Euch allen einen guten Rutsch und möge das Jahr 2011 genügend Stoff für eure Träume liefern!
Bis zum neuen Jahr,
eure Sina & Family und Team


Die ZEIT hat einen sehr schönen Artikel “Das Welthemd” publiziert. Diesen zum Anlass genommen entstand “Das Regionalhemd”.
Anm. von mir: Soviel rauche ich nicht, aber ich wollte den Artikel ziemlich in der Tradition des ZEIT-Artikels lassen
Die Textilmanufaktur tritt gegen Aussterben an. Und verkauft ihre Kleidung für viele Euro. Wie kann das sein? Eine Suche nach dem Geheimnis des transparenten T-Shirt.
Die Straßenbahn bleibt mit quietschenden Rädern stehen, in Kriegshaber, westlich in Augsburg. Eine Frau steigt aus, geht hundert Meter und hinein in ein kleines, altes Firmengebäude und zündet sich eine Zigarette an. Sie heißt Sina Trinkwalder und ist Gründerin des Unternehmens. Sie ist hier, um über ein T-Shirt zu sprechen.
Das T-Shirt liegt vor ihr auf dem Tisch. Am Saum ist ein kleines “m” im Stoff eingefasst. Der Buchstabe ist das Zeichen einer Idee, an die beginnend keiner so richtig glaubte. Außer Trinkwalder. Die Idee ist mittlerweile 9 Monate alt und ist im Beginn, das Laufen zu lernen. Müsste man die Kleidung von manomama in einem Satz beschreiben, würde man sagen: Sieht zeitlos aus und kostet ordentlich Geld. Für eine Winterjacke zahlt man 220 Euro, für ein Kleid 120 Euro. Am günstigsten ist das T-Shirt. Was ein solches T-Shirt vor zehn Jahren gekostet hätte, kann niemand sagen. Weil seit vielen Jahren niemand mehr in dieser Art in Deutschland produziert: radikal regional, dabei 100% ökologisch.
manomama veröffentlicht keinen Nachhaltigkeitsbericht. Denn: Papier ist geduldig. manomama schafft Transparenz, in der Kommunikation – von und mit Menschen. Ob sie zu den Guten gehören, soll jeder selbst entscheiden.
Das Prinzip von manomama: Das passende T-Shirt für jeden
Wie kann ein Unternehmen gut sein und bei T-Shirts 40 Euro verlangen? Es gibt jemanden, der diese Frage leicht beantworten kann: manomama. Die Zentrale des Unternehmens liegt in der Schwabens Hauptstadt Augsburg. Im Erdgeschoss ist die Produktion. Und die Küche. Hier wird für alle mittags gekocht.
Im ersten Stock sind Büros. Man trifft dort Mitarbeiter der befreundeten Werbeagentur. Jeder sagt, wie, wo und von wem das T-Shirt hergestellt wird. manomama gibt darüber Auskunft – »aus Gründen des Fairness«.
Man muss sich nicht selbst auf die Fährte des T-Shirts begeben. manomama weist den Weg selbst. Trinkwalder hält das T-Shirt in der Hand. Sie ist Anfang Dreißig, vor ein paar Jahren hat sie ihre erste Firma gegründet, eine Werbeagentur. Heute produziert sie Kleidung. Die Zigarette im Mund, streicht Trinkwalder mit den Fingern über den Stoff, liest das Etikett. Sie sagt, wenn man das Geheimnis des transparenten T-Shirts erfahren wolle, müsse man als Erstes in die Westtürkei reisen. Nach Izmir. Dort beginne die Spur.
manomama bezieht ihren Rohstoff aus dem alternativen und nachhaltigen Bio-Baumwollanbaus in der Region der türkischen Ägäis rund um Izmir. Ab und an auch aus Griechenland. Dabei wird größter Wert auf den Verzicht chemisch-synthetischer Dünger und Pestizide gelegt. Fruchtbare und gesunde Böden und der dadurch bedingte geringere Wasserbedarf (ca. 5m³ statt 30m³ Wasser pro kg BW im konventionellen Anbau) stehen für praktizierten Umwelt- und Klimaschutz.
