
Jetzt könnt ihr die Geschichte auch als Podcast hören:
http://www.hoeradvent.de/2009-12-16/tuerchen-nr-16-4/
Das kleine Eichhörnchen kam aus der Schule und war zutiefst zornig. Selbst der Duft seiner Leibspeise – Eicheln in Nuss-Mandelbutter – konnte es nicht ablenken. Der Eichhorn-Papa eilte herbei und fragte: “Was ist, Eichhörnchen, bist du wütend?” “Ich bin sehr wütend.”, sagte das kleine Eichhörnchen. “Ich bin so wütend, dass ich nie, nie wieder in die Schule möchte!” “Warum bist du wütend?”, fragte das Eichhorn seinen Sohn. “Ach, ich weiß es nicht, Papa!”, sagte das Eichhörnchen. “Dann lass’ uns gemeinsam zu Mittag essen und herausfinden, was Dich wütend macht”, sagte das Eichhorn, hob das Eichhörnchen auf seinen Platz und servierte ihm einen Leibspeisen-Teller dampfender Eicheln.
“Papa”, unterbrach das Eichhörnchen nach einiger Zeit die Ruhe. “Papa, warum muss ich immer mit diesem blöden roten Fell herumlaufen?” “Bei uns gibt es nun mal rote Felle. Was ist schlecht an deinem roten Fell? “, fragte das Eichhorn. “Nichts”, entgegnete das Eichhörnchen und stapfte energisch mit dem Fuß. “Was also findest du an deinem roten Fell blöd?”, fragte das Eichhorn weiter. “Alles!”, sagte das kleine Eichhörnchen. “Meinst Du vielleicht, alle? Finden Dein Fell alle doof?”, fragte das Eichhorn. “Ja”, antwortete das kleine Eichhörnchen und eine dicke Wutträne kullerte über seine Schnauze.
Schweigend saßen sie sich gegenüber und aßen ihr Mahl. Als der Teller leer war, schob das kleine Eichhörnchen den Stuhl zurück, hüpfte hinunter und stellte sich vor seinen Vater: “Kuck mal, Papa. Ich muss so in die Schule gehen,” – und das Eichhörnchen sah dabei fast empört an sich herunter – ” und meine Freunde kommen täglich neu und schick gekleidet. Mit silbernen Fellen und flauschigem Langhaar. Das will ich auch haben!”
Das Eichhorn sah seinen Sohn an und bat ihn auf seinen Schoß. “Sieh, mein Sohn. Du gehst so in die Schule” – und Vater Eichhorn strich sanft über das rote Fell – “und deine Freunde kommen täglich neu und schick gekleidet. Haben Sie deshalb mehr Spaß?” Das kleine Eichhörnen zog erbost die Augenbrauen hoch: “Ja, haben sie. Alle. Nur ich nicht, und deshalb musst Du mehr Geld verdienen, damit ich auch viele schicke Kleider haben kann!”
Vater Eichhorn stand auf, holte eine Handvoll frischer Eicheln und legte sie auf den Tisch. Er setzte sich erneut zu seinem Sohn und begann:
“Es hat nichts mit Geld zu tun, mein Sohn”, sprach das Eichhorn. “Warum?”, fragte das kleine Eichhorn. “Stell Dir vor, du wohnst in weiter Ferne bei einer Eiche und du hast mühsam diese Eicheln zusammengetragen!” “Papa, das ist langweilig”, unterbrach das kleine Eichhörnchen.
Ruhig führte das Eichhorn fort:
“Das Sammeln der Eicheln war sehr anstrengend für Dich. Stolz stehst du vor deinem Eichelberg und ein schwarzes Eichhorn kommt vorbei!” “Ein schwarzes? Da hätte ich ganz schön Angst, weil die so groß sind!”, sagte das kleine Eichhörnchen. “So ist es, mein Sohn. Dieses schwarze Eichhorn nimmt dir alle Eicheln, die du mühsam gesammelt hast. Dafür bekommst du nur eine Haselnuss, weil das schwarze Eichhorn nicht bereit ist, mehr für Deine Eicheln zu bezahlen”, erzählte das Eichhorn. “Aber Papa, das ist ja fies. Ich mache die ganze Arbeit, kriege dafür nur eine Nuss und kann mich nicht einmal wehren, weil die schwarzen Eichhörner viel stärker sind als ich”, sagte das kleine Eichhörnchen.
