Archiv für die Kategorie ‘Wir bringens wieder heim!’

Gutes findet sich.

Freitag, 15. Juli 2011 2 Kommentare »
Abgelegt unter Menschen für manomama, Wir bringens wieder heim!

Eine eMail, die ich erhielt:

“Liebe Sina,

ich wollte Dir eine kleine Geschichte erzählen. Leider habe ich Dich gestern nicht mehr angetroffen, also schreibe ich Dir:

 Am Dienstag wollten wir zuerst bei Dir zum Vermessen wegen meines Hochzeitsanzugs vorbeisehen. Anschließend in die Stadt, um nach Trauringen Ausschau zu halten. Leider hattest Du ja am Dienstag keine Zeit, und so sind wir dann gleich in die Stadt.

Mir war das erst gar nicht so recht, weil ich Dich zuerst fragen wollte, mit wem Du jetzt den Schmuck produzierst. Da nämlich weiß ich, dass ich was Gutes bekomme. Nun gut, so sind wir dann ohne dieses Wissen in die Stadt gegangen. Lange gesucht und in einem Laden haben wir uns fast 1 1/2 Stunden beraten lassen – und wunderschöne Trauringe ausgesucht.

Als wir fast fertig waren, kam der (wie sich später herausstellte) Ladenbesitzer dazu und gab der Beratung noch den letzten Schliff. Dabei erwähnte er im Laufe des Gesprächs, dass er nun auch mit einer Augsburger Textilfirma zusammenarbeitet, und die heiße „manomama“ :) )

 Nun weißt Du spätestens jetzt, dass wir, warum auch immer, in der Alten Silberschmiede gelandet sind! :) Ich fand das wirklich genial, weil ich genau da hinwollte, aber Dich nicht vorher fragen konnte :) Und jetzt weiß ich, dass das Geld dort gut investiert ist, und wir wirklich gute Ringe bekommen. Er hat uns dann auch noch mit einem Augenzwinkern, und dem Hinweis auf das, was von manomama kommt, davon überzeugt, als Gravur keine Herzen, sondern die liegende 8 als Sinnbild für „Unendlichkeit“ und „Beständigkeit“ zu nehmen. ;)

Das wollte ich Dir gestern erzählen, weil es für uns wirklich ein wunderschönes Erlebnis war, und wir mit einer super Gefühl dann da rausgegangen sind.

Viele Grüße, Thomas”

Hach. (Anmerkung von Sina)

Zurück in die Zukunft.

Es war Janina, die lavita-Moderatorin des Bayerischen Rundfunks, die mit mir in einer Drehpause neben der Schwenkstanze einen Kaffee trank und mit „Stanzabfällen“ herumspielte. „Was macht ihr eigentlich mit dem restlichen Leder, wenn die Taschen ausgestanzt sind? Und diese Streifen da, wenn ihr die großen Taschenteile ausschneidet? Für eine zweite Tasche reicht es ja nicht und für einen Gürtel ist es zu kurz. Hm?“ fragte sie mich. „Momentan sammeln“, erwiderte ich. „Das Leder ist viel zu kostbar, es wegzuschmeißen!“. „Warum macht ihr daraus nicht schicken Schmuck?“ fragte sie und Kameramann Raimund unterbrach uns. Es ging weiter.

Frau Anners Feingefühl für Formen ist es zu verdanken, dass unsere Schmuckstücke toll aussehen: sie nämlich kümmert sich seit Jahren um den Formenbau und die Wachsteilherstellung.

Am Abend in einer ruhigen Minute saß ich auf der Terrasse und erinnerte mich an Janinas Idee. Warum eigentlich nicht?, fragte ich mich und entwickelte erste Ideen. Zeichenblock und Bleistift. Drei Stunden später stand das Konzept, und ich wusste an diesem Abend noch nicht, wie gut die Idee eigentlich war.

