Archiv für den Monat August 2010

Saubere Kleidung kommt nicht auf die Liste!

Donnerstag, 26. August 2010 8 Kommentare »
Abgelegt unter Hinter den Kulissen

Eine liebe Twitterbekannte zwitscherte gestern frei darauf los, warum manomama nicht auf der Liste der Kampagne für saubere Kleidung (CCC) stünde. Sie schrieb eine freundliche Mail an die verantwortliche Dame:

“Seit April gibt es in Deutschland Manomama.de Ich bin der Ansicht, daß dieses Unternehmen ganz unbedingt auf Ihre Whitelist gehört. Bio-Kleidung bis runter zum Nähfaden und unter mehr als sozialen Bedingungen gefertigt und vertrieben. Auf Twitter erreichen Sie die Gründerin unter @manomama.”

Das Engagement hat mich sehr gefreut, und bei genauerem Nachdenken war ich der Meinung: “Ja, da gehört manomama hin”. Als weltweit wohl erster Hersteller, der – außer Reißverschlüsse und Lisierbänder – alles aus Bio-Materialen herstellt, zu 12-Euro-Stundenlöhnen am Standort Augsburg produziert, alle notwendigen Veredelungen u.ä. im Umkreis von 250 km machen lässt… Ja, saubere Kleidung machen wir. Und deshalb freute ich mich sehr über die Mail der Twitterin, denn auch manomama kann jede Öffentlichkeitsarbeit brauchen.

Die Reaktion der CleanClothesCampaign hingegen war, verzeiht, sowas von 1.0:

Wir führen keine Whitelist, von daher können wir das von Ihnen vorgeschlagene Unternehmen auch nicht aufführen. Da Manomama ausschließlich in Deutschland produzieren läßt würde mich interessieren, ob es bei dem Unternehmen einen Betriebsrat gibt. Dazu konnte ich auf der Homepage von Manomama nichts finden. Haben Sie dazu Informationen?

Die verantwortliche Dame hat nicht, wie es sich vielleicht vermuten lässt, einmal bei mir durchgerufen, nein. An sich auch verständlich. Manomama ist kein globales Unternehmen, in dem man Mißstände aufdecken könnte. Positive Beispiele mit transparenter Wertschöpfungskette scheinen uninteressant. Oder doch nicht? Wie anders könnte ich mir diese 1.0-Frage nach einem Betriebsrat erklären. Nicht, dass die Dame Fragen zu Herstellung hat, nein, gibt es einen Betriebsrat. Darauf hin schrieb ich ihr:

Sehr geehrte Frau [zensored],

eben habe ich Ihre Kommunikation mit Frau [zensored] mitbekommen. Vielen Dank zunächst, liebe Frau [zensored], für Ihre “Empfehlung”.

Zu Ihrer Frage, liebe Frau [zensored]:
Nein, manomama hat keinen Betriebsrat. Derzeit sprechen zwei Gründe dafür: Wir sind noch zu klein und zweiterer, viel wichtigerer: Wenn Unternehmer sozialverantwortlich mit ihren Mitarbeitern umgehen, bedarf es keinen. Wir bezahlen unseren Nähern einen Stundenlohn von 12 Euro, da würde selbst der DBG in die Höhe hüpfen vor Freude. Die Arbeitsbedingungen sind sozial: keine Stechuhr, kreative Pausen etc. Wofür also Betriebsrat? Diesen braucht es, um zu vermitteln zwischen Arbeitnehmerschaft und Arbeitgeber. Soziale Unternehmer bedürfen – zumindest bis zu einer Betriebsgröße, bei der der direkte Kontakt gewährleistet kann (und da denke ich an 50 – 70 MA) keiner solchen Institution. Sie nämlich arbeiten mit den Arbeitnehmern.

