
Ob Generalprobe, oder Premiere: Ihr habt das prima gemacht!
„Ui, ich kenne das aus dem Fernsehen!“ beschreibt Gertrud den ersten Blick, als sie aus dem Hauptbahnhof Berlin tritt. Das Reichstagsgebäude, das Kanzleramt – kurz, die Hauptstadt-Skyline beeindruckt meine Mitarbeiter merklich. „Wisst ihr was?“, sage ich. „Heute machen wir die Generalprobe und morgen sind wir ja erst um 16.30 dran. Ihr könnt euch bis 15 Uhr einen schönen Tag in Berlin machen!“.
‚Ja‘, denke ich mir, ‚ich freue mich‘. Jahreskonferenz des Nachhaltigkeitsrats. Klingt high-class. Ist high-class. Das Who-is-Who der Wirtschaft und Politik wird sich einfinden und über Nachhaltigkeit „referieren“. Ich bin gespannt. Was ich nicht wusste: Im Laufe des Tages so gespannt zu sein, dass ich schier platze. Diese nachträgliche Erkenntnis begleitet Stefan mit einem milden Lächeln. „Was hast Du erwartet?“ wird er mich auf der Rückfahrt fragen. Und ich werde ihm antworten: „Genau das, was ich erlebte. Aber ich wollte überrascht werden!“.
Die Generalprobe verläuft reibungslos. Liegt auch daran, dass der Rat ein wundervolles Team, allen voran Tobias Ruderer und Yvonne Zwick, die uns betreuen, zusammengestellt hat. Yvonne ist es auch, die meinem Team und mir tolle Abende in leckeren Restaurants dank ihrer Tipps ermöglicht.

Britta Steffenhagen, gut gelaunt dur den Moderationsmarathon
Am nächsten Morgen trennen sich unsere Wege: mein Team erkundet Berlin, ich bin auf dem Weg ins Tempodrom. Leise betrete ich den Hauptsaal, hat die Konferenz schon begonnen. Ein bisschen stolz werfe ich einen Blick auf das Moderatorenteam: Britta Steffenhagen und Volker Wieprecht, die nicht nur einen guten Job machten, sondern auch blenden aussahen. (Anm. d. Red.: Achtung, Produktplacement
).
Und dann kommt, was kommen musste. Nein, Frau Merkel ist erst nächster Programmpunkt. Vorsitzender des Rats, Hans-Peter Repnik (CDU) dankt in nahezu überschwänglicher Weise seiner Kanzlerin: „Heute nehmen wir mit Freude zur Kenntnis, dass Sie den Ausstieg ermöglichen!“ Nachhaltigkeit hat für mich etwas mit Ehrlichkeit zu tun. Eine solche Lüge empfinde ich einen Schlag ins Gesicht all derer, die aufgestanden sind und auf der Straße ihren Unmut kundtaten. Jene Menschen, die sich sichtbar dafür engagierten und die Regierung förmlich dazu gezwungen haben, den Atom-Einstieg (ja, das sollte man bitte nicht vergessen), rückgängig zu machen.
„Merkel spricht und ich geniesse die Luft draussen. Aus Gründen.“,
twittere ich. Auf dem Weg nach draußen überreicht mit Herbert (Name geändert) seine Visitenkarte. „Och Gott, wieder einer dieser Werber“, denke ich. Und weit gefehlt, wie er mir erklärt. Er sei CSR-Consultant, einer von den guten. Einer derer, die Nachhaltigkeit in Unternehmen brächten. Er wisse, was er täte, schließlich würde er sich mit der Materie schon fünf Jahre wissenschaftlich auseinandersetzen. Und außerdem wären die Honorare seiner Abteilung deutlich unter denen, die seine kreativen Kollegen „abrufen könnten“. Das ist mal ein Argument, denke ich mir.
„Nachhaltigkeit kann man sich nicht extern kaufen, es muss im Inneren des Unternehmens, von unten an, entstehen!“, erwidere ich. Die darauffolgenden 10 Minuten erklärt er mir en Detail, warum es genau anders herum sein wird. Schön.
„Wie fandest Du die Worte von Umweltminister Röttgen?“, fängt mich ein junger Mann ab, der sich um Nachhaltigkeitsrankings kümmert. „Nichtsssagend!“, sage ich. „Nein, also der Meinung bin ich nicht. Ich finde, er hat es getroffen“, erwidert er. Freundlich verabschiede ich mich und muss fast schon schmunzeln. Der alte Journalistenwitz durchkreuzt meinen Kopf.
Kommt ein Journalist zu spät zur Pressekonferenz des Politikers. „Verdammt, was hat er gesagt?“ „Nichts!“ „Ja, aber wie hat er es diesmal formuliert?“.