„Na endlich rufen Sie an“, erzählt die Stimme am anderen Ende der Leitung. Die Stimme gehört Patrick, Goldschmid und Inhaber der Alten Silberschmiede in Augsburg. Die nämlich ist mir eingefallen, als ich darüber nachdachte, wer in der Region mir helfen kann in Sachen Schmuck.

Was viele nicht wissen: Augsburg war, neben der Textilhochburg im vergangenen Jahrtausend, auch Weltstadt der Gold- und Silberschmiede. Zu Zeiten der Fugger und Welser. Lange her also. Lange her ist auch der Glanz, den man mit diesem Handwerk in Augsburg verbindet. Dem Press- und Stanz-Schmuck aus asiatischer Massenproduktion (verzeiht, aber so ist es nun mal) sei Dank.

Goldschmidmeister Schneider gibt unseren Kollektionsteilen den letzten Feinschliff. Jedes einzelne wird händisch fertiggestellt.

„Vor zwei Jahren haben meine Schwester und ich die Alte Silberschmiede von meinen Eltern übernommen. Viele Außenstehende sagten: „Patrick, jetzt habt ihr die Möglichkeit, euch freizuschwimmen. Haut die Werkstatt  weg, schließt die Gießerei und macht‘ euer Geld mit modernem Trendschmuck!“ Aber das war es für mich einfach nicht. Wenn ich meinen Vater, mittlerweile 70, in der Werkstatt sehe, dann sehe ich ein Erbe, das wir weitertragen müssen. Und möchten.

Ich glaube an Handwerk, und ich glaube ebenso daran, dass es irgendwann wieder eine Chance bekommt auf dem breiteren Markt. Ich möchte nämlich nicht meine 7 Goldschmiede nach Hause schicken. Ich möchte, dass sie ihr Handwerk ausführen und weitertragen!“ erzählt Patrick mit fester Stimme und voller Überzeugung.

Solche Sätze kommen mir bekannt vor. Handwerk stützen, Menschen einen sichere Arbeitsplatz schaffen, der ihnen Spaß bereitet. Man braucht keine große Phantasie, um zu wissen, dass dieses Gespräch die Stunde null für uns beide war. Gleichzeitig der Beginn für die erste kleine, aber feine Schmuckkollektion von manomama und der Alten Silberschmiede.

Während ich euch diese Geschichte hier schreibe, ist Patrick bei seinen Meistern in der Werkstatt und legt noch mal die Feile an. Damit unsere beiden ersten Modelle nächste Woche richtig glänzen. Seid gespannt!

 

“Zackeldi, a guatr Fadn”

In Bayern, genauer gesagt, in Buttenheim bei Bamberg, begann einst der Siegeszug der Jeans. Levi Strauss erfand hier die Jeans. Die Ur-Jeans. Die robuste Arbeiterhose hat sich im Laufe der vergangenen 150 Jahre zu einem Fashion-Musthave entwickelt. Heute sind Jeans tagtäglicher Begleiter – aber auch aufgrund der „Veredelungen“ – so ziemlich das schädlichste Textil, was man herstellen und tragen kann.

„Wir bringens wieder heim“ ist ja mein Motto. Und wir haben es wieder nach Hause gebracht: die Jeans. Aber von vorne. Vor ziemlich genau 9 Monaten habe ich begonnen, alles in die Wege zu leiten, um wieder eine Ur-Jeans produzieren zu können. Das aber ist gar nicht so einfach. Allein einen Weber zu finden, der meine Anforderungen erfüllen kann, war fast ein Ding der Unmöglichkeit. Überall, wo ich fragte, hieß es: „Nein, geht nicht. Nein, können wir nicht machen, nein ohne die (modernen) Mittel können wir nicht weben!“. Und gestern sind dennoch die ersten Meter komplett unbehandelten Denims vom Webstuhl gegangen. Ohne Schlichtungsmittel, was man beim Weben unbedingt bräuchte. Ohne zusätzliche Appreturen, die das Garn robuster machten. (Wir haben schlichtweg Zwirn zum Weben genommen, der stabiler ist). Kurz: ich hab‘ die Profis gefunden, die alte Webtechniken auf einer neuen Maschine noch beherrschen. Im Museum nämlich. Ja, unsere Jeans kommt aus dem Textilmuseum in Augsburg. Gewoben von sehr erfahrenen Webmeistern, einige davon schon längst in Rente. Diese Herren haben mir gestern gezeigt, dass es geht.

