Es hat alles keinen Wert. Und doch.


Wer Kinder in die Welt setzt, bekennt sich zur Zukunft. Darf man Zahlen und Statistiken glauben, sind gerade Menschen in skandinavischen Ländern und auch unsere Nachbarn, die Franzosen, jene, die am meisten an eine Zukunft glauben. Bei uns, hier in Deutschland, sinkt die Geburtenrate Jahr um Jahr. Das Kind als Karriereknick, ein Fehlen von Betreuuungsmöglichkeiten, zuletzt die Frage nach dem “Sich-Leisten-Können” sind oftmals Entschuldigungen, die dieser Entwicklung entgegengebracht werden. Als letzte Karte wird dann der Verfall der Werte gezogen. Das nämlich passt immer.

Es scheint, als fehlt derzeit ein Gradmesser. Überhaupt fehlt in unserer Gesellschaft Verlässliches, Ehrliches – eine Klarheit, die Stabilität gibt und als Nährboden für genau den Mut gibt, der zuversichtlich in die Zukunft blicken und diese auch aktiv gestalten lässt.

Wo aber ist diese Zuversicht hin? Hatten wir sie jemals? Ja, wir hatten sie: Zuversicht, basierend auf einem, gemeinsamen gesellschaftlichen Ziel: Wachstum und Wohlstand. In den 50er Jahren. Dass es den Deutschen wieder gut geht, ein gutes Leben führen können, war das Ziel von allen – Arbeitern, Angestellten wie Unternehmern. Man zog an einem Strang und hob die Wirtschaftswunderjahre aus der Wiege. Gemeinsam ging man Schritt für Schritt auf das Ziel, Wohlstand für alle zu realisieren.

Und heute? Heute haben wir ihn. Deutschland ist eine der reichsten Nationen, steht stabil und fest mit beiden Beinen in einer ausklingenden Wirtschaftskrise, wenngleich die Ökonomen rein vorsorglich das Gegenteil behaupten, unsere Gesellschaft hat, was sie braucht. Sie ist versorgt. Materiell und monetär. Und nun müssen wir erkennen, dass uns ein Ziel abhanden gekommen ist. Eine Klammer, die unsere Nation zusammenhält, ein Ideal, das ein Engagement jedes Einzelnen verdient. Die Politik agiert in dieser Leere mit ihrem Verhalten, das als Vorbildfunktionen dienen sollte, nurmehr kontraproduktiv.  

Es wachsen mittlerweile Generationen heran, die ein gemeinsames, gesellschaftliches Ziel überhaupt nicht mehr kennen. Jene Menschen, die diese verborgene Sehnsucht nach Werten und Ehrlichkeit materiell stillen. Das übrigens ist des globalen Unternehmers liebstes Kind: lässt sich diese Kundschaft doch für jede noch so irrwitzige Pseudo-Innovation wie ein 3′ größerer LCD-Fernseher begeistern. Das geht eine Weile gut, manchmal sogar ein ganzes Leben.

Und die anderen? Um ehrlich zu sein: eine echte, existenzielle Krise fühlt (noch) niemand. Es zwickt lediglich ein wenig. Und dagegen wird etwas getan. Menschen beginnen, sich aktiv zu engagieren, in erster Linie, um etwas zu tun. Im besten Fall, um dem Werteverfall entgegenzuwirken. Ein wunderschönes Beispiel hierfür ist die Sache um Wikileaks. Assange, der Gründer, als Gallionsfigur einer nie gekannten Transparenz und neuen Ehrlichkeit. Ich traue mich zu behaupten, dass niemand, der seine IT-Peripherie als Spiegel für die Seiten zur Verfügung stellt, auch nur 5% der darauf gespeicherten Daten gelesen hat. Das macht aber nichts. Wichtig nämlich ist nicht die Tatsache, nun erfahren zu können, dass Berlusconi ein Partybulle und Westerwelle völlig unfähig ist (das wussten wir schon). Wichtig ist der Fakt, dass man aktiv mitwirken kann, Ehrlichkeit und Transparenz zu schaffen. Wichtig ist, das Gefühl zu erhalten, ein Teil einer Bewegung zu sein, die sich wieder aktiv für Werte einsetzt und diese ermöglicht. Das allein ist der Zauber von Wikileaks. Und es kommt genau zur richtigen Zeit.

Einer gesellschaftlichen Zeit des emotionalen Vakuums. Einer Zeit auf der Suche und einer Zeit, in der es uns nicht mehr gut geht. Das ist aus materieller Sicht Irrsinn, aber wir fühlen so. Weil wir leer sind. Grund dafür ist die Entwicklung innerhalb unserer Gesellschaft: Ich und Wir stehen im Gegensatz. Verzweifelt wird versucht, unter beiden einen “Gewinner” auszumachen, anstelle dass ernsthafte Konzepte wie beispielsweise ein Grundeinkommen überdacht werden, um beide “Parteien” zu einem Team zu machen.