Alle Rohbaumwollen werden über zertifizierte Entkernungsanlagen gesäubert, die, nicht wie in Asien oder Afrika, ausschließlich Bio-Baumwolle verarbeiten. Die soziale Absicherung durch Bioprämien für Pflücker, Bauern und Faserverarbeiter ist gewährleistet. Natürliche Düngemittel und das hochwertige Saatgut werden nicht über Kredite, sondern über Vorschüsse fair finanziert.
600 Gramm Baumwolle benötige man für das T-Shirt von manomama. Rund 1,20 Euro musste man in den vergangenen Jahren für zertifizierte Biobaumwolle aus der Ägäis bezahlen. Heute sind Biobaumwollpreise fast um das Doppelte gestiegen. Wie auch bei konventionellem Baumwollanbau ist die Lage der Bio-Bauern auf der gesamten Welt dramatisch: Nach dem Gen-Skandal in Indien erhalten Biobaumwollbauern, die mit viel finanziellem Aufwand ihren Anbau umstellten, nurmehr einen geringen Erlös. Zahlreiche Selbstmorde waren und sind die Folge. Entgegen den amerikanischen Farmern erhalten Bauern in Indien und Afrika, gleich ob bio oder nicht, keine staatlichen Prämien.
Trinkwalders Handy klingelt. »Hi, Friedhelm«, sagt Trinkwalder. Friedhelm ist Chef eines traditionsreichen Garnherstellers und -vertriebs auf der schäwbischen Alb. Er ruft an, um wieder einmal das letzte Angebot zu korrigieren. Nach oben.
Finanzinvestoren aus aller Welt kaufen neuerdings Baumwolle
»Schau dir die Kurve an, Sina«, sagt Friedhelm in sein Handy, »es ist nicht mehr auszuhalten.« Friedhelm bat Trinkwalder, ihre E-Mails abzurufen. Er habe ihr einige Charts geschickt und passend dazu von der Landesbank BW Finanzierungsvorschläge. Termingeschäfte auf Baumwolle. Es ist nichts Ungewöhnliches geschehen in den letzten Monaten. Ein ganz normaler Vorgang, dass sich Finanzspekulanten und Renditehaie auf Rohstoffe stürzen. Diesmal ist die Baumwolle dran. “Ist es nicht pervers, dass wir nun schon zu jenen Mitteln, nämlich das Setzen auf fallende und steigende Preise bei Baumwolle durch unsere Banken angehalten werden? Ist es nicht zu verachten, dass jene, anstelle sie uns einen Überbrückungskredit geben, verleiten, ja gar erpressen, mitzumachen?”, sagt Friedhelm zu Trinkwalder. Ja, das ist es.
Die 600 Gramm Baumwolle, die man für das T-Shirt benötigt, kosten jetzt nicht mehr 1,20 Euro, sie kosten fast zwei Euro. Der Rohstoff ist teuer geworden. Dennoch hat sich die Suche nach dem transparenten T-Shirt nicht verändert. Nach der Ernte wird die Baumwolle gekämmt und für die Weiterverarbeitung vorbereitet. Sie verlässt die Türkei in großen Containern und gelangt via LKW nach Deutschland. Übrigens: Nun liegen die Kosten für 600 Gramm Biobaumwolle bereits bei 3,20 Euro.
Die Sonne wirft ein sanftes Licht über die schwäbische Alb. Alles sehr ländlich hier. Straßennamen und Plätze lassen etwas von der textilen Geschichte der Region erahnen.
“Früher hatte jeder Haushalt in seiner Garage eine kleine Strickmaschine”, erinnert sich Roller. Er selbst ist einer der letzten, die eine kleine, aber feine Färberei in Albstadt betreiben. Ein Familienbetrieb, also er, seine Frau, die Tochter vom Bruder und eben jener selbst.
Erst aber fährt der LKW einen Stopp im Fränkischen. Die Garne werden dort nach IVN-Richtlinien gefärbt. Garne, die für das Weben notwendig sind. Diese nämlich müssen vor der Verarbeitung gefärbt werden. Eine weitere Charge geht direkt nach Nordbayern. Schließlich braucht es für einen ordentlichen Stoff auch kettfähiges Garn, einen Zwirn also. Ingbert, der letzte seines Fachs, verteidigt seine Zunft nicht nur, er bildet auch aus. “Wohin soll das nur gehen? Wir können doch unser ganzes Wissen nicht mit ins Grab nehmen?” rechtfertigt er sich. Muss er nicht. Aus den Garnen macht Ingbert einen stabilen Zwirn. Einen, der auch einmal was aushält, sagt er gerne. Und er kümmert sich um Nähfaden. Ordentlich dicke Dinger, damit das Gewebe auch hält. Beides, das kettfähige Garn samt den Nähfaden, schickt er anschließend nach Augsburg. Dort trifft ebenso die gefärbte Rohware aus dem Fränkischen ein. Übrigens: Nun liegen die Kosten für 600 Gramm Biobaumwolle bei mindestens 10,50 Euro.
