Thoughts from Tuscany II

07. August 2010 5 Kommentare »
Abgelegt unter Thoughts from Tuscany

„Leben“, antwortete mir Gisella (74, links auf dem Bild) auf meine Frage, was sie und ihre beste Freundin Annamaria, 83, den ganzen Tag am Strand täten. Wie ich überhaupt ins Gespräch mit den beiden gepflegten, betagten Damen kam?

Neugier, reine Neugier. Immer, wenn wir an den Strand gehen, sind die beiden schon da, wenn wir gehen, sitzen sie noch. Als wir heute direkt neben den beiden Senioras einen Strandplatz hatten, blickte ich des Öfteren zu ihnen hinüber. Wenn sie lautstark über Gott und die Welt diskutierten, ohne sich dabei anzusehen zum Beispiel. Oder Gisella Anna wärmstens ein Stück Melone empfahl und sie zum x-tenmal abwinke. Worum es auch ging, die beiden waren stets konträrer Meinung. Nur in einem waren sie sich einig: Tempo cambia, tempo cambia – die Zeit ändert sich, permanent.

„Weißt Du, woran ich die letzten Jahre gemerkt habe, dass die Welt immer kleiner wird?“, fragte mich Anna. „Nein“, erwiderte ich, während Gisella spaßig-frotzelnd hinzufügte, Anna sei noch nie aus Follonica herausgekommen. Früher (und ich traute mich nicht nachzufragen, wann genau früher war) verbrachte sie und Gisella die Zeit damit, den Touristen am Strand zuzuhören, und die Sprache herauszufinden. „Erst war es viele Deutsche, dann kamen Menschen aus dem Norden“, erzählt Anna. Gisella vertonte die Ausführungen ihrer Freundin mit nativ klingenden schwedischen Lauten, und grinste schelmisch. „Heute streiten wir uns, welcher englische Dialekt es ist!“, fuhr Anna fort. „…und ich gewinne meist, weil Anna bei den Amerikanern immer danebenliegt“, beendete Gisella den Satz. Ich erwiderte, dass mir der Sprachen-Wirrwarr am Strand überhaupt nicht bewusst war.

„Du bist jung, du bist in eine kleine Welt geboren. Wenn du ans andere Ende der Welt willst, nimmst du den nächsten Flieger, wenn du mit Freunden aus Übersee (wer sagt das heute noch? Anm. von Sina) dich unterhalten möchtest, gehst du an deinen Computer“, erklärte mir Anna. Ich stimmte ihr zu und erwähnte gleichzeitig, dass ich es mir anders kaum vorstellen könnte.

Gisella antwortete: „Ich kann es mir in meinem Alter nicht mehr vorstellen, in dieser kleinen Welt, in deiner, zu leben. Klein heißt auch immer eng. Da ist kein Platz mehr für Träume.“ Und Anna fügte hinzu: „Ich auch nicht. Da wundern sich die Leute, wenn sie dich sehen, dass du den ganzen Tag am Strand sitzt. In euren Augen machen wir nichts, derweil leben wir.“

Ja, ich glaube, das tun die beiden Damen. Einfach, bescheiden, aber sie genießen. In Ruhe. Am Meer. Ich war ja schon immer ein Mensch, der frisches Brot und ein paar Tomaten Hummer und Kaviar vorzog. Nach der Unterhaltung mit den beiden wundervollen Damen ist mir wieder bewusst geworden, dass wir wahren Luxus oftmals nicht erkennen, weil er in Bescheidenheit gründet.

Eure Sina



Thoughts from Tuscany I

05. August 2010 6 Kommentare »
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Warum sind wir Menschen heutzutage so rücksichtslos? Das war eine Frage, die uns gestern am Abendtisch mit italienischen Freunden beschäftigte. Lapo, in erster Linie Süditaliener (komme ich heute nicht, komme ich morgen) und dann erst Chef eines Klimaanlagenunternehmens, hat es erklärt. Einfach wie eindrucksvoll. Wir Deutschen würden deshalb so rücksichtslos sein, weil wir keine Zeit hätten. Für Rücksicht bräuchte man diese nämlich.

Bei längerem Nachdenken und Verbleib hier mitten in Zentralitalien, wo die Uhren langsamer gehen und die Tage keine wirklichen Eckpfeiler der Orientierung haben, unterschreibe ich es. Der einzige Unterschied: Wir hätten keine Zeit – stimmt in meinen Augen nicht. Wir haben sie, wir geben sie uns nur nicht. Schuld daran ist unser permanentes Streben nach mehr. Wir sehen die schönen einfachen Dinge nicht mehr, weil wir in Gedanken längst schon darüber nachdenken, wir wir das nächste, höhere Gelegene erreichen können. Rücksicht hat demnach auch etwas mit der eigenen Zufriedenheit zu tun. Wenn ich selbst zufrieden bin, mich eine Weile zufrieden ausruhe, habe ich die Zeit und die Kraft, rücksichtsvoll gegenüber anderen zu sein – und ihnen zu helfen.