Wir stellen in erster Linie Frauen und 50+ ein. Wir beziehen KEINERLEI staatliche Unterstützung, weder bei Löhnen noch im Bereich unternehmerischen Kapitals. Wird eine Unternehmung derart geführt, bin ich der Meinung (übrigens meine Mitarbeiter auch), dass 1.0-Institutionen wie ein Betriebsrat überflüssig ist. Und ich hoffe und arbeite daran, dass dies auch immer so bleiben wird :-)

Liebe Grüße

Das, meine Lieben, schien die falsche Antwort. Sie war zu modern. Denn es herrscht Funkstille. Was zeigt es mir? Scheinbar sind große Kampagnen überhaupt noch nicht darauf eingestellt, wieder regionale Aspekte zu listen. Viel schlimmer noch: Sie pflegen keine Whitelist (diese Negativkommunikation habe ich als Werber schon immer abgelehnt!) – folglich geht es in erster Linie darum, Mißstände aufzudecken, guten Beispielen hingegen keinen Raum zu geben. Wie sollen ökosoziale Unternehmer, und da spreche ich sicherlich für viele in diesem Land, jemals die Idee einer Wirschaft für den Menschen erfolgreich umsetzen, wenn in relevanten Medien und Kampagnen ihnen kein Platz verschafft wird?

Ach ja, hinter der Kampagne für saubere Kleidung steht die Vereinte Evangelische Mission (VEM). Ihre Mission bzw. ihre Arbeitsfelder sind Gerechtigkeit, Frieden, Frauen und Hilfe. Hier engagiert sich der VEM und geht mit gutem Beispiel voran. Ich wünschte mir, dass der VEM andere, die mit gutem Beispiel vorangehen, ebenso mit Aufmerksamkeit bedenkt, nicht nur KiK, Adidas, LiDL, Tchibo & Co.

In diesem Sinne,
wir machen weiter saubere Kleidung,
Eure Sina

P.S.: Recht hat er, ein weiterer lieber und aufmerksamer Twitterleser. Natürlich stellen wir auch Männer ein. Alles im Rahmen des Gleichstellungsgesetztes. #OMG In welcher Welt leben wir eigentlich?

Globalisierung? Wenn’s von hier kommt! :-)

Mittwoch, 18. August 2010 10 Kommentare »
Abgelegt unter Grüne Gedanken, Zukunftsmusik

“Jeden Sonntag auf Augsburg, und freitags zurück” – ich kann mich gut erinnern, wie mein Opa erzählte, dass er, kurz nach dem Krieg, zu Fuß von seinem Heimatort Raustetten bis nach Neusäss (rund 60 km) gelaufen ist, um dort im Sägewerk zu helfen. Solange, bis das eigene wieder funktionsfähig war und die örtliche Produktion erneut begann. Meine Oma stärkte die ganze Familie mit Deftigem aus der eigenen Dorfwirtschaft.

Damals schien die Welt noch “in Ordnung”: produziert wurde, wo konsumiert wurde. Ein bisschen mehr als benötigt. “Schließlich braucht es jeden Tag ein kleinen Luxus!” waren die Worte meines Opas. Einmal im Jahr auch ein großer: da bestellte er den Juwelier ins Haus und meine Oma durfte sich “ebbs Scheas” aussuchen. Warum ich das erzähle? Weil ich erinnern möchte, dass in der Zeit, in der Globalisierung noch nicht erfunden war, auch schon gut gelebt wurde. Vielleicht sogar besser.
Das Sägewerk dient heute noch zur Selbstversorgung aus dem eigenen Wald. Meine Tante führt die Dorfwirtschaft weiter. Sie bietet, wie einst meine Oma und deren Mutter, auf der Karte, was die selbst bewirtschafteten Flächen hergibt: Gemüse aus dem eigenen Garten, Wurst- und Fleischwaren (vom gemeinen Hausschwein bis hin zu edlem Wild), Forellen aus dem Weiher, Eier von den Hennen hinterm Sägewerk, Backwaren mit Getreide von verpachteten Feldern. Einzig Milchprodukte wurden schon immer vom Nachbarhof geholt.

