Vor kurzem sendete die ARD eine Reportage über die Arbeitsbedingungen des Textil-Diskont KiK. Darauf folgte eine Diskussion innerhalb Twitter, begleitet von zahlreichen Blogeinträgen, allesamt ums gleiche Thema handelnd: Inakzeptable Zustände, Aufruf zum Boykott und ähnliches. Diesen äußerst kritisch gegenüber stehenden Meinungen paarten sich – ebenso wie immer, wenn es um KiK & Co. geht (und der Shitstorm war ja in Bezug auf KiK nicht der erste) – Äußerungen wie „Manche können nur bei KiK kaufen“ oder aber „auch Arme möchten modisch gekleidet sein!“. Diese Bemerkungen schockieren mich noch mehr als der verzweifelte Aufruf zum Boykott (der genau so viel bringt wie nicht mehr bei BP zu tanken).
Ich möchte mich nicht auf KiK beschränken, vielmehr ist dieses Unternehmen Sinnbild für eine Realität gewordene Wirtschaft, die überhaupt nicht mehr in seiner sozialen Marktwirtschaft ihre Wurzeln hat, sondern ausgerichtet am internationalen Finanzmarkt. Selbst einst solide, bodenständige Mittelständler orientieren ihre Unternehmensziele heute an Kapitalgesetzen und nicht mehr an der gesellschaftlichen Verantwortung. Soziale Marktwirtschaft, die Frau Merkel so gerne betont, war. Sie ist abgelöst worden durch eine völlig vogelfreie, regellose Marktorganisation, die Hüter des Grals: Banker und Finanzhaie, Heuschrecken und Blutegel. Natürlich nur zum Vorteil der Konzerne, werden Politiker und Pseudo-Ökonomen ihre Entscheidungen rechtfertigen.
Wer aber ein bisschen genauer hinsieht, wird merken, dass mit der sozialen Marktwirtschaft, die einst Erhardt in Reinform praktizierte, auch die Demokratie zu Grabe getragen wurde. Es geht ökonomisch nicht mehr um das Gemeinwohl, es geht um den Profit für wenige. Das ist gemein, wohl.
Es gibt Stimmen, die behaupten, gut zu sein und doch zu leben, gehe nicht. „Entweder bist du ein guter Mensch oder du machst gute Geschäfte“, ist ein weit verbreiteter Spruch in der Wirtschaft. Auch Bert Brecht zeigte in seinem Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ auf, dass es augenscheinlich nicht geht: ein guter Mensch zu sein und dennoch wirtschaftlich erfolgreich. In dem Stück wird eine Prostituierte, die für ihre Hilfsbereitschaft von den Göttern großzügig entlohnt wurde und damit einen kleinen Tabakladen eröffnete, um künftig ein „guter Mensch“ und kein leichtes Mädchen mehr zu sein, von ihren Mitmenschen so sehr um Hilfe gebeten, dass sie alsbald wieder mittellos war. Um diesem entgegenzuwirken nahm sie die Rolle ihres Cousins an, um rücksichtslos und unmenschlich ihre Existenz zu retten und darüber hinaus durch Ausbeutung eine große, erfolgreiche Tabakfirma aufzubauen.
Genauso sei es, werden eingefleischte kapitalistische Wirtschaftler bestätigen. Auch ich hatte früher als „Werber“ stets den schönen Spruch parat: „Mutter Theresa hat keinen Platz in der Wirtschaft“. Erst heute weiß ich, wie sehr ich mich irrte.
„Ich muss im Zuge der Globalisierung kostensensitiv produzieren“, könnte der KiK-Chef sagen (wenn er überhaupt mal an die Presse tritt). „Ich muss mich bei KiK einkleiden, da was anderes nicht drin ist“, könnte der Hartz-IV-Empfänger sagen. „Ich habe noch nie bei KiK gekauft und finde das verwerflich“, könnte der strategisch Konsumierende das jüngste Gericht spielen. Was auch immer – das gegenseitige Worte-um-die-Ohren-Hauen bringt nur eines: Lärm. Viel Lärm. Um nichts.
Mit KiK verhält es sich wie mit einer Krankheit: wir klagen über Lungenschmerzen und husten uns die Flügel aus dem Leib, aber die Finger von dem Glimmstengel lassen wir nicht. Wir beklagen und bekämpfen Symptome. Die Ursachen lassen wir trotz Wissen unangetastet, weil es unbequem ist. Aber genau an diesen müssen wir ansetzen.
Sezuan steht sinnbildlich für alle Orte & Situationen, an bzw. in denen Menschen ausgebeutet werden. Um nach Sezuan zu kommen, müssen wir nur vor unsere eigene Tür. Und anfangen, es zu ändern.
„Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss!
Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“
(B.Brecht, „Der gute Mensch von Sezuan, S. 144, Z.20)
Wir Konsumenten haben die Wahl: Wenn wir unser Qualitätsbewußtsein neu schärfen und die Wegwerf-Mentalität ebenso über Board bringen, wenn also die Nachfrage sich gänzlich neu strukturiert, werden Sezuans immer weniger… Gandhi vertrat den Standpunkt, zu den größten “sozialen Sünden” gehöre “Vergnügen ohne Gewissen” in Bezug auf Konsum. Besser kann man es nicht formulieren. Wir müssen wieder darüber nachdenken, ob wir Dinge wirklich benötigen, und wenn, welchen Ursprungs sie sind. Wir müssen bereit sein, auf Dinge zu verzichten, wenn sie unter unmenschlichen Bedingungen produziert wurden, selbst wenn wir sie uns noch so einbilden. Vielleicht müssen wir auch nur einmal darüber nachdenken, ob sich eine Reparatur lohnt, bevor wir den Gang zum Mülleimer gehen?
Liebe Grüße
Eure Sina
















