Ausgebrannte Kinder der Gesellschaft.


Liebe HRler, Consulter und Firmenchefs,
liebe Abteilungsleiter und Controller,

ich möchte euch ein paar Zeilen widmen:

„Magst Du es nicht versuchen?“, fragt mich Bobo, der Sozialarbeiter. „48, Burnout, einigermaßen stabilisiert, muss aber ganz langsam an Büroarbeit gebracht werden. Wir können die Begleitung therapeutischer Natur organisieren, und Du die betriebliche Wiedereingliederung und Eignung?“

In den letzten Tagen unterhalte ich mich oft mit Bobo. Er betreut in seiner Firma Menschen, die, wenn ich es in meinen eigenen Worten sagen darf, einfach mal die Arschlochkarte gezogen haben. Immer wieder höre ich von „Burnout“, immer wieder von „hat dem Druck nicht standgehalten“. Da gibt es die Geschichte des jungen Marketingmanagers eines namhaften Sportartikelherstellers, der „dem Druck“ nicht mehr stand hielt und mit einem ausgewachsenen Burnout bei ihm landete. Da ist die ältere Dame, die nach Scheidung und einhergehendem Arbeitsverlust ihr Leben nicht in den Griff bekam. Da ist eine junge Frau, die dem Bürostress alleine beim Pensum von zwei Vollzeitstellen nicht Herr wird. Und da ist eine ebenso junge Pflegekraft, die manchmal zu freundlich und aufgeweckt ist und vom Gutachter „ausgemustert“ und für arbeitsunfähig erklärt wird. Zwei von ihnen sind unten und schneiden eure Bekleidung zu. Und das machen sie toll.

„Was passiert eigentlich mit dem Mann, wenn er die Maßnahme beendet hat und keine Aussicht auf eine Beschäftigung hat?“, frage ich neugierig. „Dann fallen sie zurück in die Arbeitsagentur. Wahrscheinlich medizinischer Dienst anschließen mit therapeutischer Eingliederung, Du kannst es auch Ein-Euro-Jobber nennen. Und irgendwann sitzen sie wieder bei mir.“, sagt er.

Ein-Euro-Jobber, mein Reizwort schlechthin. Bobo hat mir gelehrt, dass, wie ich ursprünglich und fälschlicherweise annahm, nicht nur unqualifizierte Langzeitarbeitslose in diesen Teufelskreis der sinnlosen Maßnahmen stecken. Nein, auch sogenannte High Potentials, die „nur ihre Erwartungen an sie erfüllen“ und sich dem enormen Risiko, ihre Kraft, die ein Arbeitsleben lang reichen soll, in den ersten zwei Trainee-Jahren verpulvern, hängen drin.

„Burnout, Burnout, vor 30 Jahren kannte kein Schwein ein Burnout“. Und heute? Heute macht uns die Arbeit krank. Da läuft doch etwas falsch. Nach den Ursachen muss man meiner Meinung nach nicht lange suchen: Der immense Leistungsdruck und eine immer schneller lebender Gesellschaft leisten ihren Beitrag. Wenn einem Menschen dieses Zwangskorsett nicht passt, wird er ausgemustert. Ab in die Maßnahmen. Von wegen Work-Life-Balance, Work-Life-Burnout ist mittlerweile die Regel.

Während ich diese Zeilen schreibe, erhalte ich von einem lieben Freund via Mail folgende Zeilen:

„Plane meinen aktuellen Job aufzugeben, weil ich keinen Bock mehr habe mit so furchtbar unehrlichen und raffgierigen Menschen arbeiten zu müssen.“

Einerseits unheimlich traurig, andererseits sehr positiv: selbst zu sehen, wann es einem selbst persönlich reicht und für sich und sein Wohl entscheidet, zu gehen.

„Gute Arbeit ist solche, die nicht schadet, sondern nützt.“ (Marianne Gronemeyer)

Und zwar beiden Seiten – dem Unternehmen ebenso wie dem Menschen, der sie ausführt. Das müssen wir Unternehmer wieder entdecken. Und ihr, liebe Consulter und Controller, müsst es zulassen. Mal einen Prozess stehen lassen, obwohl er ressourcenintensiver ist. Mal einen Cent mehr zulassen und diesen auf die Kostenstelle „Menschenfreundlichkeit“ buchen.

