Archiv für den Monat September 2010

Vom Werber zum Weber (1)

Ja, ihr kennt mich ja nun ein bisschen und Arthur, den ich euch heute vorstellen möchte, bald auch. “Ich sehe schon, Du ziehst das ohne Kompromisse durch!”, sagte er eben zu mir. “Stimmt, mit Dir!”, erwiderte ich. Arthur, irgendwas mit 50, ist einer derjenigen, die vor Jahren hier in der ehemaligen Textilhochburg hochgefragt waren: Webmeister mit Herzblut. Das ist es auch, was uns beide vereint: mit Leidenschaft bei einer Sache sein. Deshalb beginnen wir wieder, hier zu weben.

“Dann brauch’ mär a Achdasechzg Zwo kettfähig in S-Drehung, nimmsch a Viererdreissger Oins im Schuss odrr a Zwo, griag mer scho!”, “brieft” er mich, um auf der Alb das richtige Garn spinnen zu lassen. So ziemlich genau diesen Satz habe ich vor zwei Wochen dem Garner wiedergegeben und nun war ich heute auf dem Weg in die kleine Weberei, um die Garnproben zu testen. Wie immer: aus kontrolliert biologische Baumwolle, zertifiziert, aus der Türkei, ach – ihr wißt ja.

“Dann packa mol aus”, sagt Arthur und greift zu: ein erster kritischer Blick, ein kurzes Abwickeln, eine erste Rißprobe und: “Hm…müsst scho gehä!”. Aber – soviel habe ich heute gelernt: wer selbst kochen möchte, muss stets überprüfen, ob seine Zutaten auch wirklich dem entsprechen, was man sich wünscht. In unserem Fall – richtig: “A Achdasechzg Zwo kettfähig in S-Drehung” ;-)

Wie aber testet man das? Ganz einfach: Man wickelt – händisch versteht sich, 100 Meter ab und wiegt sie dann erst einmal. Entsprechen 100 Meter 34 Gramm, könnte das mit der nummermetrischen Angabe von 68/2 hinkommen. Das /2 kennzeichnet übrigens einen Zwirn, ein /1 wäre ein reines Garn. Und seit heute weiß ich auch: Drehe ich 2 /1-Garne zusammen, erhalte ich einen /2-Zwirn. Mathematik, der ich folgen kann.

Weil wir beim Drehen sind: eine bestimmt Drehung, nämlich eine S und eine bestimmte Anzahl an Umdrehungen, brauchen wir auch. Um hier unsere Wünsche zu überprüfen, drehen wir das, was der Zwirner mühsam zusammengekordelt hat, einfach wieder auseinander. Man spannt einen Zwirn in die Drehmaschine und dreht den Zwirn in die entgegengesetzte Richtung. Dabei misst man zum einen die Strecke, die der Zwirn nun länger wird, zum anderen natürlich die Umdrehungen selbst. So lange, bis aus /2 – richtig – wieder zweimal ne /1 wird. Klingt einfach, ist es auch.

Rein faktisch war ich mir nun sicher: “Wunderbar, Nummermetrik, Drehanzahl und alles stimmt – ich gebe frei zum Garnen”, dachte ich halblaut. “Moooooment” unterbricht mich Arthur, nimmt mich an der Hand und führt mich zu – Alois. Noch ein ganzes gutes Stück älter. “Alois ist unser wichtiger Mann. Er knüpft am Webstuhl, wenn der Faden reißt. Er hat es in den Fingern!”. Sagte es und reicht Alois ein Stück unseres Zwirns. Alois lässt den Faden zwischen Daumen und Zeigefinger spielen, spannt ihn mit beiden Händen und – ruck – reißt ihn ab. “Der geht”, sagt Alois. “Der geht gut” – dreht sich um und widmet sich seiner Arbeit wieder.

“Jetzt gib das Garn frei zum spinnen” lächelt mich Arthur an. Und das mache ich nun auch. Bis zum nächsten Mal live vom Webstuhl,
eure Sina

 

Die Kollektion No. 3 ist da!

Montag, 20. September 2010 4 Kommentare »
Abgelegt unter Rund um manomama-Produkte

Blut, Schweiß und Tränen – so theatralisch könnte ich es umschreiben, aber nein: wir hatten einfach verdammt viel Spass und nun ist sie online: die Kollektion No.3. Viele neue Modelle für Babys & Kinder, Frauen & Herren.

Meine absoluten Lieblingsteile?
Hm… zum einen ein Kleid, das ich nunmehr in so ziemlich allen Farben besitze, die wir führen: das Kleid Speranta . Zum anderen – ganz klar, weil ich viele Stunden mit der Entwicklung des grundlegenden Seriendesigns beschäftigt war: die erste Taschen-Serie. Besonders: die schicke, kleine Midi aus vegetabilem Bioleder in mocca.

Bevor ich hier nun weiter aufzähle, seht selbst: www.manomama.de.

Hundemüde und geschalucht nach dem Tag nun ab ins Bett,
eure Sina

Gestalt’ doch mal die Klappe!

