Stefan: Warum ich gegen das Grundeinkommen bin


Ich diskutiere ja gerne mit meiner Frau über das Grundeinkommen. Sie ist dafür, ich dagegen. Allerdings fand Sie meine Argumente so spannend, daß Sie mich genötigt hat dies in ihrem Blog zu veröffentlichen.

Ich bin gegen das (bedingungslose) Grundeinkommen (B)GE. Nicht weil ich den vielen Menschen die paar Euro mehr in der Tasche missgönnen würde. Auch nicht weil ich befürchte, daß Menschen automatisch antrieblos und faul werden, wenn Sie eine Grundsicherung beziehen, Ich denke vielmehr, daß das Grundeinkommen eine ganz perfide Masche ist, wie man die ungerechte Verteilung des Vermögens noch ein paar Jahrzehnte aufrechterhalten kann.

Auf den ersten flüchtigen Blick sieht ein Einkommen zur Grundsicherung wie eine revolutionäre und richtig gute Idee aus. Es soll Einkommen von Erwerbsarbeit entkoppeln und damit die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe auch denjenigen bieten, deren Arbeitskraft nicht mehr gefragt ist. Und das werden in nicht so ferner Zukunft die Mehrheit der Bevölkerung in den „alten“ Industrienationen sein. Der aufmerksame Politiker hat hier gerade Mehrheit gelesen. Und diese können ganz schön ungemütlich werden, wenn sie unzufrieden sind. Das hat in der Vergangenheit schon zu Revolutionen geführt und diese radikale Umstrukturierung von Gesellschaft und Wirtschaft wird von den Eliten nicht ganz zu Unrecht gefürchtet. Weil eine Revolution das einzige Ereignis ist, bei dem die Vermögenden und Herrschenden tatsächlich Gefahr laufen einen Großteil Ihres Geldes und/oder Status zu verlieren. Kriege und Wirtschaftskrisen überstehen sie in der Regel viel unbeschadeter, als die breite Masse.

Was hat das nun mit dem Grundeinkommen zu tun. Das Grundeinkommen ist ja nicht den Köpfen arbeitsloser Transferleistungsempfänger entsprungen, die wegen der Höhe der Hartz IV-Bezüge unzufrieden sind. Die geistigen Väter des Grundeinkommens sind Unternehmer, Politiker und Professoren, die sich wenn man die Personen kennt durchaus den gesellschaftlichen Eliten zurechnen lassen. Die haben den Trend (naja eigentlich ist es ein alter Hut und seit 35 Jahren bekannt), daß sich gesellschaftliche Teilhabe immer weniger Menschen leisten können erkannt, und preisen das (B)GE als Lösung für die Probleme der Gesellschaft der Zukunft an. Die Argumentation scheint einleuchtend: Durch eine monetäre Grundsicherung ist Jedem die gesellschaftliche Teilhabe unabhängig vom Vorhandensein von Erwerbsarbeit garantiert.

Das klingt radikaler als es ist. In einer Marktwirtschaft ist grundgesetzt die gesellschaftliche Teilhabe vom Vorhandensein und der Höhe des Einkommen abhängig. Mit der Einführung eines Grundeinkommens wird lediglich dem Umstand Rechnung getragen, daß es für die Mehrheit der Bevölkerung zukünftig keine Möglichkeit mehr geben wird auf legalem Weg ein ausreichendes Einkommen zu erzielen. Die Schere zwischen den Vermögenden 10% und dem Rest der Bevölkerung geht immer weiter auseinander. Und dieser Zustand wird durch ein Grundeinkommen nicht beseitigt, sondern sogar noch verstärkt, sollten sich dessen Befürworter mit der Idee einer rein konsumorientierten Besteuerung durchsetzen können. Denn Bezieher niedriger Einkommen werden durch hohe Steuersätze auf Konsumgüter deutlich stärker belastet, als die Besserverdienenden. Und für Unternehmen sind Konsumsteuern ein durchlaufender Posten deren Last komplett der Endverbraucher trägt. Aber Teilhabegerechtigkeit, also gleicher Anspruch auf Zugang zu allen gesellschaftlichen Gütern ist auch nicht Ziel des BGE.

