Archiv für den Monat März 2011

Den Spinnern gehört die Welt!

Montag, 28. März 2011 2 Kommentare »
Abgelegt unter Hinter den Kulissen, Menschen für manomama

Zumindest gehörte die Welt eben jenen Menschen einmal in Augsburg. Meine Stadt war die Stadt der Spinner und Weber. Heute noch ist mein Lieblingsplatz vor der ehemaligen Kammgarn-Spinnerei im Textilviertel. Hier riecht man förmlich noch die alten Zeiten und hier war es auch, als ich die Idee hatte, wieder zu spinnen. Es gibt nämlich in Deutschland so gut wie keine Naturfaser-Spinnerei mehr. Die noch übrig gebliebenen Spinnereien sind in Weltmarkt-Konkurrenz und haben sich auf die Produktion von absoluten High-Tech-Garnen spezialisiert. Außerdem ist es mein Traum, wieder ALLES in Augsburg und Umgebung produzieren können – die gesamte Vorstufe. Ging ja früher auch.

Nachdem wir nun Hanf, Leinen und weitere Naturfasern aus Süddeutschland verarbeiten möchten, macht es auch keinen Sinn, unsere Rohwaren nach Asien zu verschiffen, um dort dann ein Garn zurückzubekommen. Und wer uns nun ein bisschen kennt, weiß, dass wir so verrückt sind – und spinnen.

Aber, bevor man ans spinnen denkt, sollte man wissen, wie es geht ;-) Deshalb habe ich vergangenes Wochenende den Herrn Hirsch besucht. Er baut mit seiner Firma seit über 30 Jahren Spinnmaschinen. Mit 65 Jahren ist er ein wandelndes Spinn-Lexikon. Für viele, große Konzerne hat er schon die besten Rezepturen gefunden. Naja, und dann komme ich mit meinem Naturzeugs. Überrascht war Herr Hirsch nicht. Im Gegenteil: „Da werma scho was Gscheits drauß macha!“, sagt er.

Geduldig erklärt er meinem Filius und mir, wie man aus einer Handvoll Flusen ein Garn macht. Eigentlich überhaupt nicht schwer. Man steckt die Lunte (so nennt man den Kammzug des Fasermaterial, das aussieht wie eine „Wattewurst“) unten rein, über den Zylinder werden die Fasern quasi zentrifugiert und oben kommt ein Garn heraus, welches aufgespult wird.

Was hingegen ziemlich viel Erfahrung und Übung bedarf ist die Einstellung der Maschine – und der Zylinder. Schon kleine Veränderungen lassen aus den Fasern kein Garn werden. Eine Mischung aus Ausprobieren und Glückssache bei mir, routinierte Handgriffe und Erfahrung beim Herrn Hirsch. Damit ich die Maschine zum laufen bekomme, darf man gerne mal ein Stündchen einrechnen, wie schnell beim Herrn Hirsch das geht, zeigt dieser kleine Video:

Nach zwei Stunden haben wir unsere erste Spinn-Lehrstunde abgebrochen. Es zwar schlichtweg “saukalt”. Wie es aber weitergeht? Gemeinsam mit dem Herrn HIrsch tüfteln wir an Naturfaser- und Recyclinggarnen und an den nächsten Schritten, wie eine kleine Spinnerei in Augsburg aussehen kann. Das nämlich ist das Ziel.

Liebe Grüße aus der Produktion,
eure Sina

D’Sina auf Minga.

Montag, 28. März 2011 4 Kommentare »
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Bayerische Staatskanzlei. Der hochoffizielle Teil der „Land-der-Ideen“-Preisübergabe. Wir wurden neben dem Projekt eCARus und der Bad Tölzer Bergwacht ausgewählt, unser Projekt vorzustellen. Redezeit. In politischen Räumen und unter Anwesenheit politisch Verantwortlicher. Mir war klar, dass ich meine Zeit nicht dafür nutze, um unser Projekt vorzustellen, sondern vielmehr dafür, um ein flammendes Plädoyer für mehr Wirtschaftsethik und ökonomischen Anstand zu halten.

Zunächst wurden die Preisträger in verschiedensten Kategorien vorgestellt und meines Erachtens waren wirklich tolle Projekte darunter. Ein Forscherteam zum Beispiel, das es schaffte, eine Einspritztechnologie zu entwickeln, sodass 20% weniger Sprit benötigt wird. Oder die Marathonis, ein wundervolles Projekt, das Down-Syndrom-Menschen das Laufen näher bringt.

