Archiv für die Kategorie ‘Chancengesellschaft’

Ausgebrannte Kinder der Gesellschaft.

Freitag, 09. September 2011 17 Kommentare »
Abgelegt unter Chancengesellschaft

Liebe HRler, Consulter und Firmenchefs,
liebe Abteilungsleiter und Controller,

ich möchte euch ein paar Zeilen widmen:

„Magst Du es nicht versuchen?“, fragt mich Bobo, der Sozialarbeiter. „48, Burnout, einigermaßen stabilisiert, muss aber ganz langsam an Büroarbeit gebracht werden. Wir können die Begleitung therapeutischer Natur organisieren, und Du die betriebliche Wiedereingliederung und Eignung?“

In den letzten Tagen unterhalte ich mich oft mit Bobo. Er betreut in seiner Firma Menschen, die, wenn ich es in meinen eigenen Worten sagen darf, einfach mal die Arschlochkarte gezogen haben. Immer wieder höre ich von „Burnout“, immer wieder von „hat dem Druck nicht standgehalten“. Da gibt es die Geschichte des jungen Marketingmanagers eines namhaften Sportartikelherstellers, der „dem Druck“ nicht mehr stand hielt und mit einem ausgewachsenen Burnout bei ihm landete. Da ist die ältere Dame, die nach Scheidung und einhergehendem Arbeitsverlust ihr Leben nicht in den Griff bekam. Da ist eine junge Frau, die dem Bürostress alleine beim Pensum von zwei Vollzeitstellen nicht Herr wird. Und da ist eine ebenso junge Pflegekraft, die manchmal zu freundlich und aufgeweckt ist und vom Gutachter „ausgemustert“ und für arbeitsunfähig erklärt wird. Zwei von ihnen sind unten und schneiden eure Bekleidung zu. Und das machen sie toll.

„Was passiert eigentlich mit dem Mann, wenn er die Maßnahme beendet hat und keine Aussicht auf eine Beschäftigung hat?“, frage ich neugierig. „Dann fallen sie zurück in die Arbeitsagentur. Wahrscheinlich medizinischer Dienst anschließen mit therapeutischer Eingliederung, Du kannst es auch Ein-Euro-Jobber nennen. Und irgendwann sitzen sie wieder bei mir.“, sagt er.

Ein-Euro-Jobber, mein Reizwort schlechthin. Bobo hat mir gelehrt, dass, wie ich ursprünglich und fälschlicherweise annahm, nicht nur unqualifizierte Langzeitarbeitslose in diesen Teufelskreis der sinnlosen Maßnahmen stecken. Nein, auch sogenannte High Potentials, die „nur ihre Erwartungen an sie erfüllen“ und sich dem enormen Risiko, ihre Kraft, die ein Arbeitsleben lang reichen soll, in den ersten zwei Trainee-Jahren verpulvern, hängen drin.

„Burnout, Burnout, vor 30 Jahren kannte kein Schwein ein Burnout“. Und heute? Heute macht uns die Arbeit krank. Da läuft doch etwas falsch. Nach den Ursachen muss man meiner Meinung nach nicht lange suchen: Der immense Leistungsdruck und eine immer schneller lebender Gesellschaft leisten ihren Beitrag. Wenn einem Menschen dieses Zwangskorsett nicht passt, wird er ausgemustert. Ab in die Maßnahmen. Von wegen Work-Life-Balance, Work-Life-Burnout ist mittlerweile die Regel.

Während ich diese Zeilen schreibe, erhalte ich von einem lieben Freund via Mail folgende Zeilen:

„Plane meinen aktuellen Job aufzugeben, weil ich keinen Bock mehr habe mit so furchtbar unehrlichen und raffgierigen Menschen arbeiten zu müssen.“

Einerseits unheimlich traurig, andererseits sehr positiv: selbst zu sehen, wann es einem selbst persönlich reicht und für sich und sein Wohl entscheidet, zu gehen.