“Do koa edrzeit a Kriag kimma, os passiert nix!”, ist selbst die Rede meiner Mutter. Und sie hat recht: diese radikale Lokalisierung bringt viel Arbeit und wenig Bequemes, schafft dafür absolute Unabhängigkeit – und Freiheit.

Heute schieben wir derartigen Lifestyle in die Schiene einer verklärten “Sozial-Romantik” und das steht unserer hochtechnisierten, modernen und entwickelten Gesellschaft nicht (mehr). Ginge ja auch gar nicht, werden rationale Geister argumentieren. Stimmt auch. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder nahezu selbstversorgerisch handeln würde, auf dem Wochenmarkt seine Überschüsse und Selbstgebasteltes darböte? Sind doch viel zu viele Menschen, die versorgt werden müssten. Richtig ist, dass deutlich mehr Menschen versorgt werden müssen. Richtig ist aber auch, dass Ansprüche weit über ein gutes Leben hinaus gestillt werden müssen. Das geht nicht mehr wie vor 60 Jahren. Der Teufelskreis aus stetig wachsendem Konsumansprüchen und unternehmerischer Profitgier ist geboren: Firmen lagern Knowhow und Werkzeuge in Billiglohnländer, um das Lechzen nach erschwinglichem Neuen der Binnenkonsumenten zu befriedigen, und fahren nebenbei nicht mehr erklärbare Gewinne ein.

Ich bringe hier gerne das Beispiel eines Fernsehers: Der Bruder meines Vaters war Radio- und Fernsehtechniker. Noch vor 20 Jahren war ein TV eine Reparatur wert. Zahlreiche Marken wie Metz, Grundig und Loewe produzierten damals ausschließlich in Deutschland. Aufgrund des hohen Anschaffungspreises rechnete sich eine Reparatur.

Heute wird ein LCD-Super-Cinema-Display keine zwei Jahre später ausgetauscht. Gegen einen neuen, noch besseren mit 4 cm mehr Diagonale. Aber: wird davon das Programm besser? Nein. Außer dem steten Wachsen des Edelschrottbergs ändert sich nichts.

Würde dieser Fernseher wieder hier produziert – radikal regional – hätten wir längere Produktzykluslaufzeiten, dafür aber einen abnehmenden Elektroschrottberg. Und: Wir schafften Arbeitsplätze in zweifacher Hinsicht: in der Produktion und – weil er einen anderen Preis hat – im Service. Mein Onkel wäre nicht mehr – wie die letzten 12 Jahre – arbeitslos.

Die Manager-Generation Überraschungsei (Spiel, Spass & Spannung) hat in den letzten Jahren etwas geschafft, was mir erst heute durch das Telefonat mit einem Wollhändler, der sein Geschäft seit 60 Jahren betreibt, deutlich bewusst wurde: wir bezahlen vierfach für die Globalisierung. Wir bezahlen für die Auslagerung von KnowHow in ferne Länder, weil wir in unserem Land versäumten, in Bildung zu investieren. Wie bezahlen ausbeuterische Arbeitsbedingungen mit einem (hoffentlich) schlechten Gewissen. Wir bezahlen schadstoffbelastete Produkte (die in den Herstellungsländern völlig legal erstellt sind) mit unserer Gesundheit. Neu hinzugekommen heute: wir bezahlen Rohwaren zweimal. Wir kaufen am Herstellungsort billigste Wolle, gerne pestizid- und zeckenmittelverseucht, und haben bei uns zu Hause ökologische Wolle im Übermaß. Aber: wir können unsere Rohware nicht nutzen. Weil die Infrastruktur verloren gegangen ist. Weil es niemanden gibt, der die Rohware hier aufbereitet.