Die Befürworter des (B)GE werden an dieser Stelle einwerfen, daß der Mensch dadurch vom Zwang zur Erwerbsarbeit befreit wird und sich besser entwickeln kann. Diese Entwicklungsmöglichkeit käme der ganzen Gesellschaft zu Gute. Der (Selbst)wert eines Menschen wäre unabhängig vom ausgeübten Beruf. Schön wärs. Freiheit ist immer auch die Freiheit des Anderen und für Unternehmer brechen bei der Personalplanung geradezu paradiesische Zeiten an. Mitarbeiter werden nicht mehr entlassen sondern vom Zwang zur Arbeit befreit. Endlich ist die lästige Stigmatisierung von Massenentlassungen vom Tisch und durch den gesetzlich garantierten branchenübergreifenden Kombilohn werden auch die Gehälter deutlich sinken. Auch Status und zugemessener Wert eines Menschen werden sich nicht wie erhofft von der Arbeit entkoppeln, solange die gesellschaftliche Teilhabe an das Einkommen gekoppelt ist. Und bei dem durch die hohen Umsatzsteuer bedingten Kaufkraftverlust wird ein Restaurantbesuch für den (B)GE-Bezieher genauso unerschwinglich werden, wie für die heutigen Transferleistungsempfänger. Das (B)GE doktert in meinen Augen nur an den Symptomen einer wirtschaftlichen Ordnung herum, die für die Mehrheit der Menschen keine gestaltende Zukunft mehr vorsieht. Für die Unternehmen und Vermögenden verbessern sich durch die Einführung eines (B)GE die Verdienstmöglichkeiten noch einmal deutlich, was in meinem Augen die soziale Ungerechtigkeit noch verschärfen wird, da die Teilhabe an vielen gesellschaftlichen Gütern und Einrichtungen den höheren Einkommen vorbehalten sein wird.

Eine grundlegende Änderung hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit muss die gesellschaftliche Teilhabe vom Einkommen entkoppeln. Aber das wäre dann deutlich zu viel sozial und zu wenig Marktwirtschaft für die (B)GE Befürworter. Und so bleibt bei mir der Eindruck eines Konzepts, dass vorgeblich sozial, in Wirklichkeit aber besitzstandswahrend für die jetzt schon Privilegierten ist.

Und deswegen bin ich gegen das Grundeinkommen.

68 Antworten zu “Stefan: Warum ich gegen das Grundeinkommen bin”
  1. @ Gesellschaftsdividende , keine neuen Argumente o.k aber neue Intressenten und die sollten informiert werden, der Beweis der fehlenden Aufklärung ist die fehlende Unterstützung die du bemängelst. Erwarte bitte nicht, daß die Menschen blind wie eine Scharfherde dem BGE Freund hinterher laufen, die Menschen wollen schon wissen was ihnen bevorsteht, bei Hartz IV ist es so abgelaufen wie du es dir vorstellst, das Ergebnis ein Desaster, das soll sich nicht wiederholen. Wir haben nur einen Versuch das BGE einzuführen und der darf nicht scheitern. Ich verstehe deine Aufzählung der vier Dinge als Spass, lach, solltest du es wirklich ernst gemeint haben würde uns das Desaster ins Haus stehen.

  2. Robert Bleilebens sagt:

    @ ForMoreDemocracy2011:

    Du erweckst den Eindruck, nur bei einer Einkommensteuer gebe es Nettozahler. Das ist jedoch nicht richtig. Es gibt auch bei der Konsumsteuer Nettozahler (die muß es ja auch geben; es gibt ja schließlich auch Nettoempfänger): Wenn das Grundeinkommen z.B. 1.000 Euro hoch ist und der Anteil der Konsumsteuer in den Preisen ist 50% (geht nicht sofort, sondern erst nach einer Umstellungsfrist von mindestens 20 Jahren!), dann liegt die Transfergrenze bei 1.000 Euro / 50% = 2.000 Euro; bezogen auf die monatlichen Konsumausgaben. Nur wer monatlich mehr ausgibt, ist Nettozahler! (z.B. bei 3.000 Euro sind 1.500 Euro Steuern in den Preisen enthalten – 1.000 Euro Grundeinkommen = 500 Euro. So hoch ist die Nettozahlung bei 3.000 Euro monatlichen Konsumausgaben.)