“Es geht noch weiter, mein Sohn. Immer wieder sammelst du Eicheln, und immer wieder kommt das schwarze Eichhorn und tauscht deine gesammelte Beute gegen eine einzige Haselnuss”, sagte Vater Eichhorn. “Und warum”, fuhr das kleine Eichhörnchen fort, “sammelt das schwarze Eichhorn nicht selbst seine Eicheln?”
“Weil das große schwarze Eichhorn weiß, dass Eicheln sammeln sehr anstrengend ist und es deshalb lieber von kleineren und schwächeren Eichhörnern erledigen lässt.”, erklärte Vater Eichhorn.
Das kleine Eichhörnchen grübelte.
“Warum kann ich zum schwarzen Eichhorn nicht einfach sagen, dass ich das doofe Tauschen nicht mehr spielen will?”, fragte das kleine Eichhörnchen.
“Weil du weißt, dass wir Eichhörner auch Haselnüsse essen müssen. Und eine Haselnuss ist besser als keine, mein Sohn”, erklärte das Eichhorn. “Aber Papa! Irgendwann ist das schwarze Eichhorn doch satt. Und wenn es satt ist, hört es doch auf, mir meine Eicheln wegzunehmen?”, fragte das kleine Eichhörnchen. “Nein. Es macht immer weiter, auch wenn es mehr Eicheln hat, als es jemals essen könnte.” “Aber warum?”, wollte der Kleine wissen. ”Weil es jeden Tag neue Eicheln möchte. Und die alten einfach achtlos wegwirft!”, antwortete der Große.
Mit großen Augen schaute das kleine Eichhörnchen seinen Vater an:”Oh Papa. Einer meiner Freunde hat ein Fell vor kurzem einfach weggeschmissen, obwohl es wie neu war. Aber ihm hat es nicht mehr gefallen”, erinnerte sich das kleine Eichhörnchen. “Siehst du Sohn, du hast es herausgefunden: Mit den Eicheln verhält es sich wie mit den Fellen. Deine Schulfreunde haben mehr Felle, als sie jemals tragen könnten. Die Eichhörnchen, die sie herstellen, bekommen manchmal viel weniger als eine Haselnuss und sie können sich auch nicht dagegen wehren.” “Warum können sich die Eichhörnchen sich nicht wehren? Da ist doch kein schwarzes Eichhorn!”, erkundigte sich das kleine Eichhörnchen. “Würden wir jeden Tag neue Felle für dich kaufen, hättest Du schon bald viel mehr, als du jemals tragen könntest. Wir wären wie schwarze Eichhörner, weil wir, nur für schicke Kleidung, in Kauf nehmen, dass Artgenossen schlecht behandelt werden”, fuhr Vater Eichhorn fort.
Das kleine Eichhörnchen senkte den Kopf, ging zur Tür hinaus uns setzte sich auf die Treppe. Es schämte sich ein bisschen für seine Wut.
“Kopf hoch, mein Sohn. Du warst wütend, weil du dich ungerecht behandelt gefühlt hast. Wenn wir nicht mehr möchten, dass andere ungerecht behandelt werden, müssen wir unsere Wünsche einfach überdenken und dort Eicheln kaufen, wo wir wissen, dass die Eichhörnchen, die sie sammeln, gut behandelt werden und ausreichend Haselnüsse dafür bekommen”, sagte das Eichhorn. “Hm… Aber wieso muss der Eichelbaum weit weg sein?”, fügte das kleine Eichhörnchen hinzu. “Kuck mal hier”, sagte Vater Eichhorn und zeigte auf ein kleines Pflänzchen, das neben den Stufen wuchs. “Das wird eine Eiche. Ganz in deiner Nähe.”
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