„Des machma scho“, sagt Arthur, einer der Webmeister, immer. Oder „Des kriag ma scho“. Und er hat bis heute stets Recht behalten. „Zackeldi, die Kette dreht wia Sau!“ ruft Herr Thoma und schnell eilen die beiden anderen Weber hinzu. Zu dritt wird geschlagen und geknüpft, gezupft und gebürstelt. Und dann liegt sie wieder, die Kette. Arthur dreht sich zu mir und – richtig – „sag i doch, des kriag ma scho!“.

Und dann läuft er, der Webstuhl. Völlig fasziniert stehe ich auf der andern Seite des Stuhls und sehe zu, wie Millimeter für Millimeter eine 3-1-Köper, die klassische Denim-Webknüpfung entsteht. „Mir genga jetzt in Pause“, winkt mir Herr Thoma zu und lädt mich auch auf eine Tasse Kaffee ein. „Moment, und wenn da ein Faden bricht?“, frage ich. „Des Garn is guat, des bricht ned“, erwidert er mir und verabschiedet sich mit einem Lächeln in den Pausenraum.

„Das Garn ist gut“ denke ich bei mir, und muss lachen. Was war das für eine Anstrengung. Garner hier zu finden ist machbar, aber Zwirner? Heute wird in Deutschland, wenn überhaupt, nur noch Polyester verzwirnt. Keiner der Zwirnereien hat Lust, die „staubige“ Naturfaser im gleichen Raum zu verzwirnen, schließlich saut man sich die gesamte Charge Polyester ein. Ich machte mich auf die Suche. Zwischendrin wollte ich sogar mit Arthur „handeln“. „Können wir nicht ein Garn verweben, muss es unbedingt ein Zwirn sein?“ (Anm.: Ein Zwirn ist sind zwei stark in sich gedrehte Garne) „Nein.“ Kurz und bündig war seine Antwort. In Sachen Qualität macht Arthur nämlich keinerlei Kompromisse. Schließlich soll sie langlebig sein. Und so fand ich nach weiteren Monaten den Zwirner, der, wie Herr Thoma feststellte: „Zackeldi, a guatr Fadn“ war.

Tja, und der „gute Faden“ ging gestern zum ersten Mal durch den Greifer. Die ersten 7 Meter haben wir abgewoben, abgenommen – und ich war völlig überrascht. Das, was ich in der Hand hielt, war ein 100% ökologischer, angenehmer, griffiger Stoff, ohne jegliche Hilfsmittel und Appreturen. Das, was ich in der Hand hielt, hat so überhaupt nichts mit dem zu tun, was wir heute in Sachen Jeans tragen. Meine Überraschung hat Arthur gesehen, kam zu mir und grinste: „Des, was da hosch, is a Stoff. Des, was mir tragn, is von vornherein a kaputter Fetzn.“ Und er hat Recht. Und: so soll es bleiben. Dieser Stoff wird so verarbeitet, wie er ist: weder gebleicht, noch stonewashed, gebimst oder sandgestrahlt. Er wird nicht geäzt oder nachgefärbt, gelaugt oder gekocht. Es wird eine Jeans, die zwei Geschichten hat: die ihre, und im Laufe der Jahre, die ihr sie tragt, die eure.

