Archiv für die Kategorie ‘Thoughts from Tuscany’

Thoughts from Tuscany III

Montag, 09. August 2010 10 Kommentare »
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Vor kurzem sendete die ARD eine Reportage über die Arbeitsbedingungen des Textil-Diskont KiK. Darauf folgte eine Diskussion innerhalb Twitter, begleitet von zahlreichen Blogeinträgen, allesamt ums gleiche Thema handelnd: Inakzeptable Zustände, Aufruf zum Boykott und ähnliches. Diesen äußerst kritisch gegenüber stehenden Meinungen paarten sich – ebenso wie immer, wenn es um KiK & Co. geht (und der Shitstorm war ja in Bezug auf KiK nicht der erste)  – Äußerungen wie „Manche können nur bei KiK kaufen“ oder aber „auch Arme möchten modisch gekleidet sein!“. Diese Bemerkungen schockieren mich noch mehr als der verzweifelte Aufruf zum Boykott (der genau so viel bringt wie nicht mehr bei BP zu tanken).

Ich möchte mich nicht auf KiK beschränken, vielmehr ist dieses Unternehmen Sinnbild für eine Realität gewordene Wirtschaft, die überhaupt nicht mehr in seiner sozialen Marktwirtschaft ihre Wurzeln hat, sondern ausgerichtet am internationalen Finanzmarkt. Selbst einst solide, bodenständige Mittelständler orientieren ihre Unternehmensziele heute an Kapitalgesetzen und nicht mehr an der gesellschaftlichen Verantwortung. Soziale Marktwirtschaft, die Frau Merkel so gerne betont, war. Sie ist abgelöst worden durch eine völlig vogelfreie, regellose Marktorganisation, die Hüter des Grals: Banker und Finanzhaie, Heuschrecken und Blutegel. Natürlich nur zum Vorteil der Konzerne, werden Politiker und Pseudo-Ökonomen ihre Entscheidungen rechtfertigen.

Wer aber ein bisschen genauer hinsieht, wird merken, dass mit der sozialen Marktwirtschaft, die einst Erhardt in Reinform praktizierte, auch die Demokratie zu Grabe getragen wurde.  Es geht ökonomisch nicht mehr um das Gemeinwohl, es geht um den Profit für wenige. Das ist gemein, wohl.

Es gibt Stimmen, die behaupten, gut zu sein und doch zu leben, gehe nicht. „Entweder bist du ein guter Mensch oder du machst gute Geschäfte“, ist ein weit verbreiteter Spruch in der Wirtschaft. Auch Bert Brecht zeigte in seinem Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ auf, dass es augenscheinlich nicht geht: ein guter Mensch zu sein und dennoch wirtschaftlich erfolgreich. In dem Stück wird eine Prostituierte, die für ihre Hilfsbereitschaft von den Göttern großzügig entlohnt wurde und damit einen kleinen Tabakladen eröffnete, um künftig ein „guter Mensch“ und kein leichtes Mädchen mehr zu sein, von ihren Mitmenschen so sehr um Hilfe gebeten, dass sie alsbald wieder mittellos war. Um diesem entgegenzuwirken nahm sie die Rolle ihres Cousins an, um rücksichtslos und unmenschlich ihre Existenz zu retten und darüber hinaus durch Ausbeutung eine große, erfolgreiche Tabakfirma aufzubauen.

Genauso sei es, werden eingefleischte kapitalistische Wirtschaftler bestätigen. Auch ich hatte früher als „Werber“ stets den schönen Spruch parat: „Mutter Theresa hat keinen Platz in der Wirtschaft“. Erst heute weiß ich, wie sehr ich mich irrte.

„Ich muss im Zuge der Globalisierung kostensensitiv produzieren“, könnte der KiK-Chef sagen (wenn er überhaupt mal an die Presse tritt). „Ich muss mich bei KiK einkleiden, da was anderes nicht drin ist“, könnte der Hartz-IV-Empfänger sagen. „Ich habe noch nie bei KiK gekauft und finde das verwerflich“, könnte der strategisch Konsumierende das jüngste Gericht spielen. Was auch immer – das gegenseitige Worte-um-die-Ohren-Hauen bringt nur eines: Lärm. Viel Lärm. Um nichts.