Das könne gar nicht sein, möge sich der ein oder andere nun denken? Ist auch so. Man kann nicht eine bestimmte Grammanzahl für Baumwolle monetär ausloben, ohne im Detail hinzusehen. Die Rohware Baumwolle wird verarbeitet. Das “richtig Teure” ist, wie immer, die Verarbeitung von Material. Das einzige, was mit Sicherheit gesagt werden kann, ist, dass für ein normales Bio-T-Shirt der Größe M (das nämlich spielt ebenso eine wichtige Rolle) bei einem regional produzierten T-Shirt runde 10 Euro Materialkosten (inklusive hiesiger Löhne für die jeweiligen Vorstufen) veranschlagt werden müssen.
Aber nun weiter: die Rohware ist hier, das Garn gesponnen, der Zwirn gedreht und beides gefärbt, in Augsburg zu einem Gewebe verwoben oder in Albstadt zu einem Strickstoff verarbeitet und bei Rollers gefärbt, gelangt das konfektionsfertige Material zur Produktion von manomama.
manomama besitzt eine eigene Näherei. Das ist das nächste Geheimnis des transparenten T-Shirts. manomama fertigt die Ware mit angestellten Näher/innen und immer am gleichen Ort: in Augsburg. Die Frage, woher das T-Shirt nun stammt, stellt sich nicht. Viel mehr, von wem es gemacht wurde. Und das steht auf dem Etikett.
Keine Geigen, kein Tenor, aber Arbeiter/innen lächeln
Ob man sich die Produktion ansehen könne? Auf diese Frage antwortet die Manufakturbesitzerin mit einem Lächeln, erhebt sich und führt durch die Produktion. Man sieht Menschen, die Kleidungsstücke fertigen – und man hat nun Gesichter zu den Namen auf den Etiketten. Eine Stechuhr sucht man vergebens. Ebenso am Ende der Maschinenreihe ein Schild mit Nummern. Zahlen, die besagen, wie viele Stück pro Stunde gefertigt werden müssen. Niemand sitzt dauerhaft auf seinem Platz, man trifft sich in der Mittagspause auf einen Kaffee. Die Arbeitszeit ist von Acht Uhr bis 16 Uhr inklusive aller Pausen.
Einen Verhaltenskodex sucht man ebenso vergebens. Auch eine klassische Textilhierarchie. Keine Vorarbeiter, die drücken, keine Controller, die Löhne kürzen. “Als ich selbstständig war, verdiente ich umgerechnet 3 Euro die Stunde. Vergeblich habe ich einen Job gesucht. Selbst bei renommierten Münchner Designern zahlt man Damenschneiderinnen nicht mehr als 5 Euro in der Stunde. Heute bekomme mehr als das Doppelte”, sagt Monika. Als Mutter zweier kleiner Kinder schätzt sie zudem das flexible Arbeiten.
Protestiert wegen der ungewöhnlichen Arbeitsbedingungen hat bei manomama noch niemand. Für manche hingegen ist diese Freiheit ungewöhnlich. “Aber sie wachsen hinein”, erzählt Trinkwalder.
Zu welchem Preis verkauft die Firma das fertige T-Shirt? »Für etwa 40 Euro«, sagt Trinkwalder, und fügt an: »Bisher«. Denn mit weiter wachsenden Auftragszahlen und der Sicherheit im Team könne man künftig mit Reduzierungen rechnen. Wenn auch im Kleinen.
Um das T-Shirt letzten Endes an den Mann bzw. an die Frau zu bringen, müssen große Texilketten es von der Fabrikwelt in die Filialwelt schaffen, ein T-Shirt zum Beispiel möglichst günstig nach Europa zu bringen, von Bangladesh nach Deutschland. 7300 Kilometer Luftlinie. Bei manomama fällt dies weg. Steigende Transportkosten und Containerverknappung durch eine Wirtschaftskrise ist kein Problem für manomama. Das ist ein weiteres Geheimnis des transparenten T-Shirts. Das Motto von manomama lautet: »100% ökologische Bekleidung zum fairen Preis«. Ein T-Shirt für 4,95 Euro mag ein bester Preis sein, wohl aber kein fairer.
