Archiv für die Kategorie ‘Hinter den Kulissen’

Schmucke Teile – aus Augsburg!

Kurz nach neun abends. Früher haben Selbstständige keine Zeit. Umso entspannter war gestern Abend unser Shooting. Wen ich vor der Linse hatte? Tatatata – manomama prowdly presents: meine Goldschmiedefamilie. Patrick Bartel – mit Papa, Schwester, Frau und Nachwuchs. Drei Generationen betreiben die Alte Silberschmiede in Augsburg. Jene Manufaktur, mit der wir ab heute sauberen Schmuck herstellen.

Tja, aber was genau ist sauber? Eigentlich wollte ich unbedingt – war klar – fairtrade Silber. Völlig unverständlich sieht mich Patrick an und sagt: „Wieso das denn?“ „Weil das sauber ist. Ordentliche Abbaubedingungen, faire Löhne“, erwidere ich. „Aber ökologisch ist was anderes!“, erklärt mir Patrick. Und er hat recht: Um feinen Silberschmuck herstellen zu können, ist faitrade Silber heutzutage Nonsens. Nur sehr wenig wird davon abgebaut, man kann fast von einem Monopol sprechen. Die Ware ist dann nicht in die Regelkreisläufe einfliessbar, weil Scheideanstalten sonst ihre Zertifizierungen verlören. „Ah, wegen den dummen ISO-Dingern also sollten wir kein fairtrade Silber verwenden“, frage ich fast etwas verärgert. „Nein,“ sagt Patrick. „Das ist nur Nebeninfo“. In erster Linie brauchen wir überhaupt kein neues Metall abzubauen. „Die heutige Generation ist die der Erbenden. Sie tragen in Unmengen altes Silberbesteck und Ähnliches zurück in Scheideanstalten. Lass uns recyceltes Silber nehmen. So schädigen wir durch erneuten Abbau überhaupt keine Umwelt und sichern Arbeitsplätze in den deutschen Scheideanstalten!“ Klingt so einfach wie einleuchtend. Und auch unsere Scheideanstalt freut sich, dass die Alte Silberschmiede ihnen für das Projekt treu bleibt. Dürfen sie auch, schließlich verwenden sie keinerlei „frisches Material“. Ausschließlich Altsilber legieren sie neu. Ein geschlossener Recyclingkreislauf, Nachhaltigkeit at its best.

Auch bei unseren Lederarmbändern gehen wir neue Wege: Dass das Leder vegetabil gegerbt, aus Bayern, unbehandelt etc. ist, wisst ihr sicherlich. Dass wir Leder, damit es sich angenehm auf der Haut trägt und Schweiß abkann, kaschieren mit naturbelassenem, weichem, pflanzlich gegerbten Futterleder, ist neu. Und wie bringen wir die beiden „Lappen“ zusammen? Konventionell würde sich nun ein 2-Komponenten-Kleber oder irgendein PU-Kunststoff-Klebstoff freuen (übrigens auch im Biobereich!). Aber nicht bei uns: Wir haben lange getestet, wie wir das Zeug auf das Leder bekommen und dann beide zusammen. Es hält – mit Naturlatex aus der Bioplantage. Schluss um mit einem Baumwollzwirn sauber vernäht und fertig ist das erste ökosoziale Schmuckstück, manufactured in Augsburg.

Wir wünschen euch viel Freude mit unserer kleinen, aber feinen Startkollektion, rund um Armbänder. Alle Modelle sind gleichermaßen für Männer wie Frauen geeignet und sehen wirklich toll aus: eine verspielte „ewige Acht“ als Zeichen für Nachhaltigkeit, oder – für klassische Designliebhaber – unsere Plate. Aber erschreckt nicht: Wir sparen nicht am Material. Damit ihr „massive“ Freude an eurer neuen Handgelenkszierde habt.

Hier gehts direkt zu unserer ersten Augsburger Schmuckkollektion: http://www.manomama.de/kollektion/schmuck

Eure Sina & euer Patrick

P.S.:
Wenn ihr es noch nicht macht, folgt doch der Alten Silberschmiede auf Facebook. Die können noch viel mehr…. http://www.facebook.com/die.alte.silberschmiede

Zurück in die Zukunft.