Mit KiK verhält es sich wie mit einer Krankheit: wir klagen über Lungenschmerzen und husten uns die Flügel aus dem Leib, aber die Finger von dem Glimmstengel lassen wir nicht. Wir beklagen und bekämpfen Symptome. Die Ursachen lassen wir trotz Wissen unangetastet, weil es unbequem ist. Aber genau an diesen müssen wir ansetzen.

Sezuan steht sinnbildlich für alle Orte & Situationen, an bzw. in denen Menschen ausgebeutet werden. Um nach Sezuan zu kommen, müssen wir nur vor unsere eigene Tür. Und anfangen, es zu ändern.

„Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss!
Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“
(B.Brecht, „Der gute Mensch von Sezuan, S. 144, Z.20)

Wir Konsumenten haben die Wahl: Wenn wir unser Qualitätsbewußtsein neu schärfen und die Wegwerf-Mentalität ebenso über Board bringen, wenn also die Nachfrage sich gänzlich neu strukturiert, werden Sezuans immer weniger… Gandhi vertrat den Standpunkt, zu den größten “sozialen Sünden” gehöre “Vergnügen ohne Gewissen” in Bezug auf Konsum. Besser kann man es nicht formulieren. Wir müssen wieder darüber nachdenken, ob wir Dinge wirklich benötigen, und wenn, welchen Ursprungs sie sind. Wir müssen bereit sein, auf Dinge zu verzichten, wenn sie unter unmenschlichen Bedingungen produziert wurden, selbst wenn wir sie uns noch so einbilden. Vielleicht müssen wir auch nur einmal darüber nachdenken, ob sich eine Reparatur lohnt, bevor wir den Gang zum Mülleimer gehen?

Liebe Grüße
Eure Sina

Thoughts from Tuscany II

Samstag, 07. August 2010 5 Kommentare »
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„Leben“, antwortete mir Gisella (74, links auf dem Bild) auf meine Frage, was sie und ihre beste Freundin Annamaria, 83, den ganzen Tag am Strand täten. Wie ich überhaupt ins Gespräch mit den beiden gepflegten, betagten Damen kam?

Neugier, reine Neugier. Immer, wenn wir an den Strand gehen, sind die beiden schon da, wenn wir gehen, sitzen sie noch. Als wir heute direkt neben den beiden Senioras einen Strandplatz hatten, blickte ich des Öfteren zu ihnen hinüber. Wenn sie lautstark über Gott und die Welt diskutierten, ohne sich dabei anzusehen zum Beispiel. Oder Gisella Anna wärmstens ein Stück Melone empfahl und sie zum x-tenmal abwinke. Worum es auch ging, die beiden waren stets konträrer Meinung. Nur in einem waren sie sich einig: Tempo cambia, tempo cambia – die Zeit ändert sich, permanent.

„Weißt Du, woran ich die letzten Jahre gemerkt habe, dass die Welt immer kleiner wird?“, fragte mich Anna. „Nein“, erwiderte ich, während Gisella spaßig-frotzelnd hinzufügte, Anna sei noch nie aus Follonica herausgekommen. Früher (und ich traute mich nicht nachzufragen, wann genau früher war) verbrachte sie und Gisella die Zeit damit, den Touristen am Strand zuzuhören, und die Sprache herauszufinden. „Erst war es viele Deutsche, dann kamen Menschen aus dem Norden“, erzählt Anna. Gisella vertonte die Ausführungen ihrer Freundin mit nativ klingenden schwedischen Lauten, und grinste schelmisch. „Heute streiten wir uns, welcher englische Dialekt es ist!“, fuhr Anna fort. „…und ich gewinne meist, weil Anna bei den Amerikanern immer danebenliegt“, beendete Gisella den Satz. Ich erwiderte, dass mir der Sprachen-Wirrwarr am Strand überhaupt nicht bewusst war.

„Du bist jung, du bist in eine kleine Welt geboren. Wenn du ans andere Ende der Welt willst, nimmst du den nächsten Flieger, wenn du mit Freunden aus Übersee (wer sagt das heute noch? Anm. von Sina) dich unterhalten möchtest, gehst du an deinen Computer“, erklärte mir Anna. Ich stimmte ihr zu und erwähnte gleichzeitig, dass ich es mir anders kaum vorstellen könnte.

