In Bayern, genauer gesagt, in Buttenheim bei Bamberg, begann einst der Siegeszug der Jeans. Levi Strauss erfand hier die Jeans. Die Ur-Jeans. Die robuste Arbeiterhose hat sich im Laufe der vergangenen 150 Jahre zu einem Fashion-Musthave entwickelt. Heute sind Jeans tagtäglicher Begleiter – aber auch aufgrund der „Veredelungen“ – so ziemlich das schädlichste Textil, was man herstellen und tragen kann.
„Wir bringens wieder heim“ ist ja mein Motto. Und wir haben es wieder nach Hause gebracht: die Jeans. Aber von vorne. Vor ziemlich genau 9 Monaten habe ich begonnen, alles in die Wege zu leiten, um wieder eine Ur-Jeans produzieren zu können. Das aber ist gar nicht so einfach. Allein einen Weber zu finden, der meine Anforderungen erfüllen kann, war fast ein Ding der Unmöglichkeit. Überall, wo ich fragte, hieß es: „Nein, geht nicht. Nein, können wir nicht machen, nein ohne die (modernen) Mittel können wir nicht weben!“. Und gestern sind dennoch die ersten Meter komplett unbehandelten Denims vom Webstuhl gegangen. Ohne Schlichtungsmittel, was man beim Weben unbedingt bräuchte. Ohne zusätzliche Appreturen, die das Garn robuster machten. (Wir haben schlichtweg Zwirn zum Weben genommen, der stabiler ist). Kurz: ich hab‘ die Profis gefunden, die alte Webtechniken auf einer neuen Maschine noch beherrschen. Im Museum nämlich. Ja, unsere Jeans kommt aus dem Textilmuseum in Augsburg. Gewoben von sehr erfahrenen Webmeistern, einige davon schon längst in Rente. Diese Herren haben mir gestern gezeigt, dass es geht.
„Des machma scho“, sagt Arthur, einer der Webmeister, immer. Oder „Des kriag ma scho“. Und er hat bis heute stets Recht behalten. „Zackeldi, die Kette dreht wia Sau!“ ruft Herr Thoma und schnell eilen die beiden anderen Weber hinzu. Zu dritt wird geschlagen und geknüpft, gezupft und gebürstelt. Und dann liegt sie wieder, die Kette. Arthur dreht sich zu mir und – richtig – „sag i doch, des kriag ma scho!“.
Und dann läuft er, der Webstuhl. Völlig fasziniert stehe ich auf der andern Seite des Stuhls und sehe zu, wie Millimeter für Millimeter eine 3-1-Köper, die klassische Denim-Webknüpfung entsteht. „Mir genga jetzt in Pause“, winkt mir Herr Thoma zu und lädt mich auch auf eine Tasse Kaffee ein. „Moment, und wenn da ein Faden bricht?“, frage ich. „Des Garn is guat, des bricht ned“, erwidert er mir und verabschiedet sich mit einem Lächeln in den Pausenraum.
„Das Garn ist gut“ denke ich bei mir, und muss lachen. Was war das für eine Anstrengung. Garner hier zu finden ist machbar, aber Zwirner? Heute wird in Deutschland, wenn überhaupt, nur noch Polyester verzwirnt. Keiner der Zwirnereien hat Lust, die „staubige“ Naturfaser im gleichen Raum zu verzwirnen, schließlich saut man sich die gesamte Charge Polyester ein. Ich machte mich auf die Suche. Zwischendrin wollte ich sogar mit Arthur „handeln“. „Können wir nicht ein Garn verweben, muss es unbedingt ein Zwirn sein?“ (Anm.: Ein Zwirn ist sind zwei stark in sich gedrehte Garne) „Nein.“ Kurz und bündig war seine Antwort. In Sachen Qualität macht Arthur nämlich keinerlei Kompromisse. Schließlich soll sie langlebig sein. Und so fand ich nach weiteren Monaten den Zwirner, der, wie Herr Thoma feststellte: „Zackeldi, a guatr Fadn“ war.