„Ja, versuchen wir!“, sage ich zu Bobo und überlege mir schon imaginär, mit welchen ersten Aufgaben ich unseren wiedereinzugliedernden Kaufmann betrauen kann. Es ist für beide Seiten ein mühevoller Weg. Für ihn – und das mit Ende Vierzig -, langsam wieder in ein Arbeitsumfeld hineinzuwachsen, ebenso wie für uns, um seine Fähigkeiten zu erkennen und ihn in seinem Tempo ein Arbeitsumfeld zu schaffen.

Wir, viele kleine Familienunternehmer, kümmern sich um eure ausgebrannten Kinder, liebe Konzernchefs und Controller, Consulter und HRler. Dieses Erbe müssten wir nicht antreten, würdet ihr anders auftreten: mit weniger Druck und mehr Menschlichkeit. Versucht es einfach mal. Bitte.

Eure Sina,
die jetzt wieder zum Telefonhörer greift, um die Umschulungsgenehmigung zur Modeschneiderin für die beiden jungen Damen zu erhalten.

17 Antworten zu “Ausgebrannte Kinder der Gesellschaft.”
  1. Ben sagt:

    Wenn Du wüsstest, wie offen die Türen sind, die Du damit bei mir einrennst. Wie viele Menschen vergessen einfach, dass sie eben auch mit Menschen und nicht mit gefühllosen Zahlen und Firmenlogos zusammenarbeiten. Das Banale an der Situation ist, dass es ganz im Sinne des Dalai Lama schon mit “Verständnis und Mitgefühl” getan wäre, um Burnout-Syndrom, einen Großteil der Job-bedingten Depressionen und Mobbing verschwinden zu lassen. Aber bring das mal einem bei, der in seiner Kindheit ganz offensichtlich nicht beigebracht bekam, dass die Dankbarkeit eines anderen ein wunderbares Gefühl sein kann…

    Danke für Deine Gedanken – sie zeigen mir, dass ich mit dieser Einsicht nicht ganz alleine bin.

    Cheers

    Ben

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  2. Filip sagt:

    Solange der Mensch unter Human Ressources fällt, wird sich daran nichts ändern. P.S. Die einzigen, die es ändern können sind wir!

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  3. drk815 sagt:

    “Hach Sina. Es müsste mehr Menschen wie Dich geben!” – schrieb ich Dir grade per DM bei Twitter.

    Ich erlebe hier grade live den langsamen Untergang eines ehemaligen Marktführers in der Chemieindustrie (genauer gesagt: Textilfarbe). Vom Finanzinvestor aufgekauft, von unzähligen Unternehmensberatern “gesund geschrumpft”, dann bewusst via Insolvenz vor die Wand gefahren um dann letztendlich nach China und Indien verkauft (zerfleddert, geschändet – nenn es wie Du willst) zu werden. Hier nennt man das dann “Produkttransfer”. Naja. Und die Mitarbeiter landen dann in einer “Transfergesellschaft”. Weil Inder und Chinesen halt billiger sind. Viel billiger.

    … und enden dann idR bei Deinem Bobo.

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  4. Liebe Sina, es hinterlasst den Eindruck als sei das nur ein Thema für abhängig Beschäftigte? Auch Freiberufler sind (in hohem Maße) SELBST betroffen. Nur so zur Vervollständigung des Bilds… (wobei ich selbstverständlich der Tragik der Problemaatik nichts nehmen möchte und Deinen Beitrag wichtig und richtig finde.)
    Liebe Grüße und meine Bewunderung für Dein unablässiges unausgebranntes Engagement für so Vieles.
    von Ingrid

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  5. Oliver sagt:

    DANKE!
    Sina, Danke dir für diesen Beitrag, der auch mir aus der Seele geschrieben ist! Grüße Oliver

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  6. Dagger sagt:

    Toll!

