Archiv für den Monat Oktober 2009

Grüne Mode ist tot.

Mittwoch, 07. Oktober 2009 10 Kommentare »
Abgelegt unter Grüne Gedanken
Weshalb trägst Du grüne Mode? - Why ECO-Fashion?

Mich hat ein Stöckchen getroffen von betterandgreen-Blogger Markus Truman. Ursprung hat das Stöckchen im hessnatur-blog und wirft die Frage auf “Why Eco-Fashion? Warum trägst Du grüne Mode?”.

Die mir zugeworfene Frage kann ich nicht beantworten. Vielmehr kommt mir eine Gegenfrage in den Sinn: “Was überhaupt ist grüne Mode”? Bei näherer Betrachtung ist diese Frage berechtigt: Ist ein Bio-Baumwoll-Elasthan-Gewebe wirklich grün? Sind mit kbA-Cotton-ummantelte Polyestergarne wirklich grün? Sind konventionell hergestellte, weiß lackierte Druckknöpfe grün? Ist für uns “grün” nicht Sinnbild der reinen Natürlichkeit? 100% Natur?

Grüne Mode ist tot.
Sie gibt es nicht. Besser gesagt: nicht mehr. Vor hundert Jahren war es wohl Öko-Mode. 100% Natur. Es gab nichts anderes. Heute aber nennen wir Textilien “grün”, die es im Kern nicht sind. Und, ehrlich gesagt, nicht sein können. Der Anspruch des Konsumenten an textile Bekleidung ist heutzutage konträr zu dem, was reine “Öko-Mode” leisten könnte. In Form und Funktion. Eine Bio-Strumpfhose ohne Elasthan käme nicht einmal in die Nähe der Erwartung dessen, was der Träger an Strumpfhose kennt. Die Nähte eines mit reinem Baumwoll-Zwirn genähten Shirts hätten eine Lebensdauer, die heutzutage inakzeptabel wäre. Und Farben neben ocker, ecru und gedeckten Tönen gibt es nun mal nur synthetisch. Auch bei hess”natur”. So gilt es, einen gangbaren Mittelweg zu finden.

Es lebe neo-ökologische Mode.
Sie ist der Mittelweg zwischen Tradition und Trend, zwischen naturreinen Materialien und modernen “Hilfsmitteln”, die letztendlich dem Konsumentenanspruch der LOHAS gerecht werden, jenen Menschen, die Wert auf verantwortungsvollen Umgang mit Mensch und Natur legen, sich jedoch nicht kategorisch – wie einst radikale “Müslis” – jeglicher Moderne versperren. Ich zumindest habe noch keinen Neo-Öko erlebt, der die Nutzung eines iPhones verweigerte, nur weil das Handy plastikummantelt ist?

Und dieser Mittelweg ist der Grund, warum ich neo-ökologische Mode trage: Weil ich das Gefühl habe, dass es saubere Kleidung ist.

Ich reiche das Stöckchen weiter an Jens Arne Männig, da er mir “trotz” LOHAS das Ohr reicht und ich ihn als kritischen Geist sehr schätze. Darüber hinaus hat Eike Wenzel professionell mein Stöckchen gefangen.

Die Sache mit der Tasche.

Sonntag, 04. Oktober 2009 5 Kommentare »
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Wie habe ich sie gehasst.

Mittelbraunes Naturleder, zwei Riemen hintendran zum Auf-den-Rücken-schnüren und alles andere als “cool”. Einem Staatsakt gleich hat mein Vater (Obaba) sie mir mit theatralischem Lächeln zum ersten Schultag überreicht: eine in meinen damaligen Augen völlig unspektakuläre, ja, hässlich braune, fade Ledertasche. Mein Vater nannte es immer “Schicker Tornister”. Weder mit diesem Wort noch mit der sich dahinter verbergenden Tasche konnte ich etwas anfangen.

