In Wut.


Folgende Zeilen sind nicht geschliffen, sondern einfach heruntergeschrieben. In Wut.

Seit Wochen hänge ich an 9000 Zeichen. Wenn es mal fertig wird, ist es ein Text für eine neue Wirtschaftsethik. Wie ich es drehe und wende, bräuchte ich keine 9000 Zeichen. Ein Satz würde genügen. Nämlich folgender:

Wir brauchen eine neue Wirtschaftsordnung.

Nicht mehr, und nicht weniger. Aber genau darin liegt auch das Dilemma. Seit Jahren wird an den Symptomen einer kapitalistischen Wirtschaft herum therapiert, aber: es ändert sich nichts. Wir erinnern uns an den Finanzcrash, das große Drama und die damit verbundene Hoffnung, nun könnte sich etwas ändern. Aber weit gefehlt. An den Finanzmärkten darf weiter wie wild mit undurchschaubaren Finanzprodukten gehandelt werden, nationale Wirtschaftszweige (Hallo, liebe Metaller) basteln sich selbst einen Aufschwung, indem sie nach der ersten erfolgreich ausgesessenen Nullrunde im Lohn sich durch Kurzarbeit sauber kapitalisiert haben und noch ein wenig Kohle aus der firmeneigenen Lichtenstein-Stiftung ins Eigenkapital holten.

Den Aktionär freut es diebisch. Der Mitarbeiter geht leer aus. Wen aber interessiert schon der Mitarbeiter? Und wen der Kunde?

Eben. Alles, was zählt, ist der Profit. Unterm Strich. Im Säckel der Investoren. Wunderbar zeigt sich dieses Verhalten bei global agierenden Unternehmen. Nomaden im Zeichen des Profits. Ist ein Produktionsstandort aus welchen Gründen auch immer unattraktiv geworden, ziehen sie weiter und hinterlassen verbrannte Erde. Sie zahlen so viel Steuern, wie sie möchten und dort, wo sie es für richtig erachten. Sie rechnen sich einmal um den Erdball herum gesund. Globale Unternehmen sind in sich ein eigener Staat, machen ihre eigenen Regeln. Sie spielen mit nationalen Regierungen, ja sie erpressen sie. Gestern zum Beispiel kam die Energieversorgerbranche, natürlich völlig losgelöst von den dramatischen Geschehnissen in Japan, auf die Idee, der Regierung vorzuschlagen, sich intensiver um regenerative Energien zu kümmern, wenn denn der Staat mehr subventionierte. Ich nenne so etwas Erpressung. Und zwar die übelste. Fahrtwind hierfür gibt die Empörung tausender Menschen und eine unsägliche Naturkatastrophe. Jeder auch nur wenig ökonomisch Bewanderte weiß, dass Subventionen kein Schlüssel für dauerhaften Erfolg sind. Stimmt’s, Nokia? Nach Aufbruch eurer Gelder wurde das Werk in NRW geschlossen und gen Osten verlagert.

Den Aktionär freut es diebisch. Der Mitarbeiter geht leer aus. Wen aber interessiert schon der Mitarbeiter? Und wen der Kunde?

Globale Unternehmen sind Pippi Langstrumpfs der Ökonomie. Sie machen sich die Welt, wie es ihnen gefällt. Dummerweise nur ihnen. Ist ein Produktionsstandort zu teuer, wird woanders noch billiger ausgebeutet, verzeiht, produziert, ist ein Produkt zu giftig, wird es in Asien verscheppert. Und den Müll liefern sie auf die Welthalde Afrika.

Liebe Vorstände globaler Unternehmen, seid ihr eigentlich noch ganz dicht? Denkt ihr bei einer einzigen Entscheidung mal an etwas anderes als eure Wiederwahl? Wann, verdammt nochmal, investiert ihr in Werte und setzt nicht auf Kurse? Wenn ihr mal einen richtig guten Tag habt, dann nehmt eure Aktienpakete und schenkt sie euren Mitarbeitern, denn euer Jahressold reicht doch schon mehr als für ein Leben. Schüttet die Gewinne eurer Konzerne nicht in Vollem an eure Aktionäre aus, sondern macht eine Rückstellung für Gehälter in schlechten Zeiten. Und zahlt den Menschen in euren Produktionsstätten einen Lohn, der sie leben lässt. Leben, nicht „nicht sterben!“.

An euch, liebe Politiker, richte ich nichts. Ihr nämlich habt schon lange nichts mehr zu sagen. Marionetten der Lobby, Handlanger der Wirtschaft seid ihr – und merkt es nicht einmal. Oder lasst es euch vergolden.

