Wie gut, dass sich in diesen Tagen die Pegelhöchststände nahezu deutschlandweit die Hand geben, so sind wir beschäftigt. Beschäftigt, unsere Dinge in trockene Tücher zu bekommen. Ganz nebenbei erfahren wir im Fernsehen über Erdrutsche in Brasilien, denen Hunderte von Menschen zum Opfer gefallen sind. Aber wir sind beschäftigt, damit es uns gut geht. Das eigene Wohl steht an oberster Stelle, Natur und Umwelt treten in den Hintergrund.
Dieser Egoismus hat ein lokales Gesicht: Samstag Nachmittag im Bioladen. Sonst kaum besucht, traten sich gestern die Kunden fast die Füße platt, stritten sich um die letzten Bioeier und den Rest Fleisch aus der Kühltheke. Würde man vor der Kasse den „Neu-Öko-Konsumenten“ vermitteln, dass in Bioeiern freilaufender Hühner aufgrund jahrzehntelanger Kontaminierung der Böden möglicherweise mehr Dioxin enthalten ist als in „verseuchtem“ Gut, wären sie in gleichem Tempo wieder weg, wie sie gekommen sind. Das alles, damit es uns gut geht. Das eigene Wohl steht an oberster Stelle. Die Existenz von mehr als 1800 landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland, die jahrelang „gut genug waren“, uns mit Fleisch und Eiern zu versorgen, tritt prompt in den Hintergrund.
Dieser Egoismus hat ein regionales Gesicht: „So kann das nicht weitergehen“, sagte mein Onkel Martin, und zog die Konsequenz: er gab seine Viehwirtschaft auf. Zusammen mit meiner Tante betreibt er im Ries einen Landgasthof auf Selbstversorgerbasis. Holz und Wild kommen aus dem hauseigenen Wald, Fische aus dem eigenen Teich, Obst und Gemüse von ihren Feldern und Wiesen. Eier und Fleisch kamen bis vor einigen Monaten aus dem Stall. Gleich hinter dem Gasthaus. Dort ist nun Stille. „Ich bin seit über 40 Jahren Metzger. Du siehst es, und die riechst es, was ein Vieh gegessen hat“, erzählt mein Onkel. Deshalb verfütterte er ausschließlich Körnergut an Hennen und Schweine. Irgendwann aber ging das nicht mehr. „Warum?“, fragte ich ihn und er packte mich ins Auto und fuhr mit mir – mitten im Sommer – durchs Umland. Diese Fahrt gab mir selbst die Antwort. Als ich noch ein Kind war, war diese Landschaft im Juli und August geprägt von goldgelben Feldern. Heute ist es grün. Im Frühjahr, im Sommer und im Herbst. „Die Bauern nutzen fruchtbares Ackerland nur noch, um Gras zu produzieren. Für Biogasanlagen. Alle sechs Wochen scheren sie und riesige LKW bringen die Maht in die Anlagen. Der Weizenpreis ist explodiert. Ich kann mir das Füttern meiner Viecher nicht mehr leisten“, erklärt mein Onkel. Bauern nutzen also fruchtbares Ackerland für die Energiegewinnung. Unter dem ökologischen Deckmäntelchen schlummern handfeste wirtschaftliche Interessen. Die marktwirtschaftlichen Mechanismen haben Einzug gehalten und es entstand eine Parallelindustrie, eine „pseudo“-ökologische. Sie zerstört gewachsene Naturlandschaften und verwandelt jene in grüne Profithektar. Das alles, damit es uns gut geht. Das eigene Wohl steht an oberster Stelle. Natur und Umwelt treten in den Hintergrund.