Gisella antwortete: „Ich kann es mir in meinem Alter nicht mehr vorstellen, in dieser kleinen Welt, in deiner, zu leben. Klein heißt auch immer eng. Da ist kein Platz mehr für Träume.“ Und Anna fügte hinzu: „Ich auch nicht. Da wundern sich die Leute, wenn sie dich sehen, dass du den ganzen Tag am Strand sitzt. In euren Augen machen wir nichts, derweil leben wir.“

Ja, ich glaube, das tun die beiden Damen. Einfach, bescheiden, aber sie genießen. In Ruhe. Am Meer. Ich war ja schon immer ein Mensch, der frisches Brot und ein paar Tomaten Hummer und Kaviar vorzog. Nach der Unterhaltung mit den beiden wundervollen Damen ist mir wieder bewusst geworden, dass wir wahren Luxus oftmals nicht erkennen, weil er in Bescheidenheit gründet.

Eure Sina

Thoughts from Tuscany I

Donnerstag, 05. August 2010 6 Kommentare »
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Warum sind wir Menschen heutzutage so rücksichtslos? Das war eine Frage, die uns gestern am Abendtisch mit italienischen Freunden beschäftigte. Lapo, in erster Linie Süditaliener (komme ich heute nicht, komme ich morgen) und dann erst Chef eines Klimaanlagenunternehmens, hat es erklärt. Einfach wie eindrucksvoll. Wir Deutschen würden deshalb so rücksichtslos sein, weil wir keine Zeit hätten. Für Rücksicht bräuchte man diese nämlich.

Bei längerem Nachdenken und Verbleib hier mitten in Zentralitalien, wo die Uhren langsamer gehen und die Tage keine wirklichen Eckpfeiler der Orientierung haben, unterschreibe ich es. Der einzige Unterschied: Wir hätten keine Zeit – stimmt in meinen Augen nicht. Wir haben sie, wir geben sie uns nur nicht. Schuld daran ist unser permanentes Streben nach mehr. Wir sehen die schönen einfachen Dinge nicht mehr, weil wir in Gedanken längst schon darüber nachdenken, wir wir das nächste, höhere Gelegene erreichen können. Rücksicht hat demnach auch etwas mit der eigenen Zufriedenheit zu tun. Wenn ich selbst zufrieden bin, mich eine Weile zufrieden ausruhe, habe ich die Zeit und die Kraft, rücksichtsvoll gegenüber anderen zu sein – und ihnen zu helfen.

Das gehe nicht? Sich einfach mal auszuruhen? Zufrieden zu sein mit dem, was man erreicht am Tag? Heinrich Böll hat eine Anekdote geschrieben, die ich immer wieder gerne erzähle. Es geht um Arbeitsethik und ungefähr so:

In einem Hafen an der Westküste Europas schläft ein ärmlich gekleideter Fischer und wird durch das Klicken des Fotoapparates eines Touristen geweckt. Anschließend fragt der Tourist den Fischer, warum er denn nicht draußen auf dem Meer sei und fische. Heute sei doch so ein toller Tag um einen guten Fang zu machen, es gebe draußen viele Fische. Da der Fischer keine Antwort gibt, denkt sich der Tourist, dem Fischer gehe es nicht gut, und fragt ihn nach dessen Befinden, doch der Fischer hat nichts zu beklagen. Der Tourist hakt noch einmal nach und fragt den Fischer abermals, warum er denn nicht hinausfahre. Nun antwortet der Fischer, er sei schon draußen gewesen und habe so gut gefangen, dass es ihm für die nächsten Tage noch reiche. Der Tourist entgegnet, dass der Fischer noch zwei-, drei- oder gar viermal hinausfahren und dann ein kleines Unternehmen aufbauen könnte, danach ein größeres Unternehmen und dieses Wachstum schließlich immer weiter steigern könnte, bis er sogar das Ausland mit seinem Fisch beliefern würde. Danach hätte der Fischer dann genug verdient, um einfach am Hafen sitzen und sich ruhig entspannen zu können. Der Fischer entgegnet gelassen, am Hafen sitzen und sich entspannen könne er doch jetzt schon.

Ich gehe nun Schnitte machen, die die Post verschmissen hat. Es waren Originale. Das muss reichen. Für heute. ;-)

Cordiali saluti aus der Seelenheimat,
eure Sina


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