“Und was isch hernoch nui an uira Produkt?”, fragt mich Hannes, der mit seinen 82 Jahren rund 65 davon verbrachte, Leder Form zu geben. “Hm, auf Ihre Zeit gesehen nichts!”, sage ich. “Ich möchte wieder mit natürlichen Stoffen so weit es geht eine Tasche herstellen!”
Nach meiner langen Suche nach ökologisch sinnvollen Beschlägen und vegetabil gegerbten Leder aus der Region gehts nun ans Eingemachte: das Handwerk wiederbeleben. Das war auch der Grund, warum ich hier sitze. Bei einem erfahrenen Handwerker aus dem Heimatort meiner Eltern, der sich bereit erklärt hat, nein, der sich gefreut hat, jemanden sein Wissen weiterzugeben. “Taschner gibt’s heid bei os nimmer. Auf dr Dult (das ist eine Art Jahrmarkt in Augsburg) kriagsch des Plaschtikzeug fier allawail zeah Mark!” Über diesen Satz muss ich schmunzeln. Nicht, dass günstige Asienware das Handwerk verdrängt (was natürlich schade ist), vielmehr die “Mark” war der Grund: hier bin ich richtig, denke ich. Entweder Hannes ist im Jetzt noch überhaupt nicht angekommen oder seiner Zeit schon wieder so voraus.
“Mädle, also jetztda!” Er breitet auf seinem Küchentisch einige Werkzeuge aus, deren Holzhandgriffe wahre Geschichten erzählen. “Ha, das kenne ich: ein Falzbein”, sage ich, als er einen weißen, überdimensionierten, breitgefahrenen Zahnstocher sorgfältig auf den Tisch legt. “Das habe ich auch, zum Büchereinbinden!” “Na, dann miaß mer ja ned bei Null ofanga”, lächelt er. Nein, muss er nicht. Schließlich habe ich vor vielen Jahren bereits mal einen Buchbinder besucht: er lehrte mir das Buchbinden und japanisch nähen. War mal ein Spleen für unsere Agenturbroschüren.
Zwei Ledersorten habe ich dabei: beide pflanzlich gegerbt, eines ungefärbt und eines schadstoffarm durchgefärbt. Jeder, der bis dato in dieses Leder griff oder roch, war begeistert. Hannes nicht. “So muss Leder sein”, sind seine einzigen Worte. “Mit dr Chemie hod des poralose Zeug ogfanga”, erzählt er mir. Leder sei ein natürliches Produkt und hätte eine Struktur, eine Zeichnung. Seit ungefähr 30 Jahren, so seine Einschätzung, kleistere man diese zu – mit Kunststoffen und Metalleffekten. “Jede Tasch schaut gleich aus. Selbschd vom Plaschtikleder kannsch des huid nemmer ondrschaidä. Nur ebbe no an dene weißä Fransä, die vom Lederersatz wegfussla!” Ich grinse.
Anschließend zeichnen wir die Schnittteile auf die Haut, schneiden sie aus und dann Hardcore: “Wo ist Ihre Nähmaschine?”, frage ich umblickend. “Nix Maschee, mit dr Hand mach mer des. Näha mit dr Maschee kansch dahoim. Ma muass amol mit de Händ gnäht ham, um a Gfühl zom kriega!” Also lochen wir vor. Ziehen dann mit einer riesigen, dafür (gott sei Dank) stumpfen Nadel den großen Leinenzwirn durch. Nach einer Stunde habe ich immerhin eine halbe Tasche “genäht”. “Guat, die andere Hälfte lesch dei Leut machä, mit dr Hand!” Natürlich, mit was sonst?! ;-D
Abschließend müssen die Kanten versiegelt werden. Gerne eine giftige Sache – mit Kleber und Kunststoff. Alternativ könne man Gummi Arabicum nehmen. So schlau war ich schon. “Alles Quatsch!”, sagt Hannes. “Wachs, einfach Bienawachs – so gugg!”. Ich “gugg”, staune und bin happy. Meine Handtaschen in der Qualität, wie ich sie mir vorstelle, werden. Warum mir das so wichtig ist? Ich bin schließlich auch nur eine Frau.