Dieser Egoismus hat ein internationales Gesicht: Wir erfahren es aus den Medien. Den bereits erwähnten Erdrutsch. In Brasilien. Erdrutsche passieren dann, wenn die natürlichen Schutzmechanismen zerstört werden. Wenn der natürlichen Landschaft der Halt genommen wird durch das Abholzen der Regenwälder. Wie eben in Brasilien geschieht. Für unsere Energie. E10 – das Benzin-Biogemisch. Dazu braucht es Ethanol. Seit Jahresbeginn werden 900.000 Tonnen Ethanol herkömmlichen Treibstoff beigemischt. Im Vergleich zur Biogasanlage hier in der Region, wo Ackerland „nur“ genutzt wird, um Gras anzubauen, ist die Gewinnung von Ethanol reinste Perversion: Millionen von Tonnen Lebensmittel wie Mais und Zuckerrohr werden „vernichtet“, damit wir fliegen und fahren können. Die Arbeitsbedingungen auf den Zuckerrohrplantagen sind inakzeptabel, Menschen werden ausgebeutet und misshandelt. Aber – hat hier jemals eine Stimme nach „fair gehandeltem Biosprit“ gefragt? Nein. Im Vergleich zu den Bioeiern könnte man dem Konsumenten an der Zapfsäule von den Arbeitsbedingungen erzählen, er würde dennoch tanken. Denn es geht um unser liebstes Kind: das Auto. Es geht darum, dass wir grenzenlose Mobilität genießen können. Es geht um das vermeintlich höchste Gut: es geht um unsere Freiheit. Die eigene Freiheit steht an oberster Stelle. Und diese dürfen andere bezahlen. Da diese Rechnung in weit entfernten Ländern beglichen wird, tangiert es uns nicht.
Wenn es also nicht direkt den Menschen betrifft, wird sich nichts ändern. Das ist eine Erkenntnis, mit der man „arbeiten“ kann. Gehen wir zurück zur Zapfsäule und erzählen dem Konsumenten vor der Tankfüllung nichts über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen. Wir weisen darauf hin, dass der Bio-Sprit nachweislich dem Motor seines Autos schaden kann. Was glaubt ihr, was passieren wird? Richtig. Der Kunde wird sich echauffieren und engagieren, dass der Biosprit wieder vom Markt kommt. Das alles, damit es dem Deutschen liebstes Kind und somit ihm selbst gut geht. Das eigene Wohl steht an oberster Stelle.
Wenn wir es also schaffen, die echten Probleme unserer Zeit aus der Abstraktion heraus jedem Einzelnen in den Alltag zu integrieren, wird uns der Weg in eine bessere Welt gelingen. Wir werden den angeborenen Egoismus jeden Einzelnen nicht „abtrainieren“ können, nicht ausmerzen. Das ist weder gut für das Individuum innerhalb einer Gesellschaft, noch notwendig. Wir müssen es aber schaffen, den Egoismus des Menschen zum Wohle aller zu nutzen. Würde ich die Bekleidung von manomama verkaufen mit den Argumenten, es werden Arbeitsplätze gesichert und Benachteiligte wieder in Arbeit gebracht, wäre das für viele nicht relevant. Aber: Bekleidung auf den individuellen Körper geschneidert, 100% ökologisch, ist relevant. Weil es den Einzelnen betrifft und es ihm durch gesunde Bekleidung besser geht. Mit dem Kauf sorgt er für sein eigenes Wohl. Ganz automatisch dafür, dass es auch anderen besser geht. So entsteht ein neues Gemeinwohl, mit dem jeder zufrieden sein wird. Niemand wird nämlich das Gefühl haben, dass dieses Gemeinwohl auf seine „Kosten“ entstanden ist, sondern auf sein Mitwirken.
Denkt mal darüber nach,
liebe Grüße
Sina














Liebe Sina,
einer der stärksten Artikel, den ich von Dir gelesen habe !!!!
Es ist uns Menschen und unserer Umwelt zu wünschen, dass wir aus dem unbewussten Zustand, in dem sich die meisten befinden, in einen bewussten Zustand kommen. Nur dann werden wir erkennen in welcher Art und Weise wir von der Politik und der Wirtschaft gesteuert und manipuliert werden; ja, in welcher Art und Weise mit uns in deren Interesse gespielt wird.
LG Andrea
Liebe Sina,
du hast leider und gottseidank recht – denn es ist einerseits der Egoismus jedes einzelnen der ein Problem und eine Lösung darstellt. Langsam, zumindestens empfinde ich das so, entwachsen die Konsumenten dem Kleinkindalter und wollen nicht alles haben, sondern das richtige haben.
