…ihre Augen sind satt.


Ich schreibe diese Begegnung einmal ohne über stilistische Ausdrücke und verbalen Feinschliff nachzudenken, sondern so, wie ich sie erlebt habe. So, wie sie mich bewegt hat. Heute, am 30.11.2009.**

Zu hunderten liegen sie herum – Belegexemplare von Kampagnen, die gerade laufen. „Ach, nehmen Sie sich doch für die Rückreise was Nettes zum Lesen mit!“ Anstandshalber nehme ich mir vom Stapel, der sicherlich voller Stolz in mühlevoller Detailarbeit dekorativ auf dem sonst kargen Besuchertisch drapiert ist, die aktuelle wie vorfolgende Ausgabe der „diebeste*“. Ohne größere Aufmerksamkeit stecke ich sie in meine Handtasche und verabschiede mich nach einem kurzen Plausch Richtung Hauptbahnhof.

Kurz vor 16 Uhr . „Klasse“, denke ich, „da schaffe ich den Zug um 16.14 noch.“ Ohne Hetze, völlig ausgelaugt von einem dieser netten „Keks-Meetings“ setze ich mich bei Gleis 1 auf die Bank und versuche mir, die Restzeit bis zum Ankommen meines Zuges mit einer der Ausgaben der mitgegebenen Frauenzeitschrift zu versüßen. Das wertigste scheint mir nach kurzem Überfliegen der Headlines im Schnelldurchlauf das Cover: eine violette Heißfolienprägung mit Mustern. Gerade schick im Printbereich. Ein einfacher Druck reicht nicht mehr, um am Point-of-Sale die Aufmerksamkeit zu generieren. Achtlos werfe ich die Zeitschrift nahezu ungesehen in den Sortierbehälter neben mir. Schließlich wartet ja noch eine Ausgabe dieser wertvollen Frauenpostille in meiner Tasche auf das Gelesen werden.

Während ich mich über das Ausgehen meines Akkus ärgere, raschelt es neben mir. Ein Mann, vielleicht um die 40 und augenscheinlich nicht der Oberschicht angehörend, greift beherzt in den Behälter und fischt „diebeste“, meine „diebeste“ heraus. Als ob er es wusste, lächelt er mich an und sieht mir tief in die Augen, während er fast liebevoll die Zeitschrift von Fremdmüll befreit. Voller stolz packt er die Zeitschrift in seinen Stoffbeutel, lächelt erneut und wechselt gezielten Schrittes das Gleis.

16. 12 – „Auf Gleis 1 fährt ein, der ICE, Nummer Schießmichtot von Hamburg nach Köln über Sohlingen/Ohligs. Beim Einfahren …(..)…“

Gespannt verfolge ich ihn mit meinen Blicken. Er scheint dies zu merken, bleibt promt stehen, zieht erneut die Zeitschrift aus der Tasche, hält sie hoch, anschließend den Daumen und nickt mir zu. Gerührt von seiner Wertschätzung rufe ich ihm ein erst zaghaftes, ein zweites lautes „Hallo, ich habe hier noch eine. Kommen Sie doch herüber“ zu. Er sieht mich an und scheint über meine Worte nachzudenken, als unsere Blicke der ICE trennt. Mit der Zeitschrift in der Hand warte ich. Und warte. Und steige nicht ein. Und der Zug fährt. Und sehe denn Mann die Treppen der Unterführung heraufkommen, wie er freudestrahlend mir entgegenkommt.

„Entschuldigung, ich kann nicht schneller. Und Sie haben jetzt Ihren Zug verpasst!“, beginnt er sein Gespräch. „Nein“, sage ich, „das macht nichts. Bitte!“ und überreiche ihm die Weihnachtsausgabe der „diebeste“ – mit goldenem Umschlag. Neugierig ob des hohen Interesses an den Zeitungen frage ich: „Warum interessieren Sie sich so für Zeitungen?“ Er sagt: „Nicht für Zeitungen. Nur für Modemagazine für Frauen. In der Weihnachtszeit.“ Ich bin überrascht wegen des ausgesprochen ungewöhnlichen Interesses und muss wohl auch einen entsprechenden Gesichtsausdruck machen. Er lächelt mich an: „Meine Frau und ich sind obdachlos. Wir machen aus den schön glitzernden Zeitungen (er meinte die Cover) unseren Weihnachtsschmuck!“.