Die Operative hielt das Grußwort, der Repräsentative ließ sich entschuldigen. Dr. Marcel Huber, Chef der bayerischen Staatskanzlei fand (die üblichen) lobende Worte für die Innovationskraft der Bayern und lieferte mir für meine anschließende Redezeit eine Steilvorlage, wie ich sie mir nicht besser hätte wünschen können. Er sagte: „Wir tun alles, dass die Menschen in Bayern die Vorteile aus der Globalisierung ziehen“.

Dann kam mein Part und ich knüpfte direkt an: „Es ist wunderbar, dass die bayerische Staatsregierung und wir so gut zusammenarbeiten. Wir nämlich kümmern uns um die Menschen in Bayern, die die Nachteile der Globalisierung erleiden!“

Innovationskraft braucht ein Land, und dass wir ein Land der Ingenieure und Tüftler sind, ist wichtig – und richtig. Aber, und das habe unmissverständlich in meine Redeminuten gepackt, darf man bei aller Technikverliebtheit und allem Innovationsdrang nicht vergessen, dass es Menschen gibt, denen nicht die Möglichkeit gegeben ist, am High-Tech-Forscherleben teilzunehmen. Auch für diese Menschen brauchen wir eine sinnvolle Arbeit und Anerkennung.

Ein Schmunzeln ging dem Auditorium über die Lippen, als ich zum Ausgang noch erwähnte, dass wir ob des Preises „etwas beleidigt waren“. Schließlich würde dieser Preis Innovationskraft auszeichnen, und manomama stünde für Ethik in der Wirtschaft und soziales Handeln. Für uns seien diese Werte keine Neuerung. Andererseits freuten wir uns darüber, denn die Honorierung eben jener Werte als Innovation ist eine Chance, dass Wirtschaftsethik und Anstand wieder einzöge, in Unternehmen.

Der Applaus und die anschließenden vielen guten Gespräche haben mich in einem bestätigt: Dass es zahlreiche Menschen gibt, die ähnlich denken und fühlen, ja, sich ebenso in diese Richtung engagieren. Das beste Gespräch aber hatte ich komplett wider Erwarten mit Dr. Marcel Huber.

Als er mir im Einzelnen die Urkunde übergab, überreichte er mir zugleich ein „Wir müssen reden!“. Aw, dachte ich mir, das klingt so …. wie wenn Du 15 bist, deinem Vater versprochen hast, um zehn daheim zu sein und dann um drei zu Hause einläufst. Das Gegenteil war der Fall. Dr. Huber und ich haben uns sehr gut unterhalten. Zum Beispiel über jugendliche Schulversager, die ebenso eine Chance benötigen. Mit der Bitte, ihm meine Punkte zukommen zu lassen und mit der Zusicherung, mich zu unterstützen, bin ich nach Hause gefahren. Zufrieden – und voller Kraft, weiterzumachen. Gespannt, was die nächsten Wochen bringen – ich werde euch auf dem Laufenden halten.

Liebe Grüße
Sina

Ciao Erdöl, ciao Strom!

Freitag, 18. März 2011 2 Kommentare »
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Was mich heute glücklich macht? Das Telefonat mit meinem Lieblingswissenschaftler Kai. Von der Hochschule Reutlingen. Er hat für mich gewaschen, und getestet. Was? Unsere neue Siebdruckfarbe. Bis dato hatten wir ja bereits einen GOTS-zertifizierten Siebdruck. Aber. Auch bei zertifizierten Veredelungen sind allzu oft Mittelchen drin, die wir einfach ungern haben. Unser Traum: eine Siebdruckfarbe auf Basis nachwachsender Rohstoffe. Keine synthetischen Mittelchen, keine erdölbasierten Fixierungen. Und vor allem: kein thermisches Fixieren, das kostet nämlich einen Haufen Energie. Wir sind der Meinung: jeden Strom, den wir einsparen können, sparen wir ein.

Tja, und dann hatte ich mein Töpfchen Siebdruckfarbe auf Basis nachwachsender Rohstoffe in der Hand. Enthalten ist Kaolin, Leinöl, Polysaccharid, Essigsäure und pflanzliche bzw. mineralische Pigmente. Mehr nicht. So haben alte Meister vor 500 Jahren schon gemalt, wieso sollte es dann verdammt nochmal nicht heutzutage auf Textil halten? Hieß schließlich Leinwand.

