Kleines zu groß.


Zertifizierung (von lat. „certe“ = bestimmt, gewiss, sicher und „facere“ = machen, schaffen, verfertigen)

Eine gute Sache, eine Zertifizierung. Schließlich soll sie bestimmte Rahmenbedingungen für ein Produkt, eine Dienstleistung u.ä. sicherstellen und somit dem Verbraucher Gewissheit verschaffen. Mittlerweile aber hat die Flut an “fairen” und “biologischen” Siegeln das Gegenteil bewirkt: der Verbraucher weiß kaum mehr, was er durch welches Siegel an Mindeststandard garantiert bekommt. Eigentlich nicht sehr schlimm, ähneln sich Siegel und Zertifikate doch sehr. Sie setzen Mindeststandards. Und genau hierin liegt das Problem. Für Unternehmen wie manomama.

Haben Sie eigentlich einen Betriebsrat“, war die einzige Frage, die die zuständige Dame von cleanclothes von uns wissen wollte. An sich sei sie sowieso nicht zuständig für uns, schließlich würde man nur international agierenden Unternehmen “auf die Finger schauen”. Hm.

Manomama hat die Problematik, so nachhaltig zu sein dass sie außerhalb des Vergleichbaren und Messbarem landen“, schrieb der Verantwortliche der Nachhaltigkeitsampel. Okay.

Wie wir es auch anstellen, es ist uns kaum bez. nicht möglich, aufgenommen zu werden in sauberen Listen oder Nachhaltigkeitsrankings. Natürlich hätten wir die Möglichkeit, uns für einen satten fünfstelligen Betrag bestätigen zu lassen, dass bei uns – hier in Augsburg – keine Kinderarbeit erfolgt. Auch bestünde die Möglichkeit, ebenso für den ordentlichen Einwurf klingender Münze, die laxen GOTS-Richtlinien bestätigt zu bekommen. Die ganze Zeit jedoch frage ich mich: wofür? Wofür sollten wir Unsummen an Geld ausgeben, die dann Mindeststandards bestätigen, die wir um ein Vielfaches erfüllen. Weil wir regional produzieren.

Nach zwei weiteren Mailkontakten von Nachhaltigkeitsportal-Betreibern wußte ich, warum: Die Rankings arbeiten ausschließlich mit quantitativen Vergleichen. Ein Ranking ergibt sich durch das Erfüllen bestimmter Kriterien. “Ja, setz doch einen Button auf deine Homepage, dass diese mit Ökostrom betrieben wird, veröffentliche einen Code of Conduct und du hast zwei Punkte mehr”, sagte einer der Nachhaltigkeitsranker. Allein diese Aussage widerspiegelt das Dilemma in doppelter Weise: zum einen sind wir der Meinung, dass Dinge, die Grundvoraussetzung sind, nicht noch plakativ werblich breit getreten müssen, zum anderen scheint es aber den Rankern zu reichen, auf der Website “irgendetwas zum Thema” zu finden. Früher war Papier geduldig. Mit Webseiten dürfte es sich ähnlich verhalten.

Vor drei Tagen bekam ich dann erneut eine Mail. Diesmal von Rankabrand aus Amsterdam. Mario, ein sehr netter Kontakt, schrieb mir folgendes:

“Seit Ende November ist nun bereits die Anfrage um manomama zu ranken in unserem Request System. Wir haben das nicht aus den Augen verloren. Nur wird unser Kriterienkatalog für den Modebereich den zweifellos vorbildlichen Nachhaltigkeits- und CSR Aktivitäten von manomama in der aktuellen Form nicht komplett gerecht. Er ist schlichtweg zu “groß dimensional.”

Zu großdimensional? Ich verstehe die Welt nicht mehr. Gerade wir, die die gesamte Produktionskette klein, überschaubar, regional und transparent halten, sind zu großdimensional. Diese Mail war Abschluss einer Odysee der Bemühungen, irgendwie in den zahlreichen Nachhaltigkeitsrankings gelistet zu werden. Bereits erste Zweifel an den verbraucherfreundlichen Rankingportalen bekam ich, als mich ein sympathischer Mann anrief, um über ein Listing in seinem Nachhaltigkeitsportal zu reden. Unheimlich freundlich, und ja, er bemühte sich wirklich, manomama irgendwie unterzubringen. Er ist Geschäftsführer einer GmbH, die das Rakingportal betreibt. Etwas verwundert war ich hingegen über eine Mail einige Wochen später, als mir der selbe Geschäftsführer ein paar Zeilen zukommen ließ, ob ich nicht Nahthilfsmittel, natürlich GOTS-zugelassen, bräuchte. Ich sah ins Impressum: ein Geschäftsführer der Nachhaltigkeits-GmbH, der zugleich Vorstand eines Chemieunternehmens für textile Hilfmittel ist.