Es war Janina, die lavita-Moderatorin des Bayerischen Rundfunks, die mit mir in einer Drehpause neben der Schwenkstanze einen Kaffee trank und mit „Stanzabfällen“ herumspielte. „Was macht ihr eigentlich mit dem restlichen Leder, wenn die Taschen ausgestanzt sind? Und diese Streifen da, wenn ihr die großen Taschenteile ausschneidet? Für eine zweite Tasche reicht es ja nicht und für einen Gürtel ist es zu kurz. Hm?“ fragte sie mich. „Momentan sammeln“, erwiderte ich. „Das Leder ist viel zu kostbar, es wegzuschmeißen!“. „Warum macht ihr daraus nicht schicken Schmuck?“ fragte sie und Kameramann Raimund unterbrach uns. Es ging weiter.

Frau Anners Feingefühl für Formen ist es zu verdanken, dass unsere Schmuckstücke toll aussehen: sie nämlich kümmert sich seit Jahren um den Formenbau und die Wachsteilherstellung.

Am Abend in einer ruhigen Minute saß ich auf der Terrasse und erinnerte mich an Janinas Idee. Warum eigentlich nicht?, fragte ich mich und entwickelte erste Ideen. Zeichenblock und Bleistift. Drei Stunden später stand das Konzept, und ich wusste an diesem Abend noch nicht, wie gut die Idee eigentlich war.

„Na endlich rufen Sie an“, erzählt die Stimme am anderen Ende der Leitung. Die Stimme gehört Patrick, Goldschmid und Inhaber der Alten Silberschmiede in Augsburg. Die nämlich ist mir eingefallen, als ich darüber nachdachte, wer in der Region mir helfen kann in Sachen Schmuck.

Was viele nicht wissen: Augsburg war, neben der Textilhochburg im vergangenen Jahrtausend, auch Weltstadt der Gold- und Silberschmiede. Zu Zeiten der Fugger und Welser. Lange her also. Lange her ist auch der Glanz, den man mit diesem Handwerk in Augsburg verbindet. Dem Press- und Stanz-Schmuck aus asiatischer Massenproduktion (verzeiht, aber so ist es nun mal) sei Dank.

Goldschmidmeister Schneider gibt unseren Kollektionsteilen den letzten Feinschliff. Jedes einzelne wird händisch fertiggestellt.

„Vor zwei Jahren haben meine Schwester und ich die Alte Silberschmiede von meinen Eltern übernommen. Viele Außenstehende sagten: „Patrick, jetzt habt ihr die Möglichkeit, euch freizuschwimmen. Haut die Werkstatt  weg, schließt die Gießerei und macht‘ euer Geld mit modernem Trendschmuck!“ Aber das war es für mich einfach nicht. Wenn ich meinen Vater, mittlerweile 70, in der Werkstatt sehe, dann sehe ich ein Erbe, das wir weitertragen müssen. Und möchten.

Ich glaube an Handwerk, und ich glaube ebenso daran, dass es irgendwann wieder eine Chance bekommt auf dem breiteren Markt. Ich möchte nämlich nicht meine 7 Goldschmiede nach Hause schicken. Ich möchte, dass sie ihr Handwerk ausführen und weitertragen!“ erzählt Patrick mit fester Stimme und voller Überzeugung.

Solche Sätze kommen mir bekannt vor. Handwerk stützen, Menschen einen sichere Arbeitsplatz schaffen, der ihnen Spaß bereitet. Man braucht keine große Phantasie, um zu wissen, dass dieses Gespräch die Stunde null für uns beide war. Gleichzeitig der Beginn für die erste kleine, aber feine Schmuckkollektion von manomama und der Alten Silberschmiede.

Während ich euch diese Geschichte hier schreibe, ist Patrick bei seinen Meistern in der Werkstatt und legt noch mal die Feile an. Damit unsere beiden ersten Modelle nächste Woche richtig glänzen. Seid gespannt!

 

Konferenz der Nachhal(l)tigkeit.

Donnerstag, 23. Juni 2011 2 Kommentare »
Abgelegt unter Hinter den Kulissen, Sinas private Gedanken

Ob Generalprobe, oder Premiere: Ihr habt das prima gemacht!

„Ui, ich kenne das aus dem Fernsehen!“ beschreibt Gertrud den ersten Blick, als sie aus dem Hauptbahnhof Berlin tritt. Das Reichstagsgebäude, das Kanzleramt – kurz, die Hauptstadt-Skyline beeindruckt meine Mitarbeiter merklich. „Wisst ihr was?“, sage ich. „Heute machen wir die Generalprobe und morgen sind wir ja erst um 16.30 dran. Ihr könnt euch bis 15 Uhr einen schönen Tag in Berlin machen!“.

