Danke, kik!


Dreimal fing ich den Blogeintrag mit dem Satz „wir leben in einer verkehrten Welt“ an. Das aber wissen wir ja. Wir fühlen, dass etwas nicht stimmt. Gestern war dann einer dieser Tage, die mir dieses Gefühl wieder deutlich erlebbar gemacht haben. Nicht, weil ich mir etwas verloren auf der Occupyday-Demonstration vorkam. In Augsburg fand sich dort so ziemlich jede politische Randgruppe, die für ihre ureigenen Pfründe kämpfte. Eine gemeinsame, echte Bewegung und vor allem ernsthalte Lösungsansätze habe ich sowohl bei den Rednern als auch bei den Demonstranten vermisst. Einfach nur „scheiße“ zu schreien“, ist mir nun mal zu wenig.

Das aber war es nicht. Es war die Anzeige des Textildiskonts „kik“ in der aktuellen stern-Ausgabe. Ich habe dreimal hingesehen, den Slogan mindestens fünfmal gelesen. Ein Foto gemacht und getwittert. Neben zahlreichen „#wtf“ oder „Um Gottes Willen“ gab es auch viele Fragen wie „Ist das wirklich echt?“ bis hin zu „Sina, hör mit dem Photoshoppen auf!“. Und da war er dann wieder, der Satz: „Verdammt, wir leben in einer verkehrten Welt!“. Nicht, weil es ernsthaft Menschen gab, die mir das Verfälschen von Dokumenten anlasten wollten, sondern aufgrund der Anzeige selbst.

„Lieber echte Karriere als falsche Ideale“ ist dort zu lesen. Ich ging die Zeilen wieder und wieder durch – und war schlichtweg baff. Seit Monaten kämpfe ich für mehr Ehrlichkeit. Woche für Woche ärgere ich mich über dieses unsägliche Greenwashing dieser Pseudo-Nachhaltigkeitsmarken und Möchtegern-Biofirmen. Und dann war sie auf einmal da, die Ehrlichkeit. Die blanke. Von einem Konzern, der bereits mehrfach in der Vergangenheit aufgrund seiner „vorbildlichen“ Arbeitsbedingungen im Land und in den Produktionsstätten in den Medien war – und ist. Ehrlichkeit, so hart, dass man sie schlicht für „verkehrt“ halten muss. 100%ige Ehrlichkeit von kik.

„Lieber echte Karriere als falsche Ideale“ ist der blanke Hohn gegenüber all jenen, die ernsthaft am globalisierten, ausbeuterischen Weltgeschehen etwas ändern möchten. „Lieber echte Karriere als falsche Ideale“ ist die reine Wahrheit aus dem Hause kik, adressiert an potentielle Arbeitnehmer dieser Kette. „Hört auf, euch über das Weltverbessern Gedanken zu machen und startet eure Karriere bei uns“, will diese Anzeige dem Leser kommunizieren. Denkt nicht an andere, denkt an euch. Scheißt auf Kinderarbeit und Umweltverschmutzung, gönnt euch gleich den Teamleiterposten bei uns. Jetzt werden die Zeiten so hart, da müsst ihr an euch denken – der reine Egoismus.

Ganz subtil steht oben rechts, dass die „Schwester“ dieser unheimlich überzeugend grinsenden Blondine auch bald bei kik den Karrierestart beginnt. Erinnert mich an die seriöse Vertriebsstruktur von Versicherungen: da wird den freien Handelsvertretern auch beim „Kik-off“-Meeting erklärt, erst einmal innerhalb der Familie die Policen zu verscheppern, das brächte dann Vertrauensbonus im nächsten Kreis.

Am Schluss, ganz unten in breiten Lettern, erfährt der Leser, was kik wirklich ist: ein Chancengeber. Und ja, das gibt kik. War der Textildiskont bis dato einer von vielen (denn die anderen Billigheimer sind keineswegs besser – und ja, das wissen wir) ist kik der erste, der sich hinstellt und klar kommuniziert. Eindeutig die Richtung für die Branche vorgibt und „falschen Idealen“ den Kampf mit richtigen Karrieren ansagt.

Es ist die Chance für uns alle, uns hinzustellen und zu rebellieren:

Eure Sina

 P.S.: Ja, das unsere Bild wurde photogeshopped. Und zwar so richtig. Dafür geht am Montag mein erstes “Lieber echte Ideale”-T-Shirt in den Druck. Und ich freu mich drauf.

64 Antworten zu “Danke, kik!”
  1. Danke für diesen Artikel, der den Nagel auf den Kopf trifft. Diese Kluft zwischen den “Ich-Menschen” und den “Wir-Menschen” hat es immer schon gegeben und wird es auch weiterhin immer geben. Aber so wie viele andere will ich die Hoffnung nicht aufgeben. Ein Umdenken ist ja schon zu sehen, aber es geht alles nur so langsam voran… Eine Aussage wie diese hier von KIK ist einfach eine Katastrophe, man kann sich vorstellen welcher Typ Mensch hier beim Marketing am Werk war. Ich werde diesen Artikel teilen und KIK selbstverständlich weiterhin boykottieren, denn ich will mich Kinderarbeit und Umweltverschmutzung nichts zu tun haben. Gemeinsam sind wir stark!

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  2. KaMiKaZe sagt:

    Richtig guter Artikel !
    Vielen Dank dafür ;-)

    @whatever: Selbst das letzte asoziale A… müsste gegen KiK sein, denn du willst diese “Sachen” doch nicht ernsthaft anziehen ?! Da könntest du dich genauso gut als Versuchssubjekt für ein Chemielabor melden.
    Und ja.. auch Nachhaltigkeit muss ein Egoist doch unterstützen. Denn wenn am Ende alle Ressourcen restlos ausgebeutet und verschwendet worden sind wer hat dann etwas davon ? Niemand ! Idiot !
    Mfg =)

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  3. rumpleteaser sagt:

    Ich finde, das hier ist alles ein bisschen zu viel wohlfeile Empörung. Gedanken über eine gerechtere Weltordnung sind nun einmal angesichts von immer knapperer Sozialhilfe und immer engerem Arbeitsmarkt nicht DIE Hauptthemen in den Gesellschaftsschichten, die KiK als Kunden und hier jetzt als Arbeitnehmer anspricht.

    Mir gefällt die Kampagne, mir gefällt der Fokus auf das eigene Vorankommen anstatt das Ausruhen auf der eigenen politischen Korrektheit. Warum genau sind die so viele der Weltverbesserer arbeitslos? Weil sie es ethisch nicht verantworten können, bei KiK oder in einem ähnlichen Unternehmen zu arbeiten? Oder weil die ethischen Gründe die eigenen Faulheit so schön kaschieren?

    Erst komm ich selbst, und wenn ich selbst meinen Lebensunterhalt verdiene, dann kann ich auch mal (an Weihnachten…) nach anderen schauen. Und meinen Lebensunterhalt verdiene ich eher bei KiK als im “Eine-Welt-Laden” um die Ecke.

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  4. Kathrin sagt:

    Danke für diesen Beitrag. Da fällt mir spontan die “KiK-Story” ein, die die Zustände sowohl bei den Arbeitnehmern hier in den Filialien als auch den FabrikarbeiterInnen von KIK offen legen. Vielleicht kennt ihr die ja eh schon (und vielleicht hat irgendwer hier den Link schon gepostet , ich habe nicht alle Kommenatre genau gelesen), ansonsten hier der Link: http://daserste.ndr.de/panorama/aktuell/panoramakik104.html

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