Nehmen wir das Beispiel des derzeit gepflegten Egoismus eines Landes gegenüber der Gemeinschaft. Deutschland und die EU. Angela Merkel hat in einer Pressemitteilung klar formuliert, Deutschland werde den anderen EU-Ländern helfen, wenngleich es mit ihr und somit mit Deutschland keine Eurobonds geben wird. Schließlich möchte man den günstigen Zins für das eigene Land behalten. Im ersten Moment ist diese Entscheidung völlig nachvollziehbar, womöglich erachten wir sie als einzig richtig. Aber diese Position macht in einer Klarheit greifbar, welches echte Problem wir haben: die zunehmende Individualisierung bei gleichzeitig wachsener Hilfeleistung gegenüber der Gemeinschaft. Das gilt für unsere Gesellschaft ebenso wie unser Land.

Die nächsten Jahre werden entscheiden, wie wir unsere Zukunft gestalten. Und wir leben in historisch bedeutenden Zeiten, stehen vor einer zweiten Renaissance. Amerika schmeißt die Gelddruckmaschinen an, um zumindest den Anschein ihrer völlig kaputten Wirtschaft zu erhalten, China macht ob ihrer ungebrochenen Konsumlust aus Afrika ein zweites Asien, Indien mit ihren vielen jungen Menschen arbeiten zielstrebig am Erfolg. Und Europa? Wir wissen noch nicht einmal, ob wir in zwei Jahren noch mit dem Euro bezahlen werden und wenn nicht, was dann?

Bei aller kritischen Schwarzmalerei – mich beruhigt diese Entwicklung. Die Ängste und Sorgen, die wir haben (müssen), verstärken unser Gefühl, dass es uns nicht mehr gut geht. Das es uns geradezu schlecht geht. Und: Am besten, innovativsten und kreativsten, ja, am mutigsten ist der Mensch dann, wenn er in einer Krise steckt. Das lässt hoffen.

 In diesem Sinne wünsche ich euch einen schönen 16.12. – und denkt einmal darüber nach.
Eure Sina

Eine Antwort zu “Es hat alles keinen Wert. Und doch.”
  1. Rainer sagt:

    Liebe Sina,

    endlich finde ich ein wenig Zeit, Deinen sehr nachdenklichen Beitrag mit einem Kommentar zu würdigen. Als Papa von 2 kleinen Nervensägen habe ich mein statistisches Soll ja bereits übererfüllt und das obwohl ich durchaus auch Zukunftsängste habe.

    Die Zukunft, was wird sie uns bringen? Seit ich Kinder habe verstehe ich das nicht mehr nur als Frage sondern als Verpflichtung die Zukunft mit meinen Möglichkeiten so mitzugestalten, dass meine Kinder mal eine Zukunft haben werden in denen es ihnen Freude bereitet da zu leben.

    Kennst Du die Maslowsche Bedürfnispyramide? Das was Du als notwendige Voraussetzung für eine aktive Zukunftsgestaltung siehst, nämlich Klarheit und Stabilität definiert Maslow als eine Stufe seiner Pyramide in der alle Grundbedürfnisse wie Wohnung, Essen, Kleidung etc. bereits befriedigt sind und man daher die nächste Stufe der “Evolution”, eben die Gestaltung der Zukunft in Angriff nehmen kann.

    Ja, in der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders war die Zerstörung des zweiten Weltkrieges überwunden und der Arbeiter konnte direkt am sogenannten Wirtschaftswunder partizipieren. Auch wenn er nicht schlagartig reich war, so war das was er verdiente doch ausreichend um ihn uns seine Familie zu versorgen. Und heute? Heute kann sich ein Hans-Werner (Un)Sinn hinstellen und sagen es wäre die dümmste Idee des Jahres, wenn man glaubt vom Lohn seiner Arbeit auch leben zu können. Ja, er kann das öffentlich behaupten und es wird applaudiert statt ihn zu teeren und zu federn.

    Die Ökonomen welche behaupten die Wirtschaftskrise wäre noch nicht vorbei haben meiner Meinung nach leider auch vollkommen recht. Eine Wirtschaftskrise ist ja kein Naturereignis wie der Schnee mit dem wir uns gerade rumplagen müssen, sondern hat Ursachen und Auswirkungen. Und hier kommt der Ingenieur in mir vollkommen durch, solange ich sehen muss, dass die Wirtschaftskrise nur mit ständig wachsenden “Rettungsschirmen” bekämpft wird und keiner irgendeine der Ursachen korrigieren will, solange muss ich sagen ist das Problem nur übertüncht und keinesfalls gelöst. Wenn die Wirtschaftslehre sich hochtrabend “Wirtschaftswissenschaft” nennen will, dann soll sie genau das tun, nämlich Wissen schaffen und dazu gehört in erster Linie die Fähigkeit aus Fehlern zu lernen und diese in der Zukunft zu vermeiden.

    Ja, vielen von uns geht es noch gut, zumindest finanziell. Der Anteil derer die aber unter die sogenannte Armutsgrenze abrutschen wird täglich größer und mit ihnen klafft die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Viele von ihnen landen dort weil ein auf Profit ausgerichtetes Marketing ihnen eben genau den 3 Zoll größeren LCD-Fernseher als das Allheilmittel gegen die Tretmühle ihres Alltags verspricht. Doch die Freude an materiellen Dingen währt oft nicht lange und am bitteren Ende macht sich dann die Erkenntnis breit, dass Lebensstandard nicht bedeutet, mit Geld das man nicht hat Dinge zu kaufen die man nicht braucht um Leuten zu imponieren die man nicht mag.

