Archiv für den Monat Juni 2011

World Wildlife Fail?

Donnerstag, 23. Juni 2011 6 Kommentare »
Abgelegt unter Sinas private Gedanken

Immer wieder wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Die letzten Schweine: FSC, denn sie schlagen Wald für Ökoholz. (http://www.swr.de/report/-/id=233454/did=7636092/pv=video/nid=233454/j8mjwq/index.html) Unvergessen auch die Sache mit LIDL und Greenpeace (http://www.stern.de/tv/sterntv/geschaeftsbeziehung-mit-lidl-das-passt-nicht-zu-greenpeace-591524.html?nv=cp_L2_)

Aktuell ist es keine Sau, vielmehr ein seltenes Tier: der Panda. Des WWF. Die viertbekannteste Marke der Welt. Und sie schützen ihre Marke. Ein Freund hat eine richtige Wut auf den Verein, schließlich ließ die Organisation ihn trotz Kooperation wegen des Gebrauchs abmahnen. Details darf er nicht erzählen, habe er sich doch verpflichtet, den Mund zu halten. Dies erfuhr ich vor ungefähr drei Monaten. Vorgehensweise nicht unbedingt „sauber“, aber für einen ehemaligen Werber im Sinne des Markenschutzes noch irgendwie zu rechtfertigen. Oder auch nicht.

Weniger verständnisvoll war ich, als ich erfuhr, dass der WWF auf Druck der vietnamesischen Regierung Pangasius-Fisch wieder von der „Roten Liste“ nahm. (http://diepresse.com/home/panorama/klimawandel/631783/PangasiusVerzicht_WWF-gab-Druck-aus-Vietnam-nach). Warum, verrät der WWF nicht. Eine Antwort erwarte ich eigentlich bis heute.

Gestern dann der große „Bigbang“: die Reportage „Der Pakt mit dem Panda“ in der ARD. Ein regelrechter Shitstorm zieht durch die sozialen Medien. Was macht der WWF, der im Vorfeld schon äußerst aktiv Juristen bemüht hat? Meines Erachtens ziemlich unpassende Kommunikation. Unerfahrene Massen-Tweets a la „Die Vorwürfe sind haltlos“ posten. Von Anfang an echte Fakten hätten es einfacher gestaltet.

Wieso aber wird dem WWF nun derart eine übergezogen, während andere Siegel und Institutionen fast schadlos mögliche Unstimmigkeiten überstehen?

Schlicht: Weil die Geschichte zu schön ist. Schön, böse.

„Mitbegründet wurde der WWF einst maßgeblich von Mitgliedern der europäischen Adelshäuser“ schreibt die Süddeutsche Zeitung – und bau(scht) subtil, gewollt oder nicht, die Reportage weiter auf.

Der WWF also kein Zusammenschluss engagierter Tierschützer aus dem Volk, nein. Der Adel war es. Die anderen. Die Oberen, die auf Wildsafari gehen und Treibjagd zum Hobby haben. Kurz: Nicht einer von uns.

Ja, und dann die aktuelle Pressesprecherin des WWF. Im Fernsehen. Verzeiht, Arroganz pur. Mit ihrer „Was-wollt-ihr-eigentlich“-Haltung bestärkt sie nur, was der mittlerweile durch Netzrecherchen „informierte“ Leser, Hörer, Seher denkt: ein elitärer Haufen, machtvoll vernetzter Menschen, der WWF. Und was wissen wir? Je näher an der Macht, umso korrupter. Eine einfache Schlussfolgerung. Das platte Fazit: der WWF ist böse. Muss böse sein.

Und nun? „Nun steh‘ ich da ich armer Thor, und bin so klug als wie zuvor“. Richtig, nun haben wir uns aufgeregt, kündigen Spendengelder und tun unseren Unmut kund. Vielleicht, weil es richtig ist. Vielleicht aber auch, weil wir fälschlicherweise nicht die ganze Facette begriffen haben.

Vorgestern hatte ich ein Gespräch mit einem Mitarbeiter aus einem sehr großen, namhaften Lebensmittelkonzern. „Richtig ist, dass wir nicht nur zertifiziertes Palmöl verwenden. Warum? Weil es die Menge überhaupt noch nicht gibt, die wir benötigen.“ Bei diesem Satz ist mir eingefallen, wie wir sie treiben würden: Die Schweine, die den Regenwald schlagen für billige Schokoriegel. Die Schweine, die Affen den Lebensraum nehmen für Massen-Frühstückscerealien.

Aber: Sind es nicht wir, die an der Nase gepackt werden müssten? Wer, verdammte Scheiße nochmal, muss für 10.000 Euro eine WWF-Wildlife-Tiger-in-Echt-Sicht-Safari buchen? Diese Touristen gehören an den Pranger gestellt. Ebenso jene, die dem Pangasiusfisch einen unerwarteten Auftrieb gaben. Das aber wird nicht passieren. Schließlich trifft es einen von uns. Und nicht die anderen.