Donnerstag, 16. September 2010 9 Kommentare »
Abgelegt unter Hinter den Kulissen, Im Musteratelier

An euch, liebe Vektorenkünstler: Macht mit uns gestaltet für uns die “Verschlussklappe” einer Tasche. Bedingung: es müssen Vektoren sein (um sie im Falle des Gewinnens auch sauber per Siebdruck produzieren zu können) und das Layout darf höchstens 3 Farben enthalten.

Ladet euch hier die Vorlage als PDF herunter und lasst euren kreativen Ideen freien Lauf: Egal, ob typografisch ansprechend gestaltete Message, ein traditionell textiler Rapport (wiederkehrendes Muster) oder eine ansprechende Illustration – es sind euch nur die Grenzen der Reproduzierbarkeit gesetzt. D.h. ihr müsst darauf achten, dass es nicht zu filigran ist. 

Sendet eure Entwürfe an sina@manomama.de. Einsendeschluss ist Donnerstag, der 30.09.2010. Anschließend lassen wir eure Vorschläge von unserer Community bewerten. Das beliebteste wird dann produziert und der Gewinner erhält eine Tasche mit “seinem” Layout.

Wir freuen uns auf eure Einsendungen – viel Spaß!

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. manomama behält sich vor, Designs abzulehnen und nicht zu veröffentlichen. Alle Teilnehmenden versichern mit der Einsendung, dass keinerlei Urheberrecht Dritter verletzt wurde und sie selbst das Layout erstellt haben.

“Wer selbst kocht…”

Mittwoch, 15. September 2010 4 Kommentare »
Abgelegt unter Hinter den Kulissen, Kleine Warenkunde

…weiß, was darin enthalten ist. Im Restaurant müsst ihr die Suppe löffeln, die euch vorgestellt wird, in der Hoffnung, sie enthält, was euch der Ober versicherte. Mit Stoffen verhält es sich gleich. Natürlich ist alles zertifiziert und geprüft, getestet und lückenlos dokumentiert – so richtig vertraue ich jedoch nur, was ich von Anfang an mit eigenen Augen sehe und während des Entstehens dabei sein kann. Deshalb beginnen wir, wieder hier in Augsburg un Umgebung zu weben und zu stricken. Mit Garnen, die nach unseren Angaben heimisch produziert werden. Regional, um die Sicherheit und Transparenz, die ich euch geben möchte, auch leisten zu können. Dreimal (Roh)Stoffe um den Erdball geschubst, verliert sich jeder glaubwürdige Ansatz von Transparenz. Filius hat es gestern so schön erklärt: “Das ist, wie wenn man stille Post spielt. Aus Pumpernickel wird Rumpelstilzchen!” Deshalb reden wir vor Ort mit den vier Lieferanten innerhalb der Vorstufe (Rohware, Garner, Weber/Stricker & Färber – was äußerst wenig ist im Vergleich zu konventionellen Texilunternehmen, die allein im Vorstufenprozess bereits bis zu 10 Adressen anfahren, um einen fertigen Stoff zu haben). Und können sie schnurstracks besuchen. Weil sie “ums Eck” sind.

Der direkte Kontakt ermöglicht noch viel mehr als “nur Transparenz”: Gemeinsam schaffen wir es, im Volksmund als “Biostoff” geltende Ware schlicht noch ökologischer zu machen. Weit, über zertifizierte Regeln hinaus. Zum Beispiel, indem wir auf das Mercerisieren verzichten. Auf was? Auf der schwäbischen Alb wird die Rohware, ausschließlich westtürkische kBa-Baumwolle, zu Garnen und Zwirnen versponnen, um anschließend als Stoff vom Webstuhl zu gehen. So weit, so gut. Was aber macht unser Bio-Garn so besonders? Das Garn entsteht rein mechanisch, wir verzichten auf jegliche chemische Appreturen, die selbst nach GOTS (dem sich derzeit wohl weltweit durchsetzenden Standard für biologisch kontrollierte Texilien) erlaubt sind: Parrafinieren zum Beispiel (damit der Faden in den Maschinen anschließend besser “läuft”). Wir haben versucht, eine alte Methode wieder aufleben zu lassen, indem wir Kartoffelstärke beigaben. Letzten Endes stand die Entscheidung aber fest: nein, wir machen aus unseren Garnen einen Zwirn (hierfür werden zwei Garne zu einem deutlich festeren Zwirn gedreht). Dadurch haben wir zwei Fliegen mit der ökologisch-nachhaltigen Klappe geschlagen: Weder Parrafin noch Kartoffelstärke muss anschließend aus dem Gewebe gewaschen werden und wir sparen somit Wasser. Zweitens: ein Zwirn ist gegenüber einem Garn deutlich belastbarer und somit hält das neue Gewebe auch mehr aus.