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  7. […] „Magst Du es nicht versuchen?“, fragt mich Bobo, der Sozialarbeiter. „48, Burnout, einigermaßen stabilisiert, muss aber ganz langsam an Büroarbeit gebracht werden. Wir können die Begleitung therapeutischer Natur organisieren, und Du die betriebliche Wiedereingliederung und Eignung?“ … […]

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  8. Jan sagt:

    Sehr wahr gesprochen!

    Vorsicht, wild assoziierendes Gehirnstürmen voraus:
    Was mich diesbezüglich seit längerer Zeit umtreibt, ist auch dieses Ding, dass jemand, der nicht vollzeit arbeitet, ebenfalls nicht für voll genommen wird.
    Die Vorstellung ist immer noch so fest in vielen Menschen verankert, dass jemand mindestens 40 Stunden/Woche arbeiten muss, damit er überhaupt ein anerkanntes Mitglied dieser Gesellschaft ist.

    Eine Bekannte arbeitet mit 2/3-Stelle in einem Behindertenheim, kommt finanziell über die Runden und ist im Job zufrieden. Obwohl das so ist und sie dementsprechend nicht einmal jemandem “auf der Tasche liegt” (was bei Arbeitslosen ja gern mal als ekeliges Totschlagargument benutzt wird), reichen die Reaktionen außerhalb des Freundeskreises gern mal von “Sooo’n lockeren Job hätt ich auch mal gern!” bis dahin, dass sie sich nicht einmal über gelegentlichen Stress aufm Job auskotzen “darf”, weil sie ja nicht “voll” arbeitet und deswegen der Stress ja auch nichts im Vergleich ist zu denen, die “so richtig” im Beruf stehen. Von der Freizeitgestaltung ganz zu schweigen “Ja ICH muss ja morgen wieder früh raus, wenn du heut abend noch ins Kino kannst, viel Spaß…”

    Es geht mir diese Einstellung tierisch auf den Geist, dass man wie selbstverständlich vom Job gestresst ist und es zum guten Ton gehört, darüber zu klagen. Aber dass es gleichzeitig(!) als Unreife oder mangelnde Durchsetzungskraft “im Leben” angesehen wird, wenn man z.B. durch Stundenreduzierung oder -verschiebung aktiv etwas dagegen unternimmt. Auf sein eigenes Wohl zu achten und Überanstrengung zu vermeiden, gilt dann als Schwäche.

    Dass wir auf jeden Fall etwas gegen Stress, Sinnlosigkeit und Überlastung im Job tun müssen, ist wichtig und dringend.
    Darüber hinaus wage ich dementsprechend mal die Idee, zu sagen: Wir müssen davon wegkommen, dass ein Job _zwingend_ anstrengend sein und sehr viel Zeit in Anspruch nehmen muss, damit wir jemanden als “vollständigen Teil der Gesellschaft” wahrnehmen.

    Da kommt man dann auch vom Hundertsten ins Tausendste: Warum denken Leute so? Eine Mischung aus Neid und Angst. Und die wiederum entstehen aber nur, weil unsere Arbeitsverhältnisse so sind, wie sie sind:
    Denn: Wer 40 Stunden die Woche arbeitet und damit nur einigermaßen oder eben auch nicht gut über die Runden kommt, hat Angst um seinen Job (und damit verbunden die Angst, in Hartz IV zu rutschen). Der stellt dementsprechend seine Gesundheit und seine Ansprüche an ein ausbalanciertes Leben hintenan und hält an seinem Job fest, auch wenn er selbst vielleicht krank ist. Oder der Job ihn vielleicht krank macht.
    Und dieser Jemand wird wütend, wenn es andere Menschen gibt, denen es im Job besser geht, weil diese die Möglichkeit erhalten haben, den Job anders zu gestalten und zu regeln.

    Der Knackpunkt ist an dieser Stelle, und so schließt sich der Kreis, nicht etwa, dass man diese “Privilegierten” jetzt herablassend als die angeblich “Bequemen” betrachtet (in der Schiene stecken im Moment noch viele), sondern dass man im Gegenteil möglichst vielen diese Möglichkeiten zur Veränderung der Work-Life-Balance ermöglicht.