Der Green New Deal ist dead. Wirtschaft und Politik haben gezeigt, dass sie es nicht auf die Reihe bekommen (wollen). Es wird an uns hängen, von uns abhängen. Wir, Kunden und Mitarbeiter müssen Ordnung schaffen. Eine neue Wirtschaftsordnung. Durch konsequenten Konsum und ethisches Handeln. Entschuldigungen gelten nicht mehr.

27 Antworten zu “In Wut.”
  1. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

    Nur noch ein Gedanke: Zum Sterben reicht es bei vielen auch nicht. Das ist – zumindest in Deutschland – unerschwinglich teuer, dank Abgaben und Gebühren noch und nöcher. #traurigewahrheit

    Die Naturdrogerie

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  2. wallnuss sagt:

    wir brauchen eine neue wirtschaftsordnung – in einer sich schneller wandelnden gesellschaft. das wird nur global gehen, aber einer muss anfangen:

    wann, wenn nicht jetzt ? wer, wenn nicht wir ?

    herzlich wallnuss

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  3. Nils sagt:

    “Es wird an uns hängen, von uns abhängen. Wir, Kunden und Mitarbeiter müssen Ordnung schaffen. Eine neue Wirtschaftsordnung. Durch konsequenten Konsum und ethisches Handeln. Entschuldigungen gelten nicht mehr.”

    Du sprichst mir aus der Seele. Wenn alle, die verstehen wie wichtig diese Erkenntnis ist, endlich mal aufhören würden ständig so Tolerant zu sein und endlich klar Stellung bezögen, mit einer Stimme sprechen, dann wäre es endlich eine Bewegung und nicht nur Querulanten.

    Ich hoffe darauf. Viel wichtiger: Ich arbeite daran!

    Abstimmen mit den Füßen, mehr als nur ein Satz.

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  4. Nun, der New Green Deal ist keinesfalls tot. Gerade jetzt hat er eine echte Chance, so richtig zum Leben zu kommen. Nenn in etwa Ökosoziales Marktwirtschaft http://www.oekosozial.at oder Global Marshallplan http://www.globalmarshallplan.org oder Bedingungsloses Grundeinkommen http://www.bedingungslos.ch Jetzt erst recht, denke ich mir, und engagiere mich in diese Richtung umso stärker.

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  5. Deine Analyse ist gut und ich verstehe deine Wut nur zu gut. Aber was ändert sich jetzt? Hast du eine Vision, wie die Welt aussehen könnte, so daß es besser wäre? Nur wenn du eine konkrete positive Vision hast – möglichst mit anderen zusammen, dann kannst du auch jenen ersten Schritt finden und gehen, der dorthin führt.

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    • manomama sagt:

      @Hennies
      Ja, ich habe ein Vision. Im Kleinen verfolge ich sie seit längerem. Gemeinsam aber müssen wir umdenken und unseren Konsum ändern. Anders geht es nicht. Man wird globalen Unternehmen anders nicht habhaft.

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  6. so gern ich heftig nickend zustimmen würde, ich kann nicht. denn die frage ist:

    wo anfangen?

    so gern ich mich komplett nachhaltig ernähren, kleiden und leben würde: ich kann es mir schlicht nicht leisten. bio-produkte, nur aus der region? zu teuer. günstiges bio kommt aus übersee oder afrika und ist dank der energiebilanz aus den transportkosten nicht mehr bio. biokleidung – schöne idee und ich verstehe, dass sie mehr kosten muss, weil die produktion eben teurer ist. aber das verständnis dafür füllt mein portemonnaie nicht auf.

    denn meine potenziellen kunden sind geizgeil. meine potenziellen kunden möchten ihre gewinne maximieren. meine potenziellen kunden werden nicht meine kunden, weil ich ihnen zu teuer bin. nun habe ich die wahl: mich dem dumping anschließen, täglich 14 stunden arbeiten und am monatsende gerade so über die runden kommen (was bio noch immer unerreichbar teuer sein lässt) oder eben nicht und so auch kein geld haben für nachhaltiges leben.

    so verständlich deine forderung ist: sie ist bei aller liebe und allem wollen nicht umsetzbar, denn der kapitalismus ist genau das, was wir da draußen erleben. fressen oder gefressen werden. die gier nach mehr in ihrem allerhässlichsten gewand. solange die systeme funktionieren, werden sie sich nicht ändern. und warum sollten sie nicht mehr funktionieren?

    gib den menschen wenig geld, dann sind sie auf massenproduktion angewiesen, weil die günstiger ist. sag ihnen, bio ist toll und produziere es massenhaft im ausland, zu günstigen konditionen und die menschen glauben, etwas gutes zu tun.