In diesem Moment hab ich verstanden, was der palästinensische Taxi-Fahrer, der mich morgens zu meinen Kunden gefahren hat, meinte, als er mir unsere Gesellschaft zu erklären versuchte: „Wir haben nichts zu fressen, während ihre Augen satt sind.“

Ich hatte eine Dreiviertelstunde Zeit, darüber nachzudenken. Dann kam mein Zug. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass es sich ändern muss. Der beste Zeitpunkt dafür: jetzt.

*Name geändert.
** Lieber @pjakobs, tausend Dank für dieses wundervoll behutsame Bild.

18 Antworten zu “…ihre Augen sind satt.”
  1. Frank sagt:

    Jeder Kommentar wäre so bedeutsam wie ein Tropfen im Ozean. Es bleibt nur Sprachlosigkeit, Beschämung und das Nachdenken über die Bedeutungslosigkeiten, mit denen wir uns umgeben und von denen wir glauben, sie seien für unser Glück notwendig. Danke fürs Teilen Deiner Begegnung.

  2. nija sagt:

    mich berührt diese begebenheit sehr und relativiert meinen heutigen lagen agentur-arbeitstag, an dem es in vielerlei hinsicht nur um die aufmerksamkeitslenkung viel zu satter augen augen ging.

    es ist schon beschämend wie sehr man sich in seinem marketinggeschwängerten, ja übersättigten sein vom leben entfernt.

    gibt es einen weg zurück? wohl nicht.

    jedoch sollte man seinen augen, seinen sinnen, seinem leben letztlich, bewusste hungerstrecken zumuten um das wesentliche nicht noch mehr zu verlieren.

  3. Martin sagt:

    Hey, jetzt kann ich doch nicht gleich schlafen gehen, sondern muss noch ein bisschen nachdenken. Danke für die tolle Geschichte!

    /\\.

  4. Tom Siegmund sagt:

    Es gibt einen Weg zurueck liebe/r nija, die Augen oeffnen wie Sina das getan hat.
    Hab mirr schon Nachmittags so was gedacht, als du so gedankenvoll schwerfaellig getwittert hast. Finde es super dass du den Zug fahren hast lassen, nur deshalb haben wir diese Geschichte jetzt mit dir teilen duerfen. Danke.
    Jeder kann seinen kleinen Teil leisten, klein aber oho!
    Schlaft gut und tut irgendwann sowas aehnliches, dann wirds uns vieleicht auch mal so ergehen, wenn wir in einer Situation auf der Seite des netten Herren.

  5. Ulf sagt:

    <>

    manomama – jetzt….

    Du beherrscht es, Dich in Szene zu setzen.

  6. manomama sagt:

    Um ehrlich zu sein, finde ich es schade, wenn Du glaubst, dass manomama “jetzt” kommt und du das mit meiner heute erlebten Geschichte verbindest. Da liegst Du leider ziemlich falsch. Natürlich, eine geniale Marketingstrategie, die Tränendrüse der anderen schüren durch das Leid Dritter, um größtmöglichen Impact zu generieren. Lieber Ulf, die Zeiten sind für mich vorbei. Schade, dass du das nicht erkannt hast.

  7. Eva Abert sagt:

    Liebe maomama,

    es ist schön zu lesen, wie jemand mit offenen Augen durch die Welt geht und andere auf Dinge hinweist, die wir völlig aus dem Blick verloren haben. Danke dafür!

  8. Birgit sagt:

    Eine Begegnung, die berührt. Eine Begegnung, die anklagt und aufrüttelt. Eine Erzählung, die auffordert, über die eigenen Möglichkeiten der direkten Hilfe nachzudenken. Danke.

  9. marianne sagt:

    “…es sich ändern muss” – WIR müssen es ändern!

  10. manomama sagt:

    Liebe Marianne,
    da hast Du recht. Wir haben zum Beispiel heute entgegen aller Erwartungen und Gesetze im Geschäft beschlossen, unsere Weihnachtsgeschenke für Kunden zu streichen. Gerade als Werbeagentur versenkst Du da gerne Unsummen, um zum Jahresausklang besonders viel Kreativität zeigen zu können. Dieses Jahr wird es nun anders: Wir werden das Geld einer lokalen Organisation spenden, die es wirklich braucht. Und hoffen auf Verständnis unserer Kunden.

