“Deine Kinder sind nicht deine Kinder.”


baby

Denn sie sind ja so süß, unsere Kleinen“, sagt neben mir eine lebende Ausgabe einer dieser Super-Moms. Zumindest stelle ich sie mir so vor. Ich sitze im Cafe, neben mir augenscheinlich zwei Mütter mittleren Alters, die ihre Kinderbekleidung-Shoppingtour für “eine Latte” unterbrechen. Gegenseitig zeigen sie sich die neuesten Fashion-Trophäen für ihre Brut. Ich rege mich nicht auf, ich werde nachdenklich:

Sie quetschen die weichen Füße ihrer drei Monate alten Babies in Miniaturausgaben von Markensportschuhen. Über Deformierungen machen sie sich keine Gedanken, denn sie sind ja “so süß”, unsere Kleinen.

Sie stecken ihre sechs Monate alten Kinder in topmodisch geschnittene Bekleidung mit unzähligen Schlaufen, Kordeln und Applikationen. Über Bequemlichkeit machen sie sich  keine Gedanken, denn sie sind ja “so süß”, unsere Kleinen.

Gerade auf den Beinen wird das Töchterlein gleichsam zur Prinzessin ausstaffiert und kann endlich in der Krabbelgruppe Schaulaufen gehen. Über Bewegungsfreiheit und kindlichem Spieltrieb machen sie sich keine Gedanken, denn sie sind ja “so süß”, unsere Kleinen.

Vergeblich kämpft der vierjährige mit Daddys trendiger It-Jeanskopie in Größe 98, doch der Knopf will nicht aufgehen. Dafür geht es in die Hose rein. Über Funktionalität und kindgerechtes Design machen sie sich keine Gedanken, denn sie sind ja “so süß”, unsere Kleinen.

Sie sind süß, unsere Kleinen. Und so blind, die Großen. Von Kindesbeinen rauben sie ihrem Nachwuchs jegliche Freiheit. Von Kindesbeinen an  erziehen sie ihren Nachwuchs als Ebenbild. Von Kindesbeinen an geht es um äußere Wirkung, nicht inneres Gefühl. Sinnbildlich hierfür steht die Kinderbekleidung.

Khalil Gibran hat es in meinen Augen vor vielen Jahren trefflichst formuliert. In seinem Gedicht “Deine Kinder” schreibt er:

“Du kannst versuchen,
ihnen gleich zu sein,
aber suche nicht,
sie dir gleich zu machen,
denn das Leben geht nicht rückwärts
und verweilt nicht beim Gestern.”

Daran müssen wir denken. Und danach handeln.

Hier auf Wunsch das gesamte Gedicht “Deine Kinder”:

Deine Kinder sind nicht deine Kinder,
sie sind Söhne und Töchter
der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.

Sie kommen durch dich,
aber nicht von dir,
und obwohl sie bei dir sind,
gehören sie dir nicht.

Du kannst ihnen deine Liebe geben,
aber nicht deine Gedanken,
denn sie haben ihre eigenen Gedanken

Du kannst ihrem Körper ein Heim geben,
aber nicht ihrer Seele,
denn ihre Seele wohnt im Haus von morgen,
das du nicht besuchen kannst,
nicht einmal in deinen Träumen.

Du kannst versuchen,
ihnen gleich zu sein,
aber suche nicht,
sie dir gleich zu machen,
denn das Leben geht nicht rückwärts
und verweilt nicht beim Gestern.

Du bist der Bogen,
von dem deine Kinder
als lebende Pfeile ausgeschickt werden.

Lass deine Bogenrundung
in der Hand des Schützen Freude bedeuten.

5 Antworten zu ““Deine Kinder sind nicht deine Kinder.””
  1. sandra sagt:

    oh ich liebe Khalil Gibran , einen spruch hatten wir für unsere Hochzeitsanzeige ausgesucht :)
    du hast vollkommen recht, natürlich sind schöne klamotten toll , aber ich selbst achte bei mir und auch bei francis auf funktionalität und alltagstauglichkeit …ausserdem kommt noch dazu dass die in dem alter sowieso schnell rauswachsen , mehr als HM preise gebe ich bestimmt nicht für klamotten aus.
    Irgendwann gehen unsere kinder als erwachsene raus , und müssen für sich selbst ihr Leben leben, das vergessen viele leider.