    und nicht einmal hier hergestelltes bio ist auch immer bio. bsp. milch: biokühe stehen mittlerweile genauso wie ihre nicht-bio-artgenossen in massenhafter anbindehaltung im stall. nur ohne medikamente, weil die gegen bio verstoßen. gebt den viren und bakterien eine chance! so verteilen sich euterentzündungen natürlich viel schneller. und mit artgerecht hat das auch nichts zu tun. muss es auch nicht, denn laut bio gibt es einen unterschied zwischen tiergerecht und artgerecht.

    der kapitalismus sucht und findet immer einen weg, kapital aus etwas zu schlagen, für das bedarf besteht. das ist sein grundprinzip. der mensch strebt nach verbesserung und eigenem vorteil. evolutionär sinnvoll, weil es uns sonst nicht mehr gäbe. das problem des kapitalismus ist nicht neu, die revolten dagegen 100 jahre alt und älter. trotzdem hat er sich durchgesetzt gegen alle sozialer scheinenden systeme.

    also: wo anfangen?

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  7. Claudia Hirrle sagt:

    Liebe Sina, liebe Rachel, und ihr anderen: Jeder KANN bei sich anfangen und weitertragen, was er in sich trägt – es geht doch auch darum, vor sich selbst und seinen Kindern oder… zu bestehen, integer zu bleiben und gleichzeitig nicht zu resignieren.
    Das kostet Tag für Tag Kraft und ist soviel leichter gesagt als getan.

    Das System ändert sich , wenn einer anfängt sich zu ändern – unmerklich, aber wahrhaftig – darauf vertraue ich.

    Liebe Grüße, Claudia

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  8. Gajanus sagt:

    Den Artikel finde ich Klasse. Zustimmen muss ich auch Freimut Hennies und rachel lindenbaum.

    Aber:
    1. Wenn nichts gesagt wird, ändert sich auch nichts.
    2. Wenn man nicht im kleinen anfängt, bewegt sich erst recht nichts.

    Mein einer kleiner Anfang ist mein eigener Garten, da kann ich bio sein, soviel ich will. Natürlich gibt’s noch mehr Möglichkeiten

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  9. Raoul sagt:

    Wenn jeder seinen Beitrag leistet und mag er vordergründig noch so klein ist, dann kann sich etwas bewegen. Und das ist der schwierigste Augenblick, ein System in Bewegung zu bringen, eine Dynamik zu verschaffen.
    Wir haben unser großes Auto für einen kleinen abgeschafft, essen nur Obst und Gemüse aus der Region und orientieren uns an dem was die Jahreszeit hergibt. Achten auf den Wasserverbrauch und trinken fast nur noch Leitungswasser. Neue Haushaltsgeräte sparen Strom und geheizt wird so, dass es zwar warm ist, aber bei bei -10 Grad im Winter nicht mit T-Shirt durch die Wohnung laufen kann.

    Alles für sich keine großen Dinge, aber ich meine ein Anfang in die richtige Richtung.

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  10. frau ziefle sagt:

    Wir sollten uns mal zusammensetzen, Sina.
    Erst heute habe ich nämlich gedacht, dass Demokratie und Marktwirtschaft eines der besten Systeme ist, um Veränderungen zu bewerkstelligen. Denn: jeder einzelne Teilnehmer kann etwas bewegen, einfach an einer Supermarktkasse. Das muss man sich mal überlegen. So einfach.
    Jeder Einzelne.
    Er muss es nur tun. (Siehe auch mein Posting vom Wochenende “Es sind wir”).

    @RachelLindenbaum
    Ein bisschen bio kaufen reicht schon als Anfang.
    Nichts mehr wegwerfen.
    Einen Pulli anziehen statt zu heizen.
    Wirklich jedes Gerät im Haus auf seine Notwendigkeit hin überprüfen.
    Etc etc etc.

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  11. […] Sina ist in Wut und fordert ein neues Wirtschaftssystem. var flattr_wp_ver = '0.71'; var flattr_uid = '1685'; var […]

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  12. Lina Timm sagt:

    Die Idee ist gut und richtig, dass man bei sich selbst und seinem eigenen Konsum anfangen muss. Allerdings stimme ich da Rachel in gewissem Umfang zu. Denn: Die Sache mit dem Geld ist ja ein Kreislauf.

    Ich las in der aktuellen Ausgabe der ZEIT von dem Unternehmen Metz, das seit Jahrzehnten in Deutschland Fernseher produziert. Abgesehen davon, dass ich gar nicht wusste, dass Metz überhaupt Fernseher produziert, dachte ich sofort – das ist ein guter Ansatz. Das wird in Deutschland gemacht, das will ich unterstützen und kaufen. Bis der Absatz im Artikel mit den Preisen kam. Ein noch nicht übergroßer Flachbildfernseher kostet 1200 Euro. Zweifelsohne wird er qualitativ sehr hochwertig und sein Geld wert sein. Aber Samsung vertreibt seine für 400? 500 Euro?