‚Ja‘, denke ich mir, ‚ich freue mich‘. Jahreskonferenz des Nachhaltigkeitsrats. Klingt high-class. Ist high-class. Das Who-is-Who der Wirtschaft und Politik wird sich einfinden und über Nachhaltigkeit „referieren“. Ich bin gespannt. Was ich nicht wusste: Im Laufe des Tages so gespannt zu sein, dass ich schier platze. Diese nachträgliche Erkenntnis begleitet Stefan mit einem milden Lächeln. „Was hast Du erwartet?“ wird er mich auf der Rückfahrt fragen. Und ich werde ihm antworten: „Genau das, was ich erlebte. Aber ich wollte überrascht werden!“.

Die Generalprobe verläuft reibungslos. Liegt auch daran, dass der Rat ein wundervolles Team, allen voran Tobias Ruderer und Yvonne Zwick, die uns betreuen, zusammengestellt hat. Yvonne ist es auch, die meinem Team und mir tolle Abende in leckeren Restaurants dank ihrer Tipps ermöglicht.

Britta Steffenhagen, gut gelaunt dur den Moderationsmarathon

Am nächsten Morgen trennen sich unsere Wege: mein Team erkundet Berlin, ich bin auf dem Weg ins Tempodrom. Leise betrete ich den Hauptsaal, hat die Konferenz schon begonnen. Ein bisschen stolz werfe ich einen Blick auf das Moderatorenteam: Britta Steffenhagen und Volker Wieprecht, die nicht nur einen guten Job machten, sondern auch blenden aussahen. (Anm. d. Red.: Achtung, Produktplacement ;) ).

Und dann kommt, was kommen musste. Nein, Frau Merkel ist erst nächster Programmpunkt. Vorsitzender des Rats, Hans-Peter Repnik (CDU) dankt in nahezu überschwänglicher Weise seiner Kanzlerin: „Heute nehmen wir mit Freude zur Kenntnis, dass Sie den Ausstieg ermöglichen!“ Nachhaltigkeit hat für mich etwas mit Ehrlichkeit zu tun. Eine solche Lüge empfinde ich einen Schlag ins Gesicht all derer, die aufgestanden sind und auf der Straße ihren Unmut kundtaten. Jene Menschen, die sich sichtbar dafür engagierten und die Regierung förmlich dazu gezwungen haben, den Atom-Einstieg (ja, das sollte man bitte nicht vergessen), rückgängig zu machen.

„Merkel spricht und ich geniesse die Luft draussen. Aus Gründen.“,

twittere ich. Auf dem Weg nach draußen überreicht mit Herbert (Name geändert) seine Visitenkarte. „Och Gott, wieder einer dieser Werber“, denke ich. Und weit gefehlt, wie er mir erklärt. Er sei CSR-Consultant, einer von den guten. Einer derer, die Nachhaltigkeit in Unternehmen brächten. Er wisse, was er täte, schließlich würde er sich mit der Materie schon fünf Jahre wissenschaftlich auseinandersetzen. Und außerdem wären die Honorare seiner Abteilung deutlich unter denen, die seine kreativen Kollegen „abrufen könnten“. Das ist mal ein Argument, denke ich mir.
„Nachhaltigkeit kann man sich nicht extern kaufen, es muss im Inneren des Unternehmens, von unten an, entstehen!“, erwidere ich. Die darauffolgenden 10 Minuten erklärt er mir en Detail, warum es genau anders herum sein wird. Schön.

„Wie fandest Du die Worte von Umweltminister Röttgen?“, fängt mich ein junger Mann ab, der sich um Nachhaltigkeitsrankings kümmert. „Nichtsssagend!“, sage ich. „Nein, also der Meinung bin ich nicht. Ich finde, er hat es getroffen“, erwidert er. Freundlich verabschiede ich mich und muss fast schon schmunzeln. Der alte Journalistenwitz durchkreuzt meinen Kopf.

Kommt ein Journalist zu spät zur Pressekonferenz des Politikers. „Verdammt, was hat er gesagt?“ „Nichts!“ „Ja, aber wie hat er es diesmal formuliert?“.

