In den vergangenen Wochen, ja Monaten, habe ich versucht (wie übrigens jedes andere Unternehmen auch, die nur erfolgreich), auf allen Wegen, mit den politischen Verantwortlichen, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Für mein Projekt. Aber ich musste feststellen, dass wir fürs das Wirtschaftsministerium nicht ökonomisch genug, für das Sozialministerium nicht sozial genug und für das Finanzministerium nicht liquide genug sind. Den gesamten Prozess habe ich nicht im Blog begleitet, da ich im “schwebenden” Prozess keine Fehler machen wollte. Nachdem mein Gegenüber aber nur Buchbinder Wanniger 3.0 mit mir spielt, beendete ich heute das Spiel. Und kann euch berichten…
Eben sendete ich die letzte Mail an den Amtsleiter des bayerischen Sozialministeriums ab. Während ich auf den „Senden“-Button drücke, denke ich mir: „Wenn Stillstand der Tod ist, ist der bayerische Ministerienapparat ein Leichenschauhaus“ und lasse Vergangenes Revue passieren.
Sie bieten Dir das Gespräch an, lassen aber nicht mit sich reden.
Es war kurz nach dem Bayerischen Bürgerkulturpreis. Ende Januar wurde ich empfangen in hochrangiger Runde voller Staatssekretäre. Man bot mir das Gespräch an. Man wollte hören, wo „der Schuh“ drückt und wie die verantwortlichen Ministerien helfen könnten. Die Wirtschaft saß nicht am Tisch. Schließlich nimmt dieses Ressort uns „Tendenzunternehmen“ – die freundliche Umschreibung für Sammelsurium von Kandidaten für den 5. Arbeitsmarkt – seit Monaten nicht ernst, verzeiht, wahr.
Die Finanzen und das Soziale waren zugegen. Gesprächsbereit. Aber sie ließen nicht mit sich reden. Natürlich wisse man davon, dass viele Arbeitslose in Statistiken durch Maßnahmen versteckt würden. Selbstverständlich sei bekannt, dass man durch Arbeitslosenprojekte Weiterbildungskarrieren fördere und keine echte Arbeit. Natürlich sei hier deutlicher Bedarf an Änderung.
Aber.
Richtig, aber. Es fiele ja überhaupt nicht in ihre Zuständigkeit. Weder in die der Finanzen noch die des Sozialen. Ich sollte es doch mal in der Wirtschaft versuchen. Ach ja, und es täte ihnen wirklich aufrichtig leid, dass sie nicht mehr tun könnten. Aber schön, dass wir darüber geredet hätten.
Sie reden, und reden. Und sagen nichts.
Monate vergingen, sie redeten und wir, hier in Augsburg vor Ort, taten. 40 zusätzliche Arbeitsplätze sind in den vergangenen Wochen entstanden. Scheinbar genug, um nun interessant zu sein und ein zweites Gespräch anzusetzen.
Reise nach Jerusalem, dachte ich mir. Jedes Mal ein Stuhl weniger. Die Finanzen hatten sich ausgeklinkt, dafür war das Soziale gleich dreiköpfig dabei. Nicht, um wirklich konstruktiv zu gestalten, sondern zu – richtig – reden. Und: berichten. Man berichtete mir, dass man im Sozialministerium festgestellt hätte, dass ich „nach unserer Einschätzung alle möglichen Fördermöglichkeiten“ bereits bekäme. Und wenn diese Einschätzung fehl wäre (sprich, man wusste, dass die eigene Einschätzung Blödsinn war), dann könne man gerne einen Termin mit den örtlichen Stellen für ein, ja, wen hätte es gewundert, Gespräch, vereinbaren.
Mit „allen möglichen Fördermöglichkeiten“ umschrieb der Amtsleiter übrigens sogenannte Eingliederungszuschüsse. Ich wies darauf hin, dass wir uns vielfach um Menschen kümmern, die überhaupt nicht beim Amt gemeldet seien. „Dann müssen Sie halt die Frauen erst ins Amt schicken, um sich arbeitslos zu melden!“ antwortete Herr Amtsleiter realitätsnah. Der Staatssekretär erläuterte unglücklich weiter: „Wer nicht in der Statistik ist, existiert quasi nicht!“. Und was nicht sichtbar ist, ist kein Problem. Zumindest für die Politik. Wie einfach es doch sein könnte…
Mit Nachdruck skizzierte ich noch einmal unsere Situation auf. Mit Beispielen und Vorschlägen versuchte ich die am Tisch Sitzenden zu überzeugen, dass es großartig wäre, wenn wir ein Qualifizierungsprojekt beginnen könnten. „Wir können darüber nachdenken, ein Projekt, gefördert durch den bayerischen Fonds für Arbeitsmarktpolitik, anzugehen“, warf der Staatssekretär ein. Die Landtagspräsidentin und ich, die ihr gegenübersaß, waren erfreut. „Nicht mehr nur reden, darüber nachdenken – und angehen“, dachte ich. Das klingt gut.