    Wer dagegen nur vom Grundeinkommen lebt, der zahlt lediglich 500 Euro der 1.000 Euro wieder zurück und wird somit mit 500 Euro monatlich alimentiert; dazu kommen noch Zinskosten für die Vorfinanzierung der anderen 500 Euro, die ja erst im Laufe des Monats wieder reinkommen.

    Es mag sein, daß die Sache dann nicht mehr so auffällt. Nichtsdestotrotz gibt es immer Nettozahler. Daß dies in der Grundeinkommensbewegung gerne unterschlagen wird, ärgert mich schon lange, denn dies läßt das wunderbare Konzept des BGE in einem unseriösen Licht erscheinen.

  3. Gesellschaftsdividende sagt:

    @Günter Schwarzkopf, ich dachte an den alten Spruch “3 Dinge braucht der Mann” und manchmal sind wir schon recht humorlos!

    Was ich immer wieder feststelle in den Gesprächen rund ums BGE, die meisten gehen von einem Crash des Systems aus und erwarten nicht das Sie dann noch Geld zum leben haben. Gleichzeitig gehen die meisten davon aus, das unsere Kinder und Kindeskinder in schwierigen prekären Verhältnissen ohne Rente leben werden.
    Viele meinen auch, das ein BGE wenn dann nur in fernster Zukunft kommen kann!

    In den Gesprächen zum BGE verstehe ich dann nicht, das die Heutige Generation so eine Angst vor dem BGE hat, ich z.B werde es wohl kaum erleben, aber meinen Kindeskindern wünsche ich auch ein einigermaßen erträgliches Leben!

    Das Argument von Daniel, das BGE werde bestehende Einkommen (sowohl Transfereinkommen, wie auch Erwerbseinkommen) in seiner Höhe. Kommt selten gut an, meist höre ich dann: ” Warum soll ich auf Einkommen verzichten”!

    Vielleicht hat Einer von Euch einen Rat, wie dies besser vermittelt werden kann!

  4. sabine sagt:

    für Robert:
    stimmt, es wird unterschlagen in den vielen Kongressen, Vorträgen – es fragen auch sehr wenige danach; die Bevölkerung ist unzureichend in Wirtschaftsfragen unterrichtet.
    Ich wünsche mir, daß alle favorisierten Befürworter, also Vortragende, Diskussionrundenteilnehmer, Politiker, diese Antworten lesen und nun dieses Thema “Nettozahler” mit in die Reden einfließen lassen.

  5. Felix sagt:

    Ja ich stimme dir zu – Wenn dann kann das BGE nur zusammen mit einem entkoppeln der Banken aus dem System und damit der Zinsabschaffung kommen.
    Aber dein Punkt hängt sich ja daran auf, daß die Kosten über Mwst reingehoplt werden – das ist natürlich (!) Betrug. Da muß man einfach besser/anders finanzieren. Allein der Verteidigungshaushalt würde ausreichen. Wenn man bedenkt was außerdem an Kosten wegfallen würde, wäre auch eine so enorme Finanzierung kein Problem.
    MFG
    Felix

  6. Felix sagt:

    mehr dazu hier http://www.ak-ggg.de/

  7. Felix sagt:

    BGE mal anders – Ein Bedarfsorientiertes Finanzsystem AK-GGG.de – http://vimeo.com/25605881 zähes aber gutes video

  8. @ Gesellschaftsdividende, wie wäre es mit dem Slogan : Auf dem Weg zum Reichtum “BGE” , es ist nicht nur der materielle Reichtum gemeint, sondern auch der geistige und kulturelle. Die Menschlichkeit würde wieder Einzug in die Gesellschaft halten und der Einzelne würde zu dem werden was er ist, ein Mensch und kein konsumorientiertes Rädchen in der Maschinerie der elitären Kräfte.