Eine neue Konsumentenklasse. Durch alle Schichten.
T-Shirts von manomama hängen in keiner Filiale. Bekleidung aus Augsburg gibt es über den Onlineshop oder via Eigenvermarktung. Nicht zuletzt bremst ein Preis, der nicht einmal annähernd konkurrenzfähig zu H&M, Mango und Zara ist. Und dennoch entscheiden sich immer mehr Menschen, für ein transparentes Kleidungsstück.
Das ist das letzte Geheimnis des transparenten T-Shirts und der letzte Unterschied zu einem billigen T-Shirt: Wenn die Leute genug von billigen T-Shirts kaufen, wird es weiterhin 4,95 Euro kosten. Wenn Menschen mehr und mehr transparente Bekleidung konsumieren, ändern sie das Leben vieler Menschen hier.

Ich rege mich gerade ein bisschen auf und muss das mal loswerden: Derzeit ist die gesamte “grüne” Nation völlig von den Socken, steht das traditionsreiche Versandhaus hessnatur kurz vor der Übernahme durch einen Rüstungs-Investor. Das darf man sich nicht gefallen lassen. Alle Größen der “nachhaltigen” und “grünen” Szene rufen auf zum Boykott, sogar ATTAC setzt sich ein.
Grundsätzlich finde ich ein solches Engagement sehr löblich – und richtig. Aber: auch ziemlich einseitig. Wer es noch nicht wußte: bereits vor sechs Wochen hat diese “böse Rüstungsheuschrecke” ebenso traditionsreiche Unternehmen wie Babywalz, Bon-a-parte, sowie die Unternehmen Planet Sports, Elégance, Mirabeau und Vertbaudet Deutschland übernommen. Die Primondo-Gruppe, Inhaber von hessnatur, hat allein aus Gründen der besseren Gewinnerzielungsabsicht hessnatur zur Einzelveräußerung ausgeschrieben. Unterstelle nicht nur ich, sondern auch Journalisten renommierter Zeitschriften wie der FAZ.
Wieso hat vor Wochen niemand sich empört über die Einkaufstour von Carlyle? Sind “normale” Unternehmen gleich, aber “grüne” gleicher? Genau dieses Art des selektiven Engagements bringt den Rest der Welt dazu, sich ein Bild von “Neo-Grünen” zu machen: nämlich das eines besseren Gutmenschen. Und das finde ich nicht in Ordnung.
Euch einen schönen 17.12.,
eure Sina

Via Twitter bin ich heute darauf aufmerksam geworden, dass der Nachhaltigkeitsrat mit Unterstützung von Utopia Interessierte dazu aufruft, den vom Nachhaltigkeitsrat herausgegebenen Erstentwuf des Nachhahltigkeitskodex zu ergänzen. Nach erstmaligem Durchlesen lächelte ich, nach erneutem Durchlesen ist es mir so langsam vergangen. Wie schon bei der Preisverleihung des Nachhaltigkeitspreis habe ich erneut das Gefühl, meine Auffassung von Nachhaltigkeit deckt sich so überhaupt nicht mit der des Rates. Und das schrieb ich ihm:
“Sehr geehrte Damen und Herren,
sicherlich ist Ihnen nicht unverborgen geblieben, dass die Verleihung des diesjährigen Nachhaltigkeitspreises Wellen schlug. Nahezu jeder Ihrer Preisträger war gleichsam ausführlich zu finden in einem Buch, indem man nachhaltig wirtschaftende Unternehmen nicht erwartet: dem Schwarzbuch der Markenfirmen.
Die Menschen, die solche Entscheidungen nicht nachvollziehen können, sind all jene, die bereits im Zeitalter der Nachhaltigkeit angekommen sind und in diesen Zeiten durch ernsthaftes Nachdenken und Handeln sich aufmachen in ein nachhaltiges Zeitalter.
