„Leben“, antwortete mir Gisella (74, links auf dem Bild) auf meine Frage, was sie und ihre beste Freundin Annamaria, 83, den ganzen Tag am Strand täten. Wie ich überhaupt ins Gespräch mit den beiden gepflegten, betagten Damen kam?
Neugier, reine Neugier. Immer, wenn wir an den Strand gehen, sind die beiden schon da, wenn wir gehen, sitzen sie noch. Als wir heute direkt neben den beiden Senioras einen Strandplatz hatten, blickte ich des Öfteren zu ihnen hinüber. Wenn sie lautstark über Gott und die Welt diskutierten, ohne sich dabei anzusehen zum Beispiel. Oder Gisella Anna wärmstens ein Stück Melone empfahl und sie zum x-tenmal abwinke. Worum es auch ging, die beiden waren stets konträrer Meinung. Nur in einem waren sie sich einig: Tempo cambia, tempo cambia – die Zeit ändert sich, permanent.
„Weißt Du, woran ich die letzten Jahre gemerkt habe, dass die Welt immer kleiner wird?“, fragte mich Anna. „Nein“, erwiderte ich, während Gisella spaßig-frotzelnd hinzufügte, Anna sei noch nie aus Follonica herausgekommen. Früher (und ich traute mich nicht nachzufragen, wann genau früher war) verbrachte sie und Gisella die Zeit damit, den Touristen am Strand zuzuhören, und die Sprache herauszufinden. „Erst war es viele Deutsche, dann kamen Menschen aus dem Norden“, erzählt Anna. Gisella vertonte die Ausführungen ihrer Freundin mit nativ klingenden schwedischen Lauten, und grinste schelmisch. „Heute streiten wir uns, welcher englische Dialekt es ist!“, fuhr Anna fort. „…und ich gewinne meist, weil Anna bei den Amerikanern immer danebenliegt“, beendete Gisella den Satz. Ich erwiderte, dass mir der Sprachen-Wirrwarr am Strand überhaupt nicht bewusst war.
„Du bist jung, du bist in eine kleine Welt geboren. Wenn du ans andere Ende der Welt willst, nimmst du den nächsten Flieger, wenn du mit Freunden aus Übersee (wer sagt das heute noch? Anm. von Sina) dich unterhalten möchtest, gehst du an deinen Computer“, erklärte mir Anna. Ich stimmte ihr zu und erwähnte gleichzeitig, dass ich es mir anders kaum vorstellen könnte.
Gisella antwortete: „Ich kann es mir in meinem Alter nicht mehr vorstellen, in dieser kleinen Welt, in deiner, zu leben. Klein heißt auch immer eng. Da ist kein Platz mehr für Träume.“ Und Anna fügte hinzu: „Ich auch nicht. Da wundern sich die Leute, wenn sie dich sehen, dass du den ganzen Tag am Strand sitzt. In euren Augen machen wir nichts, derweil leben wir.“
Ja, ich glaube, das tun die beiden Damen. Einfach, bescheiden, aber sie genießen. In Ruhe. Am Meer. Ich war ja schon immer ein Mensch, der frisches Brot und ein paar Tomaten Hummer und Kaviar vorzog. Nach der Unterhaltung mit den beiden wundervollen Damen ist mir wieder bewusst geworden, dass wir wahren Luxus oftmals nicht erkennen, weil er in Bescheidenheit gründet.
Eure Sina


















