Eigentlich wollte ich nur 100 kg Strickgarn ordern, für unsere neuen Pullis. Aber wie immer bleiben Friedhelm und ich beim aktuellen Weltgeschehen hängen. Vielleicht auch, weil die Textilbranche exemplarisch für die gesamte Wirtschaft ist. Vielleicht aber auch, weil gerade an ihr Mißstände offener zu sehen sind.
„Sina, es gibt keine Bio-Baumwolle mehr auf dem Markt, es ist tot. Keiner verkauft mehr. Und wenn, dann zu einem Preis, der aus der Luft gegriffen ist“, erklärt mir Friedhelm. China, selbst größter Baumwolllieferant der Welt hat sich in den letzten Monaten zum ebenso größten Rohstoffimporteur entwickelt. Indien hat das vor kurzem gelockerte Auslieferembargo seit zwei Monaten wieder komplett in Kraft treten lassen: keine Rohware, kein Garn aus Indien. Ägypten? Ob der politischen Entwicklungen gerade ein schwieriges Eisen. Ägäis und Türkei, wo auch manomama die Rohware bezieht, ist derzeit die einzige Möglichkeit, Baumwolle zu beziehen. Wenn die Chinesen noch etwas übrig gelassen haben.
Friedhelm ist Familienunternehmer mit einem weiten Blick. Deshalb bekomme ich von ihm mein Türkei-Biobaumwoll-Garn auch weiterhin. Weil er die Marktentwicklung erwartet hat, und vorher die Hallen vollfüllte.
„Diese Entwicklung macht alles kaputt“, sagt Friedhelm. Was er meint: das Weltwirtschaftswachstum erdrückt uns. Langsam, aber sicher, gehen wir kaputt. Nicht nur “bessere Produkte”, auch unsere Arbeitsplätze. Er erklärt es an einem schönen Beispiel:
Es gibt noch Webereien in Deutschland. Sie stellen meist Baumwoll-Polyestergewebe her. Da fahrt ihr in euren Autos durch die Gegend. Nur: die Abnehmer, in dem Fall die Autoindustrie, ist nicht gewillt, die preissteigenden Kosten für Rohware zu übernehmen. Erste Webstühle stehen bereits still. „Für die Weberei stellt sich die Frage: Verkaufe ich mit Verlust oder gehe ich gleich aufs Amtsgericht?“, erklärt Friedhelm.
„Warum aber gleicht man die höheren Kosten nicht einfach durch reine Erdölfasern aus?“, frage ich ihn. „Weil sich die Plastikfasern am Preis der Naturfasern orientieren“.
Alles wird teurer, und niemand möchte es bezahlen. Schon gar nicht der Endverbraucher, zahlt er für einen popeligen Golf eh schon 30.000 Euro, da wären zwei Euro mehr für die Innenverkleidung nicht mehr kommunizierbar (Achtung Ironie). Ebenso im Textilbereich mag der Endverbraucher seine seit Jahren gewohnten 4,99 € beibehalten. Auch „bio“ darf nicht noch teurer werden, ist es doch sowieso schon deutlich über dem konventionellen Preis.
Was also tun Unternehmer? Sie sparen. Wie die letzten Jahre auch. Sie sparen, reduzieren, optimieren die Kosten. Geht doch überhaupt nicht mehr, möge man sich denken, es wurde doch in vergangener Zeit bereits alles durch und durch kostenoptimiert. Mit dieser Meinung liegt man zweifelsohne richtig. Am Arbeitslohn kann nicht mehr gespart werden, dieser nähert sich seit Jahren – gerade in Asien – gen Null. Also sparen wir am Material. Im konventionellen Bereich wird das nicht mehr gehen.
Ein Beispiel: Nach cotlook A Index kostet 1 lbs konventionelle Baumwolle heute (25.2.2011) runde 2,15 $. Damit liegt das Kilo konventionelle Rohbaumwolle bei 4,75$. Nun verspinnen wir das Material zu einem strickfähigen Garn und berücksichtigen 20% Spinnverlust. Daraus ergibt sich ein Selbstkostenpreis eines Kilos Garns Nm 50/1 ring gekämmt in Asien von heute umgerechnet ca. 5,20 €. Wir färben es noch und verstricken es zu einem schönen T-Shirtstoff. Nun haben wir runde 8 Euro für das Kilo T-Shirtstoff. Seit der Reportage „Das Welthemd“ wissen wir, dass H&M 600 Gramm Baumwollstoff benötigt für ein T-Shirt. 4,80 € Materialkosten, Verkaufspreis 4,99 €. Wir nicht mehr funktionieren. Es wird teurer. Bei konventionellen Herstellern.
Lasst uns noch einmal zurückgehen zum Sparen. Vor einigen Tagen habe ich bereits über das Thema „Biofach“ gebloggt. Darüber, dass Ökohersteller sich immer mehr konventionellen Marktmechanismen bedienen, um Profit zu machen. Das war und ist, in meinen Augen, das Ende des „BIO“. Heute, im Telefonat mit Friedhelm, bekam ich die Bestätigung: Bio ist tot. Denn: Die Biobranche hat gegenüber der konventionellen in dieser angespannten Marktsituation einen großen Wettbewerbsvorteil, und der wird schamlos ausgenutzt: Sie sparen am Material.
Vor einigen Wochen habe ich mich schon gewundert, was 30% Polyamid in einer Schurwolljacke eines trendigen „Ökolabels“, dessen Namen man kaum sprechen kann, zu suchen hat. Seit heute verstehe ich es. Zertifizierte Biotextiler waren angehalten, mindestens 70% Naturfasern in ihren Produkten zu haben. Also im Stoff. Die Zutaten könnten immer schon konventionell sein. Um eine gute, grüne Marke aufzubauen, ist man in die Vollen gegangen: man hat Stoffe aus 100% Biobaumwolle gestrickt, reine Schurwolle verarbeitet.
Nun, wo Rohwarenpreise explodieren, erinnern sich die cleveren Ökontroller an die Zertifizierungsrichtlinien: 70%. Mehr braucht es nicht. Und mehr wird nicht gemacht. Die Rohwarenhändler nennen es „ökonomisieren“:
„Concenring Organic what will be the quantity to be ordered? Concerning certifications also can it be possible to make mix of for instance 70% Organic 30% Normal cotton to economize on cost“
So werden heute via Mail Ökolabels beraten und „verkauft“. Das Ende einer guten Idee: ökologisch zu produzieren. Der Beginn einer Zeit, mit der sich mit „bio“ ordentlich Geld verdienen lässt.
„Was bleibt uns noch?“, frage ich Friedhelm. „Wir haben nur eine Chance“, erwidert er. „Den Weg, den wir eingeschlagen haben, als ökologisches, regionales und transparentes Familienunternehmen weiterzugehen. Es wird länger dauern, aber es ist ehrlich!“. Recht hat er.
Eure Sina


















