Wer soll da eigentlich noch durchblicken? kba, kbt, GOTS, IVN, bio, öko, weiß der Geier?!… Wir wollen es nur richtig machen. Irgendwie das Richtige konsumieren. Im Falle von Textilien irgendwas mit ordentlichen Arbeitsbedingungen für die Menschen, die es herstellen, im Allgemeinen fairtrade (und leider hört das fairtrade oftmals im Kaufhaus bei den Arbeitsbedingungen der Verkäufer/innen auf!). Darüber hinaus ordentlich für die Umwelt. Kontrolliert biologisch also. Baumwolle ohne Pestizide und ähnliches.
Ich möchte es auch richtig machen. Als Konsument. Als Hersteller von öko-sozialen, radikal regionalen Produkten, kurz, bei manomama möchte ich es immer besser machen. Dieser Mission “Besser für alle” haben wir alle uns verschrieben und verfolgen sie in unserem Handeln nach bestem Wissen und Gewissen. Dass wir aus diesem Grund Rohstoffe und Dienstleistungen aus der Region beziehen, die Baumwolle vom nächstgelegenen Bezugspunkt (Westtürkei), wißt ihr ja.
Ja, und heute war wieder mal das Thema “Färben” dran. Darum kümmert sich nämlich kaum einer. Selbst bei vielen “Öko-Herstellern” ist die Färbung konventionell. Da viele in Asien und Afrika produzieren, geschieht die Färbung nicht einmal nach europäischen Standards (in der EU sind hochgiftige AZO-Farbstoffe, PCB etc. weitgehenst verboten, in fernen Produktionländern werden sie aufgrund des aggressiven Preisdrucks nach wie vor eingesetzt).
Wir färben von Anfang an nach derzeitig höchstem Standard, dem sogenannten IVN-Standard, der gegenüber dem fälschlicherweise “bio” geltenden Ökotex-Standard deutlich strengere Vorgaben hat. Trotzdem wollte ich noch einen Schritt weitergehen. Pflanzenfärben. Muss doch gehen. Geht auch. Farbenpalette wäre auch ganz in Ordnung. Aber….
“Wenn Du die Wahl hättest, was würdest Du kaufen: konventionell gefärbt, schadstoffarm nach IVN gefärbt oder pflanzlich gefärbt?” fragte ich heute mittag in die Runde. Einhellige Meinung: natürlich pflanzlich. Das hätte ich ebenso aus voller Überzeugung gesagt. Bis zum Telefonat mit einer Pionierin in Sachen Pflanzenfärben. Sie betreibt im Osten Deutschlands ein Veredelungsunternehmen, das sowohl konventionell synthetisch als auch pflanzlich färbt. Sie war es auch, die mir erklärte, dass das Färben mit Pflanzen mehr Wasser benötige als synthetische Färbung. Ebenso, dass chemikalische Zusätze bzw. Metalle zugesetzt werden müssen, um die Pflanzenfarbe überhaupt in die Faser zu bekommen. Nicht zuletzt, dass die Farbextrakte, je nach Farbton, aus der ganzen Welt kommen. “Was aber bitte ist dann ökologischer an Pflanzenfarbe?”, fragte ich sie. “Nichts. Es ist nachhaltiger!”, erwiderte sie mir. “Inwiefern?” “Die Farben werden aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen und es ist einfach exklusiver!”, sagte sie.
Das erste Argument leuchtet mir ein, letzteres nicht. “Einfach exklusiver” zu sein wiegt den Mehrverbrauch an Wasser, dem kostbarsten Gut unseres Jahrtausends, nicht auf. “Das ganze Leben ist Chemie”, beendete sie unser gemeinsames Telefonat. Und da gebe ich ihr recht. Das ganze Leben ist Chemie. Unsere Aufgabe sehe ich darin, uns die beste herauszusuchen. Im Fall von manomama die ressourcenschonenste und schadstoffärmste. Wir bleiben also dabei und färben weiterhin schadstoffarm, denn: schadstofffrei ist das Pflanzenfärben ebenso nicht.
Liebe Grüße aus dem Atelier,
eure Sina















Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel! Ich habe mir schon oft die Frage gestellt wie es denn mit Pflanzenfärbung eigentlich aussieht und ob diese denn wirklich so ökologisch vertretbar ist. Der obige Eintrag hat bei mir einige Fragen geklärt. Ihr habt schon das Richtige für manomama rausgesucht, macht weiter so!
Grüße aus Friedberg, Adrian
Liebe Sina,
schön, dass ihr euch dem Thema annehmt. Wir produzieren ausschließlich pflanzlich gefärbte Stoffe und Textilien. Deiner Darstellung möchte ich deshalb einige Punkte hinzufügen, die das Ganze in einem anderen Licht erscheinen lassen.
