Ja, ihr kennt mich ja nun ein bisschen und Arthur, den ich euch heute vorstellen möchte, bald auch. “Ich sehe schon, Du ziehst das ohne Kompromisse durch!”, sagte er eben zu mir. “Stimmt, mit Dir!”, erwiderte ich. Arthur, irgendwas mit 50, ist einer derjenigen, die vor Jahren hier in der ehemaligen Textilhochburg hochgefragt waren: Webmeister mit Herzblut. Das ist es auch, was uns beide vereint: mit Leidenschaft bei einer Sache sein. Deshalb beginnen wir wieder, hier zu weben.
“Dann brauch’ mär a Achdasechzg Zwo kettfähig in S-Drehung, nimmsch a Viererdreissger Oins im Schuss odrr a Zwo, griag mer scho!”, “brieft” er mich, um auf der Alb das richtige Garn spinnen zu lassen. So ziemlich genau diesen Satz habe ich vor zwei Wochen dem Garner wiedergegeben und nun war ich heute auf dem Weg in die kleine Weberei, um die Garnproben zu testen. Wie immer: aus kontrolliert biologische Baumwolle, zertifiziert, aus der Türkei, ach – ihr wißt ja.
“Dann packa mol aus”, sagt Arthur und greift zu: ein erster kritischer Blick, ein kurzes Abwickeln, eine erste Rißprobe und: “Hm…müsst scho gehä!”. Aber – soviel habe ich heute gelernt: wer selbst kochen möchte, muss stets überprüfen, ob seine Zutaten auch wirklich dem entsprechen, was man sich wünscht. In unserem Fall – richtig: “A Achdasechzg Zwo kettfähig in S-Drehung”
Wie aber testet man das? Ganz einfach: Man wickelt – händisch versteht sich, 100 Meter ab und wiegt sie dann erst einmal. Entsprechen 100 Meter 34 Gramm, könnte das mit der nummermetrischen Angabe von 68/2 hinkommen. Das /2 kennzeichnet übrigens einen Zwirn, ein /1 wäre ein reines Garn. Und seit heute weiß ich auch: Drehe ich 2 /1-Garne zusammen, erhalte ich einen /2-Zwirn. Mathematik, der ich folgen kann.
Weil wir beim Drehen sind: eine bestimmt Drehung, nämlich eine S und eine bestimmte Anzahl an Umdrehungen, brauchen wir auch. Um hier unsere Wünsche zu überprüfen, drehen wir das, was der Zwirner mühsam zusammengekordelt hat, einfach wieder auseinander. Man spannt einen Zwirn in die Drehmaschine und dreht den Zwirn in die entgegengesetzte Richtung. Dabei misst man zum einen die Strecke, die der Zwirn nun länger wird, zum anderen natürlich die Umdrehungen selbst. So lange, bis aus /2 – richtig – wieder zweimal ne /1 wird. Klingt einfach, ist es auch.
Rein faktisch war ich mir nun sicher: “Wunderbar, Nummermetrik, Drehanzahl und alles stimmt – ich gebe frei zum Garnen”, dachte ich halblaut. “Moooooment” unterbricht mich Arthur, nimmt mich an der Hand und führt mich zu – Alois. Noch ein ganzes gutes Stück älter. “Alois ist unser wichtiger Mann. Er knüpft am Webstuhl, wenn der Faden reißt. Er hat es in den Fingern!”. Sagte es und reicht Alois ein Stück unseres Zwirns. Alois lässt den Faden zwischen Daumen und Zeigefinger spielen, spannt ihn mit beiden Händen und – ruck – reißt ihn ab. “Der geht”, sagt Alois. “Der geht gut” – dreht sich um und widmet sich seiner Arbeit wieder.
“Jetzt gib das Garn frei zum spinnen” lächelt mich Arthur an. Und das mache ich nun auch. Bis zum nächsten Mal live vom Webstuhl,
eure Sina




















