Hause und den Haushalt gemanaged. Den ganzen Tag allein auf sich gestellt, kaum Selbstbewußtsein, wenn es um die eigene Arbeitskraft außerhalb des Herds (verzeiht, ich meine das nicht schnippisch) geht und keinen um sich herum soll von jetzt auf gleich, von Null auf Hundert sich in ein Team integrieren und „gleich richtig zulangen“? Eben. Wir haben abgelehnt, weil wir uns nicht zum Handlanger für sinnlose Bildungsträger machen möchten.

Das andere Extrem ist die „Silohaltung“ von Menschen, die zwangsweise in Maßnahmen gesteckt werden. „Bitte nehmen Sie mich, egal wofür“, sagte die 62jährige Dame, die sich bei uns persönlich vorstellte. Sie habe damals aus der Zeitung von uns erfahren, nahm spontan eine Bewerbung („Wir schreiben ja nichts anderes als dauernd Bewerbungen in diesen dämlichen Trainings“) und besuchte uns. „Ich wäre auch billig. Die Agentur würde ein Jahr lang die Hälfte bezahlen, wenn Sie es gut hindrehen, sogar mehr!“, sagte sie mit fast schon flehendem Ton. Das war mir zu viel. Sieht so, verdammt nochmal, die Chancengesellschaft aus, die Merkel so sehr anpeilt? Wahrlich nicht.

Ich kann mich sehr gut an die Worte einer Manomama erinnern: „Wer will mich alte Schachtel denn noch mit 58? Niemand. Dauernd Absagen. Das macht keinen Mut“. Edith, so heißt diese Manomama übrigens, ist heute eine unserer erfolgreichsten und macht sich in Kürze sogar mit einem eigenen Laden selbstständig. Ja, wir mochten sie von Anfang an – und heute überhaupt nicht mehr missen. Aus der Arbeitslosigkeit in den eigenen Laden.  Als ich diesen „Werdegang“ so in meinem Freundeskreis erzählte, sagte prompt einer meiner besten: „Mensch, ihr seid ne echte Chancengesellschaft!“ Und da klingelte es: Richtig, wir sind eine Chancengesellschaft. Jeder Mensch, ungeachtet von Herkunft, Alter und Qualifikation, der zu uns kommt, erhält eine Chance. Gleichzeitig sehen wir ihn als Chance. Und so muss es sein. In einem Unternehmen. Und in unserer Gesellschaft.

Wenn ihr euch gefragt habt, wer die junge Dame oben auf dem Foto ist, darf ich euch verraten: Es ist Derya, 29 Jahre alt. Ihren erlernten Beruf, Steuerfachgehilfin, kann sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben. Immer wieder Maßnahmen, immer wieder dasselbe. Wäre da nicht Bobo, ihr neuer Maßnahmenbetreuer. Ein toller, engagierter Mensch. Er saß mit mir auf einen Kaffee zusammen und wir beschlossen, für Menschen wie Derya zu kämpfen: raus aus müden Maßnahmen, rein in eine betriebliche Ausbildung mit Übernahme. Seit Derya bei uns ist (und in Suley eine echte Unterstützung gefunden hat), seit sie selbst das Tempo ihrer Arbeit bestimmen darf, lacht sie wieder. Und backt sogar Kuchen – für das ganze Team (inklusive Agentur). Ihr möchte ich und darauffolgend vielen weiteren Menschen, gemeinsam mit allen, die uns unterstützen, wieder eine Chance geben. Weil Derya auch eine Chance für uns ist. Für uns alle. Für eine bessere Gesellschaft.

Und jetzt muss ich Papierkram machen, denn ganz ohne geht es nicht,

liebe Grüße
Sina




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