1) Wie Du schon richtig sagst, werden in Asien etc. oftmals (ich würde sagen in den meisten Fällen) die strengen EU-Normen, die an Veredelungsbetriebe angelegt werden, nicht erfüllt oder missachtet. Auch wir produzieren in Indien. Gerade deshalb ist es ein Segen, dass unser Produzent, der ausschließlich pflanzlich färbt, über einen geschlossenen Wasserkreislauf verfügt, in dem das Wasser oftmals reiner nach! dem Färben herauskommt als rein. Der Färbebetrieb in Gujarat ist umgeben von chemisch arbeitenden Betrieben. Wer einmal in Indien oder China war, kann mit eigenen Augen sehen, wie die Flüsse dort aussehen und welch verherende Folgen es hat, in diesen Ländern, egal ob Bio-Baumwolle oder nicht, überhaupt färben zu lassen. Riesige Ökosyteme werden dort zerstört und tausede Menschen vergiften sich oder erkranken an den direkten Folgen der Textilveredlung. Unsere Alternative des Färbens mit Pflanzen ist zu 100% biologisch abbaubar. Die Arbeiter, die in direkten Kontakt mit den Färbemischungen kommen sind nicht gefährdet und der “Abfall”, dass heisst die verwendeten Pflanzepasten, kommen direkt als Dünger auf die Felder.
2) Dem Pflanzenfärben müssen nicht zwangsläufig Metalle zugesetzt werden. Die Fixierung ist, wie bei allen Farben, das größte Problem. Wenn man mit Pflanzen färbt und die gleichen Ergebnisse haben möchte, wie mit einer chemischen Färbung, muss man mit Schwermetallen beizen. Wenn man bereit ist, die Farbpalette ein wenig einzuschränken, und lebendige Farben, die sich noch entwickeln und im Laufe ihres Lebens vielleicht ein wenig blasser werden zu akzeptieren, kann man gänzlich ohne Chemie auskommen. Einzig Alaun und Eisensulfat, werden in kleinen Mengen zum Beizen benutzt, welche in ihren verwendeten Zusammensetzungen nicht schädlich für die Umwelt sind, sondern sogar zur Wasserreinigung in Kläranlagen verwendet werden. Schwermetalle wie Kupfer, Chrom, Zink oder Zinn werden von uns nicht verwendet.
3) Diese Färbemethode ist garantiert schadstofffrei. Sie hat sogar durch die Verwendung von Pflanzen, Kräutern, Wurzeln, Stängeln und ayurvedischen Heilkräutern einen positiven Effekt auf der Haut. Kurkuma z.B. wirkt antispetisch, die Fruchtschalen des Granatapfel wirken positiv etc.
4) Vielleicht wird beim Färbevorgang mit Chemie weniger Wasser verbraucht ABER um 1 kg chemische Färbung herzustellen, sind 120 weitere Kilogramm Chemikalien nötig, Diese Ökobilanz würde ich nochmals überprüfen.
Fazit: Wenn Pflanzenfärbung, dann sollte man darauf achten wie und wo gefärbt wird. In jedem Fall sollte man in Asien chemisch gefärbte Textilien vermeiden. Grundsätzlich ist Baumwolle nicht sehr einfach pflanzlich zu färben, aber es funktioniert mit sehr guten Ergebnissen. Die Farbpalette ist ein wenig eingeschränkt, vor allem dunkle Farben lassen sich pflanzlich sehr schwer färben, doch wird auch hier weiter experimentiert. Im Sinne der Nachhaltigkeit ist eine pflanzliche Färbung in jedem Fall vorzuziehen, wenn man sich mit den Eigenschaften derselben anfreunden kann.
Lieben Gruß aus Berlin
Ben
Lieber Ben,
vielen Dank für deine ergänzenden Informationen. Ich habe, wie oben geschrieben, die Angaben einer überzeugten Pflanzenfärberin selbst wiedergegeben. Im Fall Indien ist natürlich die Pflanzenfärberei so ziemlich die beste Möglichkeit. Ich erinnere mich an das Thema Metallkomplexfarbstoffe. Als diese hierzulande, also EU-weit verboten wurden, haben hiesige Chemiefirmen das hochgiftige Zeit tonnenweise nach Indien verkauft, sorry, entsorgt. Selbst heute wird, darf man Analysen von manch Billig-Textil aus diesem Land glauben, noch damit gefärbt. Ergo kommt in diesem Fall der hochgiftige Dreck wieder zu uns zurück (zu Recht, um ehrlich zu sein ;-().
Bei Punkt 3) würde ich sogar noch erwähnen, dass durch Indigo ein UV-Schutz von 50 erreicht werden kann, was ich absolut faszinierend finde.