    Die Unternehmen sparen an den Mitarbeitern, wie du, Sina, schon richtig sagst. Aber welcher MItarbeiter soll sich denn einen Fernseher für 1200 Euro leisten können, von dem man – ich sage es bewusst so salopp – 700 Euro dafür bezahlt, dass er aus Deutschland kommt? Ohne (weit verbreitete) höhere Löhne ist es kaum möglich, den Konsum massenwirksam umzustellen.

    Und ohne anderen Konsum, wird sich wirtschaftlich nichts tun.

    Ein Teufelskreis.

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    • manomama sagt:

      @Lina @Rachel
      Es gibt zwei Dinge, die man beachten sollte, wenn es um das liebe Geld des Konsumenten geht. 1. Stimmt es, dass der Konsument weniger zur Verfügung hat als früher. Vor 50 Jahren gaben wir mehr als die Hälfte unseres Einkommens für Lebensmittel und Kleider aus, das ginge heute nicht. Allein schon, weil Miete und Nebenkosten so verdammt teuer sind. 2. Aber: und nun kommt der zweite Aspekt – Qualität zu kaufen ist auf Dauer günstiger. Na gut, der Flachbildfernseher muss länger in deinem Wohnzimmer hängen, aber brauchen wir wirklich alle zwei Jahre eine neue Auflösung? Nein, brauchen wir nicht. Wir glauben es aber. Es gibt ein Sprichwort: “Ich habe zu wenig Geld, um Billiges zu kaufen”. Das hat sich noch immer bewahrheitet. Es gibt keine Entschuldigung.

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  13. Rainer sagt:

    @Lina,

    zwei Dinge: Zum einen sind Flachbild-Fernseher aus abstrakter Sicht ein Panel und ein Receiver, das teure daran ist das Panel und soweit ich weiß gibt es in Europa keine Fabrik mehr, die Panel herstellt. Metz bastelt also eigentlich auch nur Teile aus Fernost zusammen.
    Das andere: Hier in Augsburg, nicht weit von der manomama entfernt bauen wir auch PCs made in Germany. Selbst entwickelt und selbst gefertig, natürlich mit Bauteilen die wieder von weither kommen, denn Prozessoren und Festplatten etc. baut in Deutschland kaum einer. Trotzdem ist diese Produktion wettbewerbsfähig, denn die Lohnstückkosten für eine Kiste bewegen sich im Bereich von 10 Euro. Und ich denke, die Lohnstückkosten bei Metz sind nicht viel anders. Der Preisunterschied zur Konkurrenz aus Fernost ist in dem Fall also eher der Reibach der Firma Metz.

    @Sina,
    danke für diesen Artikel. Ja, ich verstehe Dich und Du rennst hier offene Türen ein. Viele Firmen die ich kenne schreben sich “Der Mensch steht im Mittelpunkt” in ihre “Ethics-Policy” doch tatsächlich steht der Profit im Mittelpunkt. Solange Menschen als Humanresourcen verwaltet werden und ab einem gewissen Alter als “Low-Performer” gemobbt werden ist etwas faul in unserem Wertesystem.
    Und damit sind wir bei Rachel und ihrem geizgeil leeren Portemonaie.

    @Rachel
    klar, dass in einem Land mit explodierendem Niedriglohnsektor jeder feststellt, dass es hinten und vorne nicht mehr reicht. Aber wie Sina richtig sagt, wer billig kauft kauft mehrfach und zahlt am Ende dann doch drauf. Darum vielleicht wirklich mal überlegen, was man wirklich braucht und sich auf die Dinge konzentriert, die wirklich wichtig sind. Das ist z.B. kein Flachbild-TV, bei der Qualität des Programms ist das eigentlich nur rausgeworfenes Geld. Vieles das einem als Schnäppchen verkauft wird weckt nur Wünsche nach Besitz die letztlich doch unsinnig sind, denn wenn wir mal von der Bühne dieser Welt abtreten können wir nichts mitnehmen, auch nicht in Reiseschecks. Von Epikur stammt das Zitat “Willst Du jemanden reich machen, dann mehre nicht seinen Besitz sondern mindere seine Bedürfnisse”. Da steckt viel Weisheit drin, auch wenn man das mit der hohlen Phrase des “Ihr müsst den Gürtel enger schnallen” assoziieren kann. Aber echter Reichtum gründet sich nicht in materiellem Besitz sondern in dem was man an menschlichen Qualitäten hat.

