Eben las ich, dass heutzutage doppelt so viele Arbeitnehmer einem Zweitjob nachgehen als im Jahre 2003. Dies nur, um über die Runden zu kommen. Nicht, um sich großartigen Luxus leisten zu können. Eine Meldung, die deutlich weniger Relevanz in den Medien erhält als die gestrige: „Niedrigste Arbeitslosenquote (3,4 Prozent) in Bayern seit Jahren!“.
Es mag sein, dass wir weniger Arbeitslose haben. Gefühlt. Vergessen wir nicht die vielen Menschen, die in irgendwelchen sinnlosen Maßnahmen hängen und somit aus der Statistik geputzt sind.
Es mag sein, dass mehr Menschen Arbeit haben. Aber, wie die heutige Meldung zeigt, keine gute. Keine, die bei 40 Stunden Arbeitsleistung den Arbeitenden ordentlich überm Wasser hält. Von Urlaub ganz zu Schweigen.
Aber dafür gibt es ja den Zweitjob. Tolle Minijobs. Nichts gegen Minijobs, wenn sie Erstbeschäftigung sind von Frauen zum Beispiel, die langsam wieder in den Beruf einsteigen möchten, während die Kinder noch intensive Betreuung brauchen. Aber: Feine Sache für Unternehmer, die mit „billigen“ Arbeitskräften echte Jobs substituieren und dabei einzige Möglichkeit für Arbeitnehmer, ein zusätzliches Einkommen außerhalb der Erstjobarbeitszeiten zu generieren. Das ist nicht nur krank, das macht auch krank.
Was die wenigsten bedenken, es belastet in doppeltem Sinne: Zum einen müssen die Anforderungen beider Tätigkeiten erst einmal unter einen Hut gebracht werden. Die Fahrtzeiten dazwischen von Job A zu Job B machen den Arbeitstag noch (unnötig) länger. Das geht dauerhaft in die Knochen. Die andere Seite ist, dass immer weniger Zeit und Raum bleibt, sich zu erholen. Schließlich wird das Fenster der „Rekonvaleszenz“, im Kreise der Familie, beim Sport, wo auch immer, stets kleiner. Ebenso die Kraft, sich nach einem anstrengenden Tag noch irgendwie mit etwas anderem zu beschäftigen, um „herunterzukommen“. Worin das endet, können wir mittlerweile wöchentlich auf einem Cover irgendeiner Publikumszeitschrift lesen. Diese Woche, der stern: „Burnout“. Ein Scheiß.
Warum ich euch das erzähle? Ich sitze gerade über der Kalkulation eines lang geplanten und für uns, also manomama, wirklich großen Projekts und enormen Schritts in Sachen „Wir bringen es wieder heim“. Über 30 Arbeitsplätze können so auf einen Schlag geschaffen werden, weil wir Produkte wieder hier produzieren, die längst nach Asien verloren geglaubt sind. Ich hab den indischen Preis des Endprodukts (was bei mir gerade einmal die reinen Kosten für den Stoff sind, der hier in Deutschland aus EU-kba-Baumwolle gewebt wird).
Und nun stehe ich vor einer Zwickmühle: Drei-Schicht-Vollakkord in meiner Näherei und ich könnte die Stoffkosten einigermaßen abfedern oder Produktion ohne Nachtarbeit und Vollakkord – und wir werden um einiges teurer, vielleicht 50 Cent pro Stück. Puh, dachte ich mir, ein ganz schöner Pappenstil. Aber – da war ja noch die Meldung von heute.
Am Ende wird der Konsument, also wir alle, es zahlen müssen: entweder 50 Cent oder - indirekt über Sozialabgaben und Rentenversicherung – die immensen Rehabilitationskosten für all die Menschen, die wir durch überfordernde, ja inhumane Arbeitsbedingungen kaputt machen. Auf einmal sind 50 Cent für mich richtig klein, denn ich weiß seit unseren Umschülern, die wir aufgenommen haben (kommen beide aus Renventersicherungsmaßnahmen, da sie Opfer des ersten Arbeitsmarktes sind), was die Rehabilitation an Engagement Zeit und Geld kostet.
Ich werde nun nicht das „billig“ scheinende Angebot fertigschreiben, sondern das langfristig günstigere.
Euch einen wunderschönen Tag,
eure Sina


