„Gute Arbeit ist solche, die nicht schadet, sondern nützt.“ (Marianne Gronemeyer)

Und zwar beiden Seiten – dem Unternehmen ebenso wie dem Menschen, der sie ausführt. Das müssen wir Unternehmer wieder entdecken. Und ihr, liebe Consulter und Controller, müsst es zulassen. Mal einen Prozess stehen lassen, obwohl er ressourcenintensiver ist. Mal einen Cent mehr zulassen und diesen auf die Kostenstelle „Menschenfreundlichkeit“ buchen.

„Ja, versuchen wir!“, sage ich zu Bobo und überlege mir schon imaginär, mit welchen ersten Aufgaben ich unseren wiedereinzugliedernden Kaufmann betrauen kann. Es ist für beide Seiten ein mühevoller Weg. Für ihn – und das mit Ende Vierzig -, langsam wieder in ein Arbeitsumfeld hineinzuwachsen, ebenso wie für uns, um seine Fähigkeiten zu erkennen und ihn in seinem Tempo ein Arbeitsumfeld zu schaffen.

Wir, viele kleine Familienunternehmer, kümmern sich um eure ausgebrannten Kinder, liebe Konzernchefs und Controller, Consulter und HRler. Dieses Erbe müssten wir nicht antreten, würdet ihr anders auftreten: mit weniger Druck und mehr Menschlichkeit. Versucht es einfach mal. Bitte.

Eure Sina,
die jetzt wieder zum Telefonhörer greift, um die Umschulungsgenehmigung zur Modeschneiderin für die beiden jungen Damen zu erhalten.

Wir sind eine Chancengesellschaft.

Freitag, 02. September 2011 5 Kommentare »
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Abgelegt unter Chancengesellschaft

Ich will nicht mehr warten. Darauf, dass die äußeren Rahmenbedingungen sich ändern und wir es vielleicht etwas einfacher haben. Ich habe in den vergangenen sechs Monaten mit unzähligen „Verantwortlichen“ über mein geplantes Engagement gesprochen. Ihnen sehr konkret meine Ideen auf den Tisch gelegt. Und da scheinen sie noch heute zu liegen. Immerhin hat der bayerische Staatskanzleichef Huber nach fünf Monaten einen netten Antwortbrief geschrieben mit dem Verweis, mich an neue Stellen zu wenden. Das mache ich auch gerne. Aber, wer mich langsam kennt, weiß, dass Geduld nicht meine Stärke ist. Deshalb fangen wir jetzt einfach an. Einer muss es ja tun, heißt es so schön. In unserem Fall würde ich sagen: wir hier wollen es tun. Aber was eigentlich?

Unsere Bundeskanzlerin, Frau Angela Merkel, stellte 2007 (was immerhin fast fünf Jahre sind) ihr neues Ziel vor. Sie sagte: „Frei und sicher leben in der Chancengesellschaft“. Würde man sie heute fragen, käme wohl der Verweis auf niedrigste Arbeitslosenzahlen und enormer Fachkräftemangel. Ziel erreicht. Für Frau Merkel. Für mich nicht. Richtig ist, dass wir einen enormen Fachkräftemangel haben. Was dabei aber komplett vergessen wird, ist die Tatsache, dass wir viel zu viele „einfache, normale“ Menschen haben, ohne Doktortitel und Auslandserfahrung. Diese Menschen sind am Rande unserer Gesellschaft (wenn überhaupt noch), weil sie keine Arbeit haben. Diese Menschen werden vergessen. Oder in völlig sinnlose, menschenunwürdige Maßnahmen gesteckt (http://www.sueddeutsche.de/kultur/die-armutsindustrie-kein-ding-machen-1.108620), damit sie aus der Statistik sind.