“Ach, da müssten sie einen LKW zu den ganzen Schäferlein schicken, die Wolle einsammeln…des dauert ja schon ewig…dann gibt’s hier niemanden mehr, der die Ware aufbereitet, müssten sie ins Ausland gehen…wieder zurück…ach…des lohnt sich nicht… Schaun’s…In meiner Firma schleusen zwei Leute 3,8 Millionen Tonnen Wolle weltweit pro Jahr durch…. so können sie hier noch überleben… Vom Auftragseingang bis zum fertigen Walkstoff vergeht ein Anruf in Südamerika und 28 Tage später ist in Bremen des Schiff da…”, erzählt mit der Wollhändler ohne Punkt und Komma. “Und was machen wir hier bitte mit der ökologischen Wolle?”, frage ich ihn. “Ach, am besten, sollen die die Viecher abschaffen…braucht kein Mensch….”. Wertvolle, saubere, ökologisch einwandfreie Rohwaren als Konsequenz der Globalisierung einfach verrotten lassen? Das kann und will ich nicht akzeptieren. Diese Arroganz müssten unsere Kinder bezahlen.

Wenn wir jetzt beginnen, regionale, ökologisch vereinbare Produkte des täglichen Bedarfs zu kaufen, werden diese teurer sein. Teurer, weil wir nun nach Jahren des Überflusses und der “Geiz-ist-geil”-Mentalität gefordert sind, diese fehlende regionale wirtschaftliche Infrastruktur wieder mit aufzubauen. Darüber hinaus widerspiegeln sich im Preis faire Löhne. Der Weg zur radikalen Regionalität wird sicherlich nicht einfach, aber er wird sich lohnen: Wir werden mehr Transparenz, Sicherheit, Gesundheit und länger Freude am Gekauften erhalten. Klingt altbacken, ist aber der Schlüssel für eine echte Zukunft.

Mit der Zeit gehen, ist nicht mir ihr zu gehen, ist ein berühmtes Zitat. Ich möchte es um meine persönliche Erkenntnis ergänzen: Wir müssen wieder einen Schritt zurückgehen, um wirklich voranzukommen.

Eure Sina

Greenwashing? Schönfärberei!

Dienstag, 17. August 2010 7 Kommentare »
Abgelegt unter Hinter den Kulissen, Kleine Warenkunde

Wer soll da eigentlich noch durchblicken? kba, kbt, GOTS, IVN, bio, öko, weiß der Geier?!… Wir wollen es nur richtig machen. Irgendwie das Richtige konsumieren. Im Falle von Textilien irgendwas mit ordentlichen Arbeitsbedingungen für die Menschen, die es herstellen, im Allgemeinen fairtrade (und leider hört das fairtrade oftmals im Kaufhaus bei den Arbeitsbedingungen der Verkäufer/innen auf!). Darüber hinaus ordentlich für die Umwelt. Kontrolliert biologisch also. Baumwolle ohne Pestizide und ähnliches.

Ich möchte es auch richtig machen. Als Konsument. Als Hersteller von öko-sozialen, radikal regionalen Produkten, kurz, bei manomama möchte ich es immer besser machen. Dieser Mission “Besser für alle” haben wir alle uns verschrieben und verfolgen sie in unserem Handeln nach bestem Wissen und Gewissen. Dass wir aus diesem Grund Rohstoffe und Dienstleistungen aus der Region beziehen, die Baumwolle vom nächstgelegenen Bezugspunkt (Westtürkei), wißt ihr ja.

Ja, und heute war wieder mal das Thema “Färben” dran. Darum kümmert sich nämlich kaum einer. Selbst bei vielen “Öko-Herstellern” ist die Färbung konventionell. Da viele in Asien und Afrika produzieren, geschieht die Färbung nicht einmal nach europäischen Standards (in der EU sind hochgiftige AZO-Farbstoffe, PCB etc. weitgehenst verboten, in fernen Produktionländern werden sie aufgrund des aggressiven Preisdrucks nach wie vor eingesetzt).