Tja, und der „gute Faden“ ging gestern zum ersten Mal durch den Greifer. Die ersten 7 Meter haben wir abgewoben, abgenommen – und ich war völlig überrascht. Das, was ich in der Hand hielt, war ein 100% ökologischer, angenehmer, griffiger Stoff, ohne jegliche Hilfsmittel und Appreturen. Das, was ich in der Hand hielt, hat so überhaupt nichts mit dem zu tun, was wir heute in Sachen Jeans tragen. Meine Überraschung hat Arthur gesehen, kam zu mir und grinste: „Des, was da hosch, is a Stoff. Des, was mir tragn, is von vornherein a kaputter Fetzn.“ Und er hat Recht. Und: so soll es bleiben. Dieser Stoff wird so verarbeitet, wie er ist: weder gebleicht, noch stonewashed, gebimst oder sandgestrahlt. Er wird nicht geäzt oder nachgefärbt, gelaugt oder gekocht. Es wird eine Jeans, die zwei Geschichten hat: die ihre, und im Laufe der Jahre, die ihr sie tragt, die eure.
Liebe Grüße
Sina



















Klasse Artikel und Geschichte…äh Geschichte ist es ja nicht sondern Realität! Ich glaube “Die Sendung mit der Maus” sollte mal bei euch vorbeischauen und euch bei der Herstellung/Produktion filmen, damit unsere Kinder wieder mehr Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Ökologie bekommen.
Und Erwachsene sollten verpflichtet werden sich das auch anzusehen…
Sehr schön!
Gescheite Hosen zu finden ist echt ein Alptraum. Und dieser ganze Stonewash-Kram war ja am Anfang ganz witzig (die Chemie mal einen Moment außer Acht gelassen), hat aber mittlerweile auch noch seinen Rest-Charme verloren.
Ihr wisst schon, dass ihr einen süchtig macht? Vor allem bin ich schon ganz gespannt auf die Schnitte
Beste Grüße aus Mainz
Die Naturdrogerie
Hach Sina! Bei solch tollen Nachrichten bekomme ich immer einen Endorphin-Überschuss und ich laufe mit einem breiten Grinsen durch die Gegend…
Das ist wirklich wirklich genial was du da machst!
Glückliche Grüße vom Adrian =)
Vielleicht ist das dann endlich mal die Jeans, die ich nicht nach drei Monaten zum Flicken bringen muss …
[...] Sie geht raus und will, zum Beispiel, Leder ohne Chemie gerben. Sie schafft das. Oder sie will Jeansstoff weben. Klingt einfach? Ist es aber nicht, denn wie überall im Handwerk ist sowohl das Wissen als auch die Technologie verlorengegangen. Für Sina kein Hindernis, sie findet die Menschen, die sich damit auskennen und holt sie aus Museen und aus der Rente. Sie treibt Maschinen aus Kellern auf und dann geht das doch. [...]
Gratulation!
So langsam macht es Sinn, daß ich euch mal besuchen komme und mir ein paar Klamotten auf den unförmigen Leib schneidern lasse.
Jetzt muss ich bezüglich des ersten Absatzes aber trotzdem mal Korinthen kacken… ;o)
Zwar wurde Herr Strauss durchaus im schönen Buttenheim geboren, aber dass dort auch die Jeans erfunden oder entwickelt wurde, ist so dann doch eher falsch!. Der Ort und Ursprung der Jeans-Erfindung ist und bleibt, allem Lokalpatriotismus zum Trotz, San Francisco!
Auf eure Hosen bin ich jetzt aber schon gespannt!
Große Freude auch nördlich des Mains – mein Lieblingsrock ist immer noch der Güven und ich fiebere dem Nachfolger entgegen.
Das hast Du toll gemacht!
Das hört sich absolut fantastisch an! Ist schon absehbar, wann man eure Jeans erwerben kann? (Ich wäre definitiv interessiert.
)
@Mirka
Ab 7.7. – 19.45 Uhr.
Ich bin ja so gespannt auf diese Hose – so gespannt, wie mein Onkel den Faden gezwirnt hat. Er war übrigens auch ein Weber, der nun im Museum Führungen macht!