Endlich draußen. Mittlerweile leicht angesäuert. Schnappe mir eine Tasse Kaffee und mag die in Ruhe genießen. Treffe „Alt-Bekannte“ und neue Gesichter. Die beiden jungen Studentinnen zum Beispiel, die Visionen pflegen, und mir erklären, dass man alles genau diskutieren muss. Machen sei nicht einfach, nein, es ginge eigentlich gar nicht. Allein bei diesem Satz denke ich mir: „Was, verdammt nochmal, machst Du dann seit einem Jahr? Nichts?“ Viel erschreckender empfinde ich jedoch die Tatsache, dass junge Menschen, die die Aufbruchsstimmung in eine neue Wirtschaft durch „Machen“ ernsthaft nutzen könnten, reden, labern. Diskutieren. Verwerfen. Wieder formulieren. Wäre dies das Verhalten eines 55jähigen Managers, würde ich sagen: „Okay, schwierig über den Schatten zu springen nach so vielen Jahren konventionellen Wirtschaftens!“ Aber sie sind nicht einmal halb so alt, und haben in ihren jungen Jahren schon erkannt: reden ist einfacher denn handeln. Na prima.

Henryk M. Broder, mein persönliches Highlight.

Ich wende mich ab, suche mir eine Ecke und grummele vor mich hin. Schimpfe in mich hinein. Wer mich kennt, weiß, dass mein Temperament mir gerne einmal durchgeht. In diesem Fall geht es durchs Mikro. Das hing über mir. Gegenüber steht ein weißbärtiger Mann, in alter russischer (oder DDR-) Uniform. Er fragt mich: „Was machen Sie hier?“ „Ich bin auf der Suche nach Nachhaltigkeit!“ erwidere ich. „Dann haben wir schon etwas gemeinsam!“, antwortet er. Henryk M. Broder. Für Getroffene ist er fieser Giftzwerg, für die anderen brillanter Provokateur und Chirurg, der am Herzen der Societas mit ruhiger Hand gezielte Schnitte setzt. Für mich ist er persönliches Highlight in der weichgespülten Veranstaltung. Wir unterhalten uns köstlich, vor und hinter der Kamera.

Die Wege von Henryks Team und mir trennen sich, da wir nun dran sind. Mein Team. Auf der Bühne. Geplant ist eine Modenschau, die ich materialtechnisch kommentieren soll. Geht einfach nicht, denke ich mir.

„Und die @manomama redet Tacheles! Sie kann gar nicht anders! Sehr erfrischend #rne11“,

schreibt @jormason auf Twitter.

Ja, ich kann nicht anders. Ich kann nicht mitspielen. Nicht dieses Spiel, das abgekartete. Die Regeln sind einfach: Gemeinsam blafaselt man von Nachhaltigkeit, ohne überhaupt zu wissen, wie sie definiert wird. Gemeinsam optimiert man PR-wirksam Falsches, anstelle den Mut aufzubringen, das Richtige zu beginnen. Gemeinsam shaked man sich die Hände und klopft sich auf die Schultern.

„Wir haben uns einen Cutter angeschafft, der 50% weniger Energie verbraucht“, gibt ein namhafter Fleischverarbeiter ökorrekt in einem Interview zu Protokoll. Man kann auch sagen: bei gleichem Stromverbrauch kann er nun doppelt so viel Massenware produzieren. Das Interview finde ich, als ich den Namen googelte. Warum? Weil er mir seine Visitenkarte auf der Nachhaltigkeits-Veranstaltung überreichte. Zur Suchmaschine griff ich erst, als eben jener Name mir als Antithese in Thilo Brodes (foodwatch) Buch „Die Essensfälscher“ ins Auge sprang. Aber das ist eine andere Geschichte.

Eure Sina

Was sonst noch geschah:
Eine Bierlänge unterhalte ich mich mit dem Generalsekretär des Nachhaltigkeitsrats, Herrn Dr. Bachmann. Je mehr Worte wir wechseln, umso heller wird meine Laune. Kritischer Geist, toller Gesprächspartner, angenehmer Bier-Mittrinker.

Ich genieße ein Mittagessen in Gesellschaft eines Lobbyisten. Hätte meinen Arsch darauf verwettet, dass das niemals passieren würde. Aber: das sind auch nur Menschen. Zuweilen sogar sehr nette.