Dass in diesen Maßnahmen mehr kaputt geht als gefördert wird, wollen Arbeitsagentur und betreuender Qualifizierungsbildungsträger nicht sehen. Provokant formuliert: das Amt hat sie los, und der Maßnahmenanbieter verdient eine Menge Geld damit. Uns selbst ist es passiert, als man uns eine Praktikantin schickte: „40 Wochenstunden, 2 Pausen am Tag und bitte binden Sie sich von Anfang an gleich ein. Schließlich muss die Dame wieder arbeiten lernen“, waren ungefähr die Worte der Vermittlerin. Die Praktikantin kam, ich sah sie und mir war klar: „Das wird nichts“. Eine Frau, Mitte 50, das halbe Leben bei den Kindern zu Hause und den Haushalt gemanaged. Den ganzen Tag allein auf sich gestellt, kaum Selbstbewußtsein, wenn es um die eigene Arbeitskraft außerhalb des Herds (verzeiht, ich meine das nicht schnippisch) geht und keinen um sich herum soll von jetzt auf gleich, von Null auf Hundert sich in ein Team integrieren und „gleich richtig zulangen“? Eben. Wir haben abgelehnt, weil wir uns nicht zum Handlanger für sinnlose Bildungsträger machen möchten.

Das andere Extrem ist die „Silohaltung“ von Menschen, die zwangsweise in Maßnahmen gesteckt werden. „Bitte nehmen Sie mich, egal wofür“, sagte die 62jährige Dame, die sich bei uns persönlich vorstellte. Sie habe damals aus der Zeitung von uns erfahren, nahm spontan eine Bewerbung („Wir schreiben ja nichts anderes als dauernd Bewerbungen in diesen dämlichen Trainings“) und besuchte uns. „Ich wäre auch billig. Die Agentur würde ein Jahr lang die Hälfte bezahlen, wenn Sie es gut hindrehen, sogar mehr!“, sagte sie mit fast schon flehendem Ton. Das war mir zu viel. Sieht so, verdammt nochmal, die Chancengesellschaft aus, die Merkel so sehr anpeilt? Wahrlich nicht.

Ich kann mich sehr gut an die Worte einer Manomama erinnern: „Wer will mich alte Schachtel denn noch mit 58? Niemand. Dauernd Absagen. Das macht keinen Mut“. Edith, so heißt diese Manomama übrigens, ist heute eine unserer erfolgreichsten und macht sich in Kürze sogar mit einem eigenen Laden selbstständig. Ja, wir mochten sie von Anfang an – und heute überhaupt nicht mehr missen. Aus der Arbeitslosigkeit in den eigenen Laden.  Als ich diesen „Werdegang“ so in meinem Freundeskreis erzählte, sagte prompt einer meiner besten: „Mensch, ihr seid ne echte Chancengesellschaft!“ Und da klingelte es: Richtig, wir sind eine Chancengesellschaft. Jeder Mensch, ungeachtet von Herkunft, Alter und Qualifikation, der zu uns kommt, erhält eine Chance. Gleichzeitig sehen wir ihn als Chance. Und so muss es sein. In einem Unternehmen. Und in unserer Gesellschaft.

Wenn ihr euch gefragt habt, wer die junge Dame oben auf dem Foto ist, darf ich euch verraten: Es ist Derya, 29 Jahre alt. Ihren erlernten Beruf, Steuerfachgehilfin, kann sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben. Immer wieder Maßnahmen, immer wieder dasselbe. Wäre da nicht Bobo, ihr neuer Maßnahmenbetreuer. Ein toller, engagierter Mensch. Er saß mit mir auf einen Kaffee zusammen und wir beschlossen, für Menschen wie Derya zu kämpfen: raus aus müden Maßnahmen, rein in eine betriebliche Ausbildung mit Übernahme. Seit Derya bei uns ist (und in Suley eine echte Unterstützung gefunden hat), seit sie selbst das Tempo ihrer Arbeit bestimmen darf, lacht sie wieder. Und backt sogar Kuchen – für das ganze Team (inklusive Agentur). Ihr möchte ich und darauffolgend vielen weiteren Menschen, gemeinsam mit allen, die uns unterstützen, wieder eine Chance geben. Weil Derya auch eine Chance für uns ist. Für uns alle. Für eine bessere Gesellschaft.

Und jetzt muss ich Papierkram machen, denn ganz ohne geht es nicht,

liebe Grüße
Sina


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