Naiv zufrieden fuhr ich nach Hause und twitterte auch noch vom erfolgreich verlaufenen Gespräch. Nun ja, das war es ja.
Sie glauben fest an den Irrtum: mit Reden ist es Getan.
Die erste Mail nach diesem Gespräch vom Amtsleiter des Sozialministeriums beinhaltete das Angebot diverser Gesprächsvereinbarungen mit den örtlichen Stellen. „Verdammte Hacke, ich habe keine Zeit, dauernd zu Reden. Außerdem arbeite ich mittlerweile gut mit diesen Stellen zusammen“, dachte ich mir und gab einen fussballerischen Rückpass. Dass diese Gespräche nicht notwendig seien, schrieb ich. Und dass ich die kostbare Zeit seiner Leute lieber mit dem geplanten Projekt gestalten möchte.
Wer nicht reden will, muss fühlen.
Die zweite Mail des Herrn Amtsleiter im Sozialministerium, erreichte mich. Ich öffnete, las, und war wutentbrannt. Anstelle an unser Gespräch anknüpfender Schritte mailte er mir eine Liste von gesprächsbereiten Ansprechpartnern, die mir natürlich „gerne zur Verfügung stehen“. Darüber hinaus (als ob ich mich nicht umgehend nach unserem Termin schlau gemacht
habe), einen Link auf die Website zum Arbeitsmarktpolitischen Fonds und folgende „hilfreiche“ Ausführung:
Sobald ein gewisser Konkretisierungsgrad erreicht ist, vermittle ich gerne vertiefende Gespräche, wenn Sie dies wünschen. Um Missverständnisse zu vermeiden, bitte ich Sie zu beachten, dass zum einen die Fondsmittel nicht in Konkurrenz zur Wirtschaftsförderung treten dürfen und wir mit ihnen nicht in den Wettbewerb eingreifen dürfen. Zum anderen sind wir aufgrund des Haushaltsrechts gehindert, Maßnahmen zu fördern, die vor der Förderzusage begonnen wurden. Natürlich setzt die Förderung u.a. vorhandene Haushaltsmittel sowie eine positive Auswahlentscheidung der zuständigen Gremien voraus.
In Kürze erklärt: Vergiss es, Mädchen. In etwas länger: Wir nehmen dich durchaus ernst, deshalb sichern wir uns dreifach ab. Wir wissen, dass Du unserem Argument der Wirtschaftsförderung gute Gegenargumente bringen kannst. Deshalb möchten wir uns darauf berufen, dass nur noch nicht begonnene Projekte gefördert werden können. Aber, Mädchen, Du bist ja nicht doof. Du würdest eine neue Gesellschaft gründen. Also schieben wir noch fein säuberlich nach, dass wir dafür einfach kein Geld haben werden.
Das Schönste: Das verlinkte Projekt-Dokument so aktuell, dass ich meinen Projektantrag doch bitte bis Mai 2012 einreichen sollte. Anmerkung: Wir haben Juli. Und damit verstand ich es: „Ihr Problem ist schlichtweg, dass Sie zu schnell für die verwaltungstechnischen Prozesse sind“, begann der Amtsleiter das damalige Gespräch. Habe ich nun begriffen. Ebenso, liebe Politiker und Staatsbedienstete, dass euch Reden reicht. Um des Redens willen. Denn, wer nicht handelt, handelt sich keine Probleme ein und bleibt. Im Amt. Weil er nicht auffällt.
Die Mail ist durch. Er wird Sie am Montag im Postkasten haben und lesen. Es war meine letzte Mail. Ich bin raus. Ich will was tun.
Reden hilft doch. Mit den richtigen Leuten.
Und dennoch hat diese Geschichte ein Happy End. Immer haben wir unsere Herausforderungen und Probleme gelöst bekommen, wenn wir geredet haben. Mit euch. Und anschließend gemeinsam gehandelt. Wie derzeit mit unserem Projekt www.maschinenpaten.de.
Wenn Bürger, Firmen, kurz: wenn wir Menschen unsere Probleme nur mehr ohne Politik und Staatswesen gelöst bekommen, frage ich mich: Wofür, liebe Politiker, Staatssekretäre, Amtsleiter und Co, wofür brauchen wir euch eigentlich?
Eure Sina