  9. holger sagt:

    Zum einen kann ich die Kritik an der Konsumsteuer noch nicht nachvollziehen, zum anderen muss ein BGE nicht über eine Konsumsteuer finanziert werden. Ich denke sehr wohl, dass ein BGE eine kulturelle und motivationelle Revolution auslösen kann. Das BGE ist allerdings auch nicht das Ende aller Politik, aber doch eine äußerst interessante Einzelmassnahme.

  10. Lukas sagt:

    @stefan ich kann Deinen Bedenken folgen und will sie auch nicht von der Hand weisen.

    Ich würde auch beipflichten, dass das BGE durchaus zu einem Teil ein “Trick” des Establishments sein kann (sein wird), eine Revolution zu verhindern, und einen Teil des Besitzstandes zu wahren.

    Dennoch, oder besser gesagt, gerade darum finde ich das BGE eine gute Idee. Es hat genau deswegen eine reelle politische Chance. Aber wenn es dann kommt, tut es wesentlich mehr als *nur* Besitzstand wahren. Bzw. hat es dann schon getan, indem die Entkoppelung von Arbeit und Einkommen in den *Köpfen* Realität geworden ist. Diese Erkenntnis halte ich für unauslöschbar, wenn sie mal da ist. Sie wird die blinde Geld- und Wirtschaftsgläubigkeit, mit der uns die “da oben” heute so gut gängeln können, anknacksen, relativieren. Das werden aber diejenigen, denen es am meisten Macht nehmen wird, zuletzt (und für sie zu spät) erkennen, weil ihnen mechanisch-technisch das BGE Besitzstände wahrt.

    Ideen, die unsere Gesellschaft weiterbringen sollen, dürfen denen, die heute privilegiert sind, nicht in erster Linie Angst machen. Im Unterschied zu vielen tollen Ideen im Bereich Geld- und Steuer- und Wirtschaftsreformen, hat das BGE für mich dieses (enorm subversive) Potential!

  11. Pascal Mages sagt:

    Hallo Stefan, interessante Argumentation! Auch wenn ich deine Ansichten nicht ganz teile. Insbesondere…

    Zitat: “Und dieser Zustand wird durch ein Grundeinkommen nicht beseitigt, sondern sogar noch verstärkt, sollten sich dessen Befürworter mit der Idee einer rein konsumorientierten Besteuerung durchsetzen können. Denn Bezieher niedriger Einkommen werden durch hohe Steuersätze auf Konsumgüter deutlich stärker belastet, als die Besserverdienenden. ”

    Eine Mehrwertsteuer (ergo Konsumsteuer) mit zwei Steuersätzen, ein tiefer für die lebensnotwendigen Güter und ein höherer für den Rest, ergibt eine progressive Besteuerung. Dies weil der Anteil an lebensnotwendigen Gütern mit zunehmendem Konsum sinkt. Damit steigt automatisch der durchschnittlich bezahlte Steuersatz. Eine sozial ausgestaltete Konsumsteuer ist möglich. Genaueres ist in diesem Blog beschrieben: http://opensustainability.wordpress.com/2011/07/06/die-mar-von-der-unsozialen-mwst/

    Gruss
    Pascal

  12. ich stelle mir vor, dass ein bge doch den einen oder anderen engagierten und derzeit mehr oder weniger versklavten mitbürger/mitbürgerin in die lage versetzt, sich für weitere verbesserungen der teilhabe einzusetzen. die frage ist auch: wie hoch soll ein bge sein? wenn ich von tausend euro eine krankenversicherung bezahlen soll, wird es knapp! deshalb sollte es zusammen mit dem bge eine öffentliche gesundheitsversorgung geben, die bei menschenwürdigen leistungen ohne zuzahlungen auskommt. so gibt es viele probleme der ausgestaltung. bei allem ist für mich das höchste gut die selbstbestimmung. selbst eine reine grundsicherung – wenn sie repressionsfrei ist – wäre ein fortschritt gegenüber hartz IV. auch bismarck hat den sozialstaat nicht aus menschenliebe erfunden, sondern um dem kommunismus den wind aus den segeln zu nehmen. war das ein unglück? hat es der gesellschaft mehr geschadet oder mehr genutzt?