Während Obaba mir half, den Ranzen anzulegen, wich erwartungsvolle Vorfreude einer Träne, dann zweien und schlussendlich einem klassischen Heulanfall. Nicht, weil ich nahe am Wasser gebaut bin. Nein – weil es KEIN Scout-Schulranzen war. “Kein Scout – ich bin out!” (Gilt übrigens heute noch!).

Mich hat am Tage meiner Einschulung das Schicksal der Architektentochter ereilt. Nie war mein Vater Freund kurzlebiger Dinge. Als klassischer Bauhaus-Verfechter folgt bei ihm die Form der Funktion, Schwarz und Weiß sind seine Lieblingsfarben. Er ergänzte dann sein Farbportfolio durch einen mittelbraunen Naturlederton, mit dem ich tagtäglich in die Schule geschickt wurde. Auch die Worte “Du wirst lange Freude daran haben” oder “Die war viel teurer als so ein Plastikkoffer” konnten eine 6jährige nicht über den Kummer des “Nicht-Dazu-Gehörens” trösten. Selbst mutwillige Beschädigungen der Naht durch gekonntes Ansetzen der Nagelschere löste mein Vater mit einem spontanen Besuch bei einem Sattler.

Wenn ich mich recht entsinne, verstummten die hämischen Stimmen gegen Ende der dritten Klasse. Dass dies nur die Ruhe vor neuem Sturm sein sollte, wusste ich nicht: mein erster Schultag im Gymnasium. 23 Mädchen, davon 22 mit schicken bunten Rucksäcken. Und ich. Mit mittelbrauner Naturledertasche, die bereits einige Schrammen, 2 Wasser- bzw. Kakaoflecke und – darauf war ich stolz – ein selbstgemaltes Kugelschreiber-Tattoo hatte. Diesmal aber war ich nicht traurig. Das “Klick” in meinem Kopf habe ich förmlich gehört: Nicht die anderen waren es, ich bin es – cool. Einzigartig. Anders. Meine Schulkamerad(inn)en fangen immer wieder von vorne an. Meine mittelbraune Naturledertasche hingegen ist mein steter Begleiter geworden. Ihre Patina erzählt eine Geschichte. Meine.

Heute liebe ich sie.

Es gibt einige materielle Dinge aus meiner Kindheit, die mich freches Frollein überstanden haben: Mein Kinderbett, das meine Eltern sorgsam aufbewahrten, liebevoll restaurierten und Filius – das Schlitzohr – mit seinen 4 Jahren jedem Kind erzählt, dass er immer noch in Mamas Bett schlafen darf. Meinen Holzklotz-Bausack, der selbst hochrangige Vorstände im Meeting zum Turmbauen verleitet. Und natürlich meine mittelbraune Naturledertasche.

Allesamt sind diese Dinge in einer Qualität, die im heutigen Zeitalter von “Sollbruchstellen”, planbarem Abnutzungsversprechen nach Ende der Gewährleistungszeit sowie Reparatur-Hemmnisse überhaupt nicht mehr erreicht werden soll. (Anm. d. Autors: Auch wenn euch diese eben erwähnten Parolen fremd vorkommen, im Produktdesign bei vielen Firmen sind sie Maßstab.)

Allesamt sind diese Dinge in einer Qualität, die in meinen Augen jedoch wieder erreicht werden muss. Weil wir es uns nicht mehr leisten können, Berge von Konsumschrott unseren Kindern zu hinterlassen. Man muss also einen Schritt zurückgehen, um wirklich voranzukommen. Und das versuche ich. Mit Produkten von manomama.

Stunde Null und die Zeit davor.

Freitag, 02. Oktober 2009 13 Kommentare »
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Wie selbstverständlich steht Filius während des Abendessens auf, den halbvollen Teller in der Hand und läuft zielstrebig in die Küche. Hätten wir uns nicht für den Lebenstil des “offenen Wohnens” entschieden, wäre vielleicht überhaupt nichts passiert. So aber sehen wir still zu, wie unserer Vierjähriger ohne mit der Wimper zu zucken, den Mülleimer öffnet und den Rest des Abendbrots unbeirrt in die Tonne donnert. Ein hastiges Hinterherhechten, um gleich Passierendes zu verhindern, ist zu spät. “Filius, spinnst Du? Du kannst doch Wurst und Brot nicht einfach wegschmeissen”. “Wieso? Im Kindergarten machen wir das auch so!”