Nun bitten Sie erneut um die Mithilfe aller in Form eines Aufrufs zu Dialog-Beiträgen für einen Nachhaltigkeitskodex. Ziel ist es, eine möglichst breite Zustimmung zum Nachhaltigkeitskodex zu erlangen. Liest man sich den ersten Entwurf durch, stellt sich nach der letzten Seite die Frage: “Und wo bleibt nun echte Bereitschaft zur Nachhaltigkeit?” Äußerst großzügige Formulierungen, Ziele, die sich schlicht jeder selbst setzen kann – natürlich so gut er kann im Zeichen der Nachhaltigkeit – können sich Unternehmen setzen. Man solle hier ein bisschen mehr einsparen und dort ein wenig weniger verbrauchen. Es werde darum gebeten, bessere Sozialstandards anzustreben, aber zumindest einschlägige Standards sollten eingehalten werden. Alle seitens der Unternehmen gesetzten Ziele selbstverständlich dürfen anspruchsvoll sein. Nicht zuletzt erachte ich allein das Wort “Humankapital” in einem Nachhaltigkeitskodex, der unter anderem soziale Aspekte beinhaltet, für deplatziert.
Eine echte Ethik der Gerechtigkeit, die strikte Sicherung gefährdeter Naturkapitalien und vieles mehr, allesamt Stichpunkte, die für mich in ein solches Thesenpapier gehören, sind in Ihrem Vorschlag nicht einmal erwähnt. Um ernsthaft Nachhaltigkeit zu erreichen, müssen wir eine radikale Richtungsänderung vornehmen. Ein leichtes Optimieren falscher Dinge reicht nicht. Das ging zu Zeiten, als Wachstum noch an oberster Stelle der ökonomischen Ziele stand. Diese Zeit ist vorbei.
Mit freundlichen Grüßen
Sina Marie Trinkwalder
Unternehmerin”
Ich werde euch auf dem Laufenden halten, ob und wenn ja welche Antwort ich erhalte.

Wer Kinder in die Welt setzt, bekennt sich zur Zukunft. Darf man Zahlen und Statistiken glauben, sind gerade Menschen in skandinavischen Ländern und auch unsere Nachbarn, die Franzosen, jene, die am meisten an eine Zukunft glauben. Bei uns, hier in Deutschland, sinkt die Geburtenrate Jahr um Jahr. Das Kind als Karriereknick, ein Fehlen von Betreuuungsmöglichkeiten, zuletzt die Frage nach dem “Sich-Leisten-Können” sind oftmals Entschuldigungen, die dieser Entwicklung entgegengebracht werden. Als letzte Karte wird dann der Verfall der Werte gezogen. Das nämlich passt immer.
Es scheint, als fehlt derzeit ein Gradmesser. Überhaupt fehlt in unserer Gesellschaft Verlässliches, Ehrliches – eine Klarheit, die Stabilität gibt und als Nährboden für genau den Mut gibt, der zuversichtlich in die Zukunft blicken und diese auch aktiv gestalten lässt.
Wo aber ist diese Zuversicht hin? Hatten wir sie jemals? Ja, wir hatten sie: Zuversicht, basierend auf einem, gemeinsamen gesellschaftlichen Ziel: Wachstum und Wohlstand. In den 50er Jahren. Dass es den Deutschen wieder gut geht, ein gutes Leben führen können, war das Ziel von allen – Arbeitern, Angestellten wie Unternehmern. Man zog an einem Strang und hob die Wirtschaftswunderjahre aus der Wiege. Gemeinsam ging man Schritt für Schritt auf das Ziel, Wohlstand für alle zu realisieren.
Und heute? Heute haben wir ihn. Deutschland ist eine der reichsten Nationen, steht stabil und fest mit beiden Beinen in einer ausklingenden Wirtschaftskrise, wenngleich die Ökonomen rein vorsorglich das Gegenteil behaupten, unsere Gesellschaft hat, was sie braucht. Sie ist versorgt. Materiell und monetär. Und nun müssen wir erkennen, dass uns ein Ziel abhanden gekommen ist. Eine Klammer, die unsere Nation zusammenhält, ein Ideal, das ein Engagement jedes Einzelnen verdient. Die Politik agiert in dieser Leere mit ihrem Verhalten, das als Vorbildfunktionen dienen sollte, nurmehr kontraproduktiv.