Wir färben von Anfang an nach derzeitig höchstem Standard, dem sogenannten IVN-Standard, der gegenüber dem fälschlicherweise “bio” geltenden Ökotex-Standard deutlich strengere Vorgaben hat. Trotzdem wollte ich noch einen Schritt weitergehen. Pflanzenfärben. Muss doch gehen. Geht auch. Farbenpalette wäre auch ganz in Ordnung. Aber….

“Wenn Du die Wahl hättest, was würdest Du kaufen: konventionell gefärbt, schadstoffarm nach IVN gefärbt oder pflanzlich gefärbt?” fragte ich heute mittag in die Runde. Einhellige Meinung: natürlich pflanzlich. Das hätte ich ebenso aus voller Überzeugung gesagt. Bis zum Telefonat mit einer Pionierin in Sachen Pflanzenfärben. Sie betreibt im Osten Deutschlands ein Veredelungsunternehmen, das sowohl konventionell synthetisch als auch pflanzlich färbt. Sie war es auch, die mir erklärte, dass das Färben mit Pflanzen mehr Wasser benötige als synthetische Färbung. Ebenso, dass chemikalische Zusätze bzw. Metalle zugesetzt werden müssen, um die Pflanzenfarbe überhaupt in die Faser zu bekommen. Nicht zuletzt, dass die Farbextrakte, je nach Farbton, aus der ganzen Welt kommen. “Was aber bitte ist dann ökologischer an Pflanzenfarbe?”, fragte ich sie. “Nichts. Es ist nachhaltiger!”, erwiderte sie mir. “Inwiefern?” “Die Farben werden aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen und es ist einfach exklusiver!”, sagte sie.

Das erste Argument leuchtet mir ein, letzteres nicht. “Einfach exklusiver” zu sein wiegt den Mehrverbrauch an Wasser, dem kostbarsten Gut unseres Jahrtausends, nicht auf. “Das ganze Leben ist Chemie”, beendete sie unser gemeinsames Telefonat. Und da gebe ich ihr recht. Das ganze Leben ist Chemie. Unsere Aufgabe sehe ich darin, uns die beste herauszusuchen. Im Fall von manomama die ressourcenschonenste und schadstoffärmste. Wir bleiben also dabei und färben weiterhin schadstoffarm, denn: schadstofffrei ist das Pflanzenfärben ebenso nicht.

Liebe Grüße aus dem Atelier,
eure Sina

 

Thoughts from Tuscany III

Montag, 09. August 2010 10 Kommentare »
Abgelegt unter Thoughts from Tuscany

Vor kurzem sendete die ARD eine Reportage über die Arbeitsbedingungen des Textil-Diskont KiK. Darauf folgte eine Diskussion innerhalb Twitter, begleitet von zahlreichen Blogeinträgen, allesamt ums gleiche Thema handelnd: Inakzeptable Zustände, Aufruf zum Boykott und ähnliches. Diesen äußerst kritisch gegenüber stehenden Meinungen paarten sich – ebenso wie immer, wenn es um KiK & Co. geht (und der Shitstorm war ja in Bezug auf KiK nicht der erste)  – Äußerungen wie „Manche können nur bei KiK kaufen“ oder aber „auch Arme möchten modisch gekleidet sein!“. Diese Bemerkungen schockieren mich noch mehr als der verzweifelte Aufruf zum Boykott (der genau so viel bringt wie nicht mehr bei BP zu tanken).

Ich möchte mich nicht auf KiK beschränken, vielmehr ist dieses Unternehmen Sinnbild für eine Realität gewordene Wirtschaft, die überhaupt nicht mehr in seiner sozialen Marktwirtschaft ihre Wurzeln hat, sondern ausgerichtet am internationalen Finanzmarkt. Selbst einst solide, bodenständige Mittelständler orientieren ihre Unternehmensziele heute an Kapitalgesetzen und nicht mehr an der gesellschaftlichen Verantwortung. Soziale Marktwirtschaft, die Frau Merkel so gerne betont, war. Sie ist abgelöst worden durch eine völlig vogelfreie, regellose Marktorganisation, die Hüter des Grals: Banker und Finanzhaie, Heuschrecken und Blutegel. Natürlich nur zum Vorteil der Konzerne, werden Politiker und Pseudo-Ökonomen ihre Entscheidungen rechtfertigen.