Das war Stunde Null. Vielleicht auch nur das i-Tüpfelchen für eine Entscheidung, die ich schon längst hätte treffen sollen, jedoch den Mut nicht aufbrachte. Ich bin Werber. Ich kann alles verkaufen. Aber sooft ich es auch versuchte – mich selbst kann ich weder (für dumm) verkaufen, noch blindlings bescheissen. Ist auch nicht meine Art. War es auch nie. Deshalb mochten mich Kunden. Und ich sie. Das war vor zehn Jahren. Mit der Zeit jedoch wich normalem Menschenverstand aufgeblasenes Consultant-Blabla, der verantwortungsvolle Umgang mit fremden Geld der sinnlos blinden Prasserei. Auf Anmerkungen meinerseits wie “Lassen Sie uns doch budget-sensitiv arbeiten” erhielt ich immer öfter Antworten wie “Machen Sie Ihren Job – ist doch nicht Ihr Geld!” Mit 20 war die wunderbare Welt der Werbung für mich Faszination und Ansporn zugleich. Mit 25 und gut genährten 3-Sterne-Fraß-Hüften, schicke Autos fahrend und immer “on tour”, war es das Beste, was mir passieren konnte. Erfolg, Geld und einfach “jede Menge Spass”.

Und dann kam der Filius. Und mit ihm erste Zweifel. Der Mensch braucht keinen fünften Rasenmäher, der Mensch braucht ein Lächeln. Gemeinsam gekochter Griespudding sich gegenseitig löffelnd ist viel schmackhafter als Kobe-Rind auf Zuckerschoten an einem Hauch von Tonkabohnensud. Ein “Mama, warum bist du heute abend schon wieder weg” schmerzt viel mehr als ein “Und wenn die Deadline nicht gehalten wird, sind Sie dead!”. Filius zeigt mir täglich, was wirklich wichtig ist im Leben. Und ich möchte versuchen, ihm und seinen Kindergartenfreunden, der nächsten Generation, das zu geben, was in meiner Kindheit noch in Ordnung war: eine Welt, in der mehr zählt als Geld und Gier. Ein Umfeld ohne Überfluss, das fair und ehrlich zueinander ist in einer Umwelt, die zumindest einigermaßen an das erinnert, was ich sehe, wenn ich die Augen schließe und zurückdenke.

Natürlich könnte ich noch darauf eingehen, dass mich äußere Einflüsse ökologischer Art ebenso beeinflusst haben, aber ich denke, dass ist heute bei jedem radikal Umdenkenden so, dass er mit neuem Handeln der Natur zumindest nicht mehr Flurschaden anrichten möchte. “Verlasse diesen Platz so, wie du ihn vorgefunden hast” – dieser Klospruch fristet ein kategorisches Dasein an meinem Bildschirm. Und damit meine ich nicht meinen Arbeitsplatz.

Ich nehme also meinen Filius den leeren Teller ab, und setze ihn an den Tisch. “Ich möchte nie, nie, nie wieder sehen, dass Du Essen in den Abfall schmeisst, hast du mich verstanden?”, frage ich. “Ja”, sagt Filius mit einer Selbstverständlichkeit, die bis heute – ein Jahr später – hält. Nie wieder wandert etwas in den Abfall. Kein Essen. Und kein kaputtes Spielzeug. Das nimmt Filius heute mit zu Obaba (Opa) und er repariert es für ihn. Mir hat dieses Erlebnis gezeigt: die nächste Generation lernt es spielend, aber wir müssen beginnen. Heute. Deshalb manomama.


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