  13. somlu sagt:

    Ich teile deine Ansicht, obwohl ich auch Phasen heftiger Ambivalenz durchlaufe. Bisher konnte mich noch kein BGE-Konzpet überzeugen, zumindest wenn ich es weiter durchdenke.

    Bevor wir ein BGE einführen und die Vermögenden und Unternehmen sich “freikaufen” können, würden mir ein paar Drehungen an anderen Stellschrauben wichtiger sein: Mindestlohn, vielleicht eine Bürgersteuer, also alle Arten von Einkommen würden besteuert werden und aus diesen Steuern auch die Unterstützung für Erwerbslose, Kranke usw. gedeckt werden. Wieso müssen Großindustrien subventioniert werden (ich denke da an die Großen in BW, die Waffen produzieren und zu ihren Aufträgen durch bilaterale Verträge zwischen Regierungen kommen). Das Unternehmensrechten bei Aktiengesellschaften müsste mal deutlich auf den Prüfstand. Transaktionsteuer usw. usf. Idee gibt es zuhauf. Durchgerechnet ist auch das meiste schon. Aber wie diesen Sinneswandel, den wir dafür brauchten bewerkstelligen? Ein Puzzelstück ist Manomama :)

    Sicher, dass ist erst mal reformistisch gedacht aber hier sehe ich viel Potential für mehr Gerechtigkeit. Und was die Arbeitskraft im “alten” Europa angeht. Ich habe in einem sehr guten Praxiskolleg “BWL und Management” gelernt, dass wir hier sowieso nur eine hochpreisige und qualitativ hochwertige Produktpolitik betreiben können, die eben auch entsprechende Fachkräfte voraussetzt. Wenn mehr Unternehmen, wie manomama handeln würden, könnten wir vieles ändern hier. Dieses Rattenrennen nach mehr Umsatzrendite und noch mehr und jeden Jahr steigt das exponential, das ist gruselig und da hat Sina vollkommen zu recht gestern im BR gesagt, Gewinn/Umsatz kann nicht alles sein.

  14. Lieber Stefan,
    ich glaube, ich muss dich korrigieren: Du bist nicht gegen das Bedingungslose Grundeinkommen, sondern Du bist gegen das Grundeinkommen um jeden Preis. Und das ist gut so!

    Denn es gibt natürlich ein zentrales Argument gegen das Bedingungslose Grundeinkommen: es darf nicht zu niedrig angesetzt werden und in Wahrheit dazu dienen, Sozialleistungen zu kürzen und Menschen abhängiger zu machen. Das ist in meinen Augen die grösste Gefahr bei der Debatte um eine Bedingungsloses Grundeinkommen! Und deshalb bin ich froh, dass das Thema noch nicht bei den Parteien angekommen ist bzw. bisherige Anläufe abgefedert und keinesfalls Mehrheiten geschaffen wurden. Denn die bisherigen Anläufe, z.B. ein Modell Bürgergeld à la Althaus, waren eben solche Versuche, wie Du sie beschreibst. Insofern ist die Gefahr ganz real und braucht das ganze Gespräch und Bewusstsein, um sich dagegen zu wappnen. Denn bei einem zu geringen Grundeinkommen und verkrüppelten Umsetzung, braucht es dann tatsächlich Deine Revolution.