    Eines der elementaren Probleme unserer heutigen Gesellschaft ist wie Du richtig definiert hast der Verfall der Werte. Wobei es vielleicht gar nicht so sehr ein Verfall ist, sondern eher die Ausrichtung auf das Geld als neues Goldenes Kalb und die Verdrängung von anderen Werten. Menschen werden oft genug auf den Faktor ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit reduziert, ganz egal ob dieser Mensch vielleicht ein liebenswürdiger Familienvater ist oder ein Philosoph welcher der Menscheit einen Spiegel vorhält in dem sie die Fratze des Kapitalismus sehen und das nicht wollen. Und selbst die monetäre Werteskala steckt voller seltsamer Unwägbarkeiten, warum ist ein Mensch der mit einem Formel-1-Auto schneller als andere im Kreis fahren kann so gut bezahlt und die Krankenschwester die Menschen hilft so schlecht? Die Antwort auf diese Frage könnte sein, weil das eben der Marktpreis ist, sprich es gibt Menschen denen ein Formel-1-Fahrer mehr wert ist als die Krankenschwester. Finanzielle Werte sind immer relativ dazu zu sehen was jemand für irgend eine Leistung zu zahlen bereit ist. Ich kann mich noch gut an die Ausstellung des Malers Jean Miro in Augsburg erinnern die ich mal mit meiner Frau besucht habe. Als ich mich dort erdreistete zu behaupten, dass ich auch ein paar Farbkleckse auf ein Blatt kriegen würde und das nicht viel anders aussähe als eines von Miro wurde ich als Kunstbanause bezeichnet. Trotzdem sehe ich bis heute noch nicht den wirklichen Unterschied zwischen seiner Kleckserei und meiner, außer eben das er als Beruf “Kunstmaler” hat und ich nur der Ingenieur bin.

    Was wir in Deutschland wieder lernen müssen ist, dass Reichtum und Armut zwei Seiten der gleichen Medaille sind. Solange es Superreiche gibt wie denjenigen der bei Daimler einen Maybach mit Blanko-Scheck bestellt – “egal was er kostet, ich will ihn haben” – solange wird es auch extreme Armut am anderen Ende der Skala geben. Wohlstand für alle würde bedeuten, dass die eine Seite zugunsten der anderen Seite verzicht übt. Von Epikur stammt das folgende Zitat: “Willste jemanden reich machen, so mehre nicht sein Gut sondern mindere seine Bedürfnisse”. Ein zynischer Kommentar dazu bei Zitate-Online meint, dass die ARGEn sich massiv bemühen dieses Zitat in die Tat umzusetzen.

    Womit wir wieder bei den Bedürfnissen sind und damit auch wieder beim guten Maslow. Das was wir unserem “Prekariat” mit Hartz IV derzeit antun ist bestenfalls die Abdeckung der elementarsten Grundbedürfnisse, mehr nicht. Wobei schon anzufragen ist, wie man mit ungefähr 2,50 im Monat die 10 Euro Praxisgebühr pro Quartal finanzieren soll.

    Ein Mensch hat aber eben nicht nur elementare Grundbedürfnisse sondern eben auch den Wunsch nach sozialen Kontakten. Bei Tieren nennt man das Herdentrieb aber auch Menschen wolle nicht einsam sein sondern sich mit anderen Menschen austauschen. Was uns über die Tiere erhebt ist dann auch die Beschäftigung mit philosophischen Fragen und dem was wir als “Kultur” bezeichnen, einem nicht quantifizierbarem Gut welches in Krisenzeiten als erstes auf der Strecke bleibt.

    Eine Änderung des Verhaltens, sowohl des eigenen als auch der gesamten Gesellschaft scheint dringen notwendig. Ob Krisen und der damit verbundene Streß tatsächlich Katalysatoren für Kreativität und Innovationen (was sind Innovationen in diesem Kontext, habe erst ein Buch “Myths of Innovation” gelesen und bin entsprechend “versaut”) sind wage ich zu bezweifeln, denn wie schon Tom DeMarco sagt: Menschen denken unter Druck nicht schneller oder gar besser.

    Was mir persönlich ein wenig Optimismus gibt ist die Tatsache dass immer mehr Menschen ihre von den Verfassungen verbrieften Menschenrechte auch tatsächlich einfordern und sich weigern nur noch unter dem Blinkwinkel der Humanresource betrachtet zu werden. Ob es die Demonstrationen geben das Sparpaket in Griechenland oder den unerträglich arroganten Duce Berlusconi in Italien sind, es zeigt mir dass Menschen sich wieder ihrer Identität als freies Individuum bewusst werden und sich eben nicht mehr beliebig als Verfügungsmasse für irgendwelche Unternehmen rumschubsen lassen.

    Herzliche Grüße an Dich und Deine Familie vom König von Haunstetten.

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