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  9. Tina sagt:

    Hallo Sina,
    Vielen dank, du sprichst mir aus der Seele. Auch ich gehöre dazu und weiß noch nicht wirklich wie es weitergeht. 7 Jahre den Job von 4! Leuten gemacht und dann…. Naja ich habe mich befreit, aber gesund bin ich noch lange nicht. Und wenn du nicht so weit weg wärst wäre ich schon mal vorbeigekommen.
    Weiter so! Ich finde das ganz toll was ihr macht!

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  10. viel wahres, leider.

    ich habe in meinen gesamten erfahrungen in firmen immer als erstes gelernt: jeder ist ersetzbar, du auch! von anfang an bekam ich das gefühl vermittelt, dass meine arbeit notwendig ist und man von mir verlangt, auch noch viel mehr als das zu tun – natürlich zu einem preis, der den aufwand nicht im geringsten aufwog. wollte oder konnte oder schaffte ich die mir zusätzlich aufgetragenen bzw. erwarteten aufgaben nicht, gab es schnell ärger, mitarbeitergespräch, kündigung. danke.

    in meiner letzten firma hatten wir einen praktikanten, frisch von der uni. man musste ihn nur anstupsen und schon sprudelten die ideen aus ihm heraus. gute ideen. frische ideen. passend zum start-up. innerhalb von nicht einmal 3 monaten hatte er augenringe rund um die augen und war ausgebrannt. sie hatten ihn für 400 euro im monat 12 stunden täglich recherchen machen lassen. von den knapp 25 leuten, mit denen ich damals arbeitete, ist noch eine in der firma.

    jetzt erlebe ich zum ersten mal in meinem leben, wie arbeit auch sein kann. natürlich ist es ein familienunternehmen, kleines team, wir sind 8 leute. geregelte arbeitszeiten. die leute stehen füreinander ein. die chefs stellen sich jederzeit vor ihre mitarbeiter. wer fehler macht, wird darauf hingewiesen, privat. nicht vor allen bloßgestellt. wo gefördert werden kann, sei es finanziell oder persönlich, wird es getan. in den ersten wochen habe ich ständig nach dem haken gesucht, den das haben MUSS, schließlich war es immer so. aber es gibt keinen. nicht umsonst heißt die firma smile!.

    wirtschaftlichkeit, nachhaltigkeit und mitarbeiterförderung schließen sich nicht aus, im gegenteil.

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  11. Also vor (noch mehr als) 30 Jahren kannte man das Phänomen auch schon, so ist es ja nicht.
    Damals hieß es “Managerkrankheit”:

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  12. mikemacapple sagt:

    Es ist nicht nur ein Problem der Überbelastung. Es ist oft primär ein Problem der Anerkennung. Jeder hat schon mal “viel” gearbeitet. Wenn man den Sinn in der Arbeit sieht, wenn “Not am Mann” ist, zeitlich begrenzt.

    Wenn aber ohne Rücksichtnahme einfach mit “Synergieeffekten”, “Prozeßoptimierung” und “Human Resourcces” angefangen wird, dann ist es vorbei. Dann wird aus Menschen austauschbare Produktionsfaktoren. Dann wird die Arbeit entmenschlicht, dann wird der Sinn auf Gewinnsteigerung reduziert. Von der Gewinnsteigerung hat der Arbeitnehmer dann auch nicht mal etwas.

    Wenn der “Chef” dir ins Gesicht sagt “Draußen warten 20 andere”, wenn der Personalchef sagt “Wir müssen die Kosten senken und den Output steigern”, dann sagen diese Leute das nicht mehr den Menschen. Dann wird die Leistung der Produktionsmaschinen gesteigert.

    Und genau an diesem Punkt wird sich die Motivation in Frustration verwandeln. Dann reicht ein normales Arbeitspensum aus, um den Mitarbeiter fertig zu machen. Dann wird innerlich gekündigt und der Frust sorgt für noch mehr Frust. Und dann geht irgendwann gar nix mehr.

    Wenn man jeden Tag das Gefühl vermittelt bekommt: “Ich bin einer unter tausenden. Es interessiert keinen, wenn du funktionierst. Sobald ich nicht richtig funktioniere bekomme ich richtig Stress”, dann braucht man sich nicht über die Folgen wundern.

