Archiv für den Monat November 2011

Ethik? Gibt’s jetzt zu kaufen!

Freitag, 11. November 2011 31 Kommentare »
Abgelegt unter Sinas private Gedanken

Bitte überlest Tippfehler oder sprachliche Schlenker, aber ich bin so stinkwütend, dass ich das einfach mal runterschreiben musste. #bam

Ich sitze über einem Teller Gulasch. Der Postbote öffnet die Tür, und bringt – wie immer – pünktlich um die Mittagszeit, die Post. Ein Brief vom Landtag, und ein großer A4-Umschlag. Neugierig öffne ich den Langtagsbrief und denke: „Oh, mal wieder Meldung vom Staatskanzleichef…“ Aber, weit gefehlt. Der Bürgerkulturpreis, der bayerische, findet, dass das, was wir tun, einen Preis wert ist und unterstützt uns mit 2.500,- Euro. Immerhin eine neue Nähmaschine. Ehrlich Freude kommt auf.

Löffle schnell meinen Teller leer, kaltes Gulasch schmeckt nicht. Hätte ich sein lassen sollen, denn als ich den großen, weißen A4-Umschlag öffnete, hätte ich schnurstracks mir das Mittagsessen rückwärts durch den Kopf gehen lassen können. Warum? Will ich euch erklären. Ich muss nur ein bisschen weiter ausholen.

Am vergangenen Freitag erhielt ich ja vom Rat für Nachhaltigkeit der Bundesregierung den Sonderpreis des „Social Entrepreneurs der Nachhaltigkeit 2011“. Eine wirklich mutige Entscheidung. Und ein toller Preis (das blogge ich euch noch die Tage…). Honoriert wurde mit diesem Preis mein konsequentes Einstehen für verantwortliches Unternehmertum, für Ehtik in der Wirtschaft und für regionales Wirtschaften. Zugleich habe ich in der taz das „Manifest gegen Nachhaltigkeit“ veröffentlicht. Hierin fordern Eike Wenzel und ich, endlich ehrlich zu sein und Nachhaltigkeit, Ethik und Verantwortungsbewußtsein nicht vorzugaukeln, sondern ernsthaft zu leben – einfach machen.

In den vergangenen Tagen habe ich viele interessante Menschen kennenlernen dürfen, die aufgrund des Preises auf mich aufmerksam wurden und mir helfen – in verschiedenster Weise. Die einzigen, die (und meine fleißigen Blogleser wissen das) komplett sperren, uns an der Nase herumführen (Stichwort „Ballenhaus“) ist die Stadtregierung Augsburgs. Ich habe für mich dann beschlossen, meinen Weg zu gehen und diesen ohne die Unterstützung der Stadt zu tun. Zwar erlebe ich immer wieder unbürokratische Lösungen in anderen Städten, aber im Augsburger Wirtschaftsreferat hat man mir klar erklärt, man könne das nicht machen. Auch gut.

Zurück zum weißen A4-Umschlag. Ich öffne ihn, entnehme eine hochwertige Printbroschüre mit dem Konterfei von Ulrich Wickert (Ich wusste gar nicht, dass er Fachmann für Wirtschaft ist) und der Headline „Es ist an der Zeit“. Wollt ihr wissen, was an der Zeit ist?

Es ist an der Zeit, wirtschaftliche Ethik und Verantwortungsbewußtsein ZU ZERTIFIZIEREN!!!!! Ja, spinn ich? Ethics in Business heißt das Zitat „Benchmarktprojekt für den Mittelstand“, das in Kooperation mit brandeins und der Süddeutschen Zeitung erfolgt. Anstand, unternehmerische Verantwortung und soziales Wirtschaften kann man sich jetzt – je nach Größenklasse (Leute, ich kriegs gleich nicht mehr) – für 1900,- bis 3.400 € im Jahr BESTÄTIGEN LASSEN! Natürlich falle, darf ich der Broschüre entnehmen, für zertifizierte Unternehmen ab dem zweiten Jahr eine „Jahresgebühr in äquivalenter Höhe“ an. Die benchmarkende Agentur compamedia bietet übrigens über die Zertifizierungskosten hinaus auch zusätzlich Media- und PR-Leistungen. Warum? „Das erhöht Ihre Reputation und stärkt das Vertrauen in Ihr Unternehmen!“ schreibt man.

Sagt mal, liebe St. Gallen Marketer und compamedia-Dienstleister, hakts bei euch langsam? Vor einer Woche bitte ich darum, Nachhaltigkeit nicht als Geschäftsmodell zu implementieren. Heute muss ich schreien, hört auf, Ethik zu verkaufen?! Wobei – immerhin bekäme ich ja was für das Geld: Ulrich Wickert würde uns persönlich auf einer Gala als ethisch geprüftes Unternehmen auszeichnen.

Nein, zum lachen ist das nichts mehr. Wirklich die Tränen in die Augen getrieben hat mir die P.S.-Zeile des automatisierten Anschreibens. Da steht: „*Ihr Unternehmen wurde uns für ETHICS IN BUSINESS empfohlen von Frau Eva Weber, Wirtschaftsförderung, Stadt Augsburg“. Eine Weiterempfehlung, sich Ethik einzukaufen. Das also ist Wirtschaftsförderung in Augsburg. Ohne Worte.

Euch ein schönes Wochenende,

eine völlig frustrierte Sina

Ergänzung am 30.11.2011
Die Story geht weiter, aber viel abstruser, als ich dachte. Und so langsam fehlen auch mir die Worte. Erneut schneit ein Brief in meinen Postkasten. Ein weiteres Anschreiben der campamedia, nein, halt, persönlich von Herrn Ulrich Wickert im Auftrag der campamedia. Als alter Direktmarketer greife ich mit dem Finger auf die feuchte Zunge und reibe über die Unterschrift. Sie ist echt. Herr Wickert nimmt sich aber viel Zeit, mir Ethik anzupreisen. Es muss sich für die gesamte Mannschaft richtig lohnen. So sehr, dass man auch Mensche benutzen kann. Ohne ihr Einverständnis. Ohne ihre Kenntnis. Wie bitte?, werdet ihr fragen. Ja, darf ich euch verraten. Frau Weber und ich hatten am vergangenen Montag einen Termin. es ging mal wieder um Räume, Hilfe und ähnliches. Da kann mir das Wirtschaftreferat nicht helfen. Das habe ich akzeptiert und werde meinen Weg nun anders gehen. Aber: eingehend erzählt mir Frau Weber, dass sie überhaupt nicht erfreut war über meinen Blogeintrag. Ich erwiderte, dass ich nicht erfreut bin, wenn Sie mir empfiehlt, Ethik einzukaufen. So kam eines ums andere – und ich wurde richtig sauer: Die Wirtschaftsreferentin erzählte, dass Sie nicht wußte, was mir da zugesandt wurde.  In einer Art, die ich ihr uneingeschränkt abnehme. Vielleicht auch, weil ich Agenturen und deren Machenschaften in Teilen kenne. Liebe campamedia, sehr geehrter Herr Wickert, ich erachte es für eine Sauerei, wenn Sie sich das Vertrauen der Angeschriebenen dadurch erschleichen wollen, in dem Sie sich auf relevante Personen beziehen, die von ihrem “Glück” überhaupt nichts wissen. Das, liebe “Ethics in Business”-Beteiligten ist alles andere als “Ethik in Business”.


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