Vergesst google ;)


Ihre leuchtenden Augen, ihr in Falten gesetzte Stirn – sie erzählen Bände. Arbeit ist ihr ins Gesicht geschrieben. Sie, Isabell, ist jener “soziale Depp”, den ich am Telefon kennenlernen durfte, als ich auf der Suche nach gebrauchten Industriemaschinen war. Sie ist in meinen Augen eine der Vorzeigeunternehmerinnen. Diese, die man nicht auf prätenziösen Preisverleihungen und Kongressbühnen sieht, eine von jenen, die bei Management-Circles und Unternehmer-Treffen absent sind. Warum? Weil sie arbeitet. Schafft. Sich tagtäglich aufs Neue mit aller Kraft abmüht, um ihren Mitarbeitern in der wohl einzigen Grobweberei in Deutschland die Aufträge zu verschaffen, die das Überleben sichern.

Sie ist eine Einzelkämpferin. “Ich habe die Weberei, damals noch mit angeschlossenem Konfektionsbetrieb von meinem Vater übernommen”, erzählt sie, sieht auf meine mitgebrachte Flasche, in der ich selbstgekochten “bio-Tee” dabei habe. “Muss ich probieren, darf ich?”, sagt sie und greift zu. Auf den herzhaften Schluck folgt ein “saugut” und ein Lächeln. Dieser Moment zeigt ihre Art: neugierig, offen, unkompliziert. Ich lächle, wir rauchen gemeinsam eine Zigarette und eigentlich sollte dann das Gespräch folgen. Der Industrienähmaschinen wegen. Für diese interessiere ich mich nämlich.

“Ach was, ” meint Isabell, “lass uns gleich mal zu den Maschinen gehen. Ich zeig’ Dir, was wir hier so machen!”. Im Gehen drückt sie den Rest der Zigarette aus und schnurstracks führt sie mich in agilem Zack-Zack-Tempo durch die einzelnen Räume, an der Deckenkonfektion vorbei, am Schnitttisch entlang, in Richtung Druckerei.

“Jetzt wird’s ein bisschen lauter, da sind wir aber gleich durch und dann schon bei den Maschinen”, lächelt sie mich an, öffnet die Tür und völlig verblüfft bleibe ich inmitten der fast schon unerträglichen Geräuschkulisse und der beißend trockenen Staubluft stehen. Webstühle. Alte Webstühle. Alle am Laufen. Allein, was verwoben wird, irritiert mich und fragend suche ich Isabells Blick.

“Ja, die Konfektion haben wir eigentlich immer als zusätzliches Standbein gemacht. Die Stoffe dazu wurden eingekauft. Hier weben wir nur grob!”, erklärt sie mir lauthals. Grobweben? Wenn ihr euch fragt, was das ist, vergesst google zu mühen. Selbst die allwissende Suchmaschine liefert dazu nur 27 Sucheinträge, und davon keinen passenden. Wohl aus dem Grund, dass Grobwebereien vor googles Gründung in Deutschland nicht mehr existent waren. Fast fingerdicke Garne werden an den alten Webstühlen zu Umzugsdecken verarbeitet. Diese flauschig dicken Dinger, die das Umzugsgut vor Stoß- und Quetschverletzungen schützen ;-)

“Das ist ja der Hammer”, kommentiere ich und sehe mich in der riesigen Halle um. Neben zahlreichen Grobwebstühlen, die im Stundentakt Umzugsdecken ausspucken, entdecke ich ein Weberklavier. Es wird dazu benutzt, um die Buchstaben-Lochkarten zu fertigen, die dann in einen sogenannten Jacquard-Aufsatz auf den Webstuhl gegeben werden. So lassen sich ganze Wörter in die Ware weben. Weiter hinten bleibt mein Blick auf ein überdimensioniertes Spinnennetz hängen.

“Das ist unser Scherbaum”, erklärt Isabell. Hier werden Hunderte Spulen quasi in ein “Regal” gestellt, um anschließend die einzelnen Fäden der Spulen über eine riesengroße Tonne auf einen Kettbaum zu wickeln.