  2. manomama sagt:

    Meine Intention war nicht, schöne Klamotten herauszustellen. Vielmehr habe ich anhand der Bekleidung versucht, darzustellen, dass wir Kindern mit oftmals Ketten anlegen. Sinnbildlich mit unfunktionaler Bekleidung. H&M-Bekleidung lehne ich ab. Erstens: weil sie für ihre Qualität sehr teuer sind (jeine H&M-Jeans für einen Fünfjährigen kostet mittlerweile auch 25,- Euro) und darüber hinaus zweitens: aufgrund der Herstellung, Anteil der Löhne vom Verkaufspreis und billigen Materialien, die vernäht werden, unterstütze ich dies nicht. Ich lege Wert darauf, dass mein Kleiner von Kindesbeinen an weitgehend “gesundes” Essen isst und auch “gesunde” Bekleidung trägt. Nachhaltig schlichtweg. Und nachaltigkeit heißt für mich nicht nur “grün”. Auch der soziale Aspekt muss stimmen. :-)

  3. Daniela sagt:

    Ich habe diesen Beitrag erst jetzt entdeckt, und muss sagen, Du sprichst mir aus der Seele.
    Ich habe zwar keine Kinder aber mein Schatz hat welche. Und auch bei Kindern von Freunden habe ich es beobachtet…
    Da sind wir dann auch konfrontiert mit Knöpfen, die die kleinen Finger nicht aufkriegen, Gürtelschnallen die nicht mal ich richtig aufbekomme, und das alles in der Zeit in der die Kinder lernen sollen allein aufs Klo zu gehen.
    Gerade jetzt wo sie alles allein machen wollen und auch sollen, werden sie so eingeschränkt…

    Dazu kommen Stiefeletten die sie nicht allein an oder ausziehen können.
    Sandalen mit Kordelzug und Stopper den man so fest drücken muss, dass die kleinen Hände das niemals schaffen (WER denkt sich sowas aus???)

    Und dann die Haare… warum muss ein kleines Kind eine Frisur wie eine Große haben? Warum Haare bis zum Hintern!?
    Warum lange Strähnen im Gesicht, die nur mit unzähligen Spangen die in das feine Haar gedrückt werden, aus dem Gesicht gehalten werden statt einen Pony!?

    Dazu eine Bluse mit überlangen Trompetenärmeln, sowas von schick aber schon nach dem Frühstück voller Nutella, es sein denn man sitzt neben dem Kinde und krempelt jede Minute die Ärmel wieder hoch…

    Klar sind Gummizug und Klettverschluss nicht so schick, aber ich stimme Dir zu, kleine Prinzessinen aus dem Kind zu machen ist doch der falsche Ansatz.

  4. Jutta Breun sagt:

    Eigentlich hatte ich nach dem Gedicht “Deine Kinder” gesucht und bin dabei auf den ersten Artikel gestoßen, der mir völlig aus der Seele spricht! Aus den kleinen Püppchen – in erster Linie sind es die Mädchen – werden später die entsprechenden Frauen. Mehr Schein als Sein – das ist ja nichts Neues.

    Als Jugendbuchautorin bin ich ständig an den Schulen, um zu lesen und bekomme dort eine Menge mit. Z.B. dass es auf dem Schulhof und in den Klassen zu “Markenterror” kommt. Kinder, die nicht die passende Marke an der Jeans kleben haben, werden, wenn sie Glück haben, nur links liegen gelassen. Ich weiß aber auch von vielen Fällen, wo sie als “Assi” tituliert werden oder sogar gemobbt werden!

    Müssen 8jährige schon gefärbte Haare haben? Wir sollten unseren Kindern Werte vermitteln und noch besser – vorleben. Wir sollten ihnen zeigen, dass es auf ganz andere Dinge im Leben ankommt, um wirklich glücklich zu werden!

  5. Sonja sagt:

    “Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen” indisches Sprichwort
    und noch eins “Wir sind alle Riesen, die zu Zwergen erzogen wurden” Robert Wilson

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