Wer aber ein bisschen genauer hinsieht, wird merken, dass mit der sozialen Marktwirtschaft, die einst Erhardt in Reinform praktizierte, auch die Demokratie zu Grabe getragen wurde.  Es geht ökonomisch nicht mehr um das Gemeinwohl, es geht um den Profit für wenige. Das ist gemein, wohl.

Es gibt Stimmen, die behaupten, gut zu sein und doch zu leben, gehe nicht. „Entweder bist du ein guter Mensch oder du machst gute Geschäfte“, ist ein weit verbreiteter Spruch in der Wirtschaft. Auch Bert Brecht zeigte in seinem Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ auf, dass es augenscheinlich nicht geht: ein guter Mensch zu sein und dennoch wirtschaftlich erfolgreich. In dem Stück wird eine Prostituierte, die für ihre Hilfsbereitschaft von den Göttern großzügig entlohnt wurde und damit einen kleinen Tabakladen eröffnete, um künftig ein „guter Mensch“ und kein leichtes Mädchen mehr zu sein, von ihren Mitmenschen so sehr um Hilfe gebeten, dass sie alsbald wieder mittellos war. Um diesem entgegenzuwirken nahm sie die Rolle ihres Cousins an, um rücksichtslos und unmenschlich ihre Existenz zu retten und darüber hinaus durch Ausbeutung eine große, erfolgreiche Tabakfirma aufzubauen.

Genauso sei es, werden eingefleischte kapitalistische Wirtschaftler bestätigen. Auch ich hatte früher als „Werber“ stets den schönen Spruch parat: „Mutter Theresa hat keinen Platz in der Wirtschaft“. Erst heute weiß ich, wie sehr ich mich irrte.

„Ich muss im Zuge der Globalisierung kostensensitiv produzieren“, könnte der KiK-Chef sagen (wenn er überhaupt mal an die Presse tritt). „Ich muss mich bei KiK einkleiden, da was anderes nicht drin ist“, könnte der Hartz-IV-Empfänger sagen. „Ich habe noch nie bei KiK gekauft und finde das verwerflich“, könnte der strategisch Konsumierende das jüngste Gericht spielen. Was auch immer – das gegenseitige Worte-um-die-Ohren-Hauen bringt nur eines: Lärm. Viel Lärm. Um nichts.

Mit KiK verhält es sich wie mit einer Krankheit: wir klagen über Lungenschmerzen und husten uns die Flügel aus dem Leib, aber die Finger von dem Glimmstengel lassen wir nicht. Wir beklagen und bekämpfen Symptome. Die Ursachen lassen wir trotz Wissen unangetastet, weil es unbequem ist. Aber genau an diesen müssen wir ansetzen.

Sezuan steht sinnbildlich für alle Orte & Situationen, an bzw. in denen Menschen ausgebeutet werden. Um nach Sezuan zu kommen, müssen wir nur vor unsere eigene Tür. Und anfangen, es zu ändern.

„Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss!
Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“
(B.Brecht, „Der gute Mensch von Sezuan, S. 144, Z.20)

Wir Konsumenten haben die Wahl: Wenn wir unser Qualitätsbewußtsein neu schärfen und die Wegwerf-Mentalität ebenso über Board bringen, wenn also die Nachfrage sich gänzlich neu strukturiert, werden Sezuans immer weniger… Gandhi vertrat den Standpunkt, zu den größten “sozialen Sünden” gehöre “Vergnügen ohne Gewissen” in Bezug auf Konsum. Besser kann man es nicht formulieren. Wir müssen wieder darüber nachdenken, ob wir Dinge wirklich benötigen, und wenn, welchen Ursprungs sie sind. Wir müssen bereit sein, auf Dinge zu verzichten, wenn sie unter unmenschlichen Bedingungen produziert wurden, selbst wenn wir sie uns noch so einbilden. Vielleicht müssen wir auch nur einmal darüber nachdenken, ob sich eine Reparatur lohnt, bevor wir den Gang zum Mülleimer gehen?