WOW!
wunderbar, endlich mal eine Alternative! Herzlichen Glückwunsch!
[...] [...]
Hach, was mich das hier freut… unglaublich toll, was du da auf die Beine stellst liebe Sina!!!!
Einfach nur beeindruckt – chappeau!
Ich gratuliere zu dieser gelungenen Aktion.
Materialien wieder in Ihrer ursprünglichen Form zu produzieren, Beständigkeit vor modischen Firlefanz zu stellen und der Gedanke, dass man Produkten Raum lassen darf, ihre eigene Geschichte mit den Jahren zu entwickeln. Das gefällt mir.
Viel Erfolg damit!
Hallo Sina,
beim Lesen Deines Blogposts fiel mir eine Hochzeit auf der schwäbischen Alp in den 90ern wieder ein. Abgesehen davon, daß die weiblichen Verwandten des Bräutigams in zwei Nächten 3 Meter verscheidenster Torten selbst produzierten ((Donau-)Schwäbinnen!!), hatten sie auch eine Lohnspulerei im eigenen Keller. Da standen 15 Spulmaschinen (Fachbegriff?) mit denen die Eltern des Bräutigams lange Zeit ihr Geld verdient hatten.
Schön, wenn es nicht nur möglich ist nicht nur im eigenen Land, sondern auch im eigenen Bundesland/Wohnort oder sogar Haus zu produzieren und damit Fahrtkosten und Stress zu minimieren.
Liebe Grüße,
Alice
Ich bin mir sicher Du wirst noch Geschichte schreiben mit Deinen Vorhaben!
Und wie immer einfach klasse faszinierend geschrieben!
VLG aus dem Norden
Heiko
(denk dran das Bier steht noch!!!)
*bigsmile*
SO eine Jeans möchte ich dann haben! Ich bin dieses billig-Zeug, was nach 10 Wäschen immer noch ausblutet und mir Hautausschläge verschafft, so leid. Ich freu mich auf die Jeans!
)
LG
Gunilla
Faszinierend Sina!
Jetzt hat Euer Projekt einen Fan mehr.
Ganz, ganz tolle Geschichte! Ich freu mich so über Deinen Erfolg , weiterhin alles Gute
Bis jetzt war die Jeans das Paradoxon schlechthin: Einerseits das Symbol der Freiheits- Öko- und Friedens-Bewegung, andererseits der wandelnde Chemiebaukasten. Du bringst die beiden Enden zusammen. Cool.
Hallo liebe Sina,
das find ich ja mal ganz klasse, was Du da machst!
Die Jeans ist mein Lieblings-Kleidungsstück…
Ich bin seeehr gespannt auf DEINE Jeans!!!
Wann und wo gibt es denn sowas anzusehen und zu kaufen? Gibt’s da schon Genaueres?
Ich wünsche Dir ganz viel Erfolg für die Umsetzung!!!
Liebe Grüße,
Heidrun
Erst jetzt realisiere ich, was da bei Dir so abgeht. Super, ich bin begeistert. Vor allem weil ich aus der Samt- und Seidenstadt Krefeld stamme und schon immer ein Faible für das Weberhandwerk hatte (die Vorfahren lassen grüßen)
. Erfreulicherweise gibt es hier inzwischen sogar wieder eine Handweberei für Leinenstoffe. Die alte Paramentenweberei ist inzwischen leider nur noch Museum. Die Nachfrage nach guten und aufwendig gewebten (Seiden-)Stoffen ist auch einfach zu gering. Die meisten Leute wissen heute gar nicht mehr, wie sich ein “guatr Fadn” anfühlt. Leider!
Da freue ich mich, dass Du diese Traditionen mit viel Elan wieder ankurbelst. Ich wünsche Dir viel Erfolg und werde mich in jedem Fall in Deinem Shop umsehen.
[...] dem Motto »Wir bringen’s wieder heim« lässt manomama seit Neuestem im Augsburger Textilmuseum Jeansstoff für die »Augschburgdenim« weben. Das konnte ich während einer Führung im »tim« sogar schon live miterleben. Als ich den [...]