Liebe Grüße
Sina

Vom Werber zum Weber (1)

Ja, ihr kennt mich ja nun ein bisschen und Arthur, den ich euch heute vorstellen möchte, bald auch. “Ich sehe schon, Du ziehst das ohne Kompromisse durch!”, sagte er eben zu mir. “Stimmt, mit Dir!”, erwiderte ich. Arthur, irgendwas mit 50, ist einer derjenigen, die vor Jahren hier in der ehemaligen Textilhochburg hochgefragt waren: Webmeister mit Herzblut. Das ist es auch, was uns beide vereint: mit Leidenschaft bei einer Sache sein. Deshalb beginnen wir wieder, hier zu weben.

“Dann brauch’ mär a Achdasechzg Zwo kettfähig in S-Drehung, nimmsch a Viererdreissger Oins im Schuss odrr a Zwo, griag mer scho!”, “brieft” er mich, um auf der Alb das richtige Garn spinnen zu lassen. So ziemlich genau diesen Satz habe ich vor zwei Wochen dem Garner wiedergegeben und nun war ich heute auf dem Weg in die kleine Weberei, um die Garnproben zu testen. Wie immer: aus kontrolliert biologische Baumwolle, zertifiziert, aus der Türkei, ach – ihr wißt ja.

“Dann packa mol aus”, sagt Arthur und greift zu: ein erster kritischer Blick, ein kurzes Abwickeln, eine erste Rißprobe und: “Hm…müsst scho gehä!”. Aber – soviel habe ich heute gelernt: wer selbst kochen möchte, muss stets überprüfen, ob seine Zutaten auch wirklich dem entsprechen, was man sich wünscht. In unserem Fall – richtig: “A Achdasechzg Zwo kettfähig in S-Drehung” ;-)

Wie aber testet man das? Ganz einfach: Man wickelt – händisch versteht sich, 100 Meter ab und wiegt sie dann erst einmal. Entsprechen 100 Meter 34 Gramm, könnte das mit der nummermetrischen Angabe von 68/2 hinkommen. Das /2 kennzeichnet übrigens einen Zwirn, ein /1 wäre ein reines Garn. Und seit heute weiß ich auch: Drehe ich 2 /1-Garne zusammen, erhalte ich einen /2-Zwirn. Mathematik, der ich folgen kann.

Weil wir beim Drehen sind: eine bestimmt Drehung, nämlich eine S und eine bestimmte Anzahl an Umdrehungen, brauchen wir auch. Um hier unsere Wünsche zu überprüfen, drehen wir das, was der Zwirner mühsam zusammengekordelt hat, einfach wieder auseinander. Man spannt einen Zwirn in die Drehmaschine und dreht den Zwirn in die entgegengesetzte Richtung. Dabei misst man zum einen die Strecke, die der Zwirn nun länger wird, zum anderen natürlich die Umdrehungen selbst. So lange, bis aus /2 – richtig – wieder zweimal ne /1 wird. Klingt einfach, ist es auch.

Rein faktisch war ich mir nun sicher: “Wunderbar, Nummermetrik, Drehanzahl und alles stimmt – ich gebe frei zum Garnen”, dachte ich halblaut. “Moooooment” unterbricht mich Arthur, nimmt mich an der Hand und führt mich zu – Alois. Noch ein ganzes gutes Stück älter. “Alois ist unser wichtiger Mann. Er knüpft am Webstuhl, wenn der Faden reißt. Er hat es in den Fingern!”. Sagte es und reicht Alois ein Stück unseres Zwirns. Alois lässt den Faden zwischen Daumen und Zeigefinger spielen, spannt ihn mit beiden Händen und – ruck – reißt ihn ab. “Der geht”, sagt Alois. “Der geht gut” – dreht sich um und widmet sich seiner Arbeit wieder.

“Jetzt gib das Garn frei zum spinnen” lächelt mich Arthur an. Und das mache ich nun auch. Bis zum nächsten Mal live vom Webstuhl,
eure Sina

 


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