Eben habe ich nochmal die Wiederholung von “Da wid mir Übel” angesehen – man ist inzwschen daran gewöhnt überall für dumm verkauft zu werden, wir müssen tatsächlich den Schritt vom resignierten, ausgelieferten und uninformierten Konsumenten hin zu dem Konsumenten machen, der versteht was “abstimmen mit den Füßen” heißt. Dazu zählt natürlich eine Information und kritisches Denken, vielleicht kann man es auch mit dem web 2.0 verbinden, vielleicht gibt es ja dann bald eine “Green App” die Barcodes ausliest oder auf Stichworte Warengruppen raussucht und analysiert… Vielleicht bekommen wir die Kurve ja noch.
Übrigens, ich glaube auch das sich Bekleidung mit dem Argument der Arbeit für benachteiligte verkaufen würde, denn wir sind bald so weit das eigentlich jeder davon ein Lied singen kann was Benachteiligung bedeutet – die Sensibilität nimmt zu. Auch hier ist es doch eine Frage der Information, wenn ich verstehe, dass ich als jemand der wenig verdient auf Dauer nicht damit spare noch billigeres zeug zu kaufen, weil dann am Ende niemand mehr Interesse an dem hat was ich leiste.
Deswegen gibt es noch Hoffnung, ich hoffe das ein Weg gefunden wird Informationen in dieser Welt so aufzubereiten, dass die mehrheit in die Lage versetzt wird danach zu entscheiden, den Zusammenhang zu erkennen und die eigenen Entscheidungen in diesem Kontext zu treffen. Ein gutes Beispiel für die aufbereitung von globalen Informationen ist etwa http://www.informationisbeautiful.net/ – davon brauchen wir mehr…
Ich finde es wirklich toll, wie sehr der Gedanke einer globalen Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit sich immer weiter verbreitet. Hier ein Blogeintrag, da ein Tweet, dort ein Daumen hoch bei Facebook. Die Menschheit wird das Ruder noch herumreißen irgendwann, da bin ich sicher.
Ich hatte vor 1-2 Jahren mal was über Biokraftstoff gesehen und fand es damals schon unglaublich, das die Äcker zum Anbau von “Sprit” genutzt werden, und zwar gerade im Ostblock wo es arg an Lebensmittel mangelt. Der E10 Schwachsinn ist jetzt der Gipfel von der Entwicklung.
Anderes Beispiel: in den angeblichen 1. Welt Ländern ist eine Überproduktion an Lebensmittel (Mais, Reis) die dann seit Jahren gönnerhaft in die 3. Welt geschenkt wird, so daß deren jetzige Generation gar nicht mehr weiß, wie der Ackerbau geht und langfristig auf die Hilfe angewiesen ist.
Leider lebt die Politik und Wirtschaft das EgoSchweinSein ja vor (Ackermann etc)
@Marc
Das Problem gönnerhafter Versorgung der dritten Welt durch die Überproduktion der ersten zeigt sich im Milchpulver. In Europa sind wir aufgrund der Milchquotenpolitik froh, den Plunder nach Afrika verschenken zu können, in Afrika hingegen verzerrt dieses “Geschenk” die lokale Wirtschaft. Afrikanische Bauern können nicht mehr produzieren, weil sie von vornherein den Preis des billigen Milchpulvers aus Europa nicht erzielen können. All diese Beispiele müssen uns doch endlich aufrütteln, zu verstehen, dass der einzig richtige ökonomische Weg regionale Ökologische Produktion ist. Wenn wir, und damit meine ich in erster Linie Unternehmer, das begriffen haben, ist es das langersehnte Ende der Globalisierung. Und der Beginn einer neuen, gesunden Wirtschaft. Meine Meinung.
Schuldig.
Du hast recht mit allem, was du sagst.
Aber wenn der “richtige Egoismus” (Ich will nicht schuld sein, dass Kinder arbeiten müssen, Tiere gequält werden etc.) zu einer besseren Welt führt, zählt doch nicht die Motivation, sondern das Ergebnis, oder?
