“Jeden Sonntag auf Augsburg, und freitags zurück” – ich kann mich gut erinnern, wie mein Opa erzählte, dass er, kurz nach dem Krieg, zu Fuß von seinem Heimatort Raustetten bis nach Neusäss (rund 60 km) gelaufen ist, um dort im Sägewerk zu helfen. Solange, bis das eigene wieder funktionsfähig war und die örtliche Produktion erneut begann. Meine Oma stärkte die ganze Familie mit Deftigem aus der eigenen Dorfwirtschaft.
Damals schien die Welt noch “in Ordnung”: produziert wurde, wo konsumiert wurde. Ein bisschen mehr als benötigt. “Schließlich braucht es jeden Tag ein kleinen Luxus!” waren die Worte meines Opas. Einmal im Jahr auch ein großer: da bestellte er den Juwelier ins Haus und meine Oma durfte sich “ebbs Scheas” aussuchen. Warum ich das erzähle? Weil ich erinnern möchte, dass in der Zeit, in der Globalisierung noch nicht erfunden war, auch schon gut gelebt wurde. Vielleicht sogar besser.
Das Sägewerk dient heute noch zur Selbstversorgung aus dem eigenen Wald. Meine Tante führt die Dorfwirtschaft weiter. Sie bietet, wie einst meine Oma und deren Mutter, auf der Karte, was die selbst bewirtschafteten Flächen hergibt: Gemüse aus dem eigenen Garten, Wurst- und Fleischwaren (vom gemeinen Hausschwein bis hin zu edlem Wild), Forellen aus dem Weiher, Eier von den Hennen hinterm Sägewerk, Backwaren mit Getreide von verpachteten Feldern. Einzig Milchprodukte wurden schon immer vom Nachbarhof geholt.
“Do koa edrzeit a Kriag kimma, os passiert nix!”, ist selbst die Rede meiner Mutter. Und sie hat recht: diese radikale Lokalisierung bringt viel Arbeit und wenig Bequemes, schafft dafür absolute Unabhängigkeit – und Freiheit.
Heute schieben wir derartigen Lifestyle in die Schiene einer verklärten “Sozial-Romantik” und das steht unserer hochtechnisierten, modernen und entwickelten Gesellschaft nicht (mehr). Ginge ja auch gar nicht, werden rationale Geister argumentieren. Stimmt auch. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder nahezu selbstversorgerisch handeln würde, auf dem Wochenmarkt seine Überschüsse und Selbstgebasteltes darböte? Sind doch viel zu viele Menschen, die versorgt werden müssten. Richtig ist, dass deutlich mehr Menschen versorgt werden müssen. Richtig ist aber auch, dass Ansprüche weit über ein gutes Leben hinaus gestillt werden müssen. Das geht nicht mehr wie vor 60 Jahren. Der Teufelskreis aus stetig wachsendem Konsumansprüchen und unternehmerischer Profitgier ist geboren: Firmen lagern Knowhow und Werkzeuge in Billiglohnländer, um das Lechzen nach erschwinglichem Neuen der Binnenkonsumenten zu befriedigen, und fahren nebenbei nicht mehr erklärbare Gewinne ein.
Ich bringe hier gerne das Beispiel eines Fernsehers: Der Bruder meines Vaters war Radio- und Fernsehtechniker. Noch vor 20 Jahren war ein TV eine Reparatur wert. Zahlreiche Marken wie Metz, Grundig und Loewe produzierten damals ausschließlich in Deutschland. Aufgrund des hohen Anschaffungspreises rechnete sich eine Reparatur.
Heute wird ein LCD-Super-Cinema-Display keine zwei Jahre später ausgetauscht. Gegen einen neuen, noch besseren mit 4 cm mehr Diagonale. Aber: wird davon das Programm besser? Nein. Außer dem steten Wachsen des Edelschrottbergs ändert sich nichts.
Würde dieser Fernseher wieder hier produziert – radikal regional – hätten wir längere Produktzykluslaufzeiten, dafür aber einen abnehmenden Elektroschrottberg. Und: Wir schafften Arbeitsplätze in zweifacher Hinsicht: in der Produktion und – weil er einen anderen Preis hat – im Service. Mein Onkel wäre nicht mehr – wie die letzten 12 Jahre – arbeitslos.
Die Manager-Generation Überraschungsei (Spiel, Spass & Spannung) hat in den letzten Jahren etwas geschafft, was mir erst heute durch das Telefonat mit einem Wollhändler, der sein Geschäft seit 60 Jahren betreibt, deutlich bewusst wurde: wir bezahlen vierfach für die Globalisierung. Wir bezahlen für die Auslagerung von KnowHow in ferne Länder, weil wir in unserem Land versäumten, in Bildung zu investieren. Wie bezahlen ausbeuterische Arbeitsbedingungen mit einem (hoffentlich) schlechten Gewissen. Wir bezahlen schadstoffbelastete Produkte (die in den Herstellungsländern völlig legal erstellt sind) mit unserer Gesundheit. Neu hinzugekommen heute: wir bezahlen Rohwaren zweimal. Wir kaufen am Herstellungsort billigste Wolle, gerne pestizid- und zeckenmittelverseucht, und haben bei uns zu Hause ökologische Wolle im Übermaß. Aber: wir können unsere Rohware nicht nutzen. Weil die Infrastruktur verloren gegangen ist. Weil es niemanden gibt, der die Rohware hier aufbereitet.
“Ach, da müssten sie einen LKW zu den ganzen Schäferlein schicken, die Wolle einsammeln…des dauert ja schon ewig…dann gibt’s hier niemanden mehr, der die Ware aufbereitet, müssten sie ins Ausland gehen…wieder zurück…ach…des lohnt sich nicht… Schaun’s…In meiner Firma schleusen zwei Leute 3,8 Millionen Tonnen Wolle weltweit pro Jahr durch…. so können sie hier noch überleben… Vom Auftragseingang bis zum fertigen Walkstoff vergeht ein Anruf in Südamerika und 28 Tage später ist in Bremen des Schiff da…”, erzählt mit der Wollhändler ohne Punkt und Komma. “Und was machen wir hier bitte mit der ökologischen Wolle?”, frage ich ihn. “Ach, am besten, sollen die die Viecher abschaffen…braucht kein Mensch….”. Wertvolle, saubere, ökologisch einwandfreie Rohwaren als Konsequenz der Globalisierung einfach verrotten lassen? Das kann und will ich nicht akzeptieren. Diese Arroganz müssten unsere Kinder bezahlen.
Wenn wir jetzt beginnen, regionale, ökologisch vereinbare Produkte des täglichen Bedarfs zu kaufen, werden diese teurer sein. Teurer, weil wir nun nach Jahren des Überflusses und der “Geiz-ist-geil”-Mentalität gefordert sind, diese fehlende regionale wirtschaftliche Infrastruktur wieder mit aufzubauen. Darüber hinaus widerspiegeln sich im Preis faire Löhne. Der Weg zur radikalen Regionalität wird sicherlich nicht einfach, aber er wird sich lohnen: Wir werden mehr Transparenz, Sicherheit, Gesundheit und länger Freude am Gekauften erhalten. Klingt altbacken, ist aber der Schlüssel für eine echte Zukunft.
Mit der Zeit gehen, ist nicht mir ihr zu gehen, ist ein berühmtes Zitat. Ich möchte es um meine persönliche Erkenntnis ergänzen: Wir müssen wieder einen Schritt zurückgehen, um wirklich voranzukommen.
Eure Sina



