Seid beruhigt: dem WWF kann ein Vorwurf gemacht werden: Angebot und Nachfrage. Würde der WWF derartige Reisen nicht anbieten, würde niemand das Angebot annehmen können. Wie immer gibt es kein Schwarz und kein Weiß. Gemeinsam können wir diese Missstände ändern. Die einen, die ihr Engagement deutlich überdenken, die anderen, die ernsthaft darüber nachdenken, ob Angebote, die sie in Anspruch nehmen möchten, Sinn machen. Oder nicht.

Denkt mal darüber nach!

Eure Sina

P.S.: Mein kleines, privates Fazit hat sich auch nach dieser Geschichte nicht geändert. Ich unterstütze keine großen Vereinigungen, sondern helfe im kleinen. Dort, wo ich direkt nachvollziehen kann, wie meine Arbeit Wirkung zeigt – oder meine Spende.

Konferenz der Nachhal(l)tigkeit.

Donnerstag, 23. Juni 2011 2 Kommentare »
Abgelegt unter Hinter den Kulissen, Sinas private Gedanken

Ob Generalprobe, oder Premiere: Ihr habt das prima gemacht!

„Ui, ich kenne das aus dem Fernsehen!“ beschreibt Gertrud den ersten Blick, als sie aus dem Hauptbahnhof Berlin tritt. Das Reichstagsgebäude, das Kanzleramt – kurz, die Hauptstadt-Skyline beeindruckt meine Mitarbeiter merklich. „Wisst ihr was?“, sage ich. „Heute machen wir die Generalprobe und morgen sind wir ja erst um 16.30 dran. Ihr könnt euch bis 15 Uhr einen schönen Tag in Berlin machen!“.

‚Ja‘, denke ich mir, ‚ich freue mich‘. Jahreskonferenz des Nachhaltigkeitsrats. Klingt high-class. Ist high-class. Das Who-is-Who der Wirtschaft und Politik wird sich einfinden und über Nachhaltigkeit „referieren“. Ich bin gespannt. Was ich nicht wusste: Im Laufe des Tages so gespannt zu sein, dass ich schier platze. Diese nachträgliche Erkenntnis begleitet Stefan mit einem milden Lächeln. „Was hast Du erwartet?“ wird er mich auf der Rückfahrt fragen. Und ich werde ihm antworten: „Genau das, was ich erlebte. Aber ich wollte überrascht werden!“.

Die Generalprobe verläuft reibungslos. Liegt auch daran, dass der Rat ein wundervolles Team, allen voran Tobias Ruderer und Yvonne Zwick, die uns betreuen, zusammengestellt hat. Yvonne ist es auch, die meinem Team und mir tolle Abende in leckeren Restaurants dank ihrer Tipps ermöglicht.

Britta Steffenhagen, gut gelaunt dur den Moderationsmarathon

Am nächsten Morgen trennen sich unsere Wege: mein Team erkundet Berlin, ich bin auf dem Weg ins Tempodrom. Leise betrete ich den Hauptsaal, hat die Konferenz schon begonnen. Ein bisschen stolz werfe ich einen Blick auf das Moderatorenteam: Britta Steffenhagen und Volker Wieprecht, die nicht nur einen guten Job machten, sondern auch blenden aussahen. (Anm. d. Red.: Achtung, Produktplacement ;) ).

Und dann kommt, was kommen musste. Nein, Frau Merkel ist erst nächster Programmpunkt. Vorsitzender des Rats, Hans-Peter Repnik (CDU) dankt in nahezu überschwänglicher Weise seiner Kanzlerin: „Heute nehmen wir mit Freude zur Kenntnis, dass Sie den Ausstieg ermöglichen!“ Nachhaltigkeit hat für mich etwas mit Ehrlichkeit zu tun. Eine solche Lüge empfinde ich einen Schlag ins Gesicht all derer, die aufgestanden sind und auf der Straße ihren Unmut kundtaten. Jene Menschen, die sich sichtbar dafür engagierten und die Regierung förmlich dazu gezwungen haben, den Atom-Einstieg (ja, das sollte man bitte nicht vergessen), rückgängig zu machen.

„Merkel spricht und ich geniesse die Luft draussen. Aus Gründen.“,

twittere ich. Auf dem Weg nach draußen überreicht mit Herbert (Name geändert) seine Visitenkarte. „Och Gott, wieder einer dieser Werber“, denke ich. Und weit gefehlt, wie er mir erklärt. Er sei CSR-Consultant, einer von den guten. Einer derer, die Nachhaltigkeit in Unternehmen brächten. Er wisse, was er täte, schließlich würde er sich mit der Materie schon fünf Jahre wissenschaftlich auseinandersetzen. Und außerdem wären die Honorare seiner Abteilung deutlich unter denen, die seine kreativen Kollegen „abrufen könnten“. Das ist mal ein Argument, denke ich mir.
„Nachhaltigkeit kann man sich nicht extern kaufen, es muss im Inneren des Unternehmens, von unten an, entstehen!“, erwidere ich. Die darauffolgenden 10 Minuten erklärt er mir en Detail, warum es genau anders herum sein wird. Schön.