  11. marianne sagt:

    das finde ich wirklich toll. so kann jeder das in seinen mitteln stehende dafür tun die armut in unserer stadt/land/welt zu schmälern.

  12. Textzicke sagt:

    Eine berührende Geschichte. Das Verrückte daran: Ähnliches passiert bestimmt hundertfach jeden Tag überall – und die Menschen merken es gar nicht. Wir sollten wieder lernen, mit offenen Augen und mit offenem Herzen durch die Welt zu gehen. “Achtsamkeit” ist das Wort, das darauf passt. Die fehlt. Dir aber nicht.
    Danke für diesen neuen, alten Impuls!

  13. Babs sagt:

    Liebe Sina,

    ja solche Momente sind einfach etwas Besonderes, reissen Dich kurz aus Deinem normalen Alltag raus. Ich bin immer sehr glücklich über solche Momente.
    Bei mir war es zuletzt die Frau, die die Obdachlosen Zeitschrift verkauft hat. Normalerweise war sie schon wieder weg, bis ich vom Einkaufen Kleingeld hatte, aber an einem Tag konnte ich ihr eine Zeitschrift abkaufen. Ich gab ihr 50 cent mehr und hätte nur ein “Danke” erwartet, aber sie hat mir erzählt, dass an diesem Tag alle positiv gestimmt sind, weil wohl das Wetter so schön ist. Diese kurzen Worte haben mir so viel mehr gegeben und auch mich positiv gestimmt. :-)

    Liebe Grüße
    Babs

  14. sandra sagt:

    tolle geschichte, ich weiss , ich wiederhol das was die anderen schon geschrieben haben :) schade ist nur , dass wenn man helfen möchte oder mit kleinen dingen hilft, das man oft ausgebremst wird.
    mein mann zB fragte in der klinik ob sie unseren ”alten” maxicosi gebrauchen könnten und da sagte eine schwester nur : einen schon mal aber nich gleich 10 stück ….sie sagte das in so einem blöden ton nach dem motto : nur nen maxi cosi??? zum glück sind nicht alle so , aber es wird einem auch nicht gerade einfach gemacht ein wenig gutes zu tun…ebtweder ist es nix wert weil es kein geld bringt (ich glaub das erwähnte ich auch schon mal) oder es wird gesagt: verkloppt es doch bei ebay…
    ich persönlich fühl mich gut, wir geben oft klamotten, spielzeug etc in der kinderklinik oder in läden des roten kreuzes ab und es tut mir auch nicht weh :D

  15. Hey @manomama,
    super schöner Artikel mitten aus dem Leben.

    Ich finde es verdammt gut, dass es noch Menschen gibt, die hinsehen und helfen.
    Nicht nur zur überzüchteten Weihnachtszeit.
    Ich finde das toll wenn es Menschen gibt, die menschlich sind!

    Toll und danke für diesen warmherzigen Post.

    Marc

  16. Eine rührende und zugleich nachdenkliche Begnung mitten aus dem Leben, die Sie mit uns geteilt haben. In unserer schnelllebigen Welt werden solche “Details” oftmals nicht wahrgenommen und gehen verloren. Gleichzeitig ist es ein Weckruf, anders zu handeln. Bin gespannt auf Ihr manomama-Projekt.

    Beste Grüße, Katrin Kiefer

  17. Fenena sagt:

    Leider muss ich gestehen, dass ich diesen Eintrag erst jetzt, während der Arbeit, gelesen habe.
    Dafür bin ich mitten im Büro in Tränen ausgebrochen. Ohne Worte…

  18. Marc sagt:

    Hallo,

    “palästinensische Taxi-Fahrer, der mich morgens zu meinen Kunden gefahren hat, meinte, als er mir unsere Gesellschaft zu erklären versuchte: „Wir haben nichts zu fressen, während ihre Augen satt sind.“”

    Wenn man das kritisch sieht, dann könnte man sagen, dass die Palästinenser oftmals selbst für ihr Leid verantwortlich sind.
    Natürlich gibt es enorme Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer auf dieser Welt.
    Ob ein Blog etwas daran ändert, weiß ich nicht. Man muss auf jeden Fall handeln, statt nur zu denken. Botschaften verpuffen schnell.

    Grüße, Marc

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