    Da schon viel geschrieben wurde, übrigens eine sehr gute Diskussion wie ich finde, führe ich gleich nur einen Punkt aus. Hier nur schnell noch einige Punkte zusammengefasst, die zum Teil so oben schon besprochen oder angerissen wurd.
    - Das Bedingungslose Grundeinkommen ist gewissermaßen der ausbezahlte Steuerfreibetrag zur Konsumsteuer. Durch das Grundeinkommen wird die Konsumsteuer progressiv (übrigens wesentlich progressiver als die heutige Steuer, weil es an der Kasse im Supermarkt keine Steuerschlupflöcher gibt, auch nicht für Großverdiener).
    - Waren des alltäglichen Lebens (Grundbedürfnisse) könnten mit einer geringeren Konsumsteuer belegt werden. Luxuswaren dagegen mit dem vollen Satz bzw. einem erhöhten Satz. Darüber hinaus kann ich mir vorstellen, besonders ökologisch und fair produzierte Produkte zusätzlich zu entlasten, während Produkte die auf Kosten der Umwelt produziert werden, hier ihren Beitrag leisten.
    - Du schreibst, dass die Schere zwischen den reichen 10 % und den anderen immer weiter auseinander geht. Und in der Tat würde sich auch das mit dem Grundeinkommen nicht unbedingt ändern. Das Grundeinkommen ist auch nicht das Allheilmittel. Es gibt viele Ansätze, die wir nebenher besprechen müssen, insbesondere im Bereich des Zinswesens, Unternehmertums und Spekulationswesens. Aber ein Grundeinkommen nimmt vielen die Not, die Angst und die Enge, die macht, dass die Gedanken, die Impulse und die Kreativität verkümmern.
    - (Dazu noch ein Nachsatz in Klammern: vielleicht haben wir uns sogar zu lange und zu fixiert immer wieder auf die reichen 10 % gestürzt und dabei zu wenig gedacht, wie wir für die anderen die notwendigen Voraussetzungen schaffen können. Ich bin dafür, dass wir die 10 % mal eine Weile für sich alleine unglücklich sein lassen und uns auf die anderen 90 % konzentrieren.)

    Zu deiner Dessert-Degustation von Daniels Menü. Du schreibst: „Auch die deutliche Verbilligung des Lohnfaktors könnte sich auch so auswirken, dass immer mehr Unternehmen in Deutschland produzieren lassen. Das ist erst mal gut. Wenn Sie aber einen Grossteil ihrer Waren exportieren ist das gut fürs Unternehmen und schlecht für den Staatshaushalt und damit für den Konsumenten, der dieses Ungleichgewicht durch steigende Konsumsteuern kompensieren muss.“

    Dass sie einen Großteil ihrer Waren exportieren ist erst mal eine These von Dir. Da bin ich mir noch nicht so sicher. Tatsächlich kann ich mir vorstellen, dass die Importe von Billig-Waren, die in Ländern mit mangelnder sozialer Absicherung von ArbeitnehmerInnen hergestellt werden, zurück gehen und wir viel mehr Produkte als bislang inland herstellen und auch nutzen. Warum nun das? Weil wir die Billig-Produkte nicht mehr durch unser heutiges Steuersystem subventionieren, sondern wie auf alle im Ausland produzierten Produkte beim Grenzübergang die Konsumsteuer in ihrer vollen Höhe drauf packen. Tatsächlich ist es ja heute so, dass wir unsere Produkte durch Sozialabgaben gegenüber Ländern mit nur geringen Sozialleistungen verteuern. Damit ist Schluss. Ich glaube, dass wir eine enorme Stärkung des Binnenmarktes erleben würden und vor allem mittelständische Unternehmen profitieren würden, die heute nur bedingt konkurrenzfähig sind.

    Was gut für das Unternehmen ist, ist nicht unbedingt schlecht für den Staatshaushalt. Ja, die exportierten Waren tragen nicht zum Steueraufkommen bei. Sie bringen jedoch reale Kaufkraft ins Land. Und selbst wenn ein Unternehmen enorme Überschüsse erwirtschaftet, muss es sie ausgeben oder zur Bank bringen und sie anlegen. Im zweiten Fall übernehmen andere dann das Ausgeben und konsumieren und mithin Steuern zahlen.

    Dass von mir noch hinzugefügt.

    Herzliche Grüsse, Benjamin

    PS: Ich habe dich im Fernsehen gesehen. :)

  15. Clemens sagt:

    Vielen dank Stefan, für deinen Beitrag! Eine sehr inhaltsvolle Diskussion konnte bis jertzt daraus entstehen. Das istsehr schön.