„Wie fandest Du die Worte von Umweltminister Röttgen?“, fängt mich ein junger Mann ab, der sich um Nachhaltigkeitsrankings kümmert. „Nichtsssagend!“, sage ich. „Nein, also der Meinung bin ich nicht. Ich finde, er hat es getroffen“, erwidert er. Freundlich verabschiede ich mich und muss fast schon schmunzeln. Der alte Journalistenwitz durchkreuzt meinen Kopf.

Kommt ein Journalist zu spät zur Pressekonferenz des Politikers. „Verdammt, was hat er gesagt?“ „Nichts!“ „Ja, aber wie hat er es diesmal formuliert?“.

Endlich draußen. Mittlerweile leicht angesäuert. Schnappe mir eine Tasse Kaffee und mag die in Ruhe genießen. Treffe „Alt-Bekannte“ und neue Gesichter. Die beiden jungen Studentinnen zum Beispiel, die Visionen pflegen, und mir erklären, dass man alles genau diskutieren muss. Machen sei nicht einfach, nein, es ginge eigentlich gar nicht. Allein bei diesem Satz denke ich mir: „Was, verdammt nochmal, machst Du dann seit einem Jahr? Nichts?“ Viel erschreckender empfinde ich jedoch die Tatsache, dass junge Menschen, die die Aufbruchsstimmung in eine neue Wirtschaft durch „Machen“ ernsthaft nutzen könnten, reden, labern. Diskutieren. Verwerfen. Wieder formulieren. Wäre dies das Verhalten eines 55jähigen Managers, würde ich sagen: „Okay, schwierig über den Schatten zu springen nach so vielen Jahren konventionellen Wirtschaftens!“ Aber sie sind nicht einmal halb so alt, und haben in ihren jungen Jahren schon erkannt: reden ist einfacher denn handeln. Na prima.

Henryk M. Broder, mein persönliches Highlight.

Ich wende mich ab, suche mir eine Ecke und grummele vor mich hin. Schimpfe in mich hinein. Wer mich kennt, weiß, dass mein Temperament mir gerne einmal durchgeht. In diesem Fall geht es durchs Mikro. Das hing über mir. Gegenüber steht ein weißbärtiger Mann, in alter russischer (oder DDR-) Uniform. Er fragt mich: „Was machen Sie hier?“ „Ich bin auf der Suche nach Nachhaltigkeit!“ erwidere ich. „Dann haben wir schon etwas gemeinsam!“, antwortet er. Henryk M. Broder. Für Getroffene ist er fieser Giftzwerg, für die anderen brillanter Provokateur und Chirurg, der am Herzen der Societas mit ruhiger Hand gezielte Schnitte setzt. Für mich ist er persönliches Highlight in der weichgespülten Veranstaltung. Wir unterhalten uns köstlich, vor und hinter der Kamera.

Die Wege von Henryks Team und mir trennen sich, da wir nun dran sind. Mein Team. Auf der Bühne. Geplant ist eine Modenschau, die ich materialtechnisch kommentieren soll. Geht einfach nicht, denke ich mir.

„Und die @manomama redet Tacheles! Sie kann gar nicht anders! Sehr erfrischend #rne11“,

schreibt @jormason auf Twitter.

Ja, ich kann nicht anders. Ich kann nicht mitspielen. Nicht dieses Spiel, das abgekartete. Die Regeln sind einfach: Gemeinsam blafaselt man von Nachhaltigkeit, ohne überhaupt zu wissen, wie sie definiert wird. Gemeinsam optimiert man PR-wirksam Falsches, anstelle den Mut aufzubringen, das Richtige zu beginnen. Gemeinsam shaked man sich die Hände und klopft sich auf die Schultern.

„Wir haben uns einen Cutter angeschafft, der 50% weniger Energie verbraucht“, gibt ein namhafter Fleischverarbeiter ökorrekt in einem Interview zu Protokoll. Man kann auch sagen: bei gleichem Stromverbrauch kann er nun doppelt so viel Massenware produzieren. Das Interview finde ich, als ich den Namen googelte. Warum? Weil er mir seine Visitenkarte auf der Nachhaltigkeits-Veranstaltung überreichte. Zur Suchmaschine griff ich erst, als eben jener Name mir als Antithese in Thilo Brodes (foodwatch) Buch „Die Essensfälscher“ ins Auge sprang. Aber das ist eine andere Geschichte.

Eure Sina

Was sonst noch geschah:
Eine Bierlänge unterhalte ich mich mit dem Generalsekretär des Nachhaltigkeitsrats, Herrn Dr. Bachmann. Je mehr Worte wir wechseln, umso heller wird meine Laune. Kritischer Geist, toller Gesprächspartner, angenehmer Bier-Mittrinker.

Ich genieße ein Mittagessen in Gesellschaft eines Lobbyisten. Hätte meinen Arsch darauf verwettet, dass das niemals passieren würde. Aber: das sind auch nur Menschen. Zuweilen sogar sehr nette.

Britta und Volker, die beiden Moderatoren haben den Konferenzmarathon wirklich klasse gemeistert.

Unvergesslich: Dirks & Wirtz – die beiden Gitarren-Virtuosen.


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