Britta und Volker, die beiden Moderatoren haben den Konferenzmarathon wirklich klasse gemeistert.

Unvergesslich: Dirks & Wirtz – die beiden Gitarren-Virtuosen.

“Zackeldi, a guatr Fadn”

In Bayern, genauer gesagt, in Buttenheim bei Bamberg, begann einst der Siegeszug der Jeans. Levi Strauss erfand hier die Jeans. Die Ur-Jeans. Die robuste Arbeiterhose hat sich im Laufe der vergangenen 150 Jahre zu einem Fashion-Musthave entwickelt. Heute sind Jeans tagtäglicher Begleiter – aber auch aufgrund der „Veredelungen“ – so ziemlich das schädlichste Textil, was man herstellen und tragen kann.

„Wir bringens wieder heim“ ist ja mein Motto. Und wir haben es wieder nach Hause gebracht: die Jeans. Aber von vorne. Vor ziemlich genau 9 Monaten habe ich begonnen, alles in die Wege zu leiten, um wieder eine Ur-Jeans produzieren zu können. Das aber ist gar nicht so einfach. Allein einen Weber zu finden, der meine Anforderungen erfüllen kann, war fast ein Ding der Unmöglichkeit. Überall, wo ich fragte, hieß es: „Nein, geht nicht. Nein, können wir nicht machen, nein ohne die (modernen) Mittel können wir nicht weben!“. Und gestern sind dennoch die ersten Meter komplett unbehandelten Denims vom Webstuhl gegangen. Ohne Schlichtungsmittel, was man beim Weben unbedingt bräuchte. Ohne zusätzliche Appreturen, die das Garn robuster machten. (Wir haben schlichtweg Zwirn zum Weben genommen, der stabiler ist). Kurz: ich hab‘ die Profis gefunden, die alte Webtechniken auf einer neuen Maschine noch beherrschen. Im Museum nämlich. Ja, unsere Jeans kommt aus dem Textilmuseum in Augsburg. Gewoben von sehr erfahrenen Webmeistern, einige davon schon längst in Rente. Diese Herren haben mir gestern gezeigt, dass es geht.

„Des machma scho“, sagt Arthur, einer der Webmeister, immer. Oder „Des kriag ma scho“. Und er hat bis heute stets Recht behalten. „Zackeldi, die Kette dreht wia Sau!“ ruft Herr Thoma und schnell eilen die beiden anderen Weber hinzu. Zu dritt wird geschlagen und geknüpft, gezupft und gebürstelt. Und dann liegt sie wieder, die Kette. Arthur dreht sich zu mir und – richtig – „sag i doch, des kriag ma scho!“.

Und dann läuft er, der Webstuhl. Völlig fasziniert stehe ich auf der andern Seite des Stuhls und sehe zu, wie Millimeter für Millimeter eine 3-1-Köper, die klassische Denim-Webknüpfung entsteht. „Mir genga jetzt in Pause“, winkt mir Herr Thoma zu und lädt mich auch auf eine Tasse Kaffee ein. „Moment, und wenn da ein Faden bricht?“, frage ich. „Des Garn is guat, des bricht ned“, erwidert er mir und verabschiedet sich mit einem Lächeln in den Pausenraum.

„Das Garn ist gut“ denke ich bei mir, und muss lachen. Was war das für eine Anstrengung. Garner hier zu finden ist machbar, aber Zwirner? Heute wird in Deutschland, wenn überhaupt, nur noch Polyester verzwirnt. Keiner der Zwirnereien hat Lust, die „staubige“ Naturfaser im gleichen Raum zu verzwirnen, schließlich saut man sich die gesamte Charge Polyester ein. Ich machte mich auf die Suche. Zwischendrin wollte ich sogar mit Arthur „handeln“. „Können wir nicht ein Garn verweben, muss es unbedingt ein Zwirn sein?“ (Anm.: Ein Zwirn ist sind zwei stark in sich gedrehte Garne) „Nein.“ Kurz und bündig war seine Antwort. In Sachen Qualität macht Arthur nämlich keinerlei Kompromisse. Schließlich soll sie langlebig sein. Und so fand ich nach weiteren Monaten den Zwirner, der, wie Herr Thoma feststellte: „Zackeldi, a guatr Fadn“ war.