Es wachsen mittlerweile Generationen heran, die ein gemeinsames, gesellschaftliches Ziel überhaupt nicht mehr kennen. Jene Menschen, die diese verborgene Sehnsucht nach Werten und Ehrlichkeit materiell stillen. Das übrigens ist des globalen Unternehmers liebstes Kind: lässt sich diese Kundschaft doch für jede noch so irrwitzige Pseudo-Innovation wie ein 3′ größerer LCD-Fernseher begeistern. Das geht eine Weile gut, manchmal sogar ein ganzes Leben.
Und die anderen? Um ehrlich zu sein: eine echte, existenzielle Krise fühlt (noch) niemand. Es zwickt lediglich ein wenig. Und dagegen wird etwas getan. Menschen beginnen, sich aktiv zu engagieren, in erster Linie, um etwas zu tun. Im besten Fall, um dem Werteverfall entgegenzuwirken. Ein wunderschönes Beispiel hierfür ist die Sache um Wikileaks. Assange, der Gründer, als Gallionsfigur einer nie gekannten Transparenz und neuen Ehrlichkeit. Ich traue mich zu behaupten, dass niemand, der seine IT-Peripherie als Spiegel für die Seiten zur Verfügung stellt, auch nur 5% der darauf gespeicherten Daten gelesen hat. Das macht aber nichts. Wichtig nämlich ist nicht die Tatsache, nun erfahren zu können, dass Berlusconi ein Partybulle und Westerwelle völlig unfähig ist (das wussten wir schon). Wichtig ist der Fakt, dass man aktiv mitwirken kann, Ehrlichkeit und Transparenz zu schaffen. Wichtig ist, das Gefühl zu erhalten, ein Teil einer Bewegung zu sein, die sich wieder aktiv für Werte einsetzt und diese ermöglicht. Das allein ist der Zauber von Wikileaks. Und es kommt genau zur richtigen Zeit.
Einer gesellschaftlichen Zeit des emotionalen Vakuums. Einer Zeit auf der Suche und einer Zeit, in der es uns nicht mehr gut geht. Das ist aus materieller Sicht Irrsinn, aber wir fühlen so. Weil wir leer sind. Grund dafür ist die Entwicklung innerhalb unserer Gesellschaft: Ich und Wir stehen im Gegensatz. Verzweifelt wird versucht, unter beiden einen “Gewinner” auszumachen, anstelle dass ernsthafte Konzepte wie beispielsweise ein Grundeinkommen überdacht werden, um beide “Parteien” zu einem Team zu machen.
Nehmen wir das Beispiel des derzeit gepflegten Egoismus eines Landes gegenüber der Gemeinschaft. Deutschland und die EU. Angela Merkel hat in einer Pressemitteilung klar formuliert, Deutschland werde den anderen EU-Ländern helfen, wenngleich es mit ihr und somit mit Deutschland keine Eurobonds geben wird. Schließlich möchte man den günstigen Zins für das eigene Land behalten. Im ersten Moment ist diese Entscheidung völlig nachvollziehbar, womöglich erachten wir sie als einzig richtig. Aber diese Position macht in einer Klarheit greifbar, welches echte Problem wir haben: die zunehmende Individualisierung bei gleichzeitig wachsener Hilfeleistung gegenüber der Gemeinschaft. Das gilt für unsere Gesellschaft ebenso wie unser Land.
Die nächsten Jahre werden entscheiden, wie wir unsere Zukunft gestalten. Und wir leben in historisch bedeutenden Zeiten, stehen vor einer zweiten Renaissance. Amerika schmeißt die Gelddruckmaschinen an, um zumindest den Anschein ihrer völlig kaputten Wirtschaft zu erhalten, China macht ob ihrer ungebrochenen Konsumlust aus Afrika ein zweites Asien, Indien mit ihren vielen jungen Menschen arbeiten zielstrebig am Erfolg. Und Europa? Wir wissen noch nicht einmal, ob wir in zwei Jahren noch mit dem Euro bezahlen werden und wenn nicht, was dann?
Bei aller kritischen Schwarzmalerei – mich beruhigt diese Entwicklung. Die Ängste und Sorgen, die wir haben (müssen), verstärken unser Gefühl, dass es uns nicht mehr gut geht. Das es uns geradezu schlecht geht. Und: Am besten, innovativsten und kreativsten, ja, am mutigsten ist der Mensch dann, wenn er in einer Krise steckt. Das lässt hoffen.
In diesem Sinne wünsche ich euch einen schönen 16.12. – und denkt einmal darüber nach.
Eure Sina