Das Töpfchen habe ich Kai bei unserem letzten Treffen mitgegeben und heute kam das Testergebnis.
Es hält. Es ist waschbeständig und blutet beim Waschen nicht aus. Es behindert weder den Tragekomfort noch macht es das Gewebe stocksteif. Es ist perfekt für dekorative Drucke auf unseren Shirts. Mit einer kleinen Einschränkung, sagt mir Kai und nach der Erklärung mussten wir beide schmunzeln: „Wenn jemand das beim Wet-T-Shirt-Contest trägt, sollte sie nicht heftig an der Brust gerieben werden.“ Jetzt habe ich es auch verstanden: es geht nicht um die Maschinenwäsche, sondern um direktes Nass-auf-Nassrubbeln… Sprich, in nassem Zustand trägt sich bei festem Reiben mit einem textilen Tuch langsam die Farbe ab.

Nass aber sollte man sowieso keine Flecken aus Bekleidung „rubbeln“, weil sonst das gesamte Gewebe geschädigt wird. Besser, man weicht das Kleidungsstück in lauwarmen Wasser ein, und wäscht es anschließend.

„Deine Einschätzung? Können wir drucken?“, frage ich Kai. „Sieht gut aus!“, sagt er. Finde ich auch. Natürliche Siebdruckfarbe, ohne Erdöl und kein Strom zum Fixieren mehr. Wir sind auf der Zielgeraden: der perfekte ökologische Siebdruck. Jetzt noch ein paar weitere Waschtests… und dann ab aufs Sieb.

Ein herzhaftes „hach“ aus der Produktion,
eure Sina

Das gute Stück – aus Gründen.

Donnerstag, 17. März 2011 6 Kommentare »
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Wir legen wieder einmal ein “gutes Stück” auf. Anlass hierfür gab und gibt die unglaubliche Situation in Japan, die uns auch hier zum Nachdenken bringt. Bester Beweis: der kindliche Ausspruch von #Filius, der Tag für Tag retweetet wird:

Seit gestern erreichen uns Mails, ob wir daraus nicht ein t-Shirt machen können. Und, ja, können wir. Ein gutes Stück eben.

Von jedem verkauften T-Shirt spenden wir 5,- Euro an www.betterplace.org – direkt an die Hilfsorganisationen, die in Japan unermüdlich den Menschen in Not helfen. Zudem setzen wir mit dieser Frage ein Zeichen: gegen Kernkraft in unserem eigenen Land.

Hier gehts zum Guten Stück für Damen >>
Hier zu den Herren >>
Und hier zu den Kindern >>

Bestellen könnt ihr das gute Stück bis einschließlich 25.03.2011, anschließend geht die Spende direkt an betterplace, es wird genäht und euch gesandt.
Liebe Grüße
Sina & #Filius

Mensch und Mittel. Punkt.

Mittwoch, 16. März 2011 7 Kommentare »
Abgelegt unter Grüne Gedanken, Hinter den Kulissen

“Wir könnten hier den Ärmelfisch gleich einsetzen, dann wäre ein Arbeitsschritt gespart”, sagt Monika und wedelt gekonnt mit einem Wust an halb zusammengenähten Teilen vor mir. 89 Einzelteile übrigens. Soviel benötigen wir für ein Sakko. Ein wenig mehr als andere, da wir nichts kleben, alles vernähen, keine Kunststoffeinlagen verwenden, sondern unsere kba-Biobaumwollpolster. Die aber müssen auch erst einmal gemacht werden. Schließlich wird es das erste, 100% ökologische Regiosakko, aus deutschem Hanf, kba-Baumwolle und – nichts. 9 Zellulose-Ökoknöpfe noch. Das wars.


Nach 9 Stunden Arbeit ist es dann auch fertig. Eigentlich eineinhalb. Ich habe nämlich parallel zu Monika ein Zweites genäht. Und nach der Häfte aufgegeben. Weil es so verdammt schwer ist. Mein lattemacchiato-flieder-Sakko rettet Monika gerade. Und ich war am Grübeln: 9 Stunden. 9 verdammte Stunden dauert es, ein Sakko zu nähen. Wir müssen da runter. Ein bisschen. Aber wie? Meinen lieben Professor Liekweg, ehemaliger Rektor der Hochschule Fachrichtung Bekleidungsfertig habe ich nicht erreicht. Dann erinnerte ich mich an Raphael, meinen Nähmaschinentechniker. Er hatte vor dem großen Abwandern nach Asien eine Bekleidungsfertigung von Mänteln und Jacken, hier, in Augsburg.