Du siehst, auch mein Herz schlägt eigentlich für das Pflanzenfärben. Leider sind die Farbpaletten wirklich deutlich eingeschränkt, und die Beizen wie Alaun, Chrom, Zinn (werden neben Eisensulfat ebenso benutzt) etc. sina auch nicht zu verachten. Jede Färbung, ob pflanzlich oder chemisch, ist niemals garantiert schadstofffrei. Auch die Pflanzen sind durch Umweltgifte ohne unseres Wissens kontaminiert – ob wir wollen oder nicht… Hinzukommt die große Frage bei pflanzlichen Farbstoffen nach der Gewinnung der Pflanze selbst und der Auszüge. Über fairtrade gehandelte Farbpigmente/Färberpflanzenextrakte hat sich auch noch niemand Gedanken gemacht
Ich denke wir sind uns beide einig: Am besten natürlich, ohne jegliche Farben. Und wenn, dann schadstoffarm. Dies kann sowohl auf pflanzlicher Basis wie auch chemischer Basis passieren. Da ihr meines Wissens alles in Indien herstellen lasst (also Baumwolle, Weben & Druck bzw. Färbung) ist die Pflanzenfärbung sicherlich das beste, was man tun kann. Wir stellen in Deutschland her, beziehen unsere Baumwolle aus der West-Türkei. Viele Färberpflanzen kommen aus Asien und Afrika, ergo ist die Frage auch immer eine lokale (Stichwort Transportwege).
Vor kurzem hatte ich in Bezug auf Pflanzenfärben ein sehr interessantes Gespräch mit einem ehemaligen IBM-Entwicklungsingenieur, der in seinem Rentenalter die Zeit nutzte, ein 400-seitiges Buch über Färberpflanzen zu schreiben, um das alte Wissen nicht verloren gehen zu lassen. Wir werden daher wohl in Sachen Bioschurwolle den Versuch wagen, und mit hiesigen Färberpflanzen Wolle zu färben, da dies im Vergleich zu Baumwolle viel einfacher geht. Mal sehen, was daraus wird…
Liebe Grüße,
Sina
Liebe Sina,
ich habe von Färben usw. überhaupt keine Ahnung, aber das Argument des Wasserverbrauchs ist leider ein Argument, was mich auch beschäftigt. Ich habe mich mit dem Thema Papier, Papiergewinnung bzw. recyceltes Papier beschäftigt. Auch hier ist es derzeitig noch so, dass das Recyceln von Papier wahnsinnig viel Wasser und Energie verbraucht, sodass die Herstellung von recycelten Papieren ökologisch eigentlich ein Desaster ist. Da aber leider immer noch weltweit Raubbau an unseren Wäldern betrieben wird und eine naturnahe Aufforstung (Mischwälder etc.) nur bedingt erfolgt, ist es eine sehr schwierige Frage, welche Papiere man für seine Geschäftsidee einkaufen soll.
Eigentlich brennen mir soviele Fragen auf der Seele, die ich dir gerne mal stellen würde. Befürchte aber, das du gar keine Zeit für eine Telefonat hast oder?
Viele Grüße
Jana
Liebe Jana,
Mit Papier habe ich mich noch zu Werberzeiten informiert. Kannst mich gerne anrufen, die Zeit nehme ich mir.
Liebe Grüße,
Sina
Liebe Sina!
Nachdem mich inzwischen schon eine Kundin darauf angesprochen hat, ob ich die “überzeugte Pflanzenfärberin” sei, die meinte, “dass chemikalische Zusätze bzw. Metalle zugesetzt werden müssen, um die Pflanzenfarbe überhaupt in die Faser zu bekommen”, möchte ich jetzt doch hier im Aschluss an den Beitrag “…Schönfärberei!” klarstellen,
1. dass ich das nicht war (ich habe ja auch kein Veredelungsunternehmen);
2. dass ich diese Aussage auf Grund meiner jahrelangen Erfahrung mit Pflanzenfarben auch nicht nachvollziehen kann.
Ich habe mich hier im Blog und auf der Homepage über Manomama informiert und bin wirklich sehr positiv beeindruckt!
Es ist hier oft von Fairness und gutem Gewissen die Rede, deshalb möchte ich im Anschluss an den obigen ergänzenden Beitrag von Benjamin Itter noch allgemeiner anmerken:
Es ist falsch, dass bei der Pflanzenfärberei (Schwer-) Metalle zugesetzt werden müssten – auch auf giftige Chemikalien und sogar auf Eisensulfat kann komplett verzichtet werden – und es sind trotzdem reib-, wasch- und sehr lichtechte Färbungen in allen Regenbogenfarben möglich. Dass manche bei der Pflanzenfärberei solche für Umwelt & Mensch schädlichen Substanzen vielleicht wirklich einsetzen mögen (das kann ich nicht beurteilen), heißt nicht, dass dies erforderlich ist!