Liebe Grüße
Eure Sina

Thoughts from Tuscany II

Samstag, 07. August 2010 5 Kommentare »
Abgelegt unter Thoughts from Tuscany

„Leben“, antwortete mir Gisella (74, links auf dem Bild) auf meine Frage, was sie und ihre beste Freundin Annamaria, 83, den ganzen Tag am Strand täten. Wie ich überhaupt ins Gespräch mit den beiden gepflegten, betagten Damen kam?

Neugier, reine Neugier. Immer, wenn wir an den Strand gehen, sind die beiden schon da, wenn wir gehen, sitzen sie noch. Als wir heute direkt neben den beiden Senioras einen Strandplatz hatten, blickte ich des Öfteren zu ihnen hinüber. Wenn sie lautstark über Gott und die Welt diskutierten, ohne sich dabei anzusehen zum Beispiel. Oder Gisella Anna wärmstens ein Stück Melone empfahl und sie zum x-tenmal abwinke. Worum es auch ging, die beiden waren stets konträrer Meinung. Nur in einem waren sie sich einig: Tempo cambia, tempo cambia – die Zeit ändert sich, permanent.

„Weißt Du, woran ich die letzten Jahre gemerkt habe, dass die Welt immer kleiner wird?“, fragte mich Anna. „Nein“, erwiderte ich, während Gisella spaßig-frotzelnd hinzufügte, Anna sei noch nie aus Follonica herausgekommen. Früher (und ich traute mich nicht nachzufragen, wann genau früher war) verbrachte sie und Gisella die Zeit damit, den Touristen am Strand zuzuhören, und die Sprache herauszufinden. „Erst war es viele Deutsche, dann kamen Menschen aus dem Norden“, erzählt Anna. Gisella vertonte die Ausführungen ihrer Freundin mit nativ klingenden schwedischen Lauten, und grinste schelmisch. „Heute streiten wir uns, welcher englische Dialekt es ist!“, fuhr Anna fort. „…und ich gewinne meist, weil Anna bei den Amerikanern immer danebenliegt“, beendete Gisella den Satz. Ich erwiderte, dass mir der Sprachen-Wirrwarr am Strand überhaupt nicht bewusst war.

„Du bist jung, du bist in eine kleine Welt geboren. Wenn du ans andere Ende der Welt willst, nimmst du den nächsten Flieger, wenn du mit Freunden aus Übersee (wer sagt das heute noch? Anm. von Sina) dich unterhalten möchtest, gehst du an deinen Computer“, erklärte mir Anna. Ich stimmte ihr zu und erwähnte gleichzeitig, dass ich es mir anders kaum vorstellen könnte.

Gisella antwortete: „Ich kann es mir in meinem Alter nicht mehr vorstellen, in dieser kleinen Welt, in deiner, zu leben. Klein heißt auch immer eng. Da ist kein Platz mehr für Träume.“ Und Anna fügte hinzu: „Ich auch nicht. Da wundern sich die Leute, wenn sie dich sehen, dass du den ganzen Tag am Strand sitzt. In euren Augen machen wir nichts, derweil leben wir.“

Ja, ich glaube, das tun die beiden Damen. Einfach, bescheiden, aber sie genießen. In Ruhe. Am Meer. Ich war ja schon immer ein Mensch, der frisches Brot und ein paar Tomaten Hummer und Kaviar vorzog. Nach der Unterhaltung mit den beiden wundervollen Damen ist mir wieder bewusst geworden, dass wir wahren Luxus oftmals nicht erkennen, weil er in Bescheidenheit gründet.

Eure Sina


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