Arbeiten auf die Chance nach Arbeit.


„Die soziale Realität, in der wir leben: Wir sind immer darauf angewiesen, dass andere für uns etwas tun. Es geht darum, dass man der Leistung, die andere für einen hervorbringen, mit Wertschätzung begegnet.“

Da ist sie wieder, die Wertschätzung, mein Dauerbrenner-Thema. Götz Werner erzählt in obigem Film über Anerkennung, Respekt und Wertschätzung gegenüber der Leistung, die andere für einen erbringen. Er spricht mir dabei, wie so oft, aus der Seele. Seit Beginn von manomama kämpfe ich dafür, dass Leistung, in welcher Form auch immer – ob klassisches Arbeiten oder aber freundschaftliche Hilfe – wertgeschätzt wird. Honoriert wird. Während ich in Gedanken schwelge, klingelt mein Telefon.

„Ist Ihre Arbeitsangebot noch aktuell?“, fragt mich die fast schon schrille Stimme am anderen Ende der Leitung. „Ja“, antworte ich. „Sie also suchen Modenäher, Fertigung?“ fährt die Dame fort. Erneut bejahe ich. „Wir sind Unternehmen aus Slowakei, können sofort so viele Stunden belegen, wie Sie brauchen, kostet sie nichts extra, alles schon versichert bei uns! Wohnung kein Problem, kommen in Wohnmobil“ preist mir die Dame ihre „Ware“ Mensch an.

In den letzten Tagen habe ich einige Anrufe von Zeitarbeitsunternehmen erhalten, die hungrigen Bluthunden gleich, verbissen versuchten, ihre Arbeiter zu verschachern. Moderner Sklavenhandel. „Es ist bequem und kein Risiko für Sie, Frau Trinkwalder. Wenn Ihnen einer nicht passt, schicken Sie ihn heim. Den Rest machen wir“, erinnere ich mich an Ausführungen. Am gleichen Tag dieses Telefonats sendete das ZDF des Abends eine Reportage über Zeitarbeitsfirmen. Der Protagonist, ein junger Schlosser – ein Knochenjob im Schichtbetrieb – geht mit 900 Euro nach Hause. Er hat im Betrieb nicht einmal einen Namen. „Leiher“ rufen sie ihn – und seine Kollegen – wenn ein Einsatz gewünscht ist. Wertschätzung sieht anders aus. Und trotzdem erbringt er täglich und pünktlich seine Leistung. Die Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ brannte sich mir ins Gehirn: „Ich arbeite, um eine Chance auf Arbeit zu haben!“.

Ich hänge wieder bei Götz Werner: „Es geht darum, dass man der Leistung, die andere für einen hervorbringen, mit Wertschätzung begegnet.“ Richtig, denke ich mir. Aber das ist nur die Konsequenz. Das Resultat dessen, was wir wirklich brauchen: Menschen mit Respekt begegnen, egal welcher Herkunft, welchen sozialem Stand oder welchem Bildungsgrad sie „entspringen“. Menschen Aufmerksamkeit schenken. Ein offenes Ohr, einen freundlichen Blick. Das wichtigste aber: Menschen mit Rücksicht behandeln. „Was Du nicht willst, das man Dir tut…“ heißt ein altes Sprichwort. Das Ende kennen wir alle – und vergessen es nur zu gerne. Ich traue mich zu behaupten, dass keiner der  Arbeitsvermittler Lust hat, wochenlang für angebotene 4 Euro hart zu schutteln, und die Abende im ölbeheizten Wohnwagen zu fristen. Ich glaube, dass keiner dieser Betriebsräte und Gewerkschafter, die für ihre Stammbelegschaft industrielle Höchstlöhne heraushandeln, und „Leihern“ vor der Kamera nur „Mitleid“ aussprechen, bereit wären, den Dienst zu tun, den der Zeitarbeiter leistet. Die letzten Zeilen glaube und behaupte ich, in folgenden bin ich mir sicher: Wertschätzung darf nicht erst bei der Leistung des Menschen beginnen. Respekt müssen wir dem Menschen selbst entgegenbringen. Dann nämlich ist die Wertschätzung seiner Leistung nichts anderes als die Konsequenz aus unserem Umgang miteinander.

„Ich würde ja gerne auf Leiher verzichten, aber es geht nun mal nicht“, darf ich mir immer wieder von Unternehmern anhören. Geht nicht, liebe Kollegen, liebe Manager und Unternehmer, gibt es nicht. Es wird euch nur ein bisschen wehtun, weil es kostet. Es kostet euch eure Eitelkeit, über den Geschehnissen zu thronen. Und es kostet ein bisschen Geld. Dafür aber gewinnt ihr auch: eigene Zufriedenheit. Und erstklassige Mitarbeiter, die sich wohl fühlen. Und gerne Leistung erbringen.