    Aber für die Folgen hat man ja Hartz4 geschaffen. Da können dann die Leute endgelagert werden, die das nicht durchhalten. Die Leute, die Motivation für die Arbeit brauchen. Die eben nicht reibungslos funktionieren.

    Denn draußen stehen ja 20 andere, die die gleiche Arbeit für weniger Geld machen. Und wenn danndiese 20 verschlissen sind, dann holen wir uns eben mit dem Schlagwort “Fachkräftemangel” nochmal 50 Leute aus dem Ausland, die wir dann auch in kurzer Zeit mit weniger Kosten verschleißen. Was solls, meinen Chef-Bonus hab ich doch bekommen, was interessiert mich das nächste Geschäftsjahr? Was solls, Humankapital und Produktionsfaktoren sind ja schließlich austauschbar und jederzeit
    erstzbar!

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  13. zweikirschen sagt:

    @jan: Du hast vollkommen recht, und trotzdem erwische ich mich dabei, 2/3 stellen kollegen als arbeitsscheu zu betrachten, wenn sie auch noch die courage haben, mehrarbeit (natürlich unentgeltlich) abzulehnen. das problem liegt aber eindeutig bei mir. nur weil ich es immer allen recht machen will und nirgendwo nein sage, heisst das nicht, dass ich die bessere arbeitskraft bin. danke fürs augen öffnen!

    @sina: mehr von deiner sorte und ich sehe einen hoffnungsschimmer am horizont. du inspirierst zu mehr als nur ökosoziale kleidung zu kaufen. danke dafür. und viel kraft und unterstützung wünsch ich dir!

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  14. Jan sagt:

    @zweikirschen: Danke für deine Ergänzung, denn dadurch ist mir nochmal aufgefallen, wie sehr ich mit meinem Kommentar auf die grundsätzliche Aufteilung von Arbeit(sstunden) und Freizeit hinauswollte, und dass ich dabei den Eindruck vermeiden wollte, man solle in klischeehafter Beamten-Manier den Stift fallen lassen.

    Denn witzigerweise finde ich Überstunden komplett abzulehnen, auch wenn sie mal notwendig und der Sache angemessen sind (z.B. wegen einer Deadline, die für die Firma wichtig ist), auch nicht so richtig dolle.
    Mein Credo (als Arbeitnehmer) ist, dass Überstunden in bestimmten Fällen absolut okay sind und nicht groß diskutiert werden müssen. Allerdings wäre es sehr wünschenswert, wenn es anschließend bei passender Gelegenheit einen kleinen (Freizeit-)Ausgleich gibt. Dieser Ausgleich muss nicht mal exakt abgerechnet sein, sondern man muss das Gefühl bekommen, dass es wahrgenommen und geschätzt wird, wenn jemand mehr arbeitet als die Zeit, für die er eigentlich bezahlt wird.

    Wenn Überstunden aber der Normalfall werden und es Teil des Business-Plans wird, dass Leute regelmäßig länger arbeiten, die Stelle aber nicht aufgestockt oder auf mehr Schultern verteilt wird, dann läuft was falsch, und das ist es, was man ändern muss.

    Ich hab mal in einer Werbeagentur bei 38,5 Std mehrere Monate lang 60-Std-Wochen mit Wochenendarbeit gehabt, ohne irgendeine Art von anschließendem Ausgleich; das hat mir dann irgendwann gereicht…

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  15. Rainer sagt:

    Bravo Sina für diesen Artikel. Ich war dieses Jahr selbst von einem totalen Burnout betroffen (weißt Du ja, habe Dich oft genug besucht) und habe in dieser Zeit einige sehr interessante Lebenserfahrungen gemacht. Burnout kommt nicht nur durch den Beruf sondern durch die Summe der “Lasten” die man sich auflädt. Bei mir ist das ein Vollzeitjob, im Januar kam dann noch bedingt durch die schwere Krankheit meiner Frau pötzlich die komplette Haushaltsführung, Kinderbetreuung usw. dazu. Das hat dann dazu geführt, dass ich ab Mitte März erst mal 6 Wochen “krank” war obwohl ich mich nicht wirklich krank gefühlt habe. Aber meine Hausärztin meinte, ich brauch das und hat mir auch Medikamente verschrieben. Vorher habe ich natürlich Bücher wie “Burnout für Dummies” gelesen und mir meine Gedanken gemacht, wie ich das in den Griff kriegen kann.