So schließt sich der Kreis. Aus dem manomama künftig außen vor ist. Wir setzen weiterhin auf Transparenz. Ganz großdimensional.

Nachtrag (17.03.2011):
Der sehr nette Kontakt von Rankabrand schrieb mir heute eine eMail. Wir müssten telefonieren. Das haben wir auch gemacht. Rankabrand würde daran arbeiten, kleinere Labels mitaufzunehmen. Das ginge nicht gleich, schließlich sei man ob der Kapazitäten erstmal auf die großen konzentriert. Mich hat es sehr gefreut, dass sich die Jungs von Rankabrand gemeldet – und – Gedanken gemacht haben. Ich bin mal gespannt und sage “dank” für deine Mühe, lieber Mario!

Nachtrag (21.11.2011):
Eine liebe Twitterin brachte mich heute drauf, indem sie fragte, warum wir nicht bei rankabrand gelistet sind. Ich dachte ja schon gar nicht mehr über diese Listen nach. Fazit zur Mail vom 17.3.2011: Nichts. Niente. Nada. Gar nichts hat sich bewegt, nichts hat sich ergeben. Muss auch nicht mehr. Es geht sehr gut ohne diese Listen.

11 Antworten zu “Kleines zu groß.”
  1. Susi sagt:

    Ts.

    Ich staune. ;-)

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  2. Hachja das Problem ist mir vertraut. Habe sogar auf der Nachhaltigkeitskonferenz einen Vortrag zum Thema “Nachhaltig Wirtschaften auch ohne Zertifizierung” (oder so ähnlich ) gehalten (http://nhblog.de/vortrag_ohne_zertifizierung/). Denn für uns macht zum Beispiel FSC keinen Sinn, weil wir Holz direkt vor der Haustür kaufen. So müssen Betriebe wie unsere leider erklären, dass wir bestimmte Labels nicht führen, weil die Anforderungen dafür zu niedrig sind. Wirkt auf manche arrogant, aber die meisten freuen sich drüber, weil sie verstehen, dass sie wirklich etwas besonderes bekommen. Unsere eigenen Logos müssen das Vertrauen der Kunden sichern – nicht gekaufte Zertifikate.

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  3. Konrad sagt:

    Ach, der sagt doch nur, dass ihr in so vielen Dimensionen so gut seit, dass sie das in ihrem derzeitigen System gar nicht abbilden können. Ihr führt der Redaktion vor Augen, wie schlecht ihr Katalog mit Euch zurechtkommt.

    Das ist eigentlich Lob, was er da schreibt. Auch wenn es nicht ganz so rüberkommt.

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  4. Steffen Walter sagt:

    @ Konrad – genau, nicht ihr bei manomama seid zu “großdimensional”, sondern der Nachhaltigkeitskatalog von Rankabrand ist zu “grobmaschig”.

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  5. Rainer sagt:

    Zertifizierungen sind Gelddruckmaschinen für diejenigen, die sie erteilen. Und sagen eigentlich gar nix aus, außer dass man viel Geld für die Zertifizierung übrig hatte. :-)

    Und was bringts am Ende? Mein Arbeitgeber ist auch ISO9001 zertifiziert und die Prozessdoku holen wir immer dann raus wenn ein Audit ansteht. :-) Und ich darf auch Zertifizierungen für Betriebssysteme machen die letztlich auch nur bedeuten, dass dir die Kiste nicht gleich beim Einschalten um die Ohren fliegt.

