Robert von @urbia teaserte eben einen Artikel an, in dem gefragt wurde: Sind Jungs heutzutage schwieriger als früher? Die Antwort ist ganz einfach: nein, sind sie nicht. Was sich allerdings geändert hat, sind zwei Dinge: die Eltern und die pädagischen Einrichtungen. Fangen wir bei dem Grundübel Nummer eins an: Eltern.
“Selbstverständlich haben wir alle Zusatzmodule gebucht, schließlich möchten wir nicht, dass bei Raphael das Sprachfenster zu geht!” Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch mit einer dieser affektierten Müttern aus unserem Kíndergarten. Das einzige, was hier zugehen sollte, ist ihr persönliches Fenster – in ihrem Kopf zieht es meiner Meinung nach gewaltig. Um vermeintliche Weichen bei ihrer ach so wohlbehüteten Brut frühestmöglich zu stellen, nehmen sie ihren Kindern die Kindheit, ja der elterliche Ehrgeiz raubt ihren Söhnen und Töchtern ein wichtiges Stück Leben: eben jenes, in dem man unbekümmert, frei von Sorgen und Gedanken, einfach machen darf. Anstelle Käfer zu sammeln, sich im Dreck zu suhlen und einfach nur zu spielen müssen sie funktionieren. Dreijährige haben heute bereits einen Freizeitstress, dem man einem Erwachsenen medizinisch raten würde, abzubauen, sonst zöge man sich im Laufe der Zeit einen Herzinfarkt zu. Dass dieser verplante Alltag, in dem jeglicher Raum für freie, kindliche Entfaltung schlicht nicht vorkommt, einem Kind, insbesondere einem Jungen, zu schaffen macht, muss nicht erklärt werden. Versucht das Kind dann aus dem Tagesablauf auszubrechen, ist er schwierig. Fährt der Kleine einen Wutanfall auf, weil es ihm schlicht reicht – verabreicht man ihm, nicht zuletzt aufgrund der eigenen Hilflosigkeit und (ja, das unterstelle ich aus Erfahrung) Bequemlichkeit, Ritalin – und weiter geht’s. Nach Plan. Elterlichem Erfolgsplan.
Neben den Eltern sind die pädagogischen Einrichtungen in meinen Augen ein weiteres Problem. Um zehn Uhr Stuhlkreis. Kollektives Kuscheln inklusive. Im Kindergarten hat man sich lieb. Kinder, besonders auch hier wieder die Buben, wissen überhaupt nicht mehr, wohin mit ihrer überschüssigen Kraft, schließlich wurde erneut die Wanderung gestrichen, weil Englisch wegen Vorschule verschoben wurde und auch das Würzburger Sprachtraining noch wartet. Kommen sich zwei mal in die Haare – was übrigens in meiner Kinderheit normal war (und ich mich immer wieder gerne mit den Buben kloppte
) - werden sogleich die Eltern informiert, dass “Marvin dem Robin eine runtergehauen” hat. Dieses “Petzverhalten” verhindert auch, dass Kinder Selbstvertrauen aufbauen und selbstständig werden. Sie machen nichts mehr untereinander aus, dürfen sie auch nicht. Nein – können sie nicht. Die stille Treppe wartet bereits beim kleinsten auffälligen Verhalten. Kinder möchten Grenzen austesten, sich messen und behaupten – wie bitte soll das in dieser verweichlichten Umgebung gehen? Ich gehe gerne einen Schritt weiter: Wie soll aus diesen armen Jungs (ja, ich nenne sie so) einmal Erwachsene werden, die ihren Mann stehen?
Auch mein Mann und ich hatten vor einigen Wochen die Entscheidung zu fällen: Schicken wir Filius auf eine Privatschule oder nicht? Grundsätzlich sprach viel für die internationale Schule: das Nachmittagsangebot und die Betreuung. Als wir den Vertrag und das Kleingedruckte in den Händen hielten, sahen wir uns an und waren uns einig: Nein. Warum? Hier stand: “Kommt es zu Handgreiflichkeiten unter den Schülern mit Beteiligung ihres Kindes, behält sich die Schulleitung vor, beteiligte Schüler selbst bei erstmaligem Vergehen ohne weitere Angabe von Gründen von der Schule zu weisen.” All diese Verwarnungen, Verbote, Androhungen machen es doch nur schlimmer: wir erziehen unsere Jungs zu tickenden Zeitbomben, wenn ich es so drastisch ausdrücken darf. Wir schüchtern sie ein und stellen sie still. Denkt mal darüber nach, was heute mit einem Michel von Lönneberga wäre? Wir würden ihn wieder treffen: in einem Erziehungscamp für Schwererziehbare.
Alles in allem machen es sich Eltern und Pädagogen oft zu einfach: Funkioniert das Kind zu Hause nicht, geben die überforderten Eltern ihre Pflicht ab an pädagogisches Personal. Pflegt der Bub einmal im Monat einen Wutanfall im Kindergarten, wird es der Erzieherin zu viel und rät, das Kind doch in eine Ergotherapie zu stecken. Und so weiter, und sofort… Kinder, und hier eben aufgrund ihres Bewegungsdranges vornehmlich Buben, werden weitergereicht. Mit jeder Station kranker geredet. Das muss sich ändern.
Ob unser Sohn brav ist? Manchmal. Manchmal auch nicht. Und gelegentlich richtig wütend. In solchen Momenten ziehen wir ihm die Jacke an, und gehen mit ihm radeln. Nach zehn Minuten ist der Zorn veflogen. Nach einer halben Stunde ist er bestens gelaunt. Und nach einer Stunde fix und fertig und schläft fast über seinem Eis ein.
Eure Sina
Papa-Kind und Sohn-Mama




















