“Wir könnten hier den Ärmelfisch gleich einsetzen, dann wäre ein Arbeitsschritt gespart”, sagt Monika und wedelt gekonnt mit einem Wust an halb zusammengenähten Teilen vor mir. 89 Einzelteile übrigens. Soviel benötigen wir für ein Sakko. Ein wenig mehr als andere, da wir nichts kleben, alles vernähen, keine Kunststoffeinlagen verwenden, sondern unsere kba-Biobaumwollpolster. Die aber müssen auch erst einmal gemacht werden. Schließlich wird es das erste, 100% ökologische Regiosakko, aus deutschem Hanf, kba-Baumwolle und – nichts. 9 Zellulose-Ökoknöpfe noch. Das wars.

Nach 9 Stunden Arbeit ist es dann auch fertig. Eigentlich eineinhalb. Ich habe nämlich parallel zu Monika ein Zweites genäht. Und nach der Häfte aufgegeben. Weil es so verdammt schwer ist. Mein lattemacchiato-flieder-Sakko rettet Monika gerade. Und ich war am Grübeln: 9 Stunden. 9 verdammte Stunden dauert es, ein Sakko zu nähen. Wir müssen da runter. Ein bisschen. Aber wie? Meinen lieben Professor Liekweg, ehemaliger Rektor der Hochschule Fachrichtung Bekleidungsfertig habe ich nicht erreicht. Dann erinnerte ich mich an Raphael, meinen Nähmaschinentechniker. Er hatte vor dem großen Abwandern nach Asien eine Bekleidungsfertigung von Mänteln und Jacken, hier, in Augsburg.
“Woisch, Handwerk braucht Zeit, was Gscheits au”, sagt er auf meine Frage, wie man die Nähzeiten herunterbringen könnte. Für eine Jacke im Vollakkord hat er vor 20 Jahren 3,5 Stunden benötigt. “Aber ohne Paspel, Patte und das klassische Zeug!”. Im fiel ein, wer mir weiterhelfen könnte und gab mir eine weitere Telefonnummer. Erst während des Gesprächs bekam ich mit, was diese Firma tat: Automation. Taschenautomaten, Schließnahtautomaten, schlicht, Automaten für so ziemlich alles, was an einer Jacke dran ist. “1200 Paspeltaschen in 480 Minuten, und wir sind stolz darauf! Immergleiche Industriequalität!”, sagt er.
Was ihr ihr seht, ist keine industrielle Qualität. Es ist Monikaqualität. 24 Paspeltaschen in 480 Minuten. Und diese Arbeit erachte ich für sinnvoller. Das Automatentelefonat hat bei mir ein tiefes Grübeln in Gang gesetzt. Über Verlust von KnowHow, das Ersetzen von Menschen durch Maschinen. Die immer weniger notwendige Qualifizierung von Menschen, ja bis hin zur Überflüssigkeit von Menschen. Ich erinnere mich, als mein Großvater mal sagte: “Früher waren das fünf Mann, heute fährt einer den Wagen!”. Ich war damals vieleicht acht Jahre alt und wir fuhren an einer Straßenkehrmaschine vorbei.
Diese Entwicklung einer industriellen Gesellschaft bringt mit sich, dass geringer Qualifizierte, aber auch Menschen mit ehrenwerten Handwerksberufen zu Außenseitern werden. Sinnlos zu Hause sitzen. Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, ist nicht motivationsfördernd. Selbst die letzte Bastion für Mütter nach Babypause und ähnlichen löst sich derzeit Dank revolutionärer Technologie im Nichts auf: die allseits (un)beliebte Kasse. RFID-Chips am Produkt, Scannerschleuße am Ausgang – wer braucht da noch eine Hilgedard, die in atemberaubendem Tempo Preise eintippt? Dann gibt es noch die Unternehmen, die besonders klug sind. IKEA zum Beispiel. Ja, Kassenpersonal wird gespart, aber Technik ist zu teuer, dachten sich die Schweden wohl. Also bieten sie, zumindest bei uns in Augsburg, seit geraumer Zeit eine – haltet euch fest – Selbstabkassierer-Kasse an. Man darf seine Waren zunächst selbst erfassen, um anschließend via Touchscreen auch noch den Zahlvorgang zu begehen. Bewacht werden die vier Selbstzahler-Kassen von einem jungen dynamischen Herrn, sicherlich Trainee für die gehobene Management-Laufbahn im Unternehmen.
Diese Entwicklung einer vollautomatisierten Industrie, in der wir unser Wissen komplett in die Hand der Technik geben (ja, lasst mal den Strom ausfallen und bittet den Controller, die Bilanzen von Hand zu rechnen!) bringt auch mit sich, dass wir langfristig niemals eine Chancengleichheit in unserer Gesellschaft haben werden. Wer sich Bildung und Qualifikation nicht leisten kann, wandert direkt aufs Abstellgleis. Wer sich keinen Doktor kaufen kann, wird viel Freizeit haben. Und was tun damit? Es geht aber noch weiter: Wie können wir ernsthaft von einer Wirtschaft, in der die meisten Handgriffe von Maschinen erledigt werden, erwarten, sie stelle den Menschen in den Mittelpunkt?
“Jetzt muss das Futter nur noch geschlossen werden. Nachdem es dein erstes Sakko ist, willst es weitermachen?”, fragt mich Monika. “Nein, du bist der Profi”, sage ich. Und denke: Ja. Ja, wir machen weiter. Weiter damit, Menschen, die einen Beruf aus Leidenschaft ergriffen haben und die niemand hier mehr möchte, eine sinnvolle Arbeit zu geben. Und wenn es 9 Stunden für ein Sakko sind.
Grübelnde Grüße aus der Produktion,
Sina


















