Der geschälte Apfel


apfel
Immer wenn Filius und ich auf den Spielplatz gehen, ist das für uns beide ein Highlight, weil Spielplatzgehen sonst ein Papa-Ausflug ist. Er, mit Spezial-Sandelzeug bepackt und ich, ein Buch in den Händen, machen uns auf den Weg. Gerade angekommen ist er auch schon weg.  Während ich mich, wie immer, auf „meine“ Bank setze, arbeitet Filius bereits fleißig an aufgeschürften Knien und Brandblasen, weil er mit Begeisterung sein Können – die stählerne Rutsche bei kurzer Hose in der Hocke hinabzugleiten – unermüdlich übt.

Nahezu unbemerkt setzt sich eine mir fremde Frau neben mich. Fremd deshalb, weil Spielplatz-Eltern eine eingeschworene Clique sind und „man sich kennt“. Manchmal auch mag. Nach sehr ruhigen, nahezu unwohlen Minuten beginne ich den klassischen Eltern-Erst-Dialog: „Wo springt Ihr Kleines denn herum?“ „Nirgends“, sagt sie in ruhigem Ton. Ich scheine derart doof aus der Wäsche zu sehen, dass sie gleich erklärt: „Ich komme öfters hier her. Ich habe Zeit. Und hier tut sich etwas.“  Meine Neugier ist geweckt. Auf die Frage nach eigenen Kindern höre ich ein „leider nicht geklappt“ und nachdem ich mir sicher bin, dass die Frau neben mir den Vierziger noch nicht gesehen hat, gehe ich aufs Ganze: „Dann haben Sie sicherlich einen tollen Job?“ frage ich. Hatte sie.

Von der Lehre an habe sie in einem Textilunternehmen gearbeitet. Bettwäsche genäht. „Oh, schön“, sage ich. „Ja, war schön“, erwidert sie. „Wieso war?“, frage ich. „Weil ich der Verlierer bin“, sagt sie. „Gewonnen haben die billigen aus dem Osten. Wir hier sind zu teuer. Naja, waren.“ In meiner Blauäugigkeit erwidere ich: „Na, Kopf hoch. Das wird schon wieder. Ein paar Monate Auszeit tut jedem gut und bald finden Sie sicherlich wieder was Passendes“. „Jetzt sind es fast acht Jahre“, sagt sie, holt einen Apfel aus ihrer Tasche und beißt herzhaft hinein. Nun weiß ich nicht mehr, was ich sagen soll.

„Ich will auch einen Apfel!“. Filius kommt gesprungen und die Frau neben mir, die fremde Dame, packt einen geschälten Apfel aus (Filius ißt Äpfel ausschließlich ohne Schale, er könnte ja ersticken!), überreicht ihn meinem Sohn und sagt: „Filius, aber wie immer – erst die Hände am Wasser abwaschen!“. Völlig verdutzt sehe ich erst meinen Sohn, dann die Frau an. Sie schenkt mir ein kurzes Lächeln inklusive Schulterzucken, erhebt sich und sagt: „Bis zum nächsten Mal, Filius-Mama!“. Und geht.

Am Abend erzähle ich meinem Mann von der Geschichte. „Ja, Iris“, sagt mein Mann. „Ach, du kennst sie?“, unterbreche ich ihn. „Ja, eine ganz liebe. Ist aber nicht mehr so oft da, weil sie jetzt so einen Ein-Euro-Job bekommen hat.“, sagt mein Mann. „Aber die war doch Näherin?“, frage ich. „Ja, beim xxx, der hat die alle vor die Tür gesetzt. Aber schon vor Jahren. Und als reine Näherin, nicht mal Schneiderin, da kriegst du heute nichts mehr!“.

Gewinner und Verlierer. So einfach machen wir es uns in der heutigen Zeit des „Human Kapitals“ und „Outsourcing“, des „Stellenabbaus“ und „Shareholder-Values“. Die kleinen Dinge (wie ein geschälter Apfel), die Menschen tun, zeigen, dass der Mensch ein Gewinn ist – für die Gesellschaft. Wenn man ihn lässt. Nach seinen Möglichkeiten. Und Fähigkeiten. Und das tun wir, bei manomama.

7 Antworten zu “Der geschälte Apfel”
  1. Hallo Manomama,

    Schöner Blog, würde die Sache wohl irgendwie nicht richtig treffen, also sag ich mal: gut beschrieben. Ich befürchte, diese Geschichte spiegelt den Zeitgeist wieder. Ich komme ursrpünglich aus dem IT-Consulting und bei uns hießen die Chefs früher HCM (Human Capital Manager) Ein Ausdruck, den ich immer eklig fand: Humankapital. Wenn man denn die Menschen wirklich als Kapital einer Firma betrachten würde, dann fände ich ihn gut, aber so umschreibt er nur eine weitere Ressource, die auf Plantafeln verschoben werden kann.
    Aber ich glaube auch, dass man in seinen Möglichkeiten was dagegen machen kann. Heute bin ich selbst Abteilungsleiter und habe nicht vergessen, wie das war, als man als Humankapital durch die Gegegend geschoben worden ist, immer auf Suche nach dem nächsten Projekt.
    Und ich versuche diese Einstellung weiter zu geben, so wie Du auch mit diesem Blog hier.
    Also lass es uns anpacken und weiter vorantreiben!
    lg Markus

  2. Textzicke sagt:

    Sympathische Dame, traurige Story. Schade, dass in der Wirtschaft die sonst viel zitierte “emotionale Kompetenz” nicht zählt. :-(

  3. Hallo manomama!

    ein toller Artikel, leider viel zu wahr, um auch schön zu sein.

    Ich habe mir vorgenommen – vor einigen Jahren, und das halte ich seitdem durch – dass ich niemals vorschnell personelle Entscheidungen treffen werde, sei es positiv oder negativ. Ich versuche immer erst mal , einen Plan B aufzutun.

    Mitarbeiter und deren Persönlichkeit sind immer das wahre Kapital eines Unternehmens, und verdienen es nicht, auf eine Resource reduziert zu werden.

    Dann gibt es Strategen, die immer nur nach vorne wollen, ob gerechtfertigt oder nicht. Die verzichten selten auf die Ellenbogen und “Kollateralschäden” können da schon mal vorkommen.

    Ich spiel in diesem “Spiel” einfach nicht mehr mit. Ich habe gelernt, mit dem, was ich mache und tue, einfach auch mal zufrieden zu sein. Das hilft ungemein und entspannt ;-)

    lg

    Der Oliver

  4. sandra sagt:

    schön geschrieben :) und es ist leider realität, man wird abgestempelt, in schubladen gesteckt…gerade wenn man auch ehrenamtliches tut oder tun möchte , zählt das nicht, da es ja kein geld bringt …
    schade
    lg
    sandra + francis

  5. Kathrin sagt:

    Sei ehrlich, das ist doch bestimmt ne Fortsetzungsgeschichte…. Du hast doch mindestens ihre Nummer, oder?

  6. manomama sagt:

    Hi Kathrin,

    schön wäre eine Fortsetzungsgeschichte – ich hab aber ihre Telefonnummer nicht, leider! Mein Mann hat sie in den letzten Wochen noch zweimal auf dem Spielplatz getroffen und sie scheint eine Chance auf einen echten Job über diese Wiedereingliederung zu haben. Aber Iris war für mich eine wichtige Begegnung und zugleich weiterer Anstoss für manomama. In Bezug auf den Standort Augsburg wie in Bezug auf die (Langzeit-)Arbeitslosigkeit, vorallem bei Frauen.

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