    Liebe Grüße vom König von Haunstetten

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  14. Ich möchte die Gedanken mit dem knappen Geld aufgreifen. Ja viele Produkte, die fair produziert werden, würden nach heutigem Empfinden sehr teuer werden. Diese Produkte in der gleichen Frequenz zu kaufen und auszutauschen wie wir es zur Zeit gewohnt sind wird nie funktionieren. Wir müssen wieder zu einem “Gebrauchen statt Verbrauchen” kommen – Reparieren statt neu kaufen. Dieses unsägliche “es ist billiger sich einen neuen zu kaufen” muss verschwinden.

    Ich möchte noch ein Paar ganz konkrete persönliche Beispiele nennen.

    Mein Verstärker meiner Musik-Anlage ist defekt. Ich habe jetzt die Wahl einen neuen zu kaufen oder den alten für fast das gleiche Geld aufarbeiten (generalüberholen) zu lassen. Der neue hätte natürlich viele schicke Features, die es vor 20 Jahren noch nicht gab. Ich verzichte auf die Features, dafür kann ein Reparaturbetrieb Umsatz machen und ich wieder Musik hören.

    Als nach 25 Jahren die Ersatzteilversorgung für mein Fahrrad zu Ende ging stand ein Neukauf an. Schickes Bike mit Japan-Ausrüstung, bei dem die Ersatzteileverfügbarkeit nach ein paar Jahren nicht mehr gegeben wäre oder doppelt so teures regional ausgerüstetes und produziertes Rad mit deutlich weniger Coolness Faktor dafür aber deutlich höherer Lebenszeit? Jetzt fahre ich mit dem uncoolen Rad durch die Gegend.

    Solche Entscheidungen sind nur dann möglich wenn ich explizit spare, Geld zurück lege und oft auch auf Dinge verzichte. Die entscheidende Frage ist “Wofür geben wir unsere Kaufkraft aus und wofür NICHT? Es hilft nicht darum herum zu reden – es gibt vieles was ich mir nicht mehr leisten kann (bzw. will).

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  15. P.S. der Entwurf der 9000 Zeichen würde mich interessieren. Vielleicht ergibt sich mal eine Gelegenheit darüber zu diskutieren.

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  16. FotoRagazzo sagt:

    >>Qualität zu kaufen ist auf Dauer günstiger.
    Stimmt!
    Meine Musikanlage ist jetzt schon über 10 Jahre alt. Und warum eine Neue?
    Weil der Nachbar jetzt surrounded? Weil wieder irgendwo die Werbung was leistungstärkeres anbietet?
    Nein danke, da kommt auch nur Musik raus, also reicht meine alte Anlage vollkommen aus und so ein feines Gehör, dass ich den Einsatz einer Triangel raushören müsste, so gut ist mein Gehör sowieso nicht. .-)

    Und außerdem, warum muss es unbedingt was Neues sein? Fragt doch mal im Freundes- & Bekanntenkreis rum, vielleicht ist jemand froh, wenn er für seine ‘alte’ Anlage noch einen kl. Obolus bekommt. Wiederverwertung / Weiterverwendung heißt das Zauberwort dazu.

    Das beste Beispiel habe ich im Bereich Fotografie: klar gibt es mittlerweile DSLR-Kameras mit weißichwasfüreinerAuflösung. Doch ich fotografiere weiterhin mit meiner 4 Jahre alten Kamera und DIE will ich auch noch ein paar Jahre lang nutzen, egal was die Industrie an Megapixel-Kameras rausbringt, egal, was mir Fotomessen und die Werbung als die Nonplusultra-Kamera versuchen ‘anzudrehen’.

    So fängt es im Kleinen, bei jedem Einzelnen an !!

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  17. okay, ich sags mal anders:

    ich habe kein auto, sondern benutze ausschließlich die öffentlichen oder mitfahrgelegenheiten. ich heize kaum, weil ich das glück habe, dass die heizungsrohre durch meine wohnung laufen und es so relativ warm ist. ich ziehe einen pulli an (was ist das denn eigentlich für ein blödes argument? kam das nicht mal von sarazzin?). ich esse nicht viel fleisch und wenn doch, kaufe ich zumindest regional. ich habe keinen garten, weil ich in der stadt wohne. mein fernseher ist 10 jahre alt, mein rechner 6,5. mein monitor ist gebraucht. technische geräte müssen bei mir halten, bis sie kaputtgehen. siehe meine waschmaschine, 15 jahre alt. ich trinke fast ausschließlich tee zuhause. ich bin alles andere als anspruchsvoll oder gar teil der schnellen wegwerfgesellschaft.