    Am anschaulichsten ist der Unsinn so visualisiert:
    http://dilbert.com/strips/comic/1996-10-04/

    Liebe Grüße
    Rainer

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  6. Jana sagt:

    Mir fehlen mal wieder die Worte und denke, das ich den Inhalt deines Artikel nicht wirklich verstehe. Wie sagte jemand letztens zu mir – und das möchte ich dir weitergeben: “du bist mit deiner Idee, deiner Umsetzung der Zeit voraus…”. Und ich weiß jetzt schon, wirst du noch erfolgreicher als du jetzt schon bist, was meinst du wie schnell andere auf den Zug springen und dich kopieren werden.

    Zu der Rankingliste: mach doch eine eigene. Ich würde so eine Liste die nicht auf Zertifikate setzt, gut finden. Eine Liste, bei denen man die Leute und deren Einstellung persönlich kennt und denen man vertrauen kann. Das wäre mal was neues… eine Liste die auf persönliche Empfehlung setzt, die transparente Aufnahmebedingungen hat…

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    • manomama sagt:

      Weißt Du, Jana, mir geht es nicht um “noch eine Liste”. Auch nicht darum, irgendwo den Stempel “gut” zu bekommen. Allein die Tatsache, dass, wenn man ernsthaft nachhaltig wirtschaftet, keinen Platz auf Nachhaltigkeitsrankings findet, erachte ich für befremdlich. Was das “Ideekopieren” betrifft, halte ich es mit einer Fashion-Managerin, die ich am vergangenen Donnerstag auf der Textilwirtschaftskonferenz erleben durfte. Die nämlich sagte zu mir: “Es ist erfrischend und wundervoll zu sehen, wie gut man Mode herstellen kann. Und: Sie können sich sichersein – Ihre Idee wird Ihnen niemand nachmachen. Es fehlt der Profit.” ;-)

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  7. Jana sagt:

    Deine Liste hätte den Vorteil, das man ihr vertrauen könnte. Ich persönlich würde es tun. Daher kann es ruhig noch weitere Listen geben, es kommt immer darauf an, wer sie führt und welche Interessen dahinter stecken. Mir geht es auch nicht um den Stempel “gut”. Eher um den Stempel “vertrauensvoll”. Ich hatte letztens auch eine Diskussion um das Bio-Siegel. Unsere kleine Straußenfarm im Nachbarort hat gar kein Geld, sich zertifizieren zu lassen. Als Konsumentin ist mir das auch völlig schnuppe, denn ich kenne den Hof, ich weiß wie die Tiere dort gehalten werden. Die Besitzer führen jeden Kunden über den Hof und verstecken die Tiere nicht. Wenn Strauße nicht so biestig wären, könnte man sie sogar anfassen. Das Fleisch kaufe ich dort gerne, weil ich einfach vertrauen habe. Darauf kommt es an. Leider findet man diesen Hof auch in keiner Liste, weil er kein Siegel hat.

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  8. Wie war das: Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast. Ähnliches gilt unter Umständen bald auch für Siegel gleich welcher Art. Um die verlangten, nichtverlangten, notwendigen und nichtnotwendigen Zertifikate ist mittlerweile ein eigener Wirtschaftszweig entstanden. Das Cui bono sollte man dabei vielleicht nicht so genau prüfen. Steckt ein Verband hinter einem Siegel, könnte man geneigt sein, zu fragen, wer denn die Gesellschafter, wirtschaftliche Nutznießer der prüfenden Institutionen sind. Sind sie wirklich neutral, gut dann könnte man allenfalls noch darüber streiten, ob bei jährlichen oder zweijährlichen Prüfabständen die Kosten immer relativ hoch sind.

    Sieht es anders aus – nun, ein Schuft, der Böses dabei denkt ;-)

    Am Ende sollte wohl zählen, ob ich meinem Kunden/Gegenüber noch ins Gesicht sehen kann, ohne insgeheim zu denken, was sich doch für ein A…. bin.

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  9. Stadtführer sagt:

    Wenn große Hersteller zu betrügerischen Methoden greifen um mehr Profit zu machen, dann ist das doch wieder eine Marktchance für die Kleineren, aber Ehrlichen…die sollten eben dann nur darauf achten, daß sie diesen Unterschied in ihren Produkten (der zu teureren Preisen führt) dem Interessenten gegenüber auch kommunizieren!

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  10. doppelfish sagt:

    Soso. “Die Problematik von manomama”. Soso. Ihr macht also Probleme. Soso.

    Naja. Diese Art von Problemen könnt Ihr weiterhin machen. Ganz viele, bitte! :)

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