Das gehe nicht? Sich einfach mal auszuruhen? Zufrieden zu sein mit dem, was man erreicht am Tag? Heinrich Böll hat eine Anekdote geschrieben, die ich immer wieder gerne erzähle. Es geht um Arbeitsethik und ungefähr so:

In einem Hafen an der Westküste Europas schläft ein ärmlich gekleideter Fischer und wird durch das Klicken des Fotoapparates eines Touristen geweckt. Anschließend fragt der Tourist den Fischer, warum er denn nicht draußen auf dem Meer sei und fische. Heute sei doch so ein toller Tag um einen guten Fang zu machen, es gebe draußen viele Fische. Da der Fischer keine Antwort gibt, denkt sich der Tourist, dem Fischer gehe es nicht gut, und fragt ihn nach dessen Befinden, doch der Fischer hat nichts zu beklagen. Der Tourist hakt noch einmal nach und fragt den Fischer abermals, warum er denn nicht hinausfahre. Nun antwortet der Fischer, er sei schon draußen gewesen und habe so gut gefangen, dass es ihm für die nächsten Tage noch reiche. Der Tourist entgegnet, dass der Fischer noch zwei-, drei- oder gar viermal hinausfahren und dann ein kleines Unternehmen aufbauen könnte, danach ein größeres Unternehmen und dieses Wachstum schließlich immer weiter steigern könnte, bis er sogar das Ausland mit seinem Fisch beliefern würde. Danach hätte der Fischer dann genug verdient, um einfach am Hafen sitzen und sich ruhig entspannen zu können. Der Fischer entgegnet gelassen, am Hafen sitzen und sich entspannen könne er doch jetzt schon.

Ich gehe nun Schnitte machen, die die Post verschmissen hat. Es waren Originale. Das muss reichen. Für heute. ;-)

Cordiali saluti aus der Seelenheimat,
eure Sina



Doppelt genäht: öko und sozial.

30. Juli 2010 2 Kommentare »
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Das freut mich sehr:

In der Bibel der konventionellen Branche ist ein wunderschöner Artikel über manomama: in der Textilwirtschaft, Ausgabe 29.07.2010.

Ein herzliches Dankeschön für ihren Besuch und den netten Kaffeeplausch, liebe Frau Platen!

(Bei Klick aufs Bild erscheint der Artikel lesbar ;-) )

 

 



Stuhlkreis-Weicheier selbst gemacht.

27. Juli 2010 42 Kommentare »
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Robert von @urbia teaserte eben einen Artikel an, in dem gefragt wurde: Sind Jungs heutzutage schwieriger als früher? Die Antwort ist ganz einfach: nein, sind sie nicht. Was sich allerdings geändert hat, sind zwei Dinge: die Eltern und die pädagischen Einrichtungen. Fangen wir bei dem Grundübel Nummer eins an: Eltern.

“Selbstverständlich haben wir alle Zusatzmodule gebucht, schließlich möchten wir nicht, dass bei Raphael das Sprachfenster zu geht!” Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch mit einer dieser affektierten Müttern aus unserem Kíndergarten. Das einzige, was hier zugehen sollte, ist ihr persönliches Fenster – in ihrem Kopf zieht es meiner Meinung nach gewaltig. Um vermeintliche Weichen bei ihrer ach so wohlbehüteten Brut frühestmöglich zu stellen, nehmen sie ihren Kindern die Kindheit, ja der elterliche Ehrgeiz raubt ihren Söhnen und Töchtern ein wichtiges Stück Leben: eben jenes, in dem man unbekümmert, frei von Sorgen und Gedanken, einfach machen darf. Anstelle Käfer zu sammeln, sich im Dreck zu suhlen und einfach nur zu spielen müssen sie funktionieren. Dreijährige haben heute bereits einen Freizeitstress, dem man einem Erwachsenen medizinisch raten würde, abzubauen, sonst zöge man sich im Laufe der Zeit einen Herzinfarkt zu. Dass dieser verplante Alltag, in dem jeglicher Raum für freie, kindliche Entfaltung schlicht nicht vorkommt, einem Kind, insbesondere einem Jungen, zu schaffen macht, muss nicht erklärt werden. Versucht das Kind dann aus dem Tagesablauf auszubrechen, ist er schwierig. Fährt der Kleine einen Wutanfall auf, weil es ihm schlicht reicht – verabreicht man ihm, nicht zuletzt aufgrund der eigenen Hilflosigkeit und (ja, das unterstelle ich aus Erfahrung) Bequemlichkeit, Ritalin – und weiter geht’s. Nach Plan. Elterlichem Erfolgsplan.