Liebe Grüße
Sina
P.S.: Dreimal dürft ihr raten, was Monika (eine meiner Näherinnen) gerade macht? Richtig – eine Hälfte Ledertasche nähen. Mit der Hand. Damit sie ein Gefühl für das Material bekommt.Und später mit der Maschine…















Mann, das klingt ja spannend-bin gespannt auf das Ergebnis.
Schade, dass altes Handwerk so verschütt geht
Hört sich gut an. Bitte gleich mitteilen wenn die ersten Taschen fertig sind
Herrlich, der Dialekt!
Glücklicherweise verstehe ich, was der Hannes sagt. Und glücklicherweise gibt es solche Leut noch, wie den Hannes.
Meine Hochachtung, Sina, vor Deiner Arbeit und Deinem Suchen dnach dem Ursprünglichen und Natürlichen. Vielleicht lässt sich ja doch noch was von dem alten Wissen und Handwerk retten.
Danke.
@Judith
Ich glaube, die Sache mit der superfunktionalen Ökotasche, schick und feminin mache ich eh nur für mich – als ehemaliger Brandjunkie. Und du weißt ja – ich teile es gerne mit euch
Aber natürlich
Wow, ich bin begeistert, welch Aufwand du betreibst udn wie tief du ins Detail gehst. Wunderbar. Das stelle ich mir grad als Story bei der “Landlust” vor. Mit romantischen Bildern
Hut ab, Frau Manomama
Hi,
sind auch Taschen für’s Büro geplant? So für Zeitung und iPad? Und für Männer(wegen der Farben)? Wenn ja: Leg mir eine zurück, ich bestell dann sofort! So etwas such ich schon seit Jahren. Der “Standard”-Mist ist nach spätestens 2 Jahren für Giftmüll-Tonne. Dann schon lieber was anständiges. “Ich habe nicht genug Geld, um billige Sachen zu kaufen!”
Natürlich, aus feinstem regionalem Bioleder, modern, aber nicht modisch. Für echte Männer eben
Jup, genau so hab ich mir das vorgestellt. Gebt Laut, sobald bestellbar!
Hi Sins,
Handwerk, auch
Altes, fast vergessenes, hat mich schon immer fasziniert. Ich wollte schon immer “alles” können und befasste mich mein ganzes Arbeitsleben nebenher immer mit (unterschiedlichem) Kunsthandwerk. Dein Besuch beim Taschner war sicher ein Erlebnis!
Vor Jahren gabs mal im Fernsehen (im Bayrischen?) eine Serie:”Der Letzte seines Standes”, wo ausgestorbene Handwerke vorgestellt wurden. Die Sendung habe ich immer verschlungen!
Liebe Grüsse
Christiane
#Hach Sina (um mal deine Worte zu nutzen) – ich will auch so eine habe – am liebsten so groß, dass auch noch mein Laptop reinpasst.
Also dann vielleicht die Männervariante….
Freu mich schon sehr auf die Fortsetzung dieser Geschichte!
Ciao
Maud
Nur noch eine kleine Nachbemerkung, weil der Spruch “Ich habe nicht genug Geld, um billige Sachen zu kaufen” durch die Twittersphäre läuft: Dieser Spruch stammt vom Arbeitgeber meiner Großmutter, datiert also um 1920. Man will sich ja nicht mit fremden Federn schmücken. Zur Erläuterung des Spruchs siehe auch Terry Pratchetts “Stiefeltheorie”.
Noch ne Frage zum Leder: Kann man das eigentlich auch mit Bienenwachs imprägnieren? Wird ja bald Winter… Reinigen kann man ja mit Sattelseife (rückfettend).
Bienenwachs als Imprägnierung eignet sich nach Rückfrage nicht besonders, hier sei ein Fett klar vorzuziehen. Zur Not täte es – und da musste ich schmunzeln – auch eine nicht rückfettende Hautcreme. (Ich habs gestern ausprobiert auf einem Ledersitz – das geht wirklich
).