    ABER: wenn ich 10 euro in der tasche habe und ich stehe vor dem supermarktregal. und da liegt käse vom discounter 400 g für 2,49 und biokäse 100 g für 1,99. da liegen brötchen vom discounter 6 stück 35 cent und biobrötchen, 10 stück 2,19. da liegt wurst vom discounter 150 g für 1,19 und biowurst 150 g für 2,49 – was kaufe ich dann wohl? das teure bio für das reine gewissen oder die discountware, um dann beim nächsten einkauf noch geld übrig zu haben? so ein monat hat ja ein paar tage und essen ist nun mal ein grundbedürfnis, das jeden tag aufkommt. ich könnte jetzt dazu übergehen, bio zu kaufen und nur noch jeden 2. tag zu essen – aber ist das die lösung?

    die argumentation, jeder soll doch einfach anfangen, kommt meist von leuten, die nicht auf jeden cent schauen müssen. ich muss das und ich kann meine “ansprüche” beim besten willen nicht “einfach runterschrauben”, wie hier geraten wurde. denn dann bin ich bei trocken brot und brühe mit nichts drin. biobrot natürlich.

    das ist eben NICHT die lösung. weil das geld dafür nicht bei allen da ist. ich rede nicht von fastfood für die kinder zuhause oder der ausrede, schnitzel mit pommes sind günstiger als gesund zu kochen. aber: davon, dass ich mein weniges geld für bio ausgebe, ändert sich der rest nicht. davon steigen weder die löhne noch zahlen die vorstände ihre gewinne an die mitarbeiter aus. jede lohnsteigerung bedeutet im rückschluss eine teuerung der produkte. jede teuerung der produkte bedeutet weniger käufer und damit weniger profit. weniger profit bedeutet dann im rückschluss irgendwann wieder sinkende löhne.

    und, lieber Rainer (sowie einige andere):

    “Von Epikur stammt das Zitat “Willst Du jemanden reich machen, dann mehre nicht seinen Besitz sondern mindere seine Bedürfnisse”. Da steckt viel Weisheit drin, auch wenn man das mit der hohlen Phrase des “Ihr müsst den Gürtel enger schnallen” assoziieren kann. Aber echter Reichtum gründet sich nicht in materiellem Besitz sondern in dem was man an menschlichen Qualitäten hat.”

    schön, wenn man so von oben herab argumentieren kann, nicht wahr? es gibt ja noch den anderen spruch “wenn ein mann hungert, gib ihm keinen fisch, sondern lehre ihn zu angeln”. mein reichtum an menschlichen qualitäten zahlt weder meine miete noch mein essen und schon gar nicht nachhaltig hergestelltes. aber so kann ich dann ja meine “bedürfnisse mindern” und in geistigem reichtum und mit unendlich reinem gewissen einfach verhungern. um es mal zu überspitzen. ommmmmmmmmmmmmmm.

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  18. @Rachel … Als einer der “einige andere” möchte ich noch etwas ergänzen.

    Ich habe bewusst Beispiele genannt, in denen sich manchenorts der Konsumrausch, der die Spirale antreibt, zeigt. So wie Du schreibst trifft das auf Dich überhaupt nicht zu. Ich selbst schaffe es auch nicht alles was ich konsumiere biologisch und fair zu kaufen.

    Dass sich mein Text vielleicht von “oben herab” anhört tut mir leid, ich kann aber versichern, dass ich aus eigener Erfahrung weiß was es bedeutet “wichtige” Dinge verkaufen zu müssen um für den Gegenwert überhaupt Lebensmittel kaufen zu können.

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  19. frau ziefle sagt:

    @rachel lindenbaum
    du sprichst mich direkt an, indem du sagst, einfach mal anfangen käme oft von denen, die nicht auf jeden cent schauen müssen.
    Das trifft auf mich sicher nicht zu.
    Wir leben mit 5 Personen von einem Krankenpflegergehalt und Kindergeld. Davon bezahlen wir alles. Die Ausbildungsversicherungen der Kinder, Miete für unser Haus, Nebenkosten, Klamotten, Fahrzeuge etc. Übrig bleiben im Monat 0 Euro. Gegessen wird von 400. Macht pro Tag etwa 13 Euro. Für 5 Personen, wohlgemerkt. Das geht nicht 100% in Bio, aber es geht.
    Wie machen wir das? Ich kaufe Saisonware, und lagere sie ein. Ich kaufe viel Sonderangebote im Bioladen. Ich kaufe höchstselten beim Bäcker. Ich mache das selber. Ja, die Kinder essen oft nur Nudeln (das machen Kinder sowieso). Es gibt keinen Schnickschnack. Es gibt fast kein Fertigessen.
    Trotzdem haben wir Biowein, Biokäse, Biofleisch. Nicht jeden Tag – aber das wäre auch Wahnsinn.
    Verzichten wir?
    Ja. Wir verzichten auf alles, was nicht sein muss. Urlaub zum Beispiel, Ausgehen, Kino, Theater – all das Zeug, was wir ausgiebig früher gemacht haben, und was wir wieder machen werden, wenn die Zeit dafür kommt.