“Woisch, Handwerk braucht Zeit, was Gscheits au”, sagt er auf meine Frage, wie man die Nähzeiten herunterbringen könnte. Für eine Jacke im Vollakkord hat er vor 20 Jahren 3,5 Stunden benötigt. “Aber ohne Paspel, Patte und das klassische Zeug!”. Im fiel ein, wer mir weiterhelfen könnte und gab mir eine weitere Telefonnummer. Erst während des Gesprächs bekam ich mit, was diese Firma tat: Automation. Taschenautomaten, Schließnahtautomaten, schlicht, Automaten für so ziemlich alles, was an einer Jacke dran ist. “1200 Paspeltaschen in 480 Minuten, und wir sind stolz darauf! Immergleiche Industriequalität!”, sagt er.

Was ihr ihr seht, ist keine industrielle Qualität. Es ist Monikaqualität. 24 Paspeltaschen in 480 Minuten. Und diese Arbeit erachte ich für sinnvoller. Das Automatentelefonat hat bei mir ein tiefes Grübeln in Gang gesetzt. Über Verlust von KnowHow, das Ersetzen von Menschen durch Maschinen. Die immer weniger notwendige Qualifizierung von Menschen, ja bis hin zur Überflüssigkeit von Menschen. Ich erinnere mich, als mein Großvater mal sagte: “Früher waren das fünf Mann, heute fährt einer den Wagen!”. Ich war damals vieleicht acht Jahre alt und wir fuhren an einer Straßenkehrmaschine vorbei.

Diese Entwicklung einer industriellen Gesellschaft bringt mit sich, dass geringer Qualifizierte, aber auch Menschen mit ehrenwerten Handwerksberufen zu Außenseitern werden. Sinnlos zu Hause sitzen. Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, ist nicht motivationsfördernd. Selbst die letzte Bastion für Mütter nach Babypause und ähnlichen löst sich derzeit Dank revolutionärer Technologie im Nichts auf: die allseits (un)beliebte Kasse. RFID-Chips am Produkt, Scannerschleuße am Ausgang – wer braucht da noch eine Hilgedard, die in atemberaubendem Tempo Preise eintippt? Dann gibt es noch die Unternehmen, die besonders klug sind. IKEA zum Beispiel. Ja, Kassenpersonal wird gespart, aber Technik ist zu teuer, dachten sich die Schweden wohl. Also bieten sie, zumindest bei uns in Augsburg, seit geraumer Zeit eine – haltet euch fest – Selbstabkassierer-Kasse an. Man darf seine Waren zunächst selbst erfassen, um anschließend via Touchscreen auch noch den Zahlvorgang zu begehen. Bewacht werden die vier Selbstzahler-Kassen von einem jungen dynamischen Herrn, sicherlich Trainee für die gehobene Management-Laufbahn im Unternehmen.

Diese Entwicklung einer vollautomatisierten Industrie, in der wir unser Wissen komplett in die Hand der Technik geben (ja, lasst mal den Strom ausfallen und bittet den Controller, die Bilanzen von Hand zu rechnen!)  bringt auch mit sich, dass wir langfristig niemals eine Chancengleichheit in unserer Gesellschaft haben werden. Wer sich Bildung und Qualifikation nicht leisten kann, wandert direkt aufs Abstellgleis. Wer sich keinen Doktor kaufen kann, wird viel Freizeit haben. Und was tun damit? Es geht aber noch weiter: Wie können wir ernsthaft von einer Wirtschaft, in der die meisten Handgriffe von Maschinen erledigt werden, erwarten, sie stelle den Menschen in den Mittelpunkt?

“Jetzt muss das Futter nur noch geschlossen werden. Nachdem es dein erstes Sakko ist, willst es weitermachen?”, fragt mich Monika. “Nein, du bist der Profi”, sage ich. Und denke: Ja. Ja, wir machen weiter. Weiter damit, Menschen, die einen Beruf aus Leidenschaft ergriffen haben und die niemand hier mehr möchte, eine sinnvolle Arbeit zu geben. Und wenn es 9 Stunden für ein Sakko sind.

Grübelnde Grüße aus der Produktion,
Sina

 


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