Endlich draußen. Mittlerweile leicht angesäuert. Schnappe mir eine Tasse Kaffee und mag die in Ruhe genießen. Treffe „Alt-Bekannte“ und neue Gesichter. Die beiden jungen Studentinnen zum Beispiel, die Visionen pflegen, und mir erklären, dass man alles genau diskutieren muss. Machen sei nicht einfach, nein, es ginge eigentlich gar nicht. Allein bei diesem Satz denke ich mir: „Was, verdammt nochmal, machst Du dann seit einem Jahr? Nichts?“ Viel erschreckender empfinde ich jedoch die Tatsache, dass junge Menschen, die die Aufbruchsstimmung in eine neue Wirtschaft durch „Machen“ ernsthaft nutzen könnten, reden, labern. Diskutieren. Verwerfen. Wieder formulieren. Wäre dies das Verhalten eines 55jähigen Managers, würde ich sagen: „Okay, schwierig über den Schatten zu springen nach so vielen Jahren konventionellen Wirtschaftens!“ Aber sie sind nicht einmal halb so alt, und haben in ihren jungen Jahren schon erkannt: reden ist einfacher denn handeln. Na prima.

Henryk M. Broder, mein persönliches Highlight.
Ich wende mich ab, suche mir eine Ecke und grummele vor mich hin. Schimpfe in mich hinein. Wer mich kennt, weiß, dass mein Temperament mir gerne einmal durchgeht. In diesem Fall geht es durchs Mikro. Das hing über mir. Gegenüber steht ein weißbärtiger Mann, in alter russischer (oder DDR-) Uniform. Er fragt mich: „Was machen Sie hier?“ „Ich bin auf der Suche nach Nachhaltigkeit!“ erwidere ich. „Dann haben wir schon etwas gemeinsam!“, antwortet er. Henryk M. Broder. Für Getroffene ist er fieser Giftzwerg, für die anderen brillanter Provokateur und Chirurg, der am Herzen der Societas mit ruhiger Hand gezielte Schnitte setzt. Für mich ist er persönliches Highlight in der weichgespülten Veranstaltung. Wir unterhalten uns köstlich, vor und hinter der Kamera.
Die Wege von Henryks Team und mir trennen sich, da wir nun dran sind. Mein Team. Auf der Bühne. Geplant ist eine Modenschau, die ich materialtechnisch kommentieren soll. Geht einfach nicht, denke ich mir.
„Und die @manomama redet Tacheles! Sie kann gar nicht anders! Sehr erfrischend #rne11“,
schreibt @jormason auf Twitter.
Ja, ich kann nicht anders. Ich kann nicht mitspielen. Nicht dieses Spiel, das abgekartete. Die Regeln sind einfach: Gemeinsam blafaselt man von Nachhaltigkeit, ohne überhaupt zu wissen, wie sie definiert wird. Gemeinsam optimiert man PR-wirksam Falsches, anstelle den Mut aufzubringen, das Richtige zu beginnen. Gemeinsam shaked man sich die Hände und klopft sich auf die Schultern.
„Wir haben uns einen Cutter angeschafft, der 50% weniger Energie verbraucht“, gibt ein namhafter Fleischverarbeiter ökorrekt in einem Interview zu Protokoll. Man kann auch sagen: bei gleichem Stromverbrauch kann er nun doppelt so viel Massenware produzieren. Das Interview finde ich, als ich den Namen googelte. Warum? Weil er mir seine Visitenkarte auf der Nachhaltigkeits-Veranstaltung überreichte. Zur Suchmaschine griff ich erst, als eben jener Name mir als Antithese in Thilo Brodes (foodwatch) Buch „Die Essensfälscher“ ins Auge sprang. Aber das ist eine andere Geschichte.
Eure Sina
Was sonst noch geschah:
Eine Bierlänge unterhalte ich mich mit dem Generalsekretär des Nachhaltigkeitsrats, Herrn Dr. Bachmann. Je mehr Worte wir wechseln, umso heller wird meine Laune. Kritischer Geist, toller Gesprächspartner, angenehmer Bier-Mittrinker.
Ich genieße ein Mittagessen in Gesellschaft eines Lobbyisten. Hätte meinen Arsch darauf verwettet, dass das niemals passieren würde. Aber: das sind auch nur Menschen. Zuweilen sogar sehr nette.
Britta und Volker, die beiden Moderatoren haben den Konferenzmarathon wirklich klasse gemeistert.
Unvergesslich: Dirks & Wirtz – die beiden Gitarren-Virtuosen.