Neben eben erwähnten gibt es aber eine weitere “Veredelung”, die laut Biozertifikaten erlaubt ist, aber uns gänzlich mißfällt: das Mercerisieren. “Das ist Totenkopf für Sie”, sagt selbst der konventionelle Garner zu mir. Bei dieser “Veredelung” wird die Baumwollfaser mit Natronlauge und Ammoniak behandelt. Natürlich wird der chemisch Bewanderte nun dagegenhalten: “Was ist daran gefährlich? Natronlauge habe ich auch auf meiner Brezel?” Das ist richtig, aber: es ist nicht sonderlich gesund und durch das Mercerisieren wird die Abwasserbelastung deutlich erhöht. Da wir Wasser für ein kostbares Gut erachten, möchten wir dieses einsparen, wo es geht. Und hier geht es.

Warum aber wird mercerisiert, selbst bei Biokleidung? Für das Mercerisieren sprechen einige “subjektive” Gründe, erzählt mir der ehemalige Chef einer Augsburger Zwirnerei: die Baumwolle erhalte einen dauerhaften Glanz, die Veredelung verbessere die Färbbarkeit und – das ganze würde fester. Fester? “Ja, dadurch können die Maschinen noch schneller laufen und es kommt weniger häufig zu einem Faden- bzw. Gewebebruch! Beim fertig konfektionierten Produkt bringt ihnen das nichts mehr.” Wasserverunreinigungen aus rein ökonomischen Gründen? Nachdem wir weben, wie wir nähen – nämlich in einem moderaten, qualitativ hochwertigen Tempo, können wir aus Rücksicht gegenüber der Umwelt getrost darauf verzichten.

Liebe Grüße
Sina

Der Anfang vom Rückschritt

Dienstag, 14. September 2010 Keine Kommentare »
Abgelegt unter Hinter den Kulissen

Sie erinnern mich an überdimensionierte Nähfadenspulen. Sie fühlen sich weich an. Eben hat sie der Paketdienst gebracht: die drei Probe-Garnkonen, bestückt mit reiner, kontrolliert biologisch angebauter Baumwolle aus der Westtürkei und zu verschieden starken Garnen und Zwirnen im Schwäbischen gesponnen. Warum ich euch das erzähle? Weil diese drei Conen Sinnbild für mich sind. Sie zeigen, dass man Dinge erreichen kann, selbst wenn deine Umwelt, deine engsten Freunde, ja selbst Du daran zweifelst. Dass sie nun hier sind und darauf warten, verarbeitet zu werden, zeigt auch, dass man es schaffen kann, so irrwitzig die verfolgte Idee, so utopisch das angepeilte Ziel auch klingen mag.

Nach nur 5 Monaten haben wir es geschafft: wir weben wieder in Augsburg. Hier, am ehemaligen Textilstandort. In einer Stadt, deren gesamte Architektur geprägt von textiler Historie ist. Wußtet ihr zum Beispiel, dass Augsburg mehr Brücken als Venedig hat? Für Textiler, allen voran für die Färber, waren die unzähligen Bächlein vor vielen Dekaden notwendig. Selbst unsere Weberei ist umsäumt von Gewässer. Im alten Texilviertel. Vielleicht sollten wir langsam beginnen, “historisch” und ” ehemalig” zu streichen. Denn: der Anfang vom Rückschritt ist gemacht. In Augsburg wird wieder produziert: vom Stoff  über den Nähfaden bis hin zur Konfektion.

Allein das Beschäftigen mit dem Weben hat mir vorab schon viel Wissen gebracht. Neben den verschiedenen Webverbindungen konnte ich Zahlreiches lernen in Sachen Robustheit, Belastbarkeit und Haptik verschiedener Stoffe. Das interessanteste für mich aber war endlich zu verstehen, warum unzählige Stoffe “bio” gekennzeichnet sind, aber überhaupt nicht sind. Vielleicht erinnert ihr euch an einen Blogeintrag vor geraumer Zeit, wo ich mich aufgeregt habe, dass mir Stoffhersteller Gewebe als “bio” verkaufen wollten, aber in der “Kette”, also den tragenden Fäden quasi, konventionelle Baumwolle verwoben wurde. Nun weiß ich es: die Herstellung eines Kettbaumes ist “a scheiß Oabat, a ewigx Frickl”, sagt mein Webmeister. Deshalb macht man für verschiedene Stoffpartien nur einen Kettbaum. In konventioneller Baumwolle eben. Bestellt ein Kunde dann “was mit bio”, wird im Schuss Bio-Baumwolle verwoben. “So genau nimmt ma des ned, ma muass ja o a Geud verdiena!”. manomama nimmt es sehr genau. Deshalb packe ich meinen Fotoapparat, die Kamera und nehme mir Zeit, um euch hier im Blog in Zukunft dabei sein zu lassen, wie aus purem Garn & Zwirn ein schöner Stoff wird. Ein Stoff, der für mich persönlich etwas ganz Besonderes ist: ein Zeichen, dass man erreichen kann, was man sich vornimmt, wenn alle gemeinsam an einem “Faden” ziehen. 

Herzliche Grüße aus dem Atelier,
Sina


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