    Viel wurde bereits gesagt, jedoch möchte ich noch einmal betonen, dass das BGE nicht den Anspruch an sich selber stellt eine Lösung für ein bestimmtes Problem zu sein, sondern vielmehr ein Umdenken anstrebt. Lösungen kann man auch nicht herbeizaubern, die kommen von alleine als Begleiterscheinung bewussten und vernünftigen Denkens. Dazu gehört eben nicht nur die Entkoppelung des Einkommens von der Arbeit (das ist eher zweitrangig im BGE), sondern vielmehr die Entkoppelung der Arbeit vom Einkommen. Ein Apotheker muss keine unsinnigen MEdikamente mehr verkaufen um überleben zu können, dondern kann sich auf die Betreuung von Kranken und Bedürftigen konzentrieren. Dasselbe gilt natürlich auch für den Arzt. Ein Bäcker muss keine knallweißes Hefe Brot mehr Backen, weil keiner zweimal soviel für ein mehr als doppelt so wertvolles Sauerteigbrot ausgeben will. Ein Schweizer Kleinverarbeiter kann wieder Emmentaler Bergkäse herstellen, weil der Preisdruck sich nicht auf seine Existenz auswirkt; ein normaler Landwirt kann endlich aufhören Kunstdünger zu streuen, Pestizide und Antibiotika in rauen Mengen zu benutzen, da er (der von allen am meißten arbeitet für das wenigste Geld) nicht mehr um seine Existenz bangen muss. Wir hätten schon jetzt mehr als die Hälfte der Landwirtschaft arbeitend nach den Bio-Richtlinien (ich bin selber Landwirt und weiß daher wovon ich spreche). Ein Eismann kann wieder eigenes Eis machen (wie damals, als wir noch Kinder waren), da das Besorgen billiger Grundstoffe und fertig-Mixturen nicht mehr über seine Existenz entscheidet.

    Das Resultat wäre vor allem volgendes: vernünftige Mediziner, leckeres Essen, gesunde und naturverträgliche Landwirtschaft, echtes Eis, echten Bergkäse, usw usw…. Man kann gar nicht genug aufzählen.

    Diese ganzen (markt)wirtschaftlichen Probleme sind gar nicht so sehr Bestandteil des BGE, es bietet eher Optionen und Vorschläge.

    Nichts und niemand kann irgendetwas nachhaltig in eine Lösung zwängen. So auch wir nicht unsere Wirtschaft. Das muss von selber kommen als Nebenprodukt vernünftigen menschlichen Bewusstseins. Was wir dafür brauchen sind eben Werte wie Vertrauen und einsatzt für den Nächsten. Nicht mehr ich verdiene mein Geld, sondern die anderen beteiligen sich am Zustandekommen meines Grundeinkommens. Auch in “Reiche” und “Unternehmer” sollte man vertrauen. Wer sagt denn, dass das angehören einer (wie du sagtest) “elitären” Schicht verwerflich ist? Wie gesagt, als Bauer gehöre ich da sicher nicht dazu. Aber ich habe niemals ein Problem damit dass andere Reich, wohlhabend und Einflussreich sein möchten. An der anderen Seite darf eben niemand darunter leiden.

    Aber jetzt doch mal ehrlich: WER BEABSICHTIGT DENN MIT DEM BGE DIE REICHEN ZU “ENTMACHTEN”. Wer innerhalb des BGE Geld verdienen möchte hat dazu alle Freiheiten der Welt und das ist auch gut so. Freiehit muss immer, bei allen unseren Überlegungen eine Grundkonstante sein. Neben derjenigen, dass die Integrität eines anderen Menschen nie darunter leiden darf.

  16. Hallo Stefan,

    der Blogger Benjamin Hohlmann hat dir einen Artikel gewidmet:

    “Benjamin: Warum Stefan doch für ein Grundeinkommen ist” ^^

    Siehe:
    http://www.benjamin-hohlmann.de/benjamin-warum-stefan-doch-fur-ein-grundeinkommen-ist/

    LG FMD :-)

  17. Hm, der Film, der ja DIE Grundlage für ein solches Schreiben sein müsste, ist entweder nicht gesehen oder nicht verstanden worden, denke ich, nachdem ich den Text oben gelesen habe …
    Kann man ja noch immer tun. Vuiel Spaß dabei!

    film
    http://www.kultkino.ch/media_player_grundeinkommen/index.html

  18. [...] Kommentar zum BGE, der meiner Meinung viel richtiges sagt. Wir dürfen es den Unternehmen nicht so einfach machen und [...]

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