In diesem Sinne wünsche euch ein paar gute Gedanken für den Tag,
eure Sina

7 Antworten zu “Arbeiten auf die Chance nach Arbeit.”
  1. Helmar Rudolph sagt:

    Meiner Meinung nach geht es in der westlichen Gesellschaft mittlerweile darum, das Wort “Wert” völlig neu zu definieren. Du, liebe Sina, tust das ja bereits, aber das muss – und wird – noch ganz andere Dimensionen annehmen.

    Das, was wir geläufig als “wertvoll” betrachten, ist bei näherem Hinsehen nur Schein. Klar, es ist ein Mittel zum Zweck, aber oft verdeckt oder unterdrückt es unseren wahren Wesenskern.

    Wenn wir also Werte neu definieren, definieren wir auch unsere Gesellschaft neu. Dann rücken ganz andere Dinge in den Vordergrund und etablieren sich, genau so, wie sich das, was wir jetzt im Begriff sind zu ersetzen, auch einmal etabliert hat.

    Die Zeitenwende hat begonnen, und wir sind die, auf die wir gewartet haben. :)

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  2. Ich sagt:

    Liebe Sina,

    genau so und nicht anders. Wertschätzung fängt nicht bei Leistung an. Wertschätzung bedeutet Respekt vor dem Leben zu haben. Wenn ich mein eigenes Leben wertschätze, respektiere ich auch das Leben anderer. Wenn ich Menschen wie Ware behandele. Wenn ich als Personaler Leistung einkaufe und bei Bedarf wieder mich Ihrer entledige, dann respektiere ich nicht den Menschen hinter der Leistung. Dann habe ich aber auch keine Wertschätzung für mein eigenes Leben.

    Danke für Deine Gedanken. Die sind gold wert ;-)

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  3. Katharina sagt:

    Liebe Sina,
    danke für diese Worte, die mir so aus dem Herzen sprechen und mich bewegen. Gerade heute habe ich wieder große Respektlosigkeit in meinem Job erfahren. Das passiert ja auch, wenn man eigentlich einen ganz guten Job hat, der dankenswerterweise weit weg ist von Wohnwagenhausen und Dumpinglohn. Nicht geachtet oder wertgeschätzt zu werden oder von einem Vorgesetzen als Zielscheibe für die eigenen Aggressionen und Unzufriedenheiten genutzt zu werden, weil der andere sich eben nicht wirklich wehren kann, ist immer schmerzhaft und unschön. Deswegen meinen Respekt an Dich, dass Du das alles so anders und besser machst. Da wünsch ich mir fast, eine gute Näherin zu sein und in Augsburg zu wohnen. Weiter so!

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  4. Solweig Parker Scholta sagt:

    Liebe Sina!

    Ich habe Deine Gedanken zu dem Film von Götz Werner gelesen.
    Sie haben mich sehr berührt und auch Du sprichst mir da voll und ganz aus dem Herzen.

    Ich bin mir sicher, wenn Deine Firma in Heidelberg oder Umgebung läge würde ich morgen auf der Matte stehen und mich bei Dir um einen Job bewerben. Ich designe Lichtobjekte, entwerfe Kleidung, Geschirr und was mir sonst noch so in den Sinn kommt …

    Was Deine Firmen-Idee angeht: Ich bin restlos begeistert und wünsch Dir viel Erfolg …. den Du ja auf menschlicher Ebene auf jeden Fall schon hast.

    Danke, dass Du Dinge in aller Deutlichkeit aussprichst …. z. B. moderener Sklavenhandel ect.

    LG Solweig

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  5. Liebe Sina,

    vielen Dank für diesen wundervollen, berührenden Artikel!

    Viel Kraft, Licht und Liebe sende ich Dir für Deine Vorhaben,

    Claudia

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  6. Stefanie sagt:

    Ich gebe der Sina Recht – und das beschlossene Mindestlohn für Arbeitsvermittlungs ist nur ein Tropfen auf dem heißen Pflaster. Der Wert der ARBEIT nimmt in Deutschland immer mehr ab.

    Traurig sowas.

    Grüße
    Steffi

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  7. [...] Ich zitiere Sina von Manomama: Ist Ihre Arbeitsangebot noch aktuell?“, fragt mich die fast schon schrille Stimme am anderen Ende der Leitung. „Ja“, antworte ich. „Sie also suchen Modenäher, Fertigung?“ fährt die Dame fort. Erneut bejahe ich. „Wir sind Unternehmen aus Slowakei, können sofort so viele Stunden belegen, wie Sie brauchen, kostet sie nichts extra, alles schon versichert bei uns! Wohnung kein Problem, kommen in Wohnmobil“ preist mir die Dame ihre „Ware“ Mensch an. weiter lesen [...]

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