Es kam an, ich habe es ausgepackt und losgelegt. “Öko” von Peter Unfried. Darin schildert der taz-Macher seine Verwandlung von der “Umweltsau” zum nachhaltigen Paulus. Die ersten Seiten begleitete ich twitternd mit “lesenswert”, am Schluss war es ein “nett”. Warum? Weil wahrscheinlich allein mehr Ressourcen verbraucht wurden, um das Buch zu verlegen, als er jemals einsparen könnte, wenn er nicht mehr jährlich nach Kalifornien flöge. (Ha, und das Buch ist nicht einmal auf FSC-zertifiziertem Papier gedruckt!).
Spass beiseite – das Buch hatte neben vielem Blabla zumindest etwas Gutes: Ich dachte darüber nach, wie ich eigentlich zum LOHAS wurde. Oder besser gesagt, zu einem Verfechter öko-sozialer Nachhaltigkeit.
Dass die Geburt meines Sohnes einer der Gründe war, sollte nunmehr euch fleißigen Lesern meines Blogs bekannt sein. Das allein jedoch war nur Faisör, um innerhalb der familiären Lebensumstände einiges zu ändern. Die Vollbremse zu ziehen, mich um 180 Grad zu drehen und neu zu startet – mit manomama – hatte in erster Linie keinen “grünen” Grund. Es hatte einen sozialen. Am besten kann ich dies an einem Beispiel erklären:
Viele unserer Kunden, gerade die Beschäftigten im mittleren und gehobenen Management, unterstreichen Ihre Wichtigkeit, indem sie mit monatlich “heruntergerissenen” Flugmeilen prahlen. Mit anderem könnten sie ja nicht angeben, wird in dieser Ebene schon lange nicht mehr “operativ” gearbeitet (Anm.: Das wundert meist auch unsere Kunden, dass in unserer Agentur selbst die Geschäftsführer noch programmieren bzw. Pixel schubsen). Überall, wo sie gebraucht werden, und auch nicht, wird kurzerhand für unsinnige 2 Stunden Meeting und anschließendem Essen hingeflogen. Der Limo-Service pickt die hohen Herren auf und bringt sie in das exklusive 5-Sterne-Hotel am anderen Ende der Stadt. Derweil hätte sie niemand am Ort benötigt.
Und das war der Grund, der mich gedreht hat: Mir ging es in erster Linie nicht um die zig Tonnen CO², die die Herren und Damen sinnlos in die Atmosphäre pusten, um beim nächsten Manager-Board zu sein, mir ging es in erster Linie um die zahlreichen Arbeiter, ganz unten in der Hierarchie, die diesen Wahnsinn finanzieren müssen. Zwei Monate lang habe ich einen Manager genau unter die Lupe genommen und verfolgt, wohin er überall fliegt und was er dort mit seiner Anwesenheit bewirkt. Die Energie-Bilanz ist verheerend: In diesen zwei Monaten müssten ungefähr 71.000 Euro Flugkosten angelaufen sein und nachhaltig gearbeitet hat er: nichts. Einfach nichts. Er war da. Schön.
Als ich diese 71.000 Euro zuzüglich einer zweifachen Ausführung seines hochdekorierten Monatsgehalts von geschätzten 15.000 pro Monat (ohne Boni versteht sich!) auf die Leistung der Arbeiter verteilte, war schlichtweg Schluss bei mir und es hat “klick” gemacht: Die Belegschaft ganz unten muss sich für kleinste Löhne krumm und buckelig schutteln, um eben erwähnten Ebene ein Gesprächsthema zu liefern: “Wie behalte ich die Senator-Card?”.
Hinzukommt die Tatsache, dass in einer Krisenzeit nicht der Vielflieger seinen Platz verliert, es sind jene, die die Gehälter für Vorstandsebenen und Boards, für Management-Lines und Entscheider-Gremien erwirtschaften.
Und das unterstütze ich nicht mehr. Nicht als Unternehmer. Nicht mehr als Konsument und nicht als Mensch.
















Ganz abgesehen von den Kosten und dem CO2: Was ist so erstrebenswert am Vielfliegen? Effizient ist es i.d.R. nicht. Bequem schon gar nicht. Und die Luft ist erbärmlich. Setze mich nun in den Zug nach Oberfranken, freue mich auf ein Buch und gute Musik; und fuehle mich ganz selbstverstaendlich oekologisch ok.
PS: Fuer Zwiebelmettbroetchen verzehrende Mitreisende kann die Bahn ja nix…
Ich habe die Erfahrung gemacht: Die Währung der Wichtigkeit scheinen Flugmeilen zu sein. Das ist wohl das Erstrebenswerte daran. Ich kann es als passionierter Zugfahrer und Zu-Fuss-Geher ach nicht nachvollziehen. Ergo: Deinen Worten ist nichts hinzuzufügen, außer vielleicht: Lass dir den Mitropa-Kaffee schmecken. Der ist nämlich nicht sooooo ablehnenswert.
Wir hatten ja schonmal darüber gesprochen:
ich gehörte mal zu dieser Clicque. Zwar war ich nicht Manager, aber mein Betätigungsfeld war EMEA (Europe, Middle East and Africa) und entsprechend kam ich rum. Sechs Stunden jede Woche in einem Linienjet, Senatorkarte im Geldbeutel und vermutlich nochmal 10 Stunden jede Woche in den dazugehörigen Senatorlounges, vor allem in Stockholm, Hamburg, Düsseldorf, London, München, Helsinki und etlichen anderen europäischen Städten.
Es ist schon wahr, das Ansehen im Unternehmen stieg damals (das ging bis etwa 2001 für mich) mit dem Anteil sinnlos verbrachter Arbeitszeit. Ein normaler Reisetag begann damals für mich um spätestens 5:30 oder 6:00 mit der Abfahrt zum Flughafen, Abflug normalerweise so gegen sieben, daheim war ich meist wieder zwischen 20:00 und 22:00 am gleichen Tag. Echte Arbeitszeit an einem solchen Tag: normalerweise zwischen einer und drei Stunden. Manchmal kamen nochmal zwei oder drei Stunden normaler Büroarbeit dazu, für die ich allerdings in keinem Fall hätte reisen müssen.
Der Erfolg eines solchen Lebens: kaputtes Privatleben, ineffektives Arbeiten, massive Kostenproduktion und nebenbei noch ne Umweltsau.
Ich bin recht froh, daß das vorbei ist, obwohl, und auch das will ich nicht verschweigen: ich habe es immer genossen, mit den Kollegen vor Ort zu arbeiten und, wenigstens ein bißchen, auf Firmenkosten Land und Leute kennenzulernen.
pj
@Peter: Ich bereise nur D und geniesse es, dass ich meine Reiseplaene selbst mache. und zwar unter der Praemisse “Effizienz” und (leider seltener) “Work-/Life-Balance”. Man muss sich aber sehr disziplinieren. Ich kann schon verstehen, dass der Mythos des modernen Handlungsreisenden auch verfuehrerisch sein kann.