    Ja, ich lag manche Nacht wach weil ich nicht wusste, wie ich das machen soll diesen oder jenen Monat. Aber ich sehe auf der anderen Seite, wie viel Lebensqualität es bringt sich sicher sein zu können, dass man all das kann.

    Wie hat das angefangen?
    Klassisch -mit dem ersten Kind. Davor war ich der Billigangeboteexperte. Ich war mir nicht zu schade, die 30 cent Pizza zu essen, Dosenbier zu trinken und zwei Schachteln Zigaretten am Tag zu rauchen. (ich hatte als Freiberuflerin in Berlin übrigens viele Tausend Euro monatlich verdient, am Geld lag das mit den Billiglebensmitteln also nicht!).
    Dann kam das Kind, dann das Nachdenken. Geld hatten wir noch weniger, damals unverheiratet und der Mann noch in einer Weiterbildung.
    Dann kam die Biokiste und mit ihr die Preisunabhängigkeit. Lieferung für fest kalkulierbare x Euro die Woche, statt einkaufen und Kassenschock.

    Mir fällt es immer noch schwer, im Supermarkt die Biosalami zu kaufen, wenn die konventionelle danebenliegt und die Hälfte kostet. Ich weiß wie sich das anfühlt.
    Trotzdem halte ich keinen anderen Weg für gangbar.
    Auch wenn ich lieber ein paar Euro mehr im Monat hätte.

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  20. Rainer sagt:

    Liebe Rachel,

    natürlich sollst Du nicht verhungern weil der geistige Reichtum nicht zur Bezahlung der elementaren Grundbedürfnisse taugt. Und genau das ist doch das massive Problem in unserem Land, dass wir uns immer weiter vom Sozialstaatsprinzip verabschieden und für sehr viele Leute es halt so ist, dass meistens am Ende vom Geld noch Monat übrig ist. Hier muss sich was ändern und das bedingungslose Grundeinkommen könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein.

    Unabhängig davon will ich auch keinem vorschreiben, welchen Käse und welche Brötchen er kaufen soll. Und natürlich ist es nachvollziehbar dass man sich keinen Luxus gönnt wenn man eh kaum Geld hat. Allerdings ist das genau die Spirale nach unten. Keiner hat Geld, keiner kauft was und seit Jahren liegt die Binnennachfrage in Deutschland total am Boden. Die Fachhändler sind von den Discountern verdrängt worden, oder eben vom sagenhaft billigen Internet, da geht man dann zum Fotohändler und lässt sich beraten, kauft aber dann doch lieber im Internet. Einer meiner Nachbarn hatte ein Sportgeschäft, jetzt hat er aufgegeben, denn er kann die Preise des Internet-Versandhandels nicht unterbieten. Auch er durfte die Kunden beraten die dann doch woanders gekauft haben.

    Ghandi hat mal so was gesagt wie “Es ist immer genügend da für die Bedürfnisse aller, aber niemals genug für die Gier eines Einzelnen”. Und hier sieht man die gnadenlose Gier unserer Finanzwirtschaft, die zweistellige Renditen fordert welche mit tatsächlicher Wertschöpfung nie und nimmer zu erreichen sind.

    Zeit zum Umdenken. Jeder sollte mal über die Lage hier nachdenken und sich nicht gleich angegriffen fühlen oder in irgendwelche Grabenkämpfe wie “alt gegen jung” oder “Arbeit gegen HartzIV” verwickeln lassen.

    Liebe Grüße
    Rainer

    P.S. Das mit dem Fisch war soweit ich das weiß so: “Gibst Du einem hungrigen Mann einen Fisch, dann hat er Essen für einen Tag. Lehrst Du ihn zu angeln, dann kann er sich ein Leben lang ernähren”.