Liebe blomali,
ich glaube nicht, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt von “Schuld” sprechen können. Du selbst wirst in erster LInie nie als Konsument an etwas Schuld sein. Allen voran gilt es, den Unternehmern, die, getrieben von Profitgier den Globus umrunden, klar zu machen, dass es so nicht weitergeht. Mit gut zureden geht das aber nicht, deshalb muss der Konsument seine (Kauf)Kraft miteinsetzen. Derzeit hast Du als KOnsument doch in vielen Dingen überhaupt keine Wahl, weil sie Dir die Unternehmen schlicht genommen haben. Wenn Du nicht wählen kannst (nimm das Benzin – Du MUSST derzeit E10 tanken, ob Du willst oder nicht), kann Dir auch niemand eine Schuld aufbürden.
Nun, wenn wir hier nicht von Lidl-Bio oder Rewe-Bio reden, sondern von tatsächlich zertifizierten Lebens(!)mitteln, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass demeter und co. Eier nicht auf Dioxin überprüfen. Und ein bisschen selber denken sollte man immer. Vorsicht ist immer angesagt, wenn ich sog. Bio-Produkte von Firmen kaufe, die “Bio” nur als Sparte aber nicht im Vollerwerb fahren.
Und die Sache mit dem Egoismus… ja, ich finde es gut, wenn die “herkömmliche” Art Nahrungsmittel zu produzieren sich nicht mehr rentiert, weil die Menschen zunehmend Qualität nachfragen. Schließlich steht es jedem Landwirt frei, seinen Hof auf biologische (=schadstofffreie) Landwirtschaft umzustellen. Ich habe da mit den giftverspühenden Jammerlappen nicht wirklich Mitleid. Und ja, meine Eltern hatten schon vor 25 Jahren die Gemüseproduktion von Gift auf Natur umgestellt – ich profiziere noch heute davon…
Liebe Grüße
Absolut deiner Meinung. Die Beimischung von E10 ist der größte, mit Verlaub, Schwachsinn, den man sich ausdenken konnte. Da ich als Konsument keine Wahl habe, bleibt vorerst in diesem Fall die Ohnmacht.
Was die Lebensmittel angeht, so hat der Verbraucher die Wahl, er sollte sie auch nutzen. Warum müssen wir z.B. mehrmals die Woche Fleisch essen, dass natürlcih auch noch günstig sein soll. Wenn ich für einen Schweinebraten 4,- € das Kilo zahle, dann brauche ich über Qualität und dergleichen nicht zu diskutieren. Da ist nichts!
Ja, es geht ums Geld und die Verbraucher haben das Geld und brauchen es “nur” in die entsprechenden Kanäle zu leiten. Einfach niederzuschreiben – schwieriger es so umzusetzen, dass eine kritsche Masse an Verbrauchern entsteht, die eine Marktmacht darstellen.
Politisch sehr vereinfacht gesehen, hat bei der Wiedervereingung von Deutschland der Kapitalismus über den Kommunismus gesiegt.
Es funktioniert offenbar besser, Egoismus als den Antriebsmotor für Fortschritt und Entwicklung zu nutzen, als ein soziales miteinander einzufordern, so traurige Blüten das im einzelnen in Form von z.B. Profitgier treibt. Denn letztendlich scheitert der reine Egoismus, der nur den eigenen Nutzen im Fokus hat. Man denke an den Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaften 1994 für eine Analyse in Sachen Spieltheorie, die besagt, daß sich Kooperation sogar und gerade über den Egoismus von selbst ausbildet.
Das soll ganz klar kein Hohelied auf den Egoismus sein, aber ich denke Du hast recht damit, daß Egoismus nicht abtrainierbar aber auch ein Stück weit gesund ist. Konsequenz daraus ist, daß Dinge, die beiden Seiten nutzen, besser angenommen werden (z.B. gesündere Kleidung) und darüber der Nebennutzen (z.B. sozialere Entlohnung) mit erzielt werden kann.
Olaf.
P.S.: Oder genauso der Nobelpreis 2005 im selben Themenbereich der Spieltheorie (s. http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Nobelpreistr%C3%A4ger_f%C3%BCr_Wirtschaftswissenschaften)
[...] Mobilität die Anbaufläche von Nahrungsmittel verringert wird. Lesen Sie hier Ihren hervorragenden Blog-Eintrag “Egoismus zum Wohle aller”. Hinweis: Der Autor ist an der Manomama GmbH nicht [...]