Tja, und der „gute Faden“ ging gestern zum ersten Mal durch den Greifer. Die ersten 7 Meter haben wir abgewoben, abgenommen – und ich war völlig überrascht. Das, was ich in der Hand hielt, war ein 100% ökologischer, angenehmer, griffiger Stoff, ohne jegliche Hilfsmittel und Appreturen. Das, was ich in der Hand hielt, hat so überhaupt nichts mit dem zu tun, was wir heute in Sachen Jeans tragen. Meine Überraschung hat Arthur gesehen, kam zu mir und grinste: „Des, was da hosch, is a Stoff. Des, was mir tragn, is von vornherein a kaputter Fetzn.“ Und er hat Recht. Und: so soll es bleiben. Dieser Stoff wird so verarbeitet, wie er ist: weder gebleicht, noch stonewashed, gebimst oder sandgestrahlt. Er wird nicht geäzt oder nachgefärbt, gelaugt oder gekocht. Es wird eine Jeans, die zwei Geschichten hat: die ihre, und im Laufe der Jahre, die ihr sie tragt, die eure.

Liebe Grüße
Sina

Den Spinnern gehört die Welt!

Montag, 28. März 2011 2 Kommentare »
Abgelegt unter Hinter den Kulissen, Menschen für manomama

Zumindest gehörte die Welt eben jenen Menschen einmal in Augsburg. Meine Stadt war die Stadt der Spinner und Weber. Heute noch ist mein Lieblingsplatz vor der ehemaligen Kammgarn-Spinnerei im Textilviertel. Hier riecht man förmlich noch die alten Zeiten und hier war es auch, als ich die Idee hatte, wieder zu spinnen. Es gibt nämlich in Deutschland so gut wie keine Naturfaser-Spinnerei mehr. Die noch übrig gebliebenen Spinnereien sind in Weltmarkt-Konkurrenz und haben sich auf die Produktion von absoluten High-Tech-Garnen spezialisiert. Außerdem ist es mein Traum, wieder ALLES in Augsburg und Umgebung produzieren können – die gesamte Vorstufe. Ging ja früher auch.

Nachdem wir nun Hanf, Leinen und weitere Naturfasern aus Süddeutschland verarbeiten möchten, macht es auch keinen Sinn, unsere Rohwaren nach Asien zu verschiffen, um dort dann ein Garn zurückzubekommen. Und wer uns nun ein bisschen kennt, weiß, dass wir so verrückt sind – und spinnen.

Aber, bevor man ans spinnen denkt, sollte man wissen, wie es geht ;-) Deshalb habe ich vergangenes Wochenende den Herrn Hirsch besucht. Er baut mit seiner Firma seit über 30 Jahren Spinnmaschinen. Mit 65 Jahren ist er ein wandelndes Spinn-Lexikon. Für viele, große Konzerne hat er schon die besten Rezepturen gefunden. Naja, und dann komme ich mit meinem Naturzeugs. Überrascht war Herr Hirsch nicht. Im Gegenteil: „Da werma scho was Gscheits drauß macha!“, sagt er.

Geduldig erklärt er meinem Filius und mir, wie man aus einer Handvoll Flusen ein Garn macht. Eigentlich überhaupt nicht schwer. Man steckt die Lunte (so nennt man den Kammzug des Fasermaterial, das aussieht wie eine „Wattewurst“) unten rein, über den Zylinder werden die Fasern quasi zentrifugiert und oben kommt ein Garn heraus, welches aufgespult wird.

Was hingegen ziemlich viel Erfahrung und Übung bedarf ist die Einstellung der Maschine – und der Zylinder. Schon kleine Veränderungen lassen aus den Fasern kein Garn werden. Eine Mischung aus Ausprobieren und Glückssache bei mir, routinierte Handgriffe und Erfahrung beim Herrn Hirsch. Damit ich die Maschine zum laufen bekomme, darf man gerne mal ein Stündchen einrechnen, wie schnell beim Herrn Hirsch das geht, zeigt dieser kleine Video:

Nach zwei Stunden haben wir unsere erste Spinn-Lehrstunde abgebrochen. Es zwar schlichtweg “saukalt”. Wie es aber weitergeht? Gemeinsam mit dem Herrn HIrsch tüfteln wir an Naturfaser- und Recyclinggarnen und an den nächsten Schritten, wie eine kleine Spinnerei in Augsburg aussehen kann. Das nämlich ist das Ziel.

Liebe Grüße aus der Produktion,
eure Sina


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