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  21. Claudia Hirrle sagt:

    Liebe Rachel,
    ich verstehe gut, dass dich “ein Gerede von oben herab” stört – ich glaube, dass keiner von uns dies tut und vermitteln möchte.
    Auch wir haben am Ende vom Monat oft weniger über als 0 Euro und manchmal liegt das daran, weil wir viel bio gekauft haben, manchmal weil es etwas Schönes zu erleben gab, das gekostet hat, das wir unseren Kindern aber nicht vorenthalten wollten… immer wieder müssen wir entscheiden brauchen wir das, wollen wir das, geht das?
    Und ich habe entschieden mit meinem Mann zusammen, dass bio eben gehen muss – und ein bisschen sparen für die Kinder und bewusstes Leben in Liebe und Muße, damit wir mit 65 nicht schon so abgearbeitet sind, dass wir dann ohne Rente und ohne Gesundheit da stehen…
    Dann lieber ohne Rente und gesund…. – manchmal ist das alles frustrierend und manchmal einfach nur so wie es ist.
    Ich wache jeden Morgen auf und danke einfach nur dem Leben, dass ich etwas dazu beitragen kann, meinen Kindern zu vermitteln: es geht , wenn man möchte – auch mit wenig Geld.
    Und trotzdem versteh ich dich.
    Liebe Grüße, Claudia

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  22. @Rachel

    Ich kann aus eigener Erfahrung nachempfinden wie es ist, wirklich jeden Cent zwei mal umzudrehen.
    Aber auf eine Sache haben wir nicht verzichtet: Bio-Essen. Und das hat einen ganz einfachen Grund. Die Gesundheit sollte einem – besonders in schwierigen Situationen – vor allen anderen Bedürfnissen gehen. Und nichts ist billiger als gescheites Essen, um gesund zu bleiben.

    Gerade in Deutschland kann man sich wahrhaftig nicht beschweren. Essen ist so billig wie nirgends sonst in Europa. Das bezieht Bioprodukte mit ein.

    Hingegen sind die von Dir aufgezählten Produkte mitverantwortlich für einen Haufen “Zivilisationskrankheiten”, die überaus teuer in der Behandlung sind.

    Ich möchte mir kein Urteil über Deine Situation bilden, da ich diese nicht kenne und daher auch nicht komplett nachvollziehen kann. Ich fühle mich aber durch Deine Ausführungen angesprochen, da es auch bei uns “Notzeiten” gab.

    Wir haben sehr oft auf Fleisch verzichtet und stattdessen viel Tofu gegessen, der im Vergleich spottbillig ist. Bis heute ist Fleisch Luxus, obwohl wir es uns mittlerweile ohne Probleme leisten können.

    Obst und Gemüse haben wir saisonal gekauft. Und auch das ist bis heute so geblieben.

    Vielleicht muss man einfach gewisse Dinge wieder lernen; wieder zu schätzen wissen. In unserer Überfluss-Konsum-Gesellschaft gibt es immer alles. Aber ist das wirklich nötig?

    Bedürfnisse werden geweckt wo kein Bedarf ist. Ganz normal ist das nicht.

    Viele Grüße
    Die Naturdrogerie

    PS: Unser Fernseher ist über 18 Jahre alt. Wir könnten uns einen neuen kaufen. Aber wozu?

    PPS: Kein Auto ;-)

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  23. jemi sagt:

    Allen mehr Geld geben ist keine Loesung um ein Ends des Konsums von Massenproduktion zu foerdern. Mehr Geld fuehrt zu hoeheren Preisen, und am Ende sind wir immer noch von der global-agierenden Massenproduktion abhaengig. Es geht immer um Prioritaeten und Praeferenzen, da gibt es keine Ausreden. Wir alle in Dtl geben von underemployment Einkommen viel zu wenig fuer essen aus, und bei Kleidung uberbezahlen wir alle fuer hohle, imaginere Markenwerte anstatt auf Herkunft zu achten. Mal Ehrlich hinschauen! Wofuer gebt ihr Euer Geld aus? Fernseher fuer 400, 500 EUR? Auto? Urlaub im Ausland? Duschbad statt Seife? Die Beispiele sind endlos. Alles Privilegien moeglich gemacht durch den Konsum billiger Massenware. Was ist Euch wirklich wichtig? Warum braucht/Wollt ihr es? Warum nicht verzichten, und lokale Qualitaet geniessen, vielleicht sogar die Produzenten kennenlernen, vielleicht sogar mitmachen und gesuender, und mit mehr Zufriedenheit leben? Tip: Lokale, faire Produkte sind ein wahres Privileg – sie sind superknapp; es gibt davon bei Weitem nicht benign, besonders wenn die Maassen irgendwann dahinter kommt. Jemi von BerlinerHonig

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  24. Marion sagt:

    Gunter Dueck und Richard David Precht sind der gleichen Meinung, haben darüber Bücher geschrieben und sagen interessante Dinge im Radio und Fernsehen. Sie müssten halt nur noch von viel mehr Leuten gehört werden.

       0 Stimme(n)

  25. wut tut gut, frau sina!

    bin über fb auf ihren blog gestoßen und heul jetzt erstmal ne runde……bin so ergriffen über den blog und im speziellen diesen beitrag……!!!!

    lg
    michael

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