
Ich habe den Brief des Amtsgerichts noch vor Augen. Eine Ladung zur Testamentseröffnung. Es ging um das Erbe meines Großonkels. Ich habe es nicht angetreten, denn ich hatte Angst, für etwas geradestehen zu müssen, womit ich überhaupt nichts zu tun hatte.
Gleiches könnte unseren Kindern und Enkeln wiederfahren: daran zu denken, ein Erbe ausschlagen. Allein – sie sind durch ihre Existenz dazu verurteilt, es anzunehmen: das Erbe, das wir hinterlassen.
Auf dem ersten Blick sind die Probleme nicht zu sehen, bestenfalls zu erahnen. Wie im richtigen Leben, könnte man denken. Es ist auch das richtige Leben. Ein Leben, voller Rücksichtslosigkeit. Der anderen, versteht sich.
Der bösen Konzerne zum Beispiel. Sie sind Ausbeuter und Lohnsklavenhalter im Dienste der Globalisierung und ihres Gewinns. Dass aber der ungebrochene Wunsch des westlichen Konsumenten nach dem Billigsten ebenso Treiber dieser Entwicklung ist, wird gerne vergessen. Das entschuldigende Argumentieren, beim Discounter einkaufen zu müssen, macht es nicht besser: Die Reichen beuten die Armen aus. Und die Armen die noch Ärmeren. Gott sei Dank sind diese weit genug weg, sodass wir ihr Schreien nicht hören können.
Wobei – soweit müssen wir nicht einmal in die Ferne schweifen, lässt sich hier mit Menschen ebenso gut Kasse machen. An der Kasse zum Beispiel. Ein mies bezahlter Job für Menschen mit Kameraerfahrung . Natürlich könnte eine derartige Tätigkeit fair entlohnt werden, aber dann müssten wir Konsumenten auf das breite Sortiment an immer frischer Ware verzichten, ist ein nicht unerheblicher Brocken in der supermarktschen Buchhaltung doch die Vernichtung von bereitgestellten Lebensmitteln. Fressvielfalt gegen faire Bezahlung? Da sind wir uns schon selbst die nächsten. Man könnte sich die Haare raufen. Lieber aber – richten lassen. Inklusive anschließender Empörung, dass der Friseur für Schneiden, Waschen, Föhnen mittlerweile 19,- Euro nimmt. Jeder nur halb ökonomisch Bewanderte kann sich an einer Hand ausrechnen, dass mit solchen Preisen kein Mindestlohn von geforderten 10,- Euro drin ist. Nicht einmal die Hälfte. Macht aber nichts, denn niemand sieht, wo wir uns die Föhnfrisur machen ließen. Ausbeutung ist ein weites Feld. Und passiert gerne auch auf Feldern. Dabei empören wir uns medial in allen großen Postillen über die bösen Schweden, die Chinesen für unter 1600,- Euro Beerenpflücken lassen. Wieso aber lesen wir nichts über polnische Spargelstecher und ukrainische Gurkenzupfer, die sich für die Hälfte bereits tagelang die Hände für unseren Gaumen schmutzig machen? Ganz einfach – weil die Saisonlöhne in Deutschland mittlerweile derart unverschämt sind, dass die fleißigen Erntehelfer weiterziehen. Nach England, und Spanien. Die Agrar-Ökonomen werden im Fernsehen sagen, man bekäme niemanden mehr, warum, verschweigen sie.
Es ist zum Jammern. Und ja, jammern können wir. Wie oft habe ich zum Beispiel den Satz gehört, jemand könne sich kein gesundes Essen leisten, weil er zu wenig Geld hätte. Rosa Wolff hat in ihrem Buch “Arm aber bio” den Beweis geführt: selbst mit 4,35 € am Tag kann man sich gesund ernähren. Es scheitert also nicht am Geld, es scheitert an der Tatsache, kochen zu können und der Bereitschaft, die Zeit dafür aufzubringen.
Wie sehr regen sich Menschen auf, kein ordentliches Gehalt zu bekommen und nehmen dies als Entschuldigung für ihr eigenes, unverantwortliches Handeln, indem sie Produkte konsumieren, die auf der Ausbeutung anderer und der Ruinierung der Umwelt beruhen.
Macht aber nichts, denn am bequemsten halten wir es wie Jeanne-Antoinette Poisson, der Mätresse Ludwig XV. Sie sagte nach einer selbst initiierten und anschließend verlorenen Schlacht: “Après nous le déluge” – Nach uns die Sintflut.
Wir setzen uns ein für eine saubere Umwelt, aber praktizieren zugleich ein schmutziges Gegeneinander. Wir setzen uns ein für ökologisches Saatgut, aber vergessen darüber das menschliche Erbgut. Das, was derzeit auf die nächste Generation warten würde, wäre allenfalls Erbschlecht.
Was mich beunruhigt ist die Erkenntnis der Neuro-Psychologen Terrie Moffitt und Avshalom Caspi. Sie erhielten für ihre Forschungsergebnisse sogar den mit einer Million Schweizer Franken dotierten Klaus J. Jacobs Forschungspreis 2010. Die beiden Wissenschaftler konnten nachweisen, dass sich asoziales Verhalten vererbt.
Bevor diese Erkenntnis ernsthaft auf der Tagesordnung der rechtssprechenden Organe steht, sollten wir unsere ganze Kraft, unseren Mut und unser Engagement in das stecken, was wir wirklich weitergeben möchten: ein menschliches Erbgut. Damit unsere Kinder keine Angst haben müssen, die Briefe unseres Nachlassverwalters zu öffnen.
Eur Sina