Thoughts from Tuscany I


Warum sind wir Menschen heutzutage so rücksichtslos? Das war eine Frage, die uns gestern am Abendtisch mit italienischen Freunden beschäftigte. Lapo, in erster Linie Süditaliener (komme ich heute nicht, komme ich morgen) und dann erst Chef eines Klimaanlagenunternehmens, hat es erklärt. Einfach wie eindrucksvoll. Wir Deutschen würden deshalb so rücksichtslos sein, weil wir keine Zeit hätten. Für Rücksicht bräuchte man diese nämlich.

Bei längerem Nachdenken und Verbleib hier mitten in Zentralitalien, wo die Uhren langsamer gehen und die Tage keine wirklichen Eckpfeiler der Orientierung haben, unterschreibe ich es. Der einzige Unterschied: Wir hätten keine Zeit – stimmt in meinen Augen nicht. Wir haben sie, wir geben sie uns nur nicht. Schuld daran ist unser permanentes Streben nach mehr. Wir sehen die schönen einfachen Dinge nicht mehr, weil wir in Gedanken längst schon darüber nachdenken, wir wir das nächste, höhere Gelegene erreichen können. Rücksicht hat demnach auch etwas mit der eigenen Zufriedenheit zu tun. Wenn ich selbst zufrieden bin, mich eine Weile zufrieden ausruhe, habe ich die Zeit und die Kraft, rücksichtsvoll gegenüber anderen zu sein – und ihnen zu helfen.

Das gehe nicht? Sich einfach mal auszuruhen? Zufrieden zu sein mit dem, was man erreicht am Tag? Heinrich Böll hat eine Anekdote geschrieben, die ich immer wieder gerne erzähle. Es geht um Arbeitsethik und ungefähr so:

In einem Hafen an der Westküste Europas schläft ein ärmlich gekleideter Fischer und wird durch das Klicken des Fotoapparates eines Touristen geweckt. Anschließend fragt der Tourist den Fischer, warum er denn nicht draußen auf dem Meer sei und fische. Heute sei doch so ein toller Tag um einen guten Fang zu machen, es gebe draußen viele Fische. Da der Fischer keine Antwort gibt, denkt sich der Tourist, dem Fischer gehe es nicht gut, und fragt ihn nach dessen Befinden, doch der Fischer hat nichts zu beklagen. Der Tourist hakt noch einmal nach und fragt den Fischer abermals, warum er denn nicht hinausfahre. Nun antwortet der Fischer, er sei schon draußen gewesen und habe so gut gefangen, dass es ihm für die nächsten Tage noch reiche. Der Tourist entgegnet, dass der Fischer noch zwei-, drei- oder gar viermal hinausfahren und dann ein kleines Unternehmen aufbauen könnte, danach ein größeres Unternehmen und dieses Wachstum schließlich immer weiter steigern könnte, bis er sogar das Ausland mit seinem Fisch beliefern würde. Danach hätte der Fischer dann genug verdient, um einfach am Hafen sitzen und sich ruhig entspannen zu können. Der Fischer entgegnet gelassen, am Hafen sitzen und sich entspannen könne er doch jetzt schon.

Ich gehe nun Schnitte machen, die die Post verschmissen hat. Es waren Originale. Das muss reichen. Für heute. ;-)

Cordiali saluti aus der Seelenheimat,
eure Sina

6 Antworten zu “Thoughts from Tuscany I”
  1. Ralph sagt:

    Darum weigere ich mich in den Ferien von einer Sehenswürdigkeit zur Anderen zu rasen. Weniger ist besser in diesen Fall.

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  2. Olaf sagt:

    Ciao, bella. Lass es Dir gut gehen.

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  3. Melanie sagt:

    Wieder so ein schöner Beitrag, danke!
    Und schönen Urlaub noch!
    Melanie

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  4. mikemacapple sagt:

    Ja, wenn die Welt doch so einfach wäre.

    Gäbe es manomama, wenn sich Sina nach dem Arbeitstag in der Werbeagentur einfach hingesetzt hätte?

    Ich glaube, es ist eine Sache der Ausgewogenheit und der persönlichen Prioritäten.

    Es gibt viel wichtigeres, als sich von Sinn- und Hirnfreien Plaudertaschen die Ohren abkauen zu lassen.

    Es gibt aber nichts wichtigeres, jede mögliche Sekunde denen zu widmen, die man liebt.

    PS: Der Fischer aus der Anekdote sitzt inzwischen im Knast. Er hat den Unterhalt für seine Kinder nicht gezahlt.

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  5. Elmar sagt:

    Nun ja – ein mächtiges Thema. Soziales Miteinander wird durch Gefühle gesteuert. Das Problem der Deutschen war und ist der verlorene Krieg. Man sagt, dass ein Krieg das Volk bis in die dritte Generation traumatisiert. Die Königsdisziplin der Nachkriegsgenerationen ist das Verdrängen von Gefühlen. Wo keine Gefühle sind – keine emotionale Kompetenz, kann imho auch keine Rücksicht entstehen.
    Wir haben einen Erziehungsgeschichte, die uns zu Einzelkämpfern machte und uns beigebracht hat, nicht auf den Mehrwert eines Kollektivs zu vertrauen.
    Aaaber: Ich denke, dass wir uns dahingehend in einem Wandel befinden. Emotionale und soziale Kompetenzen sind DIE neuen Soft-Skills.
    Ich habe mir sagen lassen, dass es sogar Unternehmen gibt, die das zum Bestandteil Ihres Corporate Behaviour gemacht haben. ;)
    Ich sehe positiv in die Zukunft. Leider nur für einen Teil unserer Gesellschaft – aber das ist ein anderes Thema.

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  6. Steffen sagt:

    Danke für die Sache mit dem Nagel, dem Kopf und dem Treffen… :)
    Ich denke, dieses Verlangen nach ‘mehr’, nach ‘der Erste sein’, ‘nach dem größtem Wachstum’ oder in welcher Form sich diese Spielarten absolutistischen Denkens auch immer widerspiegeln mögen, sind der Kern der Unruhe, der Unzufriedenheit, der Unausgeglichenheit. Sich dem zu verweigern ist der erste Schritt zu einem gesünderen Sein. Für sich selbst und seine Umwelt.

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