Moderne Webereien kaufen diese Dienstleistungen zu, Isabell hatte keine andere Chance, als alles selbst zu machen: “Für die Grobweberei gibt es keine Dienstleister mehr. Außerdem war schon immer mein Motto: Was ich hier leisten kann, kann ich kontrollieren!” Kam und komnt mir irgendwie bekannt vor…

Während wir weiterlaufen, erzählt sie mir, dass sie ihre Firma nunmehr komplett auf den Spezialumzugsbereich ausgerichtet hat. “Umzugsdecken, aber auch maßgeschneiderte Klavier- und Flügelverpackungen, handgemacht in Deutschland, bieten wir unseren Kunden” fährt sie fort und Alfred, der Betriebsschlosser, unterbricht uns freundlich: “Ich wäre dann soweit, die Maschine läuft wieder”. “Prima”, sagt Isabell, “dann bekommen wir ja vielleicht noch die acht Schlittengriffe heute hin”. Schlittengriffe. Schlittengriffe?, denke ich und Isabell schafft für meinen ratlosen Blick Abhilfe.

“Hier, die Flügel müssen gezogen werden. Dazu braucht es stabile Schlittengriffe. Die macht bei uns der Alfred, wenn er gerade keine Maschinen zu warten hat. Handgeschweißt und sauber verarbeitet ist einfach viel besser. Und unsere Kunden müssen sich auf die Qualität verlassen können!”, erzählt sie.

Ich bin völlig verwundert. Eigentlich kam ich zu Isabell, um mir ein paar Nähmaschinen anzusehen. Gesehen habe ich eine vollstufige Weberei, völlig autark, die seit Jahren der textilen Fluktuation trotzt. Eine echte Lebensaufgabe, denke ich mir und frage Isabell nach Urlaub. Sie grinst. “Ich brauch’ keinen Urlaub. Mein Laden ist meine Leidenschaft. Ein paar Taage gönne ich mir aber schon im Jahr. Eine eine Hälfte davon sitze ich auf meinem Motorrad, die andere Hälfte gehe ich protestieren und kämpfe aktiv gegen Monsanto-Engagement in unserer Region. Das nämlich geht mal überhaupt nicht!”.

“Das geht mal überhaupt nicht”, ist auch, was ich mir bei der Rückfahrt denke. Es geht überhaupt nicht, dass Isabell und ich nicht zusammenarbeiten.

Heute, gute acht Wochen sind vergangen. Isabells Maschinen stehen in unseren Produktionsräumen und werden Stück für Stück in Betrieb genommen. Gemeinsam entwickeln Isabell und ich gerade ein Garn, dass meinem regional-ökologischen Anspruch und ihren technischen Voraussetzungen gerecht wird. Wir beide freuen uns auf genau einen Moment: wenn das erste Stück Webware “unseres” Produktes vom Stuhl genommen wird. Darauf arbeiten wir hin.

Eure Sina 

 

7 Antworten zu “Vergesst google ;)”
  1. Sandra Vogel sagt:

    Wieder etwas schlauer geworden, dank Sina – nicht google ;-)
    Bin gespannt, was die Zukunft für dich und Isabell bringt – hoffe nur das Beste für euch beide! So muss das sein! Ihr macht das richtig! :-)

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  2. Laura sagt:

    Einfach nur: WOW ;)
    Weiterhin viel Erfolg, aber der ist eh vorprogrammiert. ;D

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  3. Lina Timm sagt:

    Und dank diesem Beitrag kennt nun auch Google “grobweben”. :-)

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  4. Marco sagt:

    Klasse Artikel. Wer kennt schon das alte Handwerksfach “Weben”. Toll Geschrieben.

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  5. tweetStrolch sagt:

    Wie immer – großartig. ★

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  6. anke sagt:

    KLASSE!

    lg
    anke

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  7. andreas sagt:

    via twitter bei der spendenaufrufaktion gelandet.
    D A S signal gelesen “Vergesst google”
    und klick ich las einen schön geschriebenen artikel.

    weiter so!!!
    und maximalen erfolg!

    grüße
    andreas

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