Es gibt viele Pflanzenfärber und Pflanzenfärberinnen im Ausland – wie Benjamin Itter am wirklich sehr beeindruckenden Beispiel von Ayurvastra und Indien zeigt – aber es gibt auch Menschen in Deutschland, die alle völlig ohne giftige Zusätze mit Naturfarbstoffen färben. Die Rezepte sind nicht geheim, sondern jeder Interessierte findet diese in Büchern (absolut empfehlenswert aus meiner Erfahrung: Dorothea Fischer: Naturfarben auf Wolle und Seide – Färben ohne giftige Zusätze) oder kann bei Mitmachaktionen bzw. Kursen (z. B. mit mir – insbesondere bei der Internationalen Grünen Woche oder zuletzt war ich im Auftrag der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe beim Tag der offenen Tür im BMELV – Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz – in Berlin) erste Erfahrungen damit sammeln.
Viele Naturfarbstoffe (auch die ich verwende) kommen übrigens inzwischen aus Deutschland und Europa: Es gab und gibt in Deutschland staatlich geförderte Anbauprojekte für Färberresede, Krappwurzeln und Färberknöterich, mit denen man auf der Grundlage einer Vorbehandlung der Faser mit natürlichem Alaunsalz / Weinsteinrahm bzw. unter Zuhilfenahme eines Gärmittels wie Reismehl (Alaun=ein natürliches Mineralsalz, das auch in vielen medizinischen Tinkturen enthalten ist/ Weinsteinrahm=ein Pulver, welches bei der Vergärung von Wein als natürliches Abfallprodukt entsteht und Reismehl kennt man ja aus der asiatischen Küche – alles in der erforderlichen Konzentration von max. 10 % des Färbegewichts sicherlich nicht giftig!) die Primärfarben Gelb-, Rot- und Blau gefärbt werden können, aus denen dann durch Mischungen (sprich: Doppelfärbungen) die Sekundärfarben Orange, Grün und Lila erzielt werden können. Die Färbedauer hat Einfluss auf die Intensität der Farbe (pastellig oder intensiv). Und die äußeren Schalen der Walnuss ergeben ohne jegliche Zusätze wunderbare Beige- bis Brauntöne. Mit ihnen lassen sich zudem andere Färbungen dunkler tönen.
Kurzum: Alle Farbtöne der Natur lassen sich auch ganz natürlich – ohne giftige Zusätze färben. Es sind unvergleichlich lebendige Färbungen mit einem aus meiner Sicht entscheidenden Vorteil gegenüber allen synthetischen Färbungen (nach meinem Kenntnisstand basieren diese immer auf Erdölderivaten): Der Farbstoff kommt von einem nachwachsenden Rohstoff!
Man braucht aber für diese Art der natürlichen Pflanzenfärberei viel Licht, Liebe, Zeit und Aufmerksamkeit!
In diesem Sinne meine besten Wünsche für Manomama & euer geplantes Pflanzenfärbe-Projekt mit Bio-Schurwolle sowie herzliche Grüße,
Jennifer
Liebe Jennifer,
MIttlerweile ist einiges an Zeit vergangen, und jeder, den ich aufs Pflanzenfärben ansprach, sagte mir mehr oder weniger dasselbe: Weder ressourcenschonender noch “gesünder” als schadstoffarmes Färben auf chemischer Basis. Ich denke, es ist eine Philosophiefrage. Ich bin nach wie vor interessiert und fasziniert vom Pflanzenfärben, aber habe nun auch einige Versuche hinter mir (als – ich habe sie nicht gemacht, sondern sehr erfahrene Färber). Folgende Fragen stellen sich mir:
ich kann gerne auch bestätigen, dass Du es nicht “warst”
1. All die Pflanzenfärberpigmente, die teils aus fernen Ländern kommen – wie werden die eigentlich hergestellt? Fairtrade und so ist da ja überhaupt nichts zu finden.
2. Die Haltbarkeit und Lichtechtheit ist definitiv nur bei sehr wenigen Farben gegeben. Gibt es hier Lösungen? (Wolle geht ja gut einzufärben, aber Baumwolle, verzeih, ist ein relativ beschränktes Spektrum, was die Farbigkeit und Haltbarkeit angeht)
3. Wenn kein Zink, Kupfer, Alaun etc. zugesetzt werden muss, wie kann dann die Haltbarkeit garantiert werden?
Du siehst, mich hat das Thema trotz der vielen Dinge, die dagegen sprechen, nach wie vor nicht losgelassen. Derzeit “testen” wir ausschließlich mit einheimischen Pflanzen, was möglich ist.
Liebe Grüße
Sina