    Zum Glück ist mein Arbeitgeber hier sehr locker, niemand setzte mich unter Druck als ich meine Sollarbeitszeit nicht mehr leisten konnte weil die Zeit zwischen “Kinder in die Schule schicken” und “Kinder kommen heim” dafür niemals reicht. Und auch die 6 Wochen Auszeit waren kein Problem, ich habe es wirklich gebraucht und auch die Medikamente haben wirklich geholfen.

    Besonders geholfen haben aber auch Freunde die einem Mut in so einer schweren Zeit zusprechen und sich auch nicht von einem abwenden, auch wenn man bedingt durch die Überlastung bis zum Zusammenbruch dann schon mal zum “Asshole” mutiert und Termine und Versprechungen gegenüber diesen Freunden nicht mehr einhält. Ja, die rationale Seite des Gehirns guckt zu wie die kaputte emotionale Seite die Kontrolle übernimmt und sagt “ihr könnt mich alle mal.. ich will Ruhe”.

    Es liegt also nicht nur den den Controllern und Human Resources den Leuten zu helfen, die unter Burnout leiden. Auch eine Freundschaft kann hier Gold wert sein, einfach dem Betroffenen zuhören und ihm das Gefühl geben, nicht alleine vor dem Berg an Dingen zu stehen die ihn erdrücken.

    Natürlich sollte jeder Arbeitgeber auch mal reflektieren, dass Leute einfach über kurz oder lang ausbrennen, wenn sie ständig zu 100% rotieren müssen. Lieber eine normale Arbeitslast von sagen wir 75% und dafür auch die Motivation, wenn wirklich mal Not am Mann ist auch mit 150% einzusteigen.
    An dieser Stelle würde ich jedem Arbeitgeber das Buch “Spielräume” von Tom DeMarco zum Lesen verordnen, denn dort stehen so Binsenweisheiten drin wie “Leute denken unter Druck micht schneller”.

    Mit den Erfahrungen und Erkenntnissen die ich in diesem Jahr sammeln durfte (ich sehe das sehr positiv, dass mir das Leben einen solchen Einblick gewährt hat) könnte ich ein Buch füllen. Vielleicht schreibe ich dazu mal was in mein Blog.

    Auf jeden Fall bin ich sehr froh, dass es Menschen wie Dich und Dein Team gibt die immer eine Tasse Kaffee für einen gestreßten Menschen übrig haben. Menschlichkeit ist das passende Gegengewicht zu “unmenschlichen” Situationen um die Balance wieder herzustellen. Wobei natürlich das Ziel nicht darin bestehen kann, auf beiden Seiten unendliche Mengen aufzutürmen, denn darunter wird irgendwann das Gesamtsystem (die Balkenwaage in unserem Beispiel) zusammenbrechen.

    Liebe Grüße von mir und der ganzen Familie

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  16. Boret Wodka sagt:

    Hallo,

    ich arbeite in einem Unternehmen mit ca. 170 Mitarbeitern im Software Support. Bei uns gilt der Grundsatz, dass nur glückliche Mitarbeiter auch die Kunden glücklich machen können und zufriedene Kunden nicht genug seien. Man spürt einen Leistungsdruck, ja, aber man wird nicht damit alleine gelassen und dann kann man ihn auch bewältigen. Alle sind sehr motiviert deswegen. Ich sehe am Vorbild meines Arbeitgebers, dass es gar nicht so schwer ist und dass es sehr gut funktioniert seine Mitarbeiter als Menschen zu behandeln. Denn das Unternehmen wächst kontinuierlich und letztes Jahr wurden wir vom great place to work institue ausgezeichnet. Ich finde das großartig und ich finde man kann sich das zum Vorbild nehmen.

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