Neben den Eltern sind die pädagogischen Einrichtungen in meinen Augen ein weiteres Problem. Um zehn Uhr Stuhlkreis. Kollektives Kuscheln inklusive. Im Kindergarten hat man sich lieb. Kinder, besonders auch hier wieder die Buben, wissen überhaupt nicht mehr, wohin mit ihrer überschüssigen Kraft, schließlich wurde erneut die Wanderung gestrichen, weil Englisch wegen Vorschule verschoben wurde und auch das Würzburger Sprachtraining noch wartet. Kommen sich zwei mal in die Haare – was übrigens in meiner Kinderheit normal war (und ich mich immer wieder gerne mit den Buben kloppte ;-) ) - werden sogleich die Eltern informiert, dass “Marvin dem Robin eine runtergehauen” hat. Dieses “Petzverhalten” verhindert auch, dass Kinder Selbstvertrauen aufbauen und selbstständig werden. Sie machen nichts mehr untereinander aus, dürfen sie auch nicht. Nein – können sie nicht. Die stille Treppe wartet bereits beim kleinsten auffälligen Verhalten. Kinder möchten Grenzen austesten, sich messen und behaupten – wie bitte soll das in dieser verweichlichten Umgebung gehen? Ich gehe gerne einen Schritt weiter: Wie soll aus diesen armen Jungs (ja, ich nenne sie so) einmal Erwachsene werden, die ihren Mann stehen?

Auch mein Mann und ich hatten vor einigen Wochen die Entscheidung zu fällen: Schicken wir Filius auf eine Privatschule oder nicht? Grundsätzlich sprach viel für die internationale Schule: das Nachmittagsangebot und die Betreuung. Als wir den Vertrag und das Kleingedruckte in den Händen hielten, sahen wir uns an und waren uns einig: Nein. Warum? Hier stand: “Kommt es zu Handgreiflichkeiten unter den Schülern mit Beteiligung ihres Kindes, behält sich die Schulleitung vor, beteiligte Schüler selbst bei erstmaligem Vergehen ohne weitere Angabe von Gründen von der Schule zu weisen.” All diese Verwarnungen, Verbote, Androhungen machen es doch nur schlimmer:  wir erziehen unsere Jungs zu tickenden Zeitbomben, wenn ich es so drastisch ausdrücken darf. Wir schüchtern sie ein und stellen sie still. Denkt mal darüber nach, was heute mit einem Michel von Lönneberga wäre? Wir würden ihn wieder treffen: in einem Erziehungscamp für Schwererziehbare.

Alles in allem machen es sich Eltern und Pädagogen oft zu einfach: Funkioniert das Kind zu Hause nicht, geben die überforderten Eltern ihre Pflicht ab an pädagogisches Personal. Pflegt der Bub einmal im Monat einen Wutanfall im Kindergarten, wird es der Erzieherin zu viel und rät, das Kind doch in eine Ergotherapie zu stecken. Und so weiter, und sofort… Kinder, und hier eben aufgrund ihres Bewegungsdranges vornehmlich Buben, werden weitergereicht. Mit jeder Station kranker geredet. Das muss sich ändern.

Ob unser Sohn brav ist? Manchmal. Manchmal auch nicht. Und gelegentlich richtig wütend. In solchen Momenten ziehen wir ihm die Jacke an, und gehen mit ihm radeln. Nach zehn Minuten ist der Zorn veflogen. Nach einer halben Stunde ist er bestens gelaunt. Und nach einer Stunde fix und fertig und schläft fast über seinem Eis ein.

Eure Sina
Papa-Kind und Sohn-Mama



Menschen 2.0 on air

23. Juli 2010 3 Kommentare »
Abgelegt unter Rund um manomama-Produkte

Unsere Aktion www.menschenzweinull.de zieht Kreise, die wir niemals dachten. Deshalb gehen wir ja auch in die zweite Runde: www.bit.ly/menschenzweinull. Heute gab Sina Radio NRJ ein Interview. Wer es verpasst hat, hier ist es:

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Für alle, die lieber lesen möchten, hier der Link zur Transskription (vielen herzlichen Dank, liebes @eimerchen): http://www.manomama.de/blog/trasskript-interview-nrj/




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