Nicht was, sondern warum.


Liebe Frau Grix,

als verantwortliche Redakteurin der BAMS-Sonderveröffentlichung darf ich Ihnen mein Kompliment aussprechen. Gut gelungen, Ihr Potpourri der „Frauen von morgen“. Und ja, es freut mich, dass auch mein Konterfei unter den Ausgewählten ist.

Was mich hingegen mehr als verwundert, ist der Begleittext. In meinem Fall ist für Sie eine „Frau von morgen“, wenn sie auf lustige Weise Biotaschen und Regiotextilien verkauft. Mal überspitzt ausgedrückt. Jetzt könnten wir beide natürlich sagen, es sei dem Zeilenplatz geschuldet. Oder aber möglicherweise ihrer Leserschaft.  Und beide wissen wir, dass dem nicht so ist.

Dass wir das erste Social Business (ein nicht auf monetären Gewinn ausgerichtetes Unternehmen) im Textilbereich sind, dass wir Textilien vom Garn über den Stoff bis zur Konfektion in einem regionalen Kreislauf produzieren und somit zahlreiche Arbeitsplätze im Zulieferbereich sichern, dass wir auf absolute Kompostierfähigkeit achten, all das hatte keinen Platz. Ist auch nicht schlimm. Allesamt interessante Punkte, aber nicht wichtig. Denn: Das alles beschreibt, was wir tun.

Was mir aber wichtig gewesen wäre, ist, warum wir es tun. Warum ich mein Leben umkrempelte, warum ich einen sicheren und gut dotierten Job an den Nagel hing und nun „in Textil mache“.

Darf ich Ihnen verraten, warum?
Weil ich Menschen, die in unserer Gesellschaft niemand mehr für den ersten Arbeitsmarkt einplant, wieder in einen sinnvollen Job bringen möchte. Weil ich Menschen, die im ersten Arbeitsmarkt sich mit einem ausgewachsenen Burnout verabschiedet haben, bei uns durch eine Ausbildung oder Umschulung im Rahmen ihrer Fähigkeiten wieder eine Chance geben möchte. Eine Chance, nicht nur für sich selbst zu sorgen, sondern wieder Mitglied unserer Gesellschaft zu werden. Weil ich aktiv einstehe für unternehmerische Verantwortung, die nicht – wie es heute der Fall ist – spätestens an den Werkstoren aufhört. Das, liebe Frau Grix, ist für mich Aufgabe einer „Frau von morgen“.

Ist Ihnen diese Geschichte (übrigens wie vielen Ihrer Zeitungskollegen) zu „nett“, fehlt Ihnen da die publikationsnotwendige Brise „Skandal und Empörung“? Auch dann kann ich Ihnen gerne weiterhelfen – und Sie würden mir helfen. Nutzen sie die Kraft Ihres Mediums und schreiben Sie doch einfach mal darüber, wie ein Unternehmen wie unseres mit allen Institutionen und allen Instanzen kämpfen muss, nur weil es anders ist und sich dafür niemand verantwortlich fühlt, weil wir uns um Menschen kümmern, die man bereits abgeschrieben hat!

Gerne lasse ich mich von Ihnen und Ihrer Zeitung eines Besseren belehren. Gerne BILDe ich mir meine Meinung neu.

 Auf eine Antwort freue ich mich,

herzliche Grüße
Sina Trinkwalder

